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Mit Selbsthilfe zum Eigenheim

Im sozialistischen Kuba laufen viele Dinge anders als in Europa – der Weg zu den eigenen vier Wänden zum Beispiel. Dessen Ziel ist in der Regel nicht das freistehende Eigenheim oder Reihenhaus. In den kubanischen Städten, in denen ungefähr 75 Prozent der KubanerInnen leben, geht es selten um Häuser: Wer von seiner „casa“ spricht meint zumeist eine ein, zwei oder drei Zimmer große Wohnung. Aber er oder sie meint eine eigene Wohnung, denn seit der Revolution sind die meisten KubanerInnen zu Wohn- und HauseigentümerInnen geworden. Möglich wurde dies nach den 1960 verabschiedeten Reformen zur Gestaltung des städtischen Wohnraums.
Anfang der 90er Jahre jedoch schien dieses Modell ernsthaft bedroht. Die kubanische Regierung versuchte mit der Ausrufung der so genannten „Sonderperiode zu Friedenszeiten“ der veränderten Weltordnung zu begegnen. Diese Sonderperiode wurde nach dem Ende der Sowjetunion und dem daraus resultierenden Zusammenbruch der kubanischen Wirtschaft eingeleitet. Aufgrund von Ressourcenknappheit setzte der Staat erhebliche Sparmaßnahmen in der Baubranche durch, was bis hin zu staatlich verhängten Baustopps führte. Diese Situation hat sich bis heute nicht geändert. Die staatlichen Baufirmen, die sich nach sowjetischem Vorbild auf Wohnblocks aus Fertigteilen spezialisiert haben, können unter diesen Bedingungen nur schwerlich bauen.
Ende der 80er Jahre, das heißt noch kurz vor dem Zusammenbruch der kubanischen Wirtschaft, wurde außerdem klar, dass Investitionen im Bausektor nicht nur in den Neubau fließen konnten. Besonders der Bestand in den Altstädten wies durch die jahrelange Vernachlässigung mittlerweile erhebliche Mängel auf. Weder verfügten die BewohnerInnen, meist ja auch EigentümerInnen, über die notwendigen Mittel zur Instandhaltung der Gebäude, noch existierte eine öffentlich-administrative Infrastruktur auf diesem Gebiet. Aus dieser Situation heraus wurden 1988 die „Sozialen Mikrobrigaden“ gegründet.

Heimwerkern statt staatlichem Wohnungsbau

Ihre Vorbilder, die betrieblichen Mikrobrigaden, setzten sich aus ArbeiterInnen eines nicht voll ausgelasteten Betriebs zusammen. In kollektiver Selbsthilfe bauten sie Wohnungen für sich und ihre regulär in der Firma arbeitenden KollegInnen. Für die Zeit, in der die BrigadistInnen von ihrer regulären Arbeit freigestellt wurden, zahlte der Betrieb, vom Staat subventioniert, ihnen weiterhin ihr Gehalt aus.
Das Modell der auf Neubauten konzentrierten betrieblichen Mikrobrigaden wurde Ende der 80er Jahre durch die Sozialen Mikrobrigaden ergänzt. In ihnen organisieren sich BewohnerInnen der häufig benachteiligten Viertel an den Rändern der Städte, um gemeinsam Gebäude aus dem Quartier zu renovieren, zu erhalten und auch, um neue zu baue. Dies gilt für Privatgebäude ebenso wie für Gemeindeeinrichtungen, Schulen, Arztpraxen, Lebensmittelläden oder Polizeigebäude. Wie bei den betrieblichen Mikrobrigaden auch wird der Lohn für die Zeit der außerbetrieblichen Arbeit vom ehemaligen Lohngeber weitergezahlt. Arbeitslose, RentnerInnen oder allein erziehende Mütter werden für ihre Arbeit in der Sozialen Mikrobrigade direkt vom Staat bezahlt.
Durch das gemeinsame Wirken im eigenen Quartier wurde ein neuer Motor für die gemeinschaftliche Arbeit in den Stadtteilen geschaffen. Die neuen Arbeitsplätze brachten neben den materiellen Veränderungen auch neue soziale Bindungen der BewohnerInnen zueinander. Angeregt werden diese durch gemeinsame Tagesabläufe, neue Verantwortungen und eine Stärkung der gemeinschaftlichen Aktivität. „Hier bin ich zu dem geworden, der ich heute bin. Ich bin sehr stolz auf diesen Stadtteil“, sagt der ehemalige Mikrobrigadist Lázaro Mesa. Indem die BewohnerInnen aktiv zur Verbesserung der eigenen und allgemeinen Lebensbedingungen aufgefordert werden, entsteht eine Form der Partizipation, bei der die bauliche, kulturelle und soziale Entwicklung des Bezirks in die Hände der dort Lebenden gelegt wird. Allerdings stößt das Engagement der Sozialen Mikrobrigaden auch an seine Grenzen. Da der Rahmen und die Ressourcen zentral vorgegeben werden, verfügen sie über keine eigenen Mittel und dürfen auch keine generieren.

Die Soziale Mikrobrigade Chichí Padrón

Die Stadt Santa Clara ist die Hauptstadt der Provinz Villa Clara im Zentrum des Landes. Obwohl sie nicht am Meer liegt und auch kaum TouristInnen anzieht, ist sie zu einer wichtigen Stadt auf Kuba geworden. Dies hat sie ihrer Lage an der Hauptachse des Straßen- und Schienenverkehrs der Insel zu verdanken, ebenso wie ihrer bedeutenden Rolle während der Revolution.
Im Südwesten der Stadt bildete sich 1990 im Stadtteil Nuevo Condado die Soziale Mikrobrigade Chichí Padrón. Wie der Architekt der Mikrobrigade, Eddy López-Chávez Bermúdez, betont, blühte damals allein der Schwarzmarkt. Ansonsten dominierten in Nuevo Condado Armut und Kriminalität, das kulturelle Niveau war niedrig und das Stadtbild heruntergekommen.
In diesem Klima initiierten der damalige Stadtrat und die lokal gewählte Quartiersvertreterin das Projekt der Sozialen Mikrobrigade. Wichtige Unterstützung fanden sie bei lokalen Persönlichkeiten wie der spirituellen Führerin des afro-kubanischen Santería-Kults, Gladys Cabeza, und dem Kulturmanager des Quartiers, Lázaro Abreu Molina. Eine gute Basis für die Mikrobrigade war ebenfalls der Verein für Freunde des Stadtteils. „Es ergab sich eine Mischung aus politischem Willen und Potenzialen vor Ort“, bestätigt Lázaro Molina.
Nach wenigen Jahren Tätigkeit der Sozialen Mikrobrigade waren bereits mehrere Wohnhäuser fertig gestellt. Ferner waren das Gemeindezentrum und verschiedene Infrastruktureinrichtungen errichtet. Die Praxis für den Quartiersarzt wurde in einem besonderen Projekt in Kooperation zwischen ehemaligen StraftäterInnen aus der Sozialen Mikrobrigade und PolizistInnen gebaut.

Die Aufnahme ist die halbe Miete

Leonardo ist einer derjenigen, denen die Verwandlung von Nuevo Condado zu verdanken ist. 1994 zog er mit seiner Familie vom Land nach Santa Clara. In der Stadt hatte er weder Verwandte noch Freunde, bei denen er hätte unterkommen können. Also musste die Familie sich am Stadtrand niederlassen, wo Leonardo aus Brettern, Planen und sonstigen Fundstücken eine Unterkunft baute. Ohne Kanalisations- oder Elektrizitätsanschluss und ohne Wasserversorgung lebte die Familie am Rande des Stadtteils Nuevo Condado. Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre war dies nichts Ungewöhnliches im Viertel.
Während seiner Arbeitssuche erfuhr Leonardo, dass in seinem Quartier eine Soziale Mikrobrigade tätig war. Als er hörte, dass er für ein Gehalt vom Staat vielleicht seine eigene Wohnung bauen durfte, bewarb er sich sofort. Seine Bewerbung wurde direkt angenommen, denn die Wohnsituation der Familie wurde als sehr notdürftig eingestuft. Außerdem wussten Leonardos Nachbarn über sein soziales Engagement Positives zu berichten.
Bereits eine Woche später stand er morgens um sieben Uhr mit den weiteren Mitgliedern seiner Brigade auf der Baustelle. Vier Jahre lang baute und renovierte er Häuser und reparierte die von Hurrikans hinterlassenen Schäden. Freiwillige Arbeit in der Landwirtschaft und sonntags auf den Baustellen gehört auch zum Alltag der MikrobrigadistInnen.
An manchen Tagen stellte Leonardo auch in Vorfabrikation Teile für den Wohnungsbau her. Fenster- und Türrahmen, Waschzuber, Fensterlamellen, Balken oder Hohlsteinblöcke wurden allesamt aus Zement gefertigt, da Holz und andere Materialien nicht verfügbar waren. Auch um die Wasserversorgung, die Kanalisation und teilweise den Straßenbau kümmerte er sich zusammen mit seinen KollegInnen. Die Sozialen MikrobrigadistInnen in Nuevo Condado bauten nicht nur private Wohnungen, sondern auch technische und soziale Infrastruktur.
Gelegentlich mussten sie allerdings lange Leerlaufzeiten akzeptieren, denn die anhaltende Sonderperiode erschwerte die Arbeit. So kamen versprochene Zementlieferungen nie an, oder bestellter Sand konnte wegen Benzinmangels nicht in den Stadtteil geliefert werden. Trotz der erschwerten Bedingungen wurde die Arbeit fortgeführt.

Mit hohem Einsatz zum Ziel

Geplant und organisiert werden die baulichen Tätigkeiten der BrigadistInnen vom Zentrum der Stadt Santa Clara aus. Dort sitzen ein staatliches Planungs- und Architekturbüro und die Investitionseinheiten, die im Austausch untereinander und in Rücksprache mit der Sozialen Mikrobrigade die jeweiligen Schritte einleiten.
Nach vier Jahren Arbeit konnte sich Leonardo bei der Bewerbung auf ein fertig gestelltes Haus durchsetzen. Er bekam eine einzugsbereite Wohnung zugewiesen. Entschieden hatte dies eine Kommission aus ArbeiterInnen der Mikrobrigade. Kommissionsmitglieder sind dabei die Arbeiter, die weniger als zwei Jahre in der Brigade mitwirken und sich daher noch nicht selber bewerben dürfen. Zugelassen sind außerdem jene Arbeiter, denen bereits eine Wohnung zugewiesen wurde.
Dass die Entscheidung der Kommission schließlich auf ihn fiel verdankt Leonardo seinem sozialen Engagement, der Zahl seiner Überstunden und den anderen Bonuspunkten, die er hatte sammeln können. Letztere erhielt er unter anderem für aktives Recycling, besonders gute Ideen zur Verbesserung des Arbeitsprozesses, Blutspenden, Baustellenwachen und verschiedene freiwillige Arbeiten. Diesem Einsatz ist es zu verdanken, dass Leonardo und seine Familie recht schnell in die neue Wohnung ziehen konnten – einige seiner Kollegen mussten bis zu sechs Jahre auf ihre „casa“ warten. In den ersten Jahren der Sozialen Mikrobrigade waren die Wartezeiten mit ein bis drei Jahren noch sehr viel kürzer.
Das staatlich subventionierte Haus werden Leonardo und seine Familie in Raten von 10 Prozent des monatlichen Einkommens, höchstens 20 Jahre lang, abbezahlen. Falls die Kinder irgendwann nicht mehr in Santa Clara leben sollten, können die Eltern die freien Zimmer gegen eine Lizenz vermieten. Verkaufen werden sie das Haus allerdings nicht können – nur tauschen. Wenn Leonardo eines Tages nach Havanna ziehen möchte, so könnte er seine Wohnung mit der einer Familie tauschen, die es nach Santa Clara zieht.
Aber Leonardo macht nicht den Eindruck, als wolle er fort – er und seine Familie sind glücklich. Sie haben eine eigene Wohnung, und Leonardo hat einen Job. Dank der Ausbildung zum Maurer, die er in der Sozialen Mikrobrigade gemacht hat, kann Leonardo weiter im Baugewerbe tätig sein. Auf diese Weise kommen BrigadistInnen in verschiedenen kubanischen Städten zu ihrer eigenen Wohnung, während sie gleichzeitig aktiv an der Gestaltung der Stadt teilhaben.

Begrenzte Teilnehmerzahl

Die Sozialen Mikrobrigaden sind ein effektives Instrument der Stadtteilentwicklung, vor allem weil sie vielseitig im sozialen, wirtschaftlichen und städtebaulichen Bereich wirken. Technische wie soziale Probleme werden durch die Selbsthilfe im Wohnungsbau angegangen. Allerdings können nicht alle BewohnerInnen von den Vorteilen der Sozialen Mikrobrigade profitieren. Durch lange Mitgliedszeiten von sechs Jahren bis zur eigenen Wohnung und begrenzten Teilnehmerzahlen ist die Partizipation eingeschränkt. Aus diesem Grund hat die kubanische Regierung Mitte 2005 ein paralleles Wohnungsbauprogramm gestartet. Dieses fördert alle BürgerInnen, ihre „casa“ statt dessen in individueller Selbsthilfe zu bauen. Wegen ihres positiven gesellschaftlichen Einflusses sollen die Sozialen Mikrobrigaden jedoch bestehen bleiben.

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