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Lichter aus!

An der Universität Rostock, ehemals Wilhelm-Pieck-Universität, hatte sich aus der Romanistik und nachfolgend dem Lateinamerika-Institut nach der Hochschulreform von 1968 eine Sektion der Lateinamerikawissenschaften entwickelt. Den Anstoß, sich überhaupt auf wissenschaftlicher Basis mit dem entfernten Kontinent zu befassen, hatte 1959 bereits die Kubanische Revolution gegeben. Die Sektion Lateinamerikawissenschaften gehörte zusammen mit den Afrika-Nahostwissenschaften (Leipzig), den Asienwissenschaften (Berlin) und den Nordeuropawissenschaften (Greifswald) zu den interdisziplinär ausgerichteten Regionalwissenschaften in der DDR. Deren Etablierung war auf das engste mit der diplomatischen Anerkennung der DDR durch die Entwicklungsländer in den 1960er und 1970er Jahren und den daraus hervorgehenden politischen und wirtschaftlichen Beziehungen verbunden. Insofern waren die Regionalwissenschaften, die kein Pendant an Universitäten der anderen sozialistischen Länder, aber auch nicht in der BRD besaßen, ein genuines Kind der Wissenschaftspolitik der DDR und durch ihre Gegenwartsbezogenheit und Politikrelevanz natürlich auch „staatsnah“. Hinzu kam, daß durch die Etablierung der Regionalwissenschaften in nicht wenigen Fällen die weitere Entwicklung altertumswissenschaftlicher und linguistischer Institutionen ins Hintertreffen geriet. Diese Tatsache führte dann auch 1990 zu ihrer pauschalen Abwicklung seitens bestimmter politischer Kräfte, insbesondere auf Landesebene.

Wie funktionierte die DDR-Lateinamerikanistik?

Ende der 1980er Jahre umfaßten die Rostocker Lateinamerikawissenschaften folgende Fachgebiete: Ökonomie, Geschichte, Soziologie, Literatur, Philosophie/Politik, Indianische Sprachen und Kultur sowie Hispanistik und Lusitanistik. Mit der Einrichtung verbunden war eine Zweigstelle der Universitätsbibliothek mit ca. 43.000 Bänden, eine Dokumentations- und Informationsstelle, ein umfangreiches zeitgeschichtliches Archiv und ein äußerst wertvolles Archiv lateinamerikanischer Popularmusik, das eine der größten Privatsammlungen Europas darstellte.
Die Sektion gab auch eine eigene Zeitschrift „Lateinamerika“ heraus, die am längsten erschienene Fachzeitschrift dieser Art in Deutschland. Lange wissenschaftliche Kontakte und vertraglich abgesicherte Kooperationsbeziehungen existierten zu Universitäten, Institutionen und einzelnen WissenschaftlerInnen in Lateinamerika, in den USA, in Ost- und Westeuropa und im skandinavischen Raum. Alle zwei Jahre wurden ca. 20 StudentInnen immatrikuliert. Nach fünf Jahren schlossen sie die Ausbildung mit einem Diplom ab. Die überwiegende Mehrheit der StudienabgängerInnen wurde (vor 1990) als SprachlehrerInnen bzw. DolmetscherInnen für Spanisch und Portugiesisch, in Forschung und Lehre sowie in Großbetrieben mit Außenhandelsbeziehungen eingesetzt. Nur wenige AbsolventInnen erhielten eine Anstellung in zentralen Einrichtungen von Partei und Staat, die ja bekanntlich ihre eigenen Ausbildungsstätten hatten. Diese wenigen Fälle waren dann allerdings später die Grundlage für die bisweilen kolportierte Behauptung, daß die Lateinamerikawissenschaften eine „Kaderschmiede der SED“ gewesen seien. Im September 1990 wurden die letzten StudentInnen an der Sektion immatrikuliert.

Der Anfang vom Ende

Bereits in den Monaten Oktober/November des gleichen Jahres verdichteten sich Hinweise darauf, daß seitens des Kultusministeriums in Schwerin die Abwicklung der gesamten philosophischen, wirtschaftswissenschaftlichen und agrarwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock geplant war. Dieses Vorhaben konnte zwar durch massive Proteste verhindert werden, nicht aber die Abwicklung bestimmter Fachbereiche und Institutionen. Wenige Tage vor Weihnachten 1990 erfuhren MitarbeiterInnen und StudentInnen der Lateinamerikawissenschaften aus den Medien, daß ihre Einrichtung abgewickelt werden sollte. Diesem rein administrativen Akt war weder eine Diskussion noch eine fachliche Evaluierung oder politisch-moralische Überprüfung der MitarbeiterInnen vorausgegangen. Es wurde auch nicht der Tatsache Rechnung getragen, daß der Senat der Universität der neuen Entwicklungs- und Ausbildungskonzeption der Sektion gerade seine Zustimmung erteilt hatte. Grundlage des Beschlusses waren einzig und allein pauschale politische Vorurteile, deren Berechtigung und Wahrheitsgehalt niemals überprüft worden sind. Dieser Abwicklungsbeschluß entsprach auch nicht dem Geist des Einigungsvertrages, da es sich bei Lateinamerikawissenschaften nicht um eine Institution handelte, die automatisch mit dem Erlöschen der DDR oder ihres politischen Systems ihre Daseinsberechtigung verloren hätte, was, zum Beispiel, mit Ministerien oder anderen Einrichtungen der Fall war.
Die Abwicklung löste nicht nur bei MitarbeiterInnen und StudentInnen des Fachbereichs Protest aus. PolitikerInnen, Universitäten und zahlreiche WissenschaftlerInnen aus den alten Bundesländern, Europa und Lateinamerika sowie der Rektor, Konzil und Fakultätsrat protestierten im Kultusministerium von Mecklenburg-Vorpommern und bei der Universitätsleitung gegen die Schließung. Diese Proteste und der den StudentInnen zugesicherte Vertrauensschutz bildeten die Grundlage für einen vermeintlichen Neubeginn 1991.
Parallel zur Neustrukturierung der Lateinamerikawissenschaften gab es zahlreiche Bemühungen, den weiteren Bestand des Instituts abzusichern. 1991 faßten der Europäische Rat für Sozialforschung zu Lateinamerika (CEISAL) in Wien und die Arbeitsgemeinschaft Deutsche Lateinamerikaforschung (ADLAF) entsprechende Beschlüsse, um ihr institutionelles Mitglied in Rostock zu unterstützen. Ein Jahr darauf wurde von der Universität ein Beirat zur Neustrukturierung der Lateinamerikawissenschaften gebildet, dem unter anderem Professoren aus den Universitäten von Hamburg, Nürnberg, Münster und Tübingen angehörten. Die Empfehlungen des Beirates waren, prinzipiell ein interdisziplinäres wissenschaftliches Lateinamerikazentrum mit sechs MitarbeiterInnen beizubehalten.

Die Einebnung

Im August 1992 kam dann die Nachricht, daß an eine Weiterführung der Lateinamerikawissenschaften nicht zu denken sei. Zunächst sollte sogar die Ausbildung der immatrikulierten StudentInnen von auswärtigen Kräften übernommen werden. Durch die Unterstützung der Universität gelang es zwar noch, die Institutsstruktur zu erhalten, aber von ehemals rund 30 MitarbeiterInnen blieben gerade mal vier übrig. Obwohl sich Rektor, Senat und Fakultätsrat bis 1995 für die vom Beirat gegebenen Empfehlungen einsetzten, wurde am 30. September des gleichen Jahres die Einrichtung – nun wirklich für immer – geschlossen.

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