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Eine Anti-Diva, die etwas Echtes singt

Die Geschichte fängt Mitte der Neunziger in einer Bar in Bogotá an. Dort treffen sich zum ersten Mal Andrea Echeverri und Héctor Buitrago. Es ist der Anfang einer Beziehung, die bis heute eine ganze Generation fasziniert und begeistert. Kalte harte Straßen, lange Nächte begleitet von Bier und Zigaretten, Singen bis zum Morgengrauen nur der Berufung wegen, das Bedürfnis, dem lokalen Publikum eine Geschichte zu erzählen. Bald verwandelt sich all dies in eine Neuigkeit, die sich in Kneipen, an Ecken, in Schulen und Unis verbreitet und endet in einer Sound-Explosion. Los Aterciopelados werden geboren aus der Spaltung von Delia y los Aminoácidos.
Ihre ersten Schreie waren nur das: Schreie, Lust und viel Energie, um Covers von Gruppen zu machen, die zu der Zeit die Musikszene dominierten wie Pixies, Red Hot Chili Peppers, Jane´s Adiction, usw. Durch diese Beeinflussung definierten sie später ihren Rock-Punk-Charakter mit psychedelischen Tendenzen. Bis dahin deutete alles darauf hin, dass die Band weiterhin nur Kopien machen würde und den einen oder anderen Versuch in dem schon bekannten Hin und Her des Rock Latino. Gerade das Neue entstand dann durch „In-sich-hinein-Schauen“ und dadurch, dass nicht mehr nach anderen Ausschau gehalten und dieses nachgeahmt wurde.
Die Aterciopelados waren immer eine Mischung aus Erfahrung und Praxis. Aus dieser Fusion stammt diese Musik, die man auf der noch härteren Straße hört, in dem noch volleren Bus, auf dem Asphalt, aber auch auf dem Land, neben einem Fluss oder auf einem Schulfest. Ihre Texte waren immer sehr direkt und hart, aber gleichzeitig auch sehr simpel und einfach, und sie besaßen eine gewisse populäre Nostalgie und Weisheit. Jedes Konzert verwandelte sich in einen echten Kampf, in dem das Publikum sich den Göttern des Chaos in einem Fieberwahn hingab. Es waren die mit elektrischer Gitarre und Schlagzeug gespielten Klänge der Erde, des Landes, der „Alten“.

Mit dem Herzen in der Hand

All dies hätte ohne die ungeheure Energie von Andrea vor ihrem Publikum nie funktioniert. Sie verkörpert die Anti-Diva, den Anti-Star, ein Schmerz stillendes Wesen. Alle hatten die perfekten Kurven, gestylten Haare und genau kalkulierten Choreografien satt, die häufig in der Szene zu sehen waren. Endlich mal jemand Echtes, die etwas Echtes singt und spielt!
Das erste Album von Aterciopelados, „Con el corazón en la mano“ (1993), war ein Abfeuern von Gitarren, mit verzerrten Tönen, die mehr aus dem Bauch als aus dem Herzen kamen. Punk-Rock im reinsten Sinn. Mit ihrem zweiten Album „El Dorado“ (1995) begannen sich neue Mischungen aus populären Liedern (vallenato und cumbia) herauszukristallisieren. Es waren immer noch harte Töne, aber sie waren besser produziert als vorher und besaßen mehr „sabor latino“. Der erste große Hit von „Aterciopelados“ hieß „Bolero Falaz“ und ist ein autobiografisches Lied. Dann beendeten Andrea und Héctor ihre Liebesbeziehung, um sich mehr auf ihre Kreativbeziehung (eine andere Art der Liebe) zu konzentrieren. Dieses Album war der Schlüssel, um auf Tour gehen zu können, andere Musiker kennen zu lernen, Erfahrung zu sammeln und zu merken, dass sie sich auf dem richtigen Weg zum Erfolg befanden.
Mit den gesammelten Erfahrungen konzentrierten sie sich auf ihr neues Album „La Pipa de la Paz“ (1996). Es war eine Bestätigung von dem, was schon das vorige Album angesagt hatte, aber diesmal war es noch professioneller gemacht. Das Album wurde in London von Phil Manzanera (Ex Roxy Music) produziert, und das Ergebnis war einmalig. Lieder wie „Cosita Seria“, „Chica Difícil“ und „Baracunatana“ riefen einen Wirbel in der Latino-Musikszene hervor. Es ergab sich die erste Nominierung für einen Grammy in der Kategorie „Best Latin Rock / Alternative Performance“. Die Aterciopelados gingen wieder auf Tour, aber diesmal auch in Europa, um mit Gruppen wie Heroes del Silencio aus Spanien zusammen zu spielen.
Danach folgte eine Aufnahme von MTV Unplugged und darauf produzierten sie ihr erstaunliches Album „Caribe Atómico“ (1998). Diesmal wurde es im Big Apple unter dem Taktstock von Andres Levin, und der Mitarbeit von Arto Lindsay, Marc Ribot (Gitarrist von Tom Waits u.a.) und Alfredo de la Fé (Fania All Stars) aufgenommen. Das Ergebnis zeigt eine 360 Grad-Änderung im Musikstil. Diesmal begaben sich die Aterciopelados auf einen Ausflug in die elektronische Karibik und in das Blaue des Trip Hop, natürlich wieder mit dem „beat latino“ vermischt.

Texte mit feministischer Färbung

Die Texte kamen aus der städtischen und populären Liedersammlung, aus der radionovela, aus den rancheras und dem bolero. Sie hatten eine feministische Färbung, die aufs neue den provokativen Charakter von Andrea unter Beweis stellte. Zum zweiten Mal wurde die Band für den Grammy nominiert, und die Einladungen zu Auftritten, sei es bei einem Tribut-Konzert oder einem politischen Projekt, nahmen kein Ende.
Mit dem Album „Caribe Atómico“ haben die Aterciopelados klar gezeigt, dass sie mehr als nur eine Mischung aus verschiedenen Rhythmen aus der Rezeptverschreibung sind. Sie haben gezeigt, dass sie MusikerInnen in konstanter Entwicklung mit einer klaren Berufung und einer definierten Position sind. Und das in einem Land wie Kolumbien, in dem, wie wir alle wissen, mit lauter Stimme zu reden, eine Sache von Leben und Tod sein kann. Und genau das ist das Thema ihres neuen Albums mit dem Titel „Gozo Poderoso“ (2001). Hier werden Momente im Leben besungen, in denen der Tod droht. Das Album wurde komplett in Kolumbien entworfen, geschrieben und produziert. Viele Musiker aus verschiedenen Musikrichtungen haben an dem Album mitgewirkt. Sie haben Flöten und Trommeln mit eingebracht, um dieses neue Ritual zu feiern, indem sie sich vorgenommen haben, eine klare Botschaft von Frieden und innerer Freude durch das Genieben der Musik zu hinterlassen.

Übersetzung: Julia Keller

Alben:
“Con el Corazón en la Mano” (1993)
“El Dorado” (1995)
“La Pipa de la Paz” (1996)
“Caribe Atómico” (1998)
“Gozo Poderoso” (2001)

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