«

»

Artikel drucken

Lieber nicht zwölf werden

Das Dorf ist Spielplatz und Schlachtfeld zugleich: Die Front zwischen Militär und Guerilleros verläuft mitten durch Cuscatazingo. Die Armee ist überall im Dorf präsent und nicht nur die Guerilla ist ihr Ziel, alltäglich sterben auch ZivilistInnen und Kinder. Das ist Alltag für den elfjährigen Protagonisten Chava (Carlos Padillo), dessen Vater sich der Guerilla angeschlossen hat und der mit seiner Mutter Kella (Leonor Varella) und seinen beiden Geschwistern in einer Wellblechhütte wohnt.
Hintergrund des Films ist der 1980 ausgebrochene Bürgerkrieg in El Salvador zwischen rechter Regierung mit Armee und Todesschwadronen und der Guerilla FMLN (Farabundo Martí Liberación Nacional). Die Reagan-Regierung unterstützte damals die salvadorianische Armee finanziell und entsandte zahlreiche Militärberater nach El Salvador, mit der Behauptung, die damalige UdSSR und andere Ostblockstaaten würden die Aufständischen der FMLN über Kuba und Nicaragua unterstützen. Insgesamt starben in diesem Krieg 70.000 Menschen. Unter anderem rekrutierte die Armee Jungen bereits ab dem zwölften Lebensjahr, um ihre Einheiten zu verstärken. Erst 1992, nach zwölf Jahren Bürgerkrieg, kam es zum offiziellen Friedensschluss.

Verlorene Kindheit

Chava muss schon als Junge die Rolle des Familienvaters übernehmen, nachdem sein Vater in den Krieg gegen die Armee gezogen ist. Er arbeitet neben der Schule als ayudante bei einem Busfahrer, um die finanzielle Lage der Familie zu verbessern. Seine Mutter arbeitet zuhause als Näherin. Jeder Tag der Familie ist von der Angst bestimmt, es könne der letzte Tag sein, denn die Armee beschießt das Dorf in brutaler Regelmäßigkeit. Mehrere Male wird Chavas Haus zerstört. Der Elfjährige ist ein Erwachsener, der sich mit der tödlichen Bedrohung auseinandersetzen muss, und gleichzeitig auch ein kleiner Junge, der mit seinen Freunden im Wald spielt. Torres selbst sagt in diesem Zusammenhang: „Die Wahrheit ist, dass ich als Kind keine Angst hatte getötet zu werden. Ich hatte Angst, dass meiner Mutter was passieren könnte und dass ich in die Armee eingezogen würde.“
Der zwölfte Geburtstag ist also das Grausamste, was Chava passieren kann. Zwölf zu werden heißt, eingezogen werden zu können. Darüber kann auch die fehlende zwölfte Kerze auf dem Geburtstagskuchen nicht hinwegtäuschen: Für Chava ist die Kindheit zu Ende. Als den DorfbewohnerInnen durch die Guerilleros die Nachricht zugesteckt wird, dass die Armee am nächsten Tag wieder Jungen rekrutieren wird, verstecken sich alle auf den Wellblechdächern ihrer Häuser. Einmal funktioniert das sogar, beim nächsten Mal jedoch ist die Armee schneller: auch das Camp der Guerrilleros, in dem sich einige Jungen versteckt halten, wird mitten in der Nacht von Soldaten beschossen. Chava wird mit drei anderen Jungen abgeführt: Die Anfangssequenz, in der vier Jungen mit verschränkten Armen durch strömenden Regen von Soldaten eskortiert, abgeführt werden, wiederholt sich. In Zeitlupe wird gezeigt, wie einem Jungen nach dem anderen das Gewehr ins Genick gepresst wird und der Schuss erfolgt. Chava muss zusehen, wie seine Freunde neben ihm wie Marionetten tot zusammensacken. Ihn selbst rettet der Schuss eines Guerrilleros, der auf den mordenden Soldaten schießt.

Krieg aus Kinderaugen

Ursprünglich wollte Oscar Torres die Geschichte des Protestliedes „Casas de Cartón“ („Papphäuser“) von der venezolanischen Gruppe Los Guaraguaos erzählen, das während des Bürgerkrieges in El Salvador zur Hymne des Widerstandes wurde und nur auf dem verbotenen Sender der FMLN zu hören war. Daraus entwickelte er zusammen mit Regisseur Luis Mandoki das Drehbuch. Im Film erscheint diese Idee wieder, dadurch dass Chava von seinem Onkel Beto (Jose María Yazpik), der auch der Guerilla angehört, ein kleines Plastikradio bekommt, mit dem er „Casas de Cartón“ immer hören kann. Für Chava ist dies bisweilen eine nahezu lebensgefährliche Angelegenheit. Einmal läuft er mit laut aufgedrehtem Radio direkt an den Soldaten vorbei zur Schule. Der Pfarrer (Daniel Giménez Cacho), der aus seiner Sympathie für die Guerilleros in der Öffentlichkeit keinen Hehl macht, warnt ihn, so dass Chava beim zweiten Mal selber die Situation erfasst und einen anderen Sender einstellt: ironischerweise erklingt dort „I will survive“ von Gloria Gaynor.
Die politische Dimension des Bürgerkriegs steht im Film im Hintergrund. Er sympathisiert zwar eindeutig mit den Guerrilleros und kritisiert die Verstrickung der USA in den Krieg, Hauptanliegen ist es jedoch, Krieg aus der Sichtweise eines Kindes darzustellen, das mit elf Jahren noch keine differenzierte politische Meinung hat, sondern lediglich zwischen Gut und Böse unterscheidet. Chava lebt in einer verkehrten Welt, in der es gilt das letzte bisschen unschuldige Kindheit zu retten. Allerdings weiß er ganz genau, dass furchtbare Dinge passieren und er selber unmittelbar in Gefahr ist. Dazu erzählt Oscar Torres: „Ich erinnerte mich, wie wir als Kinder mitten in diesem Alptraum versuchten Spiele zu erfinden, oder wie ich auf dem Rücken liegend Hausaufgaben machte, um nicht von einer Kugel getroffen zu werden.“

Von der Massenware zum Aufklärungsfilm

Der mexikanische Regisseur Luis Mandoki ist bisher bekannt für gefällig glatte Hollywoodproduktionen wie Message in a bottle (1999), mit Kevin Costner, Trapped (2002) und Angel Eyes (2001) mit Jennifer Lopez. Für Mandoki selbst, der seit 15 Jahren nicht mehr in Mexiko gearbeitet hat, war Voces Inocentes, wie er sagt, eine Herausforderung. Der Film wurde mit einem relativ kleinen Budget von fünf Millionen US-Dollar gedreht. In El Salvador, den USA und Mexiko ist er bereits angelaufen und wurde, trotz der kritischen Position gegenüber der damaligen Politik der USA und El Salvadors, enthusiastisch aufgenommen. In Mexiko wollte man die Altersgrenze wegen der Gewaltszenen auf 15 Jahre hochsetzen. Mandoki gab an, er wolle mit dem Film auf die Gewalt aufmerksam machen, die gegenüber Kindern jeden Tag überall auf der Welt verübt werde. Voces Inocentes ist ein Film, der darüber aufklären will und richtet sich in diesem Sinne sowohl an Jugendliche als auch an Erwachsene.

Voces Inocentes; Regie: Luis Mandoki; Drehbuch: Oscar Orlando Torres; Mexiko 2004; Farbe; 120 Minuten.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/lieber-nicht-zwoelf-werden/