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Denn sie wissen, was sie tun

Bekanntlich lassen sich die Finstermänner im Auftrag der nationalen Sicherheit nur ungern in die Karten schauen. Deshalb muss die Öffnung ihrer Archive auch dieses Mal nicht als selbstloser oder freiwilliger Akt, sondern als unvermeidbarer Schritt gewertet werden. Im Rahmen des Freedom of Information Act der USA, das den Zugang zu staatlichen Akten erleichtert, ist es gelungen, einen kleinen Teil des Datenmaterials über den ehemaligen Chef des peruanischen Geheimdienstes Vladimiro Montesinos – wenn auch zensiert – aus US-amerikanischen Geheimarchiven freizueisen. Das National Security Archive, Nummer Eins unter den Anti-Geheimhaltungsaktivisten, bietet seit November letzten Jahres eine Auswahl dieser Aktenbestände im Internet an. Die vollständige Offenlegung aller relevanten Aufzeichnungen, auch der CIA- Dokumente über verdeckte Operationen mit Alberto Fujimoris einstigem „Schatten“, bleibt dennoch oberstes Gebot. Soll der Neuanfang nach der „Stunde Null“ in Peru tatsächlich gelingen und Demokratie nicht nur ein hohler Begriff bleiben, so müssen die Verantwortlichen des Unrechtsregimes mit allen verfügbaren Mitteln zur Rechenschaft gezogen werden.

In der Westentasche des SIN

Die Frage, ob und wie viel die US-Regierungen über Montesinos’ verbrecherische Machenschaften gewusst haben, hat sich erübrigt. Seit seinem Amtsantritt im Oktober 1990 sprechen die militärischen Geheimdienstakten der US-Amerikaner von Präsident Fujimori als einer Marionette des peruanischen Geheimdienstes SIN (Servicio de Inteligencia Nacional). Damit wird klar, welch maßgeblichen Einfluss Montesinos von Anfang an als inoffizieller Chef der SIN auf Fujimori ausüben konnte und wer im Grunde die Regierung lenkte. Der Bericht des Army Intelligence and Threat Analysis Center mit dem bezeichnenden Titel „Wer kontrolliert wen?“ erwähnt unter anderem eine Gruppe hochrangiger ehemaliger Offiziere, die vor Montesinos’ gefährlichem Einfluss warnen, da mit seiner Person der Geheimdienstapparat die Geschicke des Staates übernehme. Auch die Mär von Montesinos als einem juristischen oder persönlichen Berater Fujimoris dürfte den USA spätestens seit 1991 nicht mehr glaubhaft erschienen sein. Das Ausmaß seiner illegitimen Machtausdehnung im peruanischen Staat beschreiben die US-Berichte eindrücklich – beispielsweise die Vergabe hochrangiger Positionen im militärischen und zivilen Bereich durch den Geheimdienstchef persönlich.
Wen wundert es da, dass bereits 1991 Warnungen aus peruanischen Militärkreisen bei den US-Amerikanern eingingen, wonach Montesinos ernste Absichten hege, die US-amerikanisch-peruanischen Bemühungen im Kampf gegen die Drogen zu unterwandern. Auf diese Tatsache war man in den USA sicherlich nicht erst in Zusammenhang mit dem Fall des Drogenhändlers Chávez-Penaherra (vgl. LN 319) gestoßen, der vor Gericht aussagte, monatlich 50.000 US-Dollar Schmiergeld an Montesinos entrichtet zu haben, um im Gegenzug sichere Landeplätze für seine Drogenflugzeuge im Dschungel zu erhalten. Zumindest erkannte ein Report der DEA (Drug Enforcement Agency) aus dem Jahre 1996, dass Montesinos vor seiner Karriere als graue Eminenz des peruanischen Staates mit Vorliebe die Strafverteidigung landesweit bekannter Drogenbosse übernommen hatte.

Die CIA-Peru-Connection

Warum Washington trotz bester Informationen keine adäquaten Abwehrmaßnahmen gegen den „Darth Vader“ von Peru und seinen offensichtlichen Drogenprotektionismus ergriffen hat, steht auf einem anderen Blatt der US-Weltmachtstrategen. Einem hartnäckigen Gerücht zufolge steht Montesinos seit Jahren auf der Gehaltsliste der CIA. Für seine Auftraggeber soll er die Abwicklung der von US-Geheimdiensten kontrollierten Drogenexporte aus Peru überwacht haben. Die Zusammenhänge sind überaus komplex. Die gewonnenen Drogengelder nutzt die CIA, um beispielsweise Waffenlieferungen an die kolumbianische FARC-Guerilla verdeckt zu finanzieren. Die Absicht der CIA ist einleuchtend: Eine Erhöhung der Feuerkraft der Guerilla bringt mehr innenpolitische Spannungen für Kolumbien, und damit ist die Zustimmung für den umstrittenen Plan Colombia gesichert. Der War on Drugs und die Sorge um nationale Sicherheit hat in den USA offensichtlich nur vordergründig Priorität.

Dossiers des Verbrechens

Erschreckend jedoch ist die Tatsache, wie gut die große Familie der amerikanischen Geheimdienste unterrichtet ist, wenn man nach Verbrechen gegen Leib und Leben fragt, die Montesinos angelastet werden. Aus einem Lagebericht der US-Botschaft in Lima 1993 geht hervor, dass Montesinos mit dem damaligen Oberkommandierenden der peruanischen Streitkräfte, General Nicolás de Bari Hermoza Rios, in die Gründung und Leitung der berüchtigten Todesschwadron La Colina verstrickt war. Diesem Terrorkommando werden seit Anfang der neunziger Jahre zahlreiche Verbrechen nachgesagt, insbesondere die Verschleppung und Hinrichtung von neun Studenten und einem Dozenten der Universität La Cantuta und das Massaker in Barrios Altos, einem Stadtteil von Lima, bei dem vierzehn Menschen ermordet wurden.
Derselbe Informant, General Rodolfo Robles Espinoza, einst der drittmächtigste Mann des peruanischen Militärs, wurde 1997 nochmals einer Glaubwürdigkeitsprüfung unterzogen. In jenem Dokument ist zu lesen, dass La Colina eine verdeckte Operation von SIN und Militär sei, gegründet, um den Krieg gegen die Guerilla Leuchtender Pfad und ihre Sympathisanten zu intensivieren. Zu den bevorzugten Kampftaktiken der geheimen Terroreinheit gehörten Folter und außergerichtliche Erschießungen. Seit dem Ende des Bürgerkrieges operiere La Colina vorrangig gegen politische Gegner des Fujimori-Regimes.
Einen Absatz weiter versucht man der Rolle von Montesinos auf folgende Weise gerecht zu werden: „Montesinos aber wird unter Vorbehalt gesehen, wobei er verschiedentlich mit solch finsteren Figuren wie Rasputin, Darth Vader, Torquemada und Kardinal Richelieu verglichen wird.“ Als wolle der Agent vor Ort seine Vorgesetzten wachrütteln, schließt der Absatz mit der Bemerkung, die Aussagen General Robles seien nicht die ersten, die Montesinos’ Verstrickung in Folter und Exekutionen nahe legen würden. Vielleicht bleibt die nachfolgende halbe Seite auch deshalb geschwärzt.

Weitere Informationen auf der Homepage des National Security Archives (NSA) unter folgender Adresse: www.nsarchive.org
Es handelt sich dabei um ein privates, nicht-gewinnorientiertes Dokumentationszentrum für internationale Angelegenheiten der George-Washington-Universität. Gegründet Mitte der achtziger Jahre, ist das NSA im letzten Jahrzehnt zur weltweit umfangreichsten Bibliothek für einstige US-Geheimdienstakten und offengelegte Regierungsunterlagen avanciert.

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