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Die Erfindung der Erfindung

Dass Kolumbus im Jahre 1492 Amerika entdeckt hat, ist ebenso banal wie umstritten. Banal, weil niemand leugnen wird, dass jener Reise welthistorische Bedeutung zukommt. Umstritten ist, worin diese Bedeutung genau besteht – und was überhaupt „entdecken“ heißt. Oberflächlich wird auf letztere Frage jedeR etwas zu sagen wissen. Aber wenn man genau hinschaut, wird daraus ein großes Thema. Wenn man sich auszudrücken versteht, auch ein großes Buch – wie bei Florian Borchmeyer.
Ganz am Anfang dieser aus seiner Dissertation hervorgegangenen Abhandlung steht, überraschend für einen Lateinamerikanisten, Heinrich Schliemann. Als der mecklenburgische Archäologen-Autodidakt des 19. Jahrhunderts nach Troja suchte, ging er bekanntlich vor allem von Homer aus. Er fand das Troja Homers nicht, sondern Überreste viel älterer Zeiten – aber für ihn war es der sagenumwobene Ort, weil er es laut Ilias sein musste.
Mit dieser Herangehensweise ist Schliemanns Expedition „das letzte geglückte Großunternehmen des Mittelalters“ gewesen, weil es mittelalterlichem Denken entsprach, in der Welt das aufzufinden, was in den Schriften – Bibel, antike Autoren, Kirchenväter et cetera – bereits kodifiziert war. Dass es westlich von Europa und östlich von Asien einen weiteren Kontinent geben sollte, erschütterte die Überzeugungen: Dort durfte es nichts geben. Schließlich standen Europa, Afrika und Asien für die göttliche Dreieinigkeit – mit Jerusalem in der Mitte. Wenn Kolumbus also in die Karibik segelt, muss es sich dort um asiatische Inseln handeln – oder um das Paradies. Denn laut den Schriften herrscht dort ein mildes Klima, und es liegt im Osten (vielleicht jenseits von Asien). Außerdem befindet sich nach Dantes Göttlicher Komödie das Paradies, von der Hölle aus gesehen, gerade auf der gegenüberliegenden Seite der Erde.
Zentraler Begriff für derartige Interpretationsvorgänge ist das lateinische inventio / invención / Erfindung. Noch Anfang des 16. Jahrhunderts ist die begriffliche Trennung zwischen dem Auffinden von etwas, was man sucht, dem zufälligen Finden von etwas, was man nicht gesucht hat, und dem Erschließen/Entdecken von etwas, das man erkunden will, nicht vollzogen: Alles kann mit invención bezeichnet werden. Was Borchmeyer nun unternimmt, ist eine begriffsgeschichtliche Untersuchung von invención. Er prüft, ob der Begriff die Entstehungsgeschichte der Texte von damals zu klären hilft.
Das theoretische Fundament für seine Überlegungen findet Borchmeyer beim mexikanischen Philosophen Edmundo O‘Gorman (1906-1995), insbesondere in dessen Werk „La invención de América“ von 1958. Warum verwendet O‘Gorman den Begriff „Erfindung“ (invención) statt der altbekannten „Entdeckung“ (descubrimiento)? Wichtig ist dabei die erkenntnistheoretische Überzeugung, dass es in der Geschichte keine soziale Realität gibt, die für sich besteht, die man nur „entdecken“ muss. Sondern zur sozialen Realität gehört untrennbar das Bild dazu, das Menschen sich von ihr machen. Von der „Entdeckung“ Amerikas im heutigen Verständnis des Wortes zu sprechen, würde voraussetzen, dass „Amerika“ als vorgestellte Einheit bereits bestanden hätte, bevor die europäischen Eindringlinge mit der Kolonisation begannen. Das trifft aber nicht zu: Es gab in den indigenen Gesellschaften Amerikas nicht die Vorstellung einer kontinentalen Zusammengehörigkeit. Es ist auch nicht zwingend, die amerikanische Landmasse als Einheit und etwas „Anderes“ zu betrachten, aber Europa, Asien und Afrika als drei Kontinente von einander zu unterscheiden. Nein: „Amerika“ beginnt erst dann zu existieren, wenn Menschen davon sprechen.
„Erfindung“ ist also für O‘Gorman ein Prozess der Bildproduktion, den Menschen durchlaufen, wenn sie etwas Unbekanntem begegnen. Er grenzt diesen Prozess sowohl von der creación ab, von der Erschaffung eines Bildes „aus dem Nichts“, einem Erfinden wie bei dem Baron Münchhausen – aber auch vom Erfinden im Sinne der Herstellung eines neuen Gegenstandes wie der Glühbirne oder der Atombombe. „Erfindung“ bedeutet, etwas Unbekanntes zu erschließen. Für diese Schlüsse benötigt man den Fundus des Bekannten, der Erklärungsmuster zu liefern vermag.
Für an Lateinamerika, aber nicht an philosophischen Details interessierte Menschen werden die Abschnitte in Borchmeyers Ausführungen unterschiedlich wichtig sein. Die hundert Seiten über die europäische Begriffsgeschichte der inventio werden manche vielleicht querlesen, bevor es bei der Analyse einzelner Chroniken aus dem 16. Jahrhundert ins Detail geht.
Die Auswahl der untersuchten Texte ist interessant: Neben den Zeugnissen der ersten Seefahrer Kolumbus und Vespucci untersucht der Autor die europäischen Reaktionen darauf, also etwa päpstliche Texte. Zweiter Schwerpunkt sind die Versuche im 16. Jahrhundert, das neu gewonnene Wissen systematisch zu ordnen, von Hernán Pérez de Oliva, Bartolomé de las Casas, José de Acosta und anderen. Schließlich geht es um die schriftlichen Zeugnisse der indigenen oder mestizischen „Besiegten“, um Inca Garcilaso de la Vega und Guaman Poma de Ayala. Denn die Bilderzeugung ist kein Patent der europäischen Eindringlinge. Dass die berühmten Conquistadoren-Chroniken von Cortés, Díaz de Castillo, aber auch Sahagún fehlen, lässt Spielraum für weitergehende Untersuchungen offen.
Unmöglich, Borchmeyers Analyse- und Argumentationsgang zusammenzufassen. Den roten Faden wird man nicht verlieren: Es läuft hinaus auf die nur am konkreten Text zu beantwortende Frage: Wann und wie vollzieht sich ein Wechsel vom Vor-Wissen, das man nur in der Realität bestätigt sehen will, zu einer Anerkenntnis von Neuem, das nicht mehr allein aufgrund des bestehenden Fundus an Lektüren oder Gewohnheiten begriffen werden kann?
Für diesen Wechsel findet Borchmeyer die schöne Formel von der „Erfindung der Erfindung“. Denn das Verfahren selbst, etwas Neues zu sehen und bei der Interpretation die homerischen, biblischen oder dantischen Vorabinformationen zurückzustellen, musste sich erst einmal etablieren. Sogar Garcilaso erzählt, dass ein Tal, das bisher „Rucma“ hieß, von den Spaniern „Tal der Minze“ genannt wurde: Sie hatten die Minzepflanzen eingeschleppt, diese konnten sich ungehindert ausbreiten – und ein so bewachsenes Tal konnte nach spanischer Auffassung gar nicht anders heißen, egal wie es vorher genannt wurde.
Amerika stellte in dieser Betrachtungsweise also eine entscheidende Herausforderung dar, die „Erfindung zu erfinden“, sich von Vorurteilen nach und nach zu lösen und die Wahrnehmung des Anderen von nun an immer wieder einer kritischen Revision zu unterziehen: eine Herausforderung, die letztlich zur Moderne geführt hat, aber mit der Moderne nicht abgeschlossen ist. Dass auch wir heute bei der Beurteilung neuer Situationen ständig mit den Erfahrungen aus der Vergangenheit operieren und uns damit gelegentlich arg vertun, das denkt sich bei der Lektüre dieses gewaltigen Buches quasi nebenbei mit.

Florian Borchmeyer // Die Ordnung des Unbekannten. Von der Erfindung der Neuen Welt // Matthes & Seitz // Berlin 2009 // 637 Seiten // 69,90 Euro

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