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Krimi in Caracas

Mit der Festnahme von mehr als 100 kolumbianischen Paramilitärs auf einem Privatgelände im Stadtgebiet von Caracas verdichten sich die Anzeichen dafür, dass kolumbianische und venezolanische Rechte grenzüberschreitend am Aufbau von Contra-Einheiten gegen die Chávez-Regierung arbeiten. Die allmählich an die Öffentlichkeit gelangenden Informationen muten an, als entstammten sie der Feder des mexikanischen Krimiautors Paco Ignacio Taibo.
Die Operation der venezolanischen Geheimpolizei DISIP begann am Morgen des 9. Mai, als auf dem im Reichenviertel El Hatillo gelegenen Grundstück des Oppositionspolitikers und Exilkubaners Roberto Alonso Dutzende von bewaffneten Kolumbianern verhaftet wurden. Den Angaben der Ermittlungsbehörden zufolge unterstanden die Männer, die venezolanische Armee-Uniformen trugen, dem Kommando der kolumbianischen Paramilitär-Kommandanten „Lucas“, „Jefferson“ und „Richard“, die im kolumbianischen Grenzdepartment Norte de Santander für zahlreiche seit 1999 verübte Massaker verantwortlich gemacht werden.
Einige der Verhafteten erklärten gegenüber dem staatlichen Fernsehkanal VTV, die mit Unterstützung von venezolanischen Offizieren agierende Gruppe habe Angriffe auf Einrichtungen in der Nähe des Präsidentenpalastes geplant und sei die Vorhut einer 3000 bis 4000 Mann starken paramilitärischen Truppe gewesen. Die Regierung Chávez äußerte daraufhin die Ansicht, die Gruppe in Caracas hätte einen Aufstand der Armee gegen den Präsidenten simulieren und damit eine innenpolitische Krise provozieren sollen.

Inszenierung versus Invasion
Die bürgerliche Opposition in Venezuela bezeichnete die Polizeioperation als Medieninszenierung und wies darauf hin, dass laut Chávez viele der verhafteten Kolumbianer untrainierte Bauern aus der Grenzregion seien. Weil für eine derartige Kommandoaktion, so die Argumentationskette, unerfahrene Rekruten jedoch ungeeignet seien, könne es sich nur um ein Täuschungsmanöver des Präsidenten handeln. Wenige Tage vor der Entscheidung über das Abwahlreferendum gegen Chávez wolle sich dieser zum Opfer einer Invasion stilisieren.
Doch für die Version eines Interventionsplans spricht eine gewichtige Tatsache: Der Paramilitarismus, wie man ihn aus Kolumbien kennt, breitet sich zusehends auch in Venezuela aus. Seit 2001, als die Regierung Chávez ein Dekret zur Agrarreform erließ, haben rechte Todesschwadronen 150 venezolanische Kleinbauernführer ermordet – die meisten von ihnen in den grenznahen Bundesstaaten Zulia, Apure, Táchira und Barinas. Bereits 2002 gab der damalige Chef der kolumbianischen AUC-Paramilitärs Carlos Castaño in einem Interview mit der kolumbianischen Tageszeitung El Tiempo unumwunden zu, eine venezolanische Partnerorganisation namens AUV auszubilden und „unsere Brüder solidarisch zu unterstützen“. Im Dezember 2003 schließlich erklärte der AUV-Kommandant „Antonio“ vor JournalistInnen, seine Gruppe könne auf 2500 Bewaffnete zählen. Ihr Ziel: Hugo Chávez und seinen Vizepräsidenten José Vicente Rangel erschießen und bald in den Städten agieren.

In schlechter Nachbarschaft
Die Affäre um die kolumbianischen Paramilitärs steht im Zusammenhang mit wachsenden bilateralen Spannungen. Die venezolanische Regierung erklärte vergangene Woche zwar, der kolumbianische Präsident Uribe habe von den Aufstandsplänen ebenso wenig gewusst wie der größte Teil der venezolanischen Opposition und bezeichnete das Verhältnis der beiden Regierungen als „ziemlich gut“.
Doch hinter den Kulissen brodelt es gewaltig. Die linksliberale kolumbianische Politikerin Gloria Gaitán hatte dem kolumbianischen Präsidenten schon im April vorgeworfen, gemeinsam mit Washington eine Intervention gegen den venezolanischen Reformprozess vorzubereiten. Der Vorwurf war zwar zu nebulös, um als Anklageschrift gegen Uribe herhalten zu können, doch dass die Regierenden in Bogotá enge Verbindungen zur venezolanischen Rechten unterhalten, ist kein Geheimnis. Der kolumbianische Vizepräsident Francisco Santos bezeichnete Chávez unlängst als größtes Sicherheitsrisiko Lateinamerikas und der Kongress in Bogotá forderte Uribe im April 2004 auf, in der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) auf Sanktionen gegen Venezuela zu drängen.

Mächtige Exilanten und intrigierende Kommandanten
Zahlreiche von der venezolanischen Justiz gesuchte Politiker – darunter der Führer des Putschversuchs vom April 2002, Unternehmerverbandschef Pedro Carmona und der wegen Korruption verurteilte Ex-Präsident Carlos Andrés Pérez, haben in Kolumbien Zuflucht gefunden. Carlos Andrés Pérez hatte erst vor Kurzem von dort aus wieder zum gewaltsamen Sturz der Regierung Chávez aufgerufen. Die Verbindungen gehen so weit, dass sich der kolumbianische Heereskommandant Martín Orlando Carreño im Frühjahr 2004 mit venezolanischen GroßgrundbesitzerInnen in der Grenzstadt Cúcuta traf, um über gemeinsame Sicherheitsstrategien im Grenzgebiet zu diskutieren.
Das Verteidigungsministerium in Bogotá dementierte die Privatdiplomatie ihres Heereskommandanten erst gar nicht, sondern wies nur darauf hin, dass die Personen, mit denen sich General Carreño getroffen habe, „nicht außerhalb des Gesetzes stünden oder den Sturz demokratischer Regime zum Ziel hätten“. Vor diesem Hintergrund ist es wenig verwunderlich, dass man in Venezuela auch die jährliche US-Militärhilfe für Kolumbien in Höhe von 500 Millionen US-Dollar zunehmend als Bedrohung empfindet.
Ein Kriegsausbruch ist zwar nicht zu befürchten, doch die Entwicklung weist beunruhigende Parallelen zur Situation in Mittelamerika in den 1980er Jahren auf, als die nicaraguanische Contra in Honduras installiert wurde. Der Clou an einer derartigen Hilfstruppe ist, dass sie nicht gewinnen muss, um erfolgreich zu sein. In Nicaragua sorgte die Contra dafür, dass eine kriegsmüde Bevölkerung 1990 die sandinistische Regierung schließlich abwählte. Auch in Venezuela, wo Referenden und Wahlen anstehen, müssen dubiose paramilitärische Aktivitäten keineswegs auf einen erfolgreichen bewaffneten Umsturz abzielen.

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