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Der entführte Zug

„Nach La Plata“, befehlen sie in einem Ton, der keine Widerrede zugelassen hätte. So erzählt es Rúben Garay später La Nación, der konservativen Zeitung der Hauptstadt. Also wurden die Weichen gestellt und der Zug fuhr in Richtung Süden.

Das Recht des Stärkeren
Dieser Zwischenfall in einem Vorort von Buenos Aires blieb nicht der Einzige an jenem Tag. Auch im zentralen Bahnhof Constitución sei die Betreiberfirma Metropolitano nach eigenen Aussagen dazu gedrängt worden, Züge für die Fahrt nach La Plata zur Verfügung zu stellen. In einem anderem Bahnhof hätten Piqueteros einen Zug geentert und andere Passagiere an der Weiterfahrt gehindert.
„Die Arbeitslosen haben kein Geld für eine Fahrkarte“, argumentiert Gustavo Giménez, Sprecher einer der vielen Piquetero-Gruppen, gegenüber La Nación. „Deshalb vereinbaren wir schon im Voraus mit den Betreibern, wie wir den Transport organisieren. Sie stellen uns Züge zur Verfügung, mit denen wir zu Demos fahren können. Und das ist unser gutes Recht.“ Nur, warum haben die Absprachen in diesem Fall nicht geklappt? Warum wurde die Bedrohung der Bahnangestellten und Fahrgäste billigend in Kauf genommen?
Omar Maturano, Sprecher einer Bahn-Gewerkschaft, kündigte bereits Streiks an, um auf die zunehmende Gefahr für Bahnangestellte und Reisende durch Piquetero-Gruppen aufmerksam zu machen. Er warnte: „Falls die Piqueteros uns noch einmal dazu zwingen sollten, die Richtung eines Zugs zu ändern und die Arbeit der Lokführer nicht respektieren, dann müssen wir wirkungsvollere Maßnahmen ergreifen.“
Wenn es nach Maturano gehe, dann solle der Zugführer beim nächsten Entführungsversuch ganz einfach seinen Dienst verweigern und aussteigen.
Wie diese Drohung allerdings in die Praxis umgesetzt werden soll, ist dem Lokomotivführer Rúben Garay schleierhaft: „Wir waren nur vier. Und die waren 2.500. Wir hatten keine andere Wahl als weiterzufahren. Ich weiß nicht, was sonst passiert wäre.“
Das Zugunternehmen Metropolitano hat bereits Anklage gegen den nationalen Block der Piqueteros erhoben. Rúben Garay zweifelt allerdings an der Wirksamkeit dieses Schrittes. Er hat seinen Arbeitgeber bereits darum gebeten, auf einer anderen Strecke arbeiten zu dürfen. Er befürchtet, dass die Zugentführungen künftig zur Normalität werden.

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