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Ein Leben in Würde

In La Fe, einer Ortschaft im Landkreis Lanús südlich von Buenos Aires, ist die kommende Präsidentschaftswahl im April unter den piqueteros der MTD („Bewegung Arbeitsloser Arbeiter“) kein großes Thema. „Von den Wahlen versprechen wir uns nichts“, erklärt Luís Salazar, einer der Gründer der MTD von Lanús. Es ist Januar, mittags zeigt das Thermometer unerträgliche dreißig Grad an. Das Gemeinschaftszentrum der MTD befindet sich in einer baufälligen Halle von 60 Quadratmetern. Die Arbeitslosen haben das Gebäude selbst errichtet, auf einem Gelände, das sie dem Landkreis abgetrotzt haben, genauso wie die restlichen Grundstücke des Viertels. 150 Menschen bekommen hier täglich ein Mittagessen. Männer und Frauen jeglichen Alters gehen ein und aus, begrüßen sich, machen Späße und unterhalten sich laut.
„Nach unserem Verständnis ist das, was wir machen, eine langfristige Aufbauarbeit“, fährt Luis Salazar fort. „Heutzutage gibt es in diesem Land keinen Politiker, der das repräsentiert, was wir uns auf die Fahnen geschrieben haben: den sozialen Wandel.“ Deshalb gehen sie auch nicht zu den Wahlen.
Das Viertel La Fe ist das ärmste in Lanús, einem Landkreis mit 400.000 EinwohnerInnen in jenem Gürtel, der die Stadt Buenos Aires umschließt und bislang die Bastion der peronistischen Bewegung war. Auf den Stadtplänen findet man das Viertel mit seinen 90 Prozent Arbeitslosigkeit nur als hellgrüne Fläche – eine Farbe, die sonst Brachen und Müllhalden vorbehalten ist. Und in der Tat war hier eine Deponie, bis die MTD dort kampierte und die Zufahrtsstraße trotz der Einschüchterung durch die Infanterie der Provinzpolizei 80 Tage lang sperrte. Am Ende sah sich die Kreisverwaltung, in Händen der Peronisten, gezwungen, nachzugeben und den Arbeitslosen das Gelände zu überlassen.

Wände aus Wellblech

Luís zeigt uns sein Haus, einige Straßenzüge entfernt: Wie die anderen Häuser im Viertel sind die Wände aus Wellblech. Er wohnt zusammen mit seiner Mutter, seiner Ehefrau und seinen zwei Kindern. „Wenn ich wollte, könnte ich viel besser leben, 800 oder 1.000 Peso im Monat verdienen.“ Mehrmals schon seien Mittelsleute der Parteien an ihn herangetreten, um ihm den Posten eines punteros anzubieten. „Ich habe aber jedes Mal ausgeschlagen, denn ich suche ein Leben in Würde.“ Mit Hilfe der punteros, den Basisfunktionären, operieren die großen Parteien in den Gebieten der Ärmsten: Die Parteien verpflichten Menschen mit Führungsqualitäten, die für einen geringen Lohn ihresgleichen organisieren, mobilisieren und kontrollieren. Viele der Ärmsten fügen sich diesen Autoritäten und erhalten im Gegenzug Medikamente und Lebensmittelpakete. Der Kampf gegen diese strukturelle Korruption ist einer der schwierigsten, den AktivistInnen wie Luís angehen.
Obwohl die MTD durch die piquetes, die Straßensperrungen, bekannt wurde, haben ihre AktivistInnen keinen Spaß daran, den Verkehr lahm zu legen. Luís meint: „Wenn du eine Umfrage machen würdest, würden dir 90 Prozent des Viertels sagen, dass sie das nicht gern machen. Niemand hat Lust darauf, der Polizei gegenüber zu stehen, fast zu erfrieren oder sich einen Sonnenstich zu holen.“ Schon Tage vorher müsse alles vorbereitet werden: „Die Sicherheit muss garantiert werden, es muss gekocht werden.“ Außerdem wisse man nie, wann man wieder nach Hause komme. Eine Sperrung zieht sich manchmal über Wochen hin. „Lieber organisieren wir die Volksküche oder denken uns Aktivitäten im Viertel aus. Aber wenn wir nicht rausgehen und kämpfen, haben wir nichts zu essen.“ Und er übertreibt nicht: In der Vorratskammer der Volksküche liegen nur Lebensmittel für die nächsten zwei Tage. Was sie danach machen, wissen sie noch nicht. Die Lebensmittel kommen manchmal als Spenden, oft werden sie der Regierung durch Proteste abgerungen, einige werden mit den Erlösen der selbst betriebenen Unternehmen gekauft. Im Gemeindezentrum funktioniert neben der Volksküche auch eine Bäckerei – mit dem Verkauf von Brot zum halben Marktpreis erwirtschaften die piqueteros täglich zwischen 15 und 20 Peso.

4000 Straßensperrungen

Von 1996 bis Ende 2002 gab es in ganz Argentinien mehr als 4000 Straßensperrungen, viele angeführt von den MTD. Normalerweise begründen die piqueteros diese mit sehr konkreten Forderungen nach Lebensmittelpaketen, Arbeitslosenhilfe, Land, um Häuser zu errichten, oder der Freilassung von Häftlingen, die bei ähnlichen Aktionen festgenommen wurden. Der dringliche Charakter der meisten Anliegen schließt aber keine breiter angelegten Forderungen aus. Als wir Luís nach seiner Meinung zur internationalen Politik befragen, zögert er zuerst: „Hier sprechen wir normalerweise wenig von Politik, die Organisation des Viertels ist unser vorderstes Anliegen.“ Dennoch gäbe es Kämpfe, die sie unterstützten. „Vor ein paar Tagen nahmen einige unserer compañeros an Protesten vor dem Sheraton teil, dem Hotel, in dem die Delegierten des Internationalen Währungsfonds wohnten, als sie das neue Abkommen aushandelten. Zu uns kommen auch Leute aus anderen Ländern und erzählen von ihren Kämpfen. Wir wissen vom Toten in Genua. Jedes Mal wenn die Mächtigen zusammenkommen, um die amerikanische Freihandelszone ALCA zu besprechen, oder in Davos, dann richtet sich das gegen uns alle.“
In den MTD entscheidet eine Versammlung darüber, ob eine Straßensperrung gemacht wird. Dann suchen sie die Solidarität anderer sozialer Kräfte, nehmen Kontakt zur Presse auf, stellen sich den Fernsehkameras und früher oder später kommt es zu einer Unterredung mit einem Regierungsvertreter, der ihnen meistens ein bisschen weniger anbietet, als sie fordern. Dann entscheidet wieder eine Versammlung darüber, ob die Blockade aufgehoben wird. Was erstritten wurde, wird proportional auf die Viertel verteilt, aus denen sich AktivistInnen an der Sperrung beteiligten. Diese Organisation in Versammlungen ist eine der Eigenschaften, die die Aníbal Verón, wie sich die MTD auch nennen, von den anderen Arbeitslosenverbänden unterscheidet. Der Name Aníbal Verón stammt von einem der ersten piqueteros, der von der Grenzpolizei in der Provinz Salta 1999 ermordet wurde.

Drei Strömungen

Zwei Dutzend Arbeitslosenverbände gibt es in Argentinien, die grob in drei Strömungen mit einer ähnlichen sozialen Basis eingeteilt werden können. Die Organisationen, die dem Gewerkschaftsdachverband CTA (Central de los Trabajadores Argentina) unterstehen, haben einen maoistischen und christlichen Ursprung, auch wenn viele ihrer AktivistInnen früher bei den Peronisten waren. Bis vor kurzem konnten diese am meisten Menschen mobilisieren, mittlerweile haben sie aber AnhängerInnen an andere Strömungen verloren. Wenn sie eine Straße sperren, lassen sie immer eine Spur frei, womit ihre Sperrungen einen symbolischen Charakter bekommen. Außerdem haben sie bisher die meisten Übereinkünfte mit der Regierung von Präsident Duhalde erzielt. Ihre aus dem peronistischen Gewerkschaftsspektrum stammenden AnführerInnen sind meist charismatisch, die ganze Bewegung ist stark vertikal ausgerichtet. Andere Arbeitslose gruppieren sich im so genannten Bloque Piquetero, einer Organisation, die einen deutlichen Einfluss von trotzkistischen und kommunistischen Linksparteien zeigt. Sie ist horizontaler, dennoch haben die AnführerInnen linker Parteien meist großes Gewicht. Die dritte Strömung ist die Arbeitslosenkoordination Aníbal Verón, in der sich fast alle MTD organisieren. Sie ist die horizontalste von allen Verbänden. Sie weigern sich, AnführerInnen zu bestimmen, setzen stattdessen auf ein zwölfköpfiges, monatlich rotierendes Präsidium. Der Revolution, die die compañeros vom Bloque Piquetero im Anmarsch wähnen, misstrauen sie und kämpfen doch oft für dieselben Anliegen.
„Viele sind der Ansicht, dass das ganze System jetzt in sich zusammenbricht, und dass dies für uns einen Vorteil bedeutet“, sagt Luís, „wir denken, es kann zwar sein, dass alles in sich zusammenfällt. Aber wir sind die Ersten, die darunter begraben werden.“ Käme es zu einer neuen Rebellion auf der Straße, würde vor allem die Rechte gestärkt. Das hätten die Regierenden bereits ausreichend bewiesen: „Mehr Repressionen, mehr gendarmería und zu guter Letzt schicken sie das Heer auf die Straße.“ Sie seien darauf nicht vorbereitet, räumt Luís ein: „Wir können nicht ins Viertel gehen und den Leuten sagen, sie sollen den Schüssen der gendarmería die Stirn bieten. Allerhöchstens können wir in der ganzen Verón auf 600 compañeros zählen, die der Polizei, wenn sie uns angreift, mit Steinen eine Weile standhalten, bis die Alten, Frauen und Kinder sich in Sicherheit gebracht haben.“

Ohne Strom

Die MTD entstanden im Großraum Buenos Aires um das Jahr 1996. Die transnationalen Energieversorger fingen an, den KundInnen den Strom abzustellen, wenn diese die Rechnungen nicht bezahlten. Das war etwas Neues: Denn als die Stromlieferer noch staatlich waren, dauerte es Jahre bis der Strom abgestellt wurde. Im Zuge der Privatisierungen waren die Tarife für viele soziale Gruppen in fast unbezahlbare Höhen gestiegen. Die SchuldnerInnen fingen an, sich in Versammlungen zu organisieren und Petitionen auszuarbeiten. In den Schreiben an die Regierung und an die Firmen forderten sie flexiblere Zahlungsfristen und erschwinglichere Tarife. In kurzer Zeit stellten die SchuldnerInnen in ihren Versammlungen fest, dass es in ihren Haushalten Arbeitslose gab. Zu Anfang waren 90 Prozent der TeilnehmerInnen Frauen: „Wenn Männer arbeitslos werden, versuchen sie es zu verstecken. Frauen gehen auf die Straße, wenn sie ihren Kindern nichts mehr zu essen geben können“, sagt Luís. „Nach und nach kamen mehr Männer, aber bis heute stellen die Frauen die Mehrheit bei den piqueteros.“

Der Kampf um Arbeitslosenhilfe

Die Hauptbeschäftigung der MTD sind aber nicht die Straßensperrungen, sondern die Verwaltung der Arbeitslosenhilfe, die sie von der Regierung bekommen, und ihre unterschiedlichen Kleinunternehmen. Von den ungefähr 4 Millionen Arbeitslosen Argentiniens bekommt nur knapp die Hälfte eine Unterstützung. Mehr als 90 Prozent dieser Gelder vergibt die Regierung selbst: durch Kreisverwaltungen, die von den beiden großen politischen Parteien des Landes kontrolliert werden. Die Arbeitslosen müssen, um die Hilfe zu beziehen, einen vierstündige Arbeitsdienst ableisten – meist eine Scheinbeschäftigung. Die restlichen Hilfen verteilen sich auf die verschiedenen Arbeitslosenverbände, die diese an ihre Mitglieder weitergeben. Die Arbeitslosenhilfe ist ein Novum in einem Land, in dem jahrzehntelang Vollbeschäftigung herrschte, und die auch erst nach einem langen Kampf der piqueteros eingeführt wurde. Die SchuldnerInnen der Öffentlichen Versorgung merkten zuerst, dass sie arbeitslos waren und dann, dass sie es auch für lange Zeit bleiben würden. Das war für sie der Ausgangspunkt für ihre Sache zu kämpfen. Die Verwaltung von 15.000 individuellen Hilfszuwendungen, die der Aníbal Verón zustehen, zwingt die Aktivisten der MTD dazu, sich ständig mit den FunktionärInnen der staatlichen Wohlfahrtseinrichtungen auseinander zu setzen. Da sie keinen Arbeitsdienst leisten, müssen sie zeigen, dass die Hilfen für produktive Zwecke eingesetzt werden. Eine Pflicht, die sich mit dem Image der „Unnachgiebigen“ beißt, dass ihnen von den Medien verpasst wurde. Mittlerweile haben sie sich zu wahren ExpertInnen der unterschiedlichen Hilfspläne gemausert, kennen Laufzeiten und Anträge, Formulare und Ausnahmeregelungen. Der Betrieb von Kleinunternehmen zwingt sie auch dazu, ein diszipliniertes Verhalten von ihren AktivistInnen einzufordern. „Das Härteste ist und bleibt der tägliche Kampf ums Überleben“, stimmen diese überein. Die MTD haben 100 Volksküchen eingerichtet, in jeder speisen täglich zwischen 70 und 100 Personen umsonst. Ebenso 100 Bäckereien, einen Bauernhof, der Gemüse und Fleisch für die Volksküchen liefert, Erste-Hilfe-Praxen, Schneiderwerkstätten, in denen Kleidung aus zweiter Hand ausgebessert wird, Putzkolonnen, die das eigene Viertel säubern und eine Ziegelbrennerei.

Teilen lernen

Die Verantwortung für die Ziegelbrennerei trug bis zum 26. Juni Darío Santillán. An jenem Wintertag wurde er von der Polizei erschossen, als er dem verwundeten compañero, Maximiliano Kosteki zur Hilfe eilte. Sein Verhalten soll aber nach Ansicht der piqueteros nicht als heroisch verklärt werden, vielmehr versuchen sie in Workshops, gemeinsam solidarisches Verhalten zu trainieren. Diese Workshops werden von Arbeitslosen zusammen mit StudentInnen durchgeführt. Luís erklärt: „Hier inmitten des ganzen Elends galt früher: Friss oder stirb! Wir versuchen, durch Rollenspiele diese Mentalität aufzubrechen. Man lernt, dass, wenn es zwei Kilo Zucker gibt, und wir zu zehnt sind, es dann besser ist, wenn jeder 200 Gramm davon abbekommt, als einer alles.“
Man ist schnell verleitet zu denken, dass eine Organisation, die in der Lage ist Tausende von Arbeitslosenhilfen zu verwalten, die Straßenblockaden mit Hunderten von AktivistInnen durchführt, die Tausenden von Kindern täglich zu essen gibt, über eine komplexe Struktur verfügen müsste. Doch in der ganzen Aníbal Verón gibt es nur sieben Mobiltelefone, mit denen sich die AktivistInnen untereinander abstimmen und nach außen kommunizieren. Nur dafür reichen die 2 bis 3 Pesos, die ihre Mitglieder monatlich – sofern sie können – beitragen.
Ihre Gemeindezentren sind ständig vom Einsturz bedroht, einige haben nicht einmal ein Dach. Die Bedürftigkeit der Verón leitet sich aus der extremen Armut ihrer Mitglieder ab. Der gesellschaftliche Wandel, für den sie kämpfen, begründet sich in der Erfahrung der verlorenen Arbeit. „Wir wissen nicht, wann es zu einem Wandel kommen wird,“ räumt Luís ein, „sicherlich werden viele Jahre vergehen, aber wir müssen unseren Weg gehen und dabei zu einer Methode kommen, mit der wir alle eine Beschäftigung finden und in Würde arbeiten können.“

Übersetzung: Timo Berger

Spenden können überwiesen werden an das FDCL e.V.; Stichwort „Piquetero“; Konto-Nr.: 17 69 66-104; BLZ 100 100 10, (Spendenbescheinigungen können ausgestellt werden.)

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