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„Der Druck aus der Gesellschaft für Veränderungen nimmt zu“

Zur Person: Raúl Rivero
Raúl Rivero wurde am 23. November 1945 in Morón, in der Nähe von Camagüey, der drittgrößten Stadt Kubas, geboren. Er gehört zum ersten Absolventenjahrgang der 1959 nach dem Sieg der kubanischen Revolution gegründeten Fakultät für Journalismus in Havanna. Danach arbeitete er für die Nachrichtenagentur „Prensa Latina“, unter anderem als Korrespondent in Moskau. Ende der siebziger Jahre wurde er Direktor für Öffentlichkeitsarbeit bei der kubanischen Schriftsteller- und Künstlerunion (UNEAC). 1991 brach er mit dem offiziellen Kuba, 1995 gründete er mit einer Gruppe von Journalisten die unabhängige Nachrichtenagentur „Cuba Press“, die ihre Artikel per Telefon in die USA, aber auch nach Spanien übermittelt. Am 20. März 2003 wurde Raúl Rivero in seiner Wohnung in Havanna verhaftet, am 7. April wegen „Vaterlandsverrat“ zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Nach zwanzig Monaten Haft erfolgte seine Freilassung aus gesundheitlichen Gründen am 30. November 2004.

Herr Rivero, wie fühlen Sie sich nach ihrer Freilassung?

Mir geht es gut, ich habe nur einige Probleme mit der Atmung und bin überaus motiviert, wieder zu arbeiten. Natürlich bin ich noch ein wenig durcheinander nach zwei Jahren Haft, der überraschenden Freilassung und dem Trubel der vergangenen Wochen.

Was hat zu Ihrer Freilassung geführt?

Ein Grund ist sicher die Erkrankung vieler Häftlinge aus der Gruppe der 75 (der Häftlinge, die im März 2003 verhaftet und zu Haftstrafen zwischen sechs und achtundzwanzig Jahren verurteilt wurden; Anm. der Red.). Ein anderer ist die internationale Reaktion nach unserer Verhaftung und Verurteilung. Vor allem in Europa hat die Presse, haben Schriftsteller, Künstler und Politiker dagegen protestiert und Druck ausgeübt. Mit dieser Reaktion und der permanenten Aufmerksamkeit hat die kubanische Regierung nicht gerechnet.

Denken Sie, dass weitere Häftlinge aus der Gruppe der 75 in den nächsten Wochen freigelassen werden?

Ja, ich denke, dass weitere Häftlinge freikommen werden, deren Gesundheitszustand zu wünschen übrig lässt. Die Regierung weiß, dass sich deren Zustand im Gefängnis verschlimmern wird und sie will nicht deren Leben aufs Spiel setzen. Ich vermute, dass nach und nach alle freikommen werden. Man wird nach Lösungen suchen, um auch die jüngeren Häftlinge ohne Gesichtsverlust auf freien Fuß zu setzen.

Wie waren Ihre Haftbedingungen?

Während der ersten elf Monate waren sie sehr schlecht. Ich war in einer sechs Quadratmeter großen Einzelzelle eingesperrt. Ein Loch im Boden diente als Toilette und 15 Minuten am Tag gab es Wasser aus dem Hahn. Die Zelle war verdreckt und dunkel. Die Fenster waren mit einer Metallplatte verschlossen. Nur eine halbe Stunde am Tag wurden wir in den Hof geführt. Im Winter war es bitterkalt und im Sommer brütend heiß. Ratten, Frösche, Moskitos und Spinnen machten uns zu schaffen. Ich bekam gesundheitliche Probleme. Diese Monate waren die schlimmsten der Haftzeit. Ich war total isoliert. Mithäftlinge bekam ich nur durch Zufall zu sehen. Über Klopfzeichen hatten wir manchmal Kontakt. Insgesamt saßen acht politische Häftlinge in der Haftanstalt „Canaleta“, nahe der Provinzstadt Ciego de Avila ein. Zwischen deren Zellen lagen immer drei oder vier andere, damit sie keinen Kontakt zueinander aufnehmen konnten.

Was haben Sie den ganzen Tag in der Zelle gemacht? Durften Sie Bücher lesen?

Ja, und ich durfte auch schreiben. Meine Frau brachte mir Papier und Stifte. Ich habe Gedichte geschrieben, ein Band davon wird demnächst in Spanien erscheinen. Zudem habe ich ein Tagebuch geführt, eine Art Chronik der Ereignisse.

Laut den kubanischen Untersuchungsbehörden haben Sie für die USA gearbeitet, wurden dafür bezahlt und deswegen zu der zwanzigjährigen Haftstrafe verurteilt. Wie denken Sie darüber?

Für die kubanische Regierung sind alle, die ihr nicht applaudieren, gegen sie. Sie werden nahezu automatisch als Agenten der CIA oder als Handlanger der US-Regierung angesehen. Ich bin Journalist und schreibe seit Jahren für internationale Zeitungen. Ich habe nie Geld von irgendeiner Regierung akzeptiert. Ich bin hier geboren, stamme aus einer patriotischen Familie und liebe mein Land. Ich bin davon überzeugt, dass wir Kubaner unsere Probleme selbst lösen müssen. Das ist nicht einfach, denn wir leben in einem System der Ausgrenzung und Diffamierung. Natürlich gibt es Enttäuschungen; so haben auch einige Künstler und Schriftsteller, teilweise gute Freunde von mir, die Anschuldigungen gegen mich öffentlich wiederholt. Aber ich bin, im Gegensatz zu anderen, ohne Hass aus dem Gefängnis entlassen worden. ich will eine konstruktive Position einnehmen. Ich kann vieles verstehen, weil ich weiß, wie das System in Kuba funktioniert und wie es die Angst schürt.

Was halten Sie von der Initiative des „Proyecto Varela“, ein Referendum über die politische Zukunft Kubas durchzuführen?

Die Idee, die hinter dem „Proyecto Varela“ steht, ist exzellent. Die Oppositionsgruppen in Kuba müssen sehr kreativ sein, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Das Proyecto Varela hat das geschafft. Die kubanische Regierung führt immer an, dass die Oppositionsgruppen winzig, zerstritten und kaum wahrnehmbar seien. Aber die kleine Gruppe von Oswaldo Payá hat es geschafft, die laut Verfassung für ein Referendum nötigen 10.000 Unterschriften zusammenzubringen.

Sie haben mehrere Einladungen nach Spanien vorliegen und es kursieren Gerüchte, dass sie nach Madrid ins Exil gehen werden. Wo wollen Sie zukünftig leben?

Ich möchte in meinem Land ungestört leben und arbeiten. Ich bin aufgrund meines Gesundheitszustandes aus dem Gefängnis entlassen worden. Ich bin nicht begnadigt worden, aber ich bin auch nicht unter Auflagen entlassen worden. Man hat mir bei meiner Haftentlassung gesagt, dass ich mein normales Leben wieder aufnehmen könne. Was das genau heißt, weiß ich nicht. Deshalb bin ich gespannt, was passiert, wenn ich im Januar die Erlaubnis zur Ausreise nach Spanien beantrage. Ich möchte gerne persönlich in Madrid einen Preis entgegennehmen und würde gerne nach Paris reisen, um den UNESCO-Journalistenpreis „Guillermo Cano“ entgegenzunehmen. Zudem habe ich eine Einladung des Bürgermeisters von Granada. Die Stadt bietet mir für ein Jahr ein Stipendium an, um dort in Ruhe zu arbeiten.
Vorausetzung für meine Ausreise ist, dass ich mit meiner Familie reisen und zurückkehren kann. Aber ich habe mich noch nicht entschieden und für mich ist nur eines klar: Ich werde meine Arbeit wieder aufnehmen. Ich werde wieder professionell, ehrlich und so objektiv wie möglich aus Kuba berichten. Doch ob das möglich ist, hängt nicht allein von mir ab.

Die kubanische Gesellschaft hat sich in den letzten fünfzehn Jahren sehr verändert. Wie beurteilen Sie diesen Wandel?

Die ökonomischen Probleme und die materiellen Nöte der Bevölkerung lassen sich durch Investitionen lösen, der moralische Verfall allerdings nicht. Es wird dauern, bis sich die Wunden schließen, der Hass, die Zerrissenheit vieler Familien, das Misstrauen sich legt. Viele Kubaner haben Konzessionen gemacht, der Opportunismus ist weit verbreitet und die eigene Meinung wird nur im engsten Kreis und manchmal nicht einmal da kundgetan. Das ethisch-moralische Wertesystem ist pervertiert worden und das ist meiner Meinung nach das Schlimmste am heutigen Kuba.
Aber es gibt noch etwas anderes: die blinde Begeisterung für die US-amerikanische Gesellschaft. Die Kubaner haben keine Ahnung, wie das Leben dort ist, trotz abertausender Telefongespräche, die zwischen den USA und Kuba täglich geführt werden. Die permanenten propagandistischen Angriffe der kubanischen Medien haben den Blick auf die Realität verstellt und daran hat der zunehmende Fernsehempfang genauso wie das Internet, zu dem sich immer mehr Kubaner heimlich Zutritt verschaffen, nichts geändert. Als ich Kind war, hätte kein Kubaner Kopftücher, Shorts oder andere Kleidungsstücke im Design der US-amerikanischen Flagge angezogen. Heute wird so etwas getragen. Ausländer werden in Kuba wie Elvis oder wie Außerirdische hofiert. Dem eigenen Selbstwertgefühl und der eigenen Identität ist das nicht sonderlich förderlich.

Wie sieht denn die kubanische Zukunft aus Ihrer Sicht aus?

Es wird, wenn auch in sehr kleinen Schritten, eine Modernisierung der Gesellschaft geben, die einen Wandel nach sich zieht. Dieser Prozess hat bereits begonnen: Die Freilassung von Mitgliedern der „Gruppe der 75“ ist dafür ein Beispiel. Ein neues Phänomen sind die Demonstrationen der „Damas de Blanco“ (Die Frauen der Inhaftierten gingen, ganz in Weiß gekleidet, auf die Straße und demonstrierten regelmäßig für deren Freilassung; Anm. der Red.). Früher haben sich die Angehörigen von politischen Gefangenen immer ruhig verhalten, um deren Situation nicht zu erschweren. Die „Damas de Blanco“ hingegen sorgten kontinuierlich für Aufmerksamkeit und ließen sich nicht einschüchtern.
Dies ist ein Beispiel dafür, dass der Druck aus der Gesellschaft für Veränderungen zunimmt. Man wird jedoch Geduld und Durchhaltevermögen haben müssen, um in kleinen Schritten zu Veränderungen zu kommen. Am Ende sollte eine plurale Gesellschaft stehen, in der man die unterschiedlichen Ideen und Meinungen toleriert. Ich bin überzeugt, das alle Kubaner das Recht auf eine eigene Meinung haben, das Recht sie offen zu artikulieren, für sie einzutreten genauso wie das Land zu verlassen und auch wieder zurückzukehren.

Welche Rolle könnte die Europäische Union in einem derartigen Prozess des graduellen Wechsels spielen?

Die Europäische Union hat schon eine wichtige Rolle gespielt, indem sie den Protest gegen die Verurteilung der 75 aufrechterhalten hat. Die Europäer haben vielfältige Erfahrungen mit dem gesellschaftlichen Umbau. Sie haben gelernt, für ihre Meinung einzutreten, und leben die Pluralität. Wir Kubaner können aus dem pluralen System Europas viel lernen: wie der Wahlkampf, die Regierungswechsel dort funktionieren. Natürlich gibt es Polemik, Diskussionen, Auseinandersetzungen, aber grundsätzlich gibt es Raum für die unterschiedlichen Meinungen. Europa könnte eine didaktische Rolle spielen – uns als Beispiel dienen, um eine neue plurale Gesellschaft aufzubauen. Eine Gesellschaft, die ihre eigene Kultur, ihre Sprache und Identität verteidigt und nach echten demokratischen Regeln funktioniert.

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