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Ein Blick auf Chiapas aus der Heimat des „Che“

In der Neujahrsnacht 1994, noch während das Feuerwerk knallte und die Gläser klangen, las man in Argentinien in den Zeitungen vom Eintritt Mexikos in die „Erste Welt“. Möglich gemacht wurde das durch die Unterschrift Mexikos unter den Freihandelsvertrag mit den USA und Kanada – die „Nordamerikanische Freihandelszone“ (NAFTA) war entstanden. Doch schon einen Tag später forderten in Chiapas tausende bewaffnete Männer und Frauen die Regierung von Präsident Carlos Salinas de Gortari heraus. Sie kämpften im Namen des Revolutionärs Emiliano Zapata und unter ihrem später als „Subcomandante Marcos“ bekannten Anführers. All das ging nicht an den Intellektuellen und aktiven Linken Argentiniens vorbei, die das „Phänomen Chiapas“ aus dem Land verfolgten, in dem einst Ernesto „Che“ Guevara geboren wurde.

Argentinien und die Globalisierung
Die frühen 90er Jahre waren eine kampflose Zeit in Argentinien: Aufgrund der zunehmenden Flexibilisierung der Arbeitprozesse und der schnell voranschreitenden Privatisierung der Staatsunternehmen durch die Regierung Carlos Menem gab es immer weniger Arbeitsplätze. Dennoch lehnte sich das wichtigste Gewerkschaftsbündnis nicht gegen den Wirtschaftskurs der Regierung auf, der unweigerlich extreme Arbeitslosigkeit zur Folge haben würde.
In der Provinz Santiago del Estero hatte es bereits einen ersten Aufstand gegeben, aber es sollte noch zwei Jahre dauern, bis sich die piquetes, die Straßensperren, über das ganze Land ausbreiteten und die letzten Jahre des Jahrhunderts in Argentinien zu kämpferischen wurden. Währenddessen genoss die Oberschicht Argentiniens die so genannte „fiesta menemista“. Und auch die Mittelschicht erholte sich langsam von der Tragödie der Hyperinflation von 1989 und betrachtete demzufolge die feste 1:1-Bindung des argentinischen Peso an den US-Dollar mit Wohlwollen und Erleichterung.
Die linken AkademikerInnen und progessiven Intellektuellen waren in Lethargie verfallen, als die Mauer in Berlin fiel. Denn der Mauerfall wurde, zumindest im Süden der Welt, wie ein Ende der Ideologien erlebt. Doch Anfang 1994 – 35 Jahre nach der kubanischen Revolution – weckte der Lärm der Schüsse aus dem lakandonischen Urwald all jene „Kampflosen“ in Argentinien aus ihrer Nostalgie.

Der „neue Che“
In dem Land, das damit prahlt die Heimat „Che“ Guevaras zu sein, waren damals in allen Zeitungen Berichte über den Aufstand der Indígenas in Chiapas zu finden – vor allem seit Subcomandante Marcos in Erscheinung getreten war. Neben dem Konterfei des „Che“ trugen die Jugendlichen nun auch die Sturmhaube von Marcos. Die argentinische Linke begann wieder aufzuleben.
Nicht nur in den großen argentinischen Tageszeitungen wurde regelmäßig über Chiapas berichtet. „Página/12“ hatte über Monate den hervorragenden Dichter Juan Gelman als Korrespondenten in San Cristobal de las Casas. Er selbst war in den 70er Jahren vor der Diktatur in Argentinien nach Mexiko ins Exil geflohen. Auch veröffentlichten die Zeitungen ständig die Verlautbarungen der EZLN und befragten verschiedenste PolitikwissenschaftlerInnen und Intellektuelle nach ihrer Meinung zu der neuen indigenen Guerilla. Vergleicht man heute die damaligen Meinungen der meisten argentinischen linken VordenkerInnen mit denen ihrer mexikanischen KollegInnen, so stellt man interessanterweise fest, dass in Argentinien die Entstehung der neuen Guerilla sehr begrüßt wurde, während in Mexiko die Besorgnis überwog.
Es ist wohl so, dass die EZLN in Argentinien die Hoffnung auf eine lateinamerikanische Revolution – auch außerhalb Kubas – wieder erweckte. Chiapas war ein Schlag gegen den öffentlichen neoliberalen Diskurs der „Ersten Welt“, den auch Carlos Menem lautstark predigte. So solidarisierte sich Menem denn auch mit Salinas de Gortari und forderte alle rechtlich möglichen Schritte gegen die „verwirrten Terroristen“, von denen er sagte, sie hätten einfach noch nicht verstanden, dass sich die Welt verändert habe. In einem hatte der argentinische Präsident damals wohl Recht: Die Welt war nicht mehr dieselbe. Und das hatten die Zapatisten von Beginn an verstanden.

Die „Cyber-Guerilla“
Einer der Schlüssel des zapatistischen Guerillakampfes war das Erlangen internationaler Solidarität. Dieses Ziel erreichten sie vor allem durch die Nutzung des Internets. Eine Tatsache, die mehrere argentinische Zeitschriften sehr hervorhoben, als sie nicht nur von der Besonderheit der EZLN-Forderungen sprachen, sondern auch von ihrer originellen Kommunikation.
Das Phänomen der „Cyber-Guerilla“ wurde von vielen Autoren, vor allem von Seiten der Kommunikationswissenschafter, analysiert. Die Verlautbarungen von Marcos verbreiteten sich – auch auf Grund ihrer literarischen Qualität und seines Humors – in alle Teile der Welt und übten auf viele große Anziehungskraft aus.
Einer derer, die das Phänomen der neuen Kommunikationswege am besten darstellten, war der Uruguayer Eduardo Galeano. Er analysierte die „Beziehung zwischen dem Internet und den traditionell zum Stillschweigen verurteilten Bewegungen“ und hatte sogar das Privileg öffentlichen Schriftverkehr mit dem Subcomandante Marcos zu unterhalten. In einem dieser Schriftwechsel schrieb ihm selbiger: „Wir haben Angst vor dem Vergessen, das wir mit unserem Schmerz und Blut klein gehalten haben. Daher sind wir groß.“
Und so kam es, dass der Großteil der argentinischen militanten Bewegung Marcos´ Worte „die Würde ist eine internationale Heimat“ nicht vergaßen und sie später für sich aufnahmen. Zweifelsohne haben die Worte des Subcomandante Marcos und die neuen Formen der Kommunikation dazu beigetragen, dass die Diskussionen innerhalb der sozialen Bewegungen Argentiniens – die sich damals gerade erst entwickelte – auf einer horizontalen Ebene stattfinden.

Identität statt Klassenkampf
Der nachdrückliche Aufruf zu sozialer Gerechtigkeit der „Chiapanecos“ endete nicht in einer schnellen und unbesonnenen Machtübernahme. Vielleicht deshalb stufte ein großer Teil der argentinischen Linken die EZLN als eine „postmoderne Guerilla“ ein. Diese Einschätzung spiegelt die Tatsache wieder, dass in Chiapas zu mehr Identität aufgerufen wurde und nicht zum Klassenkampf und somit die Praktiken andere waren als die der meisten anderen aufständischen Gruppierungen. Und so kämpften sie denn auch nicht Jahr für Jahr weiter, sondern harrten in den Wäldern aus, zwischen Mosquitos und Schlamm, und überlegten, wie man mit der Regierung verhandeln könne.
Dennoch, die wohl kämpferischste Gruppierung Argentiniens der letzten Jahre – die piqueteros – haben die Skimützen der Chiapaneken zu ihrem Zeichen auserkoren. Um gesehen und gehört zu werden sperren sie mit brennenden Reifen Straßen – sie, die sie, ähnlich den Chiapaneken, zu den “Vergessenen des Systems” gehören.

Ausgrenzung der Indígenas
Am Ende des 19. Jahrhunderts begann das argentinische Militär seine Jagd auf die Indígenas. Sie endete nicht eher, bis deren Land eingenommen und die Indios selbst nahezu ausgelöscht waren. In Mexiko hingegen verfolgte man eine Politik der langsamen Ausrottung, indem man die Indígenas immer mehr an den Rand und in die Armut drängte. Zwei unterschiedliche Arten der Verdrängung, die besonders seit dem so genannten Jahrestag der „500-jährigen Entdeckung Amerikas“ wieder neu analysiert wurden.
In Argentinien misst man der Problematik der Indígenas seit 1992 immer größere Bedeutung bei. Man gründetet das INAI (Instituto Nacional de Asuntos Indígenas), das sich damit befasst, die von den Vorfahren überlieferten Rechte der Ureinwohner zu sichern und zu verteidigen. Dennoch stellen heute die wenigen Indios, die die zahlreichen Katastrophen der Vergangenheit überlebten, immer noch eine Randgruppe dar. In Chiapas jedoch lenkte der Aufstand der Indígenas wieder mehr Aufmerksamkeit auf den alten Konflikt, der bis dahin selbst von den linken Parteien wenig Beachtung gefunden hatte – wohl auch, weil es sich eben um eine kleine Minderheit handelt. Gerade diese Parteien begannen jedoch nun, sich des Themas stärker anzunehmen.

Lateinamerika hat sich verändert
Zielsetzung der EZLN war es, eine „neue Wechselwirkung der Kräfte zu schaffen“. Sie wollten „eher eine Brücke sein als ein Hafen“. Davon ausgehend kann man sagen, dass die Bewegungen, die zum Ende des letzten Jahrhunderts in Argentinien entstanden, sich dieser Zielsetzung anschlossen. Juan Gelman – GuerillakämpferInnen der 70er Jahre sowie Vater und Schwager von Verschwundenen während der Militärdiktatur Argentiniens zwischen 1976 und 1983 – hat während des heißen Sommers 1994 so richtig gesagt: „Niemand kann mit Sicherheit sagen, wie das Vorhaben der EZLN ausgehen wird. Eines jedoch ist sicher; seit ihrer Entstehung ist Lateinamerika nicht mehr wie es vorher war.“
Der Dichter hatte Recht. Im Dezember 2001 war Gelman nicht mehr Korrespondent in San Cristóbal de las Casas. Er lebte im aufständischen Buenos Aires, das sich – wie Chiapas – auflehnte gegen eine Politik des Hungers und der Ausgrenzung, die ihre Verbrechen im heuchlerischen „globalen Dorf“ beging.

Übersetzung: Anna Schulte

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