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Kleine Fluchten

Big Old Macho Ernest Hemingway und seine Romane bieten eigentlich nicht gerade den Stoff, an dem sich die Phantasien junger Frauen entzünden. Auch für die Kubanerin Larita ist der berühmte Schriftsteller, der seit einiger Zeit in ihrer Nachbarschaft wohnt, zunächst eine eher abstrakte, merkwürdige Gestalt. Der einsame Bewohner der Luxusvilla auf dem Hügel, der sich von Zeit und Zeit in einer Limousine durch die Gegend kutschieren läßt, der Besitzer des Swimming Pools, in dem sie heimlich mit ihrer Cousine badet. Larita, die kurz vor dem Abitur steht, hat den Kopf voller Wünsche und Pläne. Sie will ein Stipendium für die USA ergattern, Philosophie und Literatur studieren, mit ihrem Freund Victor zusammensein – und raus aus den ärmlichen Lebensverhältnissen. Bloß nicht so enden wie ihre Mutter, die Essen auf der Straße verkauft. Als ihr die Englischlehrerin Hemingways “Der alte Mann und das Meer” schenkt, ist Larita wider Erwarten fasziniert. Je mehr sie in ihrem eigenen Leben gegen Mauern anrennt, desto stärker beginnt sie, sich mit dem Fischer und seinem Kampf gegen äußere Widrigkeiten und die eigene Erschöpfung zu identifizieren.
In “Hello Hemingway” – der bereits 1990 gedreht wurde, aber erst jetzt in Deutschland ins Kino kommt – verdichten die Drehbuchautorin Mayda Royero und der Regisseur Fernando Pérez eigene Erinnerungen aus dem Kuba der fünfziger Jahre: Einerseits die kleinen, individuellen Fluchten, das sehnsüchtige Schielen Richtung USA, der Heimat von Elvis und Hemingway. Andererseits die Proteste gegen die Batista-Diktatur, der Wunsch nach Veränderung im eigenen Land. Larita ist keine sozialistische Heldin, sondern eine zähe, individualistische Träumerin, die sich mit ihren Bedürfnissen immer weiter in die Einsamkeit, ins Abseits gedrängt fühlt – und sich selbst dorthin manövriert: Als Victor und andere Schüler zu Protestaktionen aufrufen, bleibt Larita als einzige sitzen, trotzig und verstockt.
Wer Fernando Pérez’ vier Jahre später entstandenen Film “Madagascar” gesehen hat, der unter anderem auf der Berlinale zu sehen war (siehe LN 249), entdeckt unterschwellige Gemeinsamkeiten wieder – unter anderem in Form der Gesichtzüge der Hauptdarstellerin Laura de la Uz. Beide Male spielt sie eine junge Kubanerin, die sich aus der Alltagstristesse in ihre eigene Welt flüchtet – mit dem kleinen Unterschied, daß “Madagascar” nicht während der Batista-Diktatur, sondern im Kuba der neunziger Jahre spielt.
Das Sympathische an “Hello Hemingway” ist, daß er zwar persönliche und politische Träume und Aufbruchstimmungen aufeinander prallen läßt, aber trotz der deutlichen Stellungnahme für die linke Opposition zu keinem Zeitpunkt versucht, sie gegeneinander auszuspielen. Im Gegenteil: Mit seiner poetischen Bildsprache und den pointierten Dialogen begibt sich der Film selbst in ein Spannungsfeld zwischen unterschiedlichen Polen, zwischen Verträumtheit und Schärfe. So klingt es schonungslos offen, wenn Victor zu Larita sagt: “Der alte Mann und du, ihr seid verrückt.” Aber sein Blick dabei ist zärtlich und fasziniert.

“Hello Hemingway”, Kuba, 1990, Regie: Fernando Pérez, Farbe, 90 Minuten.

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