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Die Kadiwéu im Gelben Viertel

Das Ethnologische Museum Berlin eröffnete am 9. Juni eine Sonderausstellung mit dem Titel „Copyright by Kadiwéu“. Der Ausgangspunkt dafür war ein 1996 von der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Hellersdorf (WoBeHe) ausgeschriebener Wettbewerb für die Sanierung des „Gelben Viertels“. Das Gelbe Viertel ist eine in den 80er Jahren entstandene Plattenbausiedlung mit relativ guter baulicher Substanz. Hier leben etwa 10,000 Menschen in 3,200 Wohnungen. Die Sanierung zielte vor allem darauf ab, das Wohnen dort durch ästhetische und funktionale Änderungen attraktiver zu machen, um die Abwanderung der Mieter zu verhindern. Der Wettbewerb richtete sich an lateinamerikanische Architekten, da man bei der Gestaltung des Gelben Viertels einen besonderen Akzent setzen wollte.Den Wettbewerb gewannen die beiden Architekten Francisco Fanucci und Marcelo Ferraz aus São Paulo. Ihr Entwurf arbeitete mit von traditioneller brasilianischer Architektur geprägten Elementen, die in einen neuen Zusammenhang gestellt wurden. Ein Element war die Gestaltung der Fassaden mit senkrecht verlaufenden etwa zwei Meter breiten Bändern aus bemalten Fliesen nach dem Vorbild der traditionellen Azulejos, die auch in den Durchgängen und Treppenhäusern Verwendung fanden. Die Architekten beschlossen, für die Gestaltung dieser Fliesen die ursprünglich vor allem zur Körperbemalung, aber auch für keramische Arbeiten verwendeten Ornamente der Kadiwéu zu verwenden, einer indigenen Gruppe aus Mato Grosso im Westen Brasiliens. Ursprünglich war beabsichtigt, sich für die Gestaltung der Fliesen einfach dieser bildlichen Aufzeichnungen zu bedienen. Das erwies sich jedoch wegen des geforderten einheitlichen Formats als schlecht durchführbar. Fanucci und Ferraz nahmen also 1997 Kontakt mit den heute noch lebenden Kadiwéu auf in der Absicht, eine oder mehrere Künstlerinnen zu engagieren, die Motive für die Fliesen entwerfen sollten.

Die Kunst

Die Herstellung von Keramik und ihre Bemalung sind bei den Kadiwéu eine Domäne der Frauen. Die von ihnen verwendeten Motive bauen auf ähnlichen Strukturen auf, werden aber nach ihren individuellen Urheberinnen unterschieden und nur von diesen verwendet. So können die Motive eindeutig den einzelnen Künstlerinnen zugeordnet werden. Einige Frauen stellen Keramik her, um sie in nahe gelegenen Kleinstädten oder der Provinzhauptstadt Campo Grande an Zwischenhändler und Touristen zu verkaufen. Immer wieder werden ihre Motive für die Reproduktion auf T-Shirts oder anderen Massenartikeln benutzt, manche Geschäftsleute lassen sogar das Copyright für Kadiwéu-Motive in ihrem Namen registrieren. Die Künstlerinnen werden meist nicht nach ihrer Einwilligung für eine solche Verwendung gefragt, oder gar angemessen dafür bezahlt. Die Erzeugnisse der Kadiwéu-Frauen, wie auch der Mitglieder anderer indigener Gruppen, werden in vielen Fällen nicht als Kunst, sondern bestenfalls als Kunsthandwerk und ihre Urheberschaft als irrelevant betrachtet.
Die Kadiwéu leben in der Sierra Bodoquena auf einem von der staatlichen brasilianischen Indianerbehörde FUNAI verwalteten Reservat und haben sich in einer eigenen Organisation ACIRK (Assoçião das Comunidades Indígenas da Reserva Kadiwéu) zusammengeschlossen. Die Kontaktaufnahme der Architekten aus São Paulo mit ihnen erfolgte über diese Organisation und Alain Moreau, einen Rechtsanwalt, der schon lange mit den Kadiwéu zusammenarbeitet und sie unterstützt. Man einigte sich für die Ausführung der künstlerischen Arbeit mit der WoGeHe auf einen Betrag von 10.000 Euro, was einem deutschen Künstlerhonorar entsprochen hätte. ACIRK berief zunächst eine Versammlung der Bewohner des Reservats ein, in der über drei Tage darüber beraten wurde, wie mit dem Vorschlag umzugehen sei, der grundsätzlich sehr positiv aufgenommen wurde. Die Beratungen konzentrierten sich darauf, wie die Künstlerinnen ausgewählt, und wie genau das zu erwartende Geld verteilt werden sollte. Die Kadiwéu beschlossen, einen Wettbewerb zu veranstalten, bei dem alle Frauen mit einem Mindestalter von 16 Jahren teilnehmen konnten. Das Honorar wollte man allerdings nicht nur an die Gewinnerinnen, sondern an alle Teilnehmerinnen des Wettbewerbs auszahlen, um keinen Anlass für Neid zu schaffen. Ein Teil des Geldes sollte den Gewinnerinnen die Möglichkeit geben, selbst nach Deutschland zu fahren.
Das Echo war unerwartet groß. Es beteiligten sich 92 Frauen an dem Wettbewerb, so dass insgesamt 271 Entwürfe zusammenkamen. Aus diesen wählten die Architekten in São Paulo sechs aus, die ihnen am besten erschienen, um die insgesamt 50.000 Fliesen für das Gelbe Viertel zu gestalten.
Die Motive wurden bei der Escola de Belas Artes in Rio de Janeiro dokumentiert und das Copyright für sie eingetragen. Man einigte sich darauf, die Motive zusammen mit dem Namen der jeweiligen Künstlerin zu registrieren; die Rechte an ihren Werken traten die Frauen an ihre Organisation ACIRK ab. Damit wurden zugleich der individuellen Urheberschaft an den Werken, als auch dem Anspruch der Kadiwéu auf die Anerkennung ihrer kulturellen Leistungen als Gruppe Rechnung getragen. Sowohl die Honorierung der Arbeit der Kadiwéu-Frauen als künstlerische Arbeit (im Unterschied zu Kunsthandwerk), als auch die rechtliche Konstruktion zur Wahrung des Copyrights sind zumindest für Brasilien, wahrscheinlich aber für ganz Südamerika neu und könnten als Modell für ähnlich gelagerte Fälle dienen.

Reiseerfahrungen

Von der Ausschreibung des Architekturwettbewerbs durch die WoGeHe bis zum Abschluss der Sanierung vergingen insgesamt nur 18 Monate, und es war geplant, dass die Gewinnerinnen des Wettbewerbs in Begleitung von Alain Moreau zur Einweihung des sanierten Gelben Viertels im Juni 1998 nach Berlin reisen sollten. Womit man nicht gerechnet hatte, war die staatliche Indianerbehörde FUNAI. Die widersetzte sich zunächst der Auszahlung des Honorars mit dem Argument, Indianern könne man es nicht zutrauen, verantwortlich mit Geld umzugehen, und beanspruchte, selbst über dessen Verwendung zu entscheiden. Dann verweigerte FUNAI den Künstlerinnen fürsorglich die Ausreise, um sie vor schädlichen Einflüssen zu schützen, und stellte ihnen keine Pässe aus. Auf Umwegen gelang es schließlich doch noch, die notwendigen Papiere zu organisieren, und ein paar Wochen später als geplant erhielten die Organisatoren des Austauschs auf Berliner Seite den überraschenden Anruf aus Brasilien, die Gruppe befände sich auf der Fahrt zum Flughafen in São Paulo und würde in den nächsten Tagen in Berlin eintreffen.
In diesem Jahr hat, diesmal ohne nennenswerte Behinderungen durch FUNAI und rechtzeitig zur Eröffnung der aktuellen Ausstellung im Ethnologischen Museum, hat eine zweite Reise von Kadiwéu-Künstlerinnen nach Europa stattgefunden. Sie sind die Gewinnerinnen eines von Alain Moreau initiierten Keramikwettbewerbs im Reservat von Bodoquena mit über 100 Teilnehmerinnen. Die Resultate dieses Wettbewerbs wurden dem Ethnologischen Museum Berlin als Schenkung übergeben.
Zwischen den beiden Reisen liegen fast vier Jahre, in denen die ersten Besucherinnen aus Bodoquena ihre Erfahrungen weitergaben und mit ihren Familien und ihrer Umgebung intensiv diskutierten. Die erste Reise hatte die sechs Frauen, von denen drei mit ihren jüngsten Kindern im Alter zwischen zwei Monaten und einem Jahr unterwegs waren, in eine vollkommen fremde Welt katapultiert, in der ihnen vor allem öffentliche Auftritte großes Unbehagen bereiteten. Die Teilnehmerinnen der zweiten Reise waren etwas besser auf das vorbereitet, was sie hier erwartete, auch wenn sie der Fremde immer noch mit viel Scheu begegneten. Was haben ihnen die Reisen gebracht? Alain Moreau sagt, die Frauen selbst hätten vor allem Selbstbewusstsein durch sie gewonnen, einmal über die Anerkennung ihrer Kunst durch das Hellersdorfer Projekt und die Ausstellung ihrer Keramiken im Museum. Zweitens durch die Tatsache, als Kadiwéu die Möglichkeit gehabt zu haben, nach Europa zu fahren – ein Privileg, das in ihrer Umgebung bisher so gut wie vollständig der nicht indianischen Oberschicht vorbehalten war. Eine weitere wichtige Erfahrung waren für sie die Besuche in den Sammlungen der Museen, wo sie die alten Objekte der Kadiwéu zu sehen bekamen, von denen es in ihrer Umgebung so gut wie keine mehr gibt. Während der Anblick dieser Gegenstände in den älteren Teilnehmerinnen ihr Wissen über deren Verwendung und Bedeutung wachrief, zeichneten die jüngeren Künstlerinnen mit Hingabe die Motive auf den Objekten ab, um sie zu Hause wieder in ihre eigene Produktion einfließen zu lassen.

Wie geht es weiter?

Die zweite Reise, und die Besuche in den Museen verfolgte ein längerfristiges Ziel. Die Kadiwéu- Künstlerinnen wurden neben Alain Moreau unter anderen von Ambrósio da Silva, dem Präsidenten von ACIRK, und zwei brasilianischen Ethnologinnen begleitet. Die Kadiwéu planen, ihr eigenes Museum und Kulturzentrum am Rand ihres Reservats zu errichten. Weil in Brasilien nur noch sehr wenig alte Stücke der Kadiwéu existieren, sind die europäischen Museen mit ihren Sammlungen für die Kadiwéu von großer Bedeutung.
Das Zentrum soll einerseits dazu dienen, Besucher über das Leben der Kadiwéu zu informieren und über den Verkauf von Keramiken Verdienstmöglichkeiten zu schaffen. Andererseits möchte man aber sowohl innerhalb als auch außerhalb des Reservats neues Interesse an der Kunst der Kadiwéu wecken. Insbesondere sollen jüngere Kadiwéu die Möglichkeit bekommen, innerhalb des Zentrums alte Techniken wieder zu erlernen (zum Beispiel der Körperbemalung, die fast völlig in Vergessenheit geraten ist) und ihre Kunst weiterzuentwickeln, um sie auf diese Weise am Leben zu erhalten. Da die Kadiwéu sich nach einigen leidvollen Erfahrungen nicht vom brasilianischen Staat abhängig machen wollen, versuchen sie einen Weg zu finden, wie das Zentrum sich auf Dauer selbst tragen könnte. Auch wenn in näherer Zukunft keine weiteren Reisen nach Europa geplant sind, ist man hier in jedem Fall an einer Fortsetzung der Kontakte interessiert.

Und wie geht’s weiter in Berlin?

Das Ethnologische Museum ist zur Zusammenarbeit mit den Kadiwéu und zur Überlassung von Dokumentationen, nicht aber zur Herausgabe von Originalen bereit; das wurde allerdings auch nicht gefordert. Wie eine weitere Zusammenarbeit aussehen könnte, ist bisher nicht geklärt. Es wäre sicherlich spannend, darüber nachzudenken, ob und wie in Zukunft Ausstellungen gemeinsam mit denjenigen konzipiert werden könnten, die in ihnen repräsentiert werden. Für die Einladung von Kadiwéu nach Berlin, oder Reisen eigener Mitarbeiter nach Brasilien fehlt dem Museum allerdings das Geld.
Die WoGeHe hatte in den ersten Jahren des Projekts Bemühungen unternommen, die Bewohner des Gelben Viertels über Brasilien und die Kadiwéu zu informieren, auch um Interesse an dem Sanierungsprojekt zu wecken und Widerstände dagegen zu überwinden. Die Menschen dort wollen aber in erster Linie gut in ihren Wohnungen leben und haben andere Sorgen, so dass die Kadiwéu größtenteils wieder in Vergessenheit geraten sind, wenn sie jemals wirklich wahrgenommen wurden. Bei ihrem letzten Besuch fuhren die Frauen aus Bodoquena und ihre Begleiter auch zum Gelben Viertel, um sich dort umzusehen, und besuchten eine Schule auf dem Gelände, wo sie sich mit zwei Schulklassen zusammensetzten. Die Schüler waren sehr neugierig und stellten viele Fragen, und im ersten Enthusiasmus sah es so aus, als wolle die Schule das Thema in irgendeiner Weise weiterverfolgen. Bei einem Anruf dort sagte man jedoch später, das sei Sache der jeweiligen Lehrer, und die Schule sei zu groß, als dass man sich von zentraler Stelle darum kümmern könne.
Bleiben diejenigen, die sich für das Ausstellungsprojekt engagiert haben und aus unterschiedlichen Motiven weiter am Hellersdorfer Projekt, an den Kadiwéu oder an interkultureller Vermittlung interessiert sind und versuchen, die Beziehung aufrecht zu erhalten und vielleicht einen echten und dauerhaften Austausch herzustellen.

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