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Der Agent als Stehaufmännchen

Nach der Festnahme von Werner und Ida Mauss bei Medellín im November 1996 mochte kaum einer an die Friedensmission des berühmt-berüchtigten Privatagenten und seiner Frau glauben, die sie immer wieder zu ihrer Verteidigung ins Feld führten. Zu trübe schienen die Wasser, in denen sie seit 1984 in Kolumbien gefischt hatten – undurchsichtige Mittlerdienste für Mannesmann und Siemens, schließlich ausgiebige Hilfestellung für die Guerillaorganisation ELN (Ejército de Liberación Nacional) bei deren Entführungsgeschäften (vgl. LN 271)
Knapp zwei Jahre später hat sich das Blatt gewendet. Bereits im Juli 1997 wurde das Agentenpärchen – mit den Entlassungscheinen Nummer 007 und 008 – auf freien Fuß gesetzt, allerdings mit der Auflage, bis zur endgültigen Beendigung des Prozesses in Kolumbien zu bleiben. Im Mai dieses Jahres war es dann soweit: Die Staatsanwaltschaft übernahm die Argumente der Verteidigung und sprach den 58jährigen und seine italienische Frau in allen Punkten frei. Der eigentliche Paukenschlag folgte einige Wochen später, als in Mainz Friedensgespräche zwischen der ELN und VertreterInnen der kolumbianischen „Zivilgesellschaft“ angekündigt wurden. Tatsächlich fanden diese vom 12. bis zum 15. Juli im fränkischen Zisterzienserkloster Himmelspforten statt – unter der Schirmherrschaft der deutschen katholischen Bischofskonferenz.

Nach Freilassung wieder auf Mauss-Mission

Daß es dazu kam, war auch das Verdienst von Mauss & Mauss, die nach ihrer Freilassung – diesmal mit Wissen der kolumbianischen Regierung – zweimal ins zentrale Lager der ELN reisten und andererseits Kontakte zu einflußreichen Vertretern des Establishments aufnahmen, etwa dem Unternehmer Sabas Pretelt, einem führenden Mitglied des vom Parlament eingesetzten „Friedensrates“.
Der Zeitpunkt der Gespräche war aus Sicht der ELN günstig gewählt: Der Regierungswechsel von Samper zu Pastrana stand bevor; in der Mainzer Gruppe befanden sich zwar einige Samper-Berater, aber kein Mitglied der neuen Regierung, die vor allem den Kontakt mit den mächtigeren FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) pflegte. Mit der Einbeziehung gesellschaftlicher Gruppen, einer alten ELN-Forderung, wurde ein Präzedenzfall geschaffen, den Pastrana nicht mehr ignorieren kann. Das in Kolumbien zunächst mit Optimismus aufgenommene Himmelspfortener Abkommen war ein Erfolg für die ELN um Chefunterhändler Pablo Beltrán, der auf der Pressekonferenz nach der Unterzeichnung zum ersten Mal unmaskiert an die Öffentlichkeit ging.
Doch in den darauffolgenden Wochen zeigte sich, daß Pastrana keineswegs auf das Kalkül der Rebellen einzugehen bereit ist: Sein Friedensbeauftragter Víctor Ricardo traf sich zwar mit Kanzleramtsminister Schmidbauer und den in Itagüí (bei Medellín) inhaftierten ELN-Sprechern Francisco Galán und Felipe Torres. Daß es jedoch bereits, wie in Himmelspforten angekündigt, im Oktober zur „Nationalen Konvention“ kommen wird, auf der ELN, Regierung und „Zivilgesellschaft“ Grundsatzdebatten über die zukünftige politische und soziale Ordnung Kolumbiens und vor allem über die Erdölpolitik führen werden, scheint derzeit unwahrscheinlich. Pastrana selbst distanzierte sich deutlich vom Himmelspfortener Abkommen mit dem Hinweis, die dort vertretene „Zivilgesellschaft“ sei von der ELN ausgesucht worden.

Um Rehabilitation bemüht

Wie ist die Rolle der Bundesregierung und ihrer inoffiziellen Mittler vor Ort einzuschätzen? Natürlich streicht Schmidbauer immer noch die konsularische Begleitung der „humanitären Mission“ von Mauss und Mauss heraus, als diese bei der ELN die Freilassung deutscher Geiseln erwirkten. Aber ebenso hatte und hat er immer auch deutsche Wirtschaftsinteressen im strategisch interessanten Kolumbien im Blick. Dafür nimmt er auch kurzzeitige Verstimmungen mit Washington in Kauf. Auch jetzt haben die USA signalisiert, daß zumindest Mauss bei weiteren Friedensschritten außen vor bleiben soll.
Für Werner und Ida Mauss lag es nahe, sich nach ihrer Freilassung um ihre Rehabilitierung zu bemühen. Möglich wurde der Erfolg durch ihre langjährigen freundschaftlichen Beziehungen zur ELN-Spitze, die anhaltende Rückendeckung Schmidbauers, aber auch ihr Geschick bei der Einbeziehung kolumbianischer Unternehmer, Kirchenleute und Politiker – besonders hierbei dürfte Ida Mauss eine Schlüsselrolle gespielt haben. Entscheidend war aber auch, daß die Staatsanwaltschaft keine stichhaltigen Beweise für kriminelle Aktivitäten des Agentenpärchens beibringen konnte. Dies auf den Druck aus Bonn zurückzuführen, greift entschieden zu kurz – Mauss´ Intimfeinde, allen voran Antioquias Ex-Gouverneur Alvaro Uribe, hätten nur allzu gerne Justiz und Presse mit handfesten Belegen über Waffenschmuggel, Zahlungen von Bestechungsgeldern im Auftrag deutscher Multis oder ähnlichem versorgt. So scheint sich im Fall Mauss tatsächlich das rechtsstaatliche Prinzip in dubio pro reo durchgesetzt zu haben.
Ob es in absehbarer Zeit zu einem Friedensschluß kommen wird, hängt nun wirklich nicht vom Gespann Schmidbauer/Mauss ab. Als schillernde Figuren sind Werner und Ida Mauss zwar dankbare Objekte für die kolumbianische Presse. Zunächst galten sie als finstere Spione, nach ihrer Freilassung konnten sie als populäre Abenteurer auf Friedensmission punkten. Über Krieg und Frieden jedoch entscheiden andere.

KASTEN

Büchertip: Die Vorgeschichte, spannend erzählt

Ignacio Gómez und Peter Schumacher, die Ende 96/Anfang 97 in der Bogotaner Tageszeitung El
Espectador über die sich langsam entfaltenden Vorgeschichte von Mauss in Kolumbien berichteten, haben zwei Bücher vorgelegt: »Der Agent und sein Minister – Mauss und Schmidbauer in geheimer Mission« (Elefanten Press, Berlin 1997) und »La última misión de Werner Mauss« (Planeta, Bogotá 1998). Bereits in Titelgebung und Aufmachung zeigt sich, daß die jeweils federführenden Autoren unterschiedliche Akzente gesetzt haben: Das Cover der deutschen Ausgabe ziert ein stilisierter Schattenmann mit Schlapphut, auf dem Planeta-Titel ist ein Foto des müden „zivilen Beraters“ (Eigencharakterisierung Mauss) zu sehen, aufgenommen auf der Pressekonferenz nach seiner Festnahme. Schumacher schildert den Aufstieg des Pferdewirts aus einfachen Verhältnissen bis zum Agenten, der es durch seine vielfältigen Aktivititäten – einschließlich eines einjährigen Vertrages beim BND – zum Multimillionär brachte. Detailliert und packend wird das Mauss´sche Kolumbienengagement aufgerollt. Zu Recht kritisiert Schumacher in seiner Schlußanalyse die deutsche Geheimdiplomatie – die kolumbianische Regierung war über die engen Beziehungen von Mauss zur ELN im Dunkeln gelassen worden, auch, als der Agent parallel zur Vorbereitung des für Dezember 1996 geplanten Friedenstischs im Bonner Kanzleramt die Freilassung europäischer Geiseln betrieb – teilweise gegen Zahlung von Lösegeldern in Millionenhöhe. So kommt er zur harten Einschätzung des Friedensplans als „peinliche Farce“, denn „mißbrauchtes Vertrauen erstickte die zarten Ansätze von Gesprächsbereitschaft zwischen den Konfliktparteien“, die Entführungsindustrie sei angeheizt worden.
Auch Gómez´ Buch erschien vor der überraschenden Wendung der letzten Monate. Doch er hält sich mit Bewertungen zurück, erzählt hingegen manche Episoden geradezu romanesk. Besonders aufschlußreich sind seine Enthüllungen über die Mauss-Konkurrenz der Sicherheitsfirma Control Risks, die ihre Mitarbeiter aus den diversen britischen Geheimdiensten rekrutiert und weltweit dem lukrativen Geschäft der „Beratung“ bei Entführungen nachgeht. Sie assistierte der kolumbianischen Polizei, als diese die Verhaftung von Werner und Ida Mauss plante. Gómez macht kein Hehl daraus, daß er Hoffnungen auf einen Friedensprozeß mit der ELN setzte – verständlich also, daß aus dieser Perspektive Mauss besser wegkommt.
Fazit: Beide Bücher sind spannend geschrieben und zum besseren Verständnis der heutigen Entwicklungen wärmstens zu empfehlen.

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