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Nicaraguanische Studentlnnen in der DDR

Viele von uns kommen aus Arbeiter-und Bauernfamilien mit knapper Haushaltskasse. Ein Teil von uns sind Kriegsversehrte. Die Mehrheit der StudentInnen sind nach Regionen, Departements oder Gemeinden ausgewählt, so daß gewährleistet ist, daß sowohl Jugendliche aus der Hauptstadt als auch aus dem ländlichen Gebiet studieren konnten.
Für uns Studentinnen war der Hauptgrund, nach Europa zu gehen, uns hier zu qualifizieren, um damit für die zukünftige Entwicklung Nicaraguas als Fachkräfte einen Beitrag zu leisten und die ökonomisch-technologische Abhängigkeit überwinden zu helfen. Viele der gewählten Studienrichtungen existierten in Nicaragua einfach nicht. Auf der anderen Seite war es wichtig, daß die StudentInnen auch die Lebensweise in den entwickelten Ländern kennen- lernten, die historische Entwicklung dort begriffen, das Gute und das Schlechte sahen, wie
z.B. die ökologischen Probleme, die Konsumgesellschaft und den Unterschied zu der Armut in den Ländern der “Dritten Welt”.
Wir müssen anerkennen, daß von 1980 bis heute mehr als 900 Nicaraguanerinnen in den ehemals “sozialistischen”Ländern ausgebildet wurden. Das war unabhängig von den politischen Reformen in diesen Ländern eine große Hilfe. Gegenwärtig erhalten die Studentinnen ein monatliches Stipendium nach folgendem Muster:
-Facharbeiterausbildung: 180.-DM (einschließlich Übernachtung und Verpflegung)
-Mittlere Reife: 320.-DM
-Post-Graduierte:500.-DM
Die Mehrheit von uns zahlt davon ungefähr 10%Miete. Kürzlich wurde mit der Währungsreform eine Erhöhung des Stipendiums für ausländische StudentInnen beschlossen, in Höhe von 120.-DM für Mittlere Reife und 200.-DM für die Post-Graduierten.
Die Erfahrung nach zehn Tagen Währungsreform zeigt überhöhte Preise für die Basisgüter wie Milch, Brot usw., die in keinem Verhä1tnis zu den gegenwärtigen Stipendien stehen. Das betrifft auch alle BürgerInnen der DDR. Nachdem vor kurzem das Abkommen zwischen der Regierung der DDR und der nicaraguanischen Regierung ratifiziert wurde, scheint es sicher, daß alle Lernenden ihre Ausbildung beenden können, obwohl die Frage offen ist, was nach den gesamtdeutschen Wahlen im Dezember diesen Jahres passieren wird, und ob die Regierung der BRD die Verpflichtungen und Übereinkünfte erfüllen wird.
In einzelnen Fällen wurde nicaraguanischen StudentInnen bereits gesagt, daß es kein Geld mehr gäbe, um ihr Stipendium fortzusetzen, anderen wurde die Studiendauer verkürzt. Schließlich wurde manchen auch bedeutet, ihr Studium sei zu teuer und sie hätten es selbst zu bezahlen (dies war der Fall bei zwei MusikstudentInnen).

Wenn wir uns der Bedeutung bewußt werden, die es für die Zukunft Nicaraguas hat, daß wir nach vollendeter Ausbildung als qualifizierte Fachkräfte nach Nicaragua zurückkehren, ist es umso dringender, den Abschluß der Studien durch finanzielle Unterstützung sicherzustellen. Für uns StudentInnen ist es wichtig zu wissen, welche Institutionen oder Stiftungen dazu mit beitragen könnten.
Auch wenn wir glauben, daß die deutsche Solidaritätsbewegung sich auf die Projekte in Nicaragua konzentrieren sollte, wäre es gut, wenn sie uns in unserem Kampf um den Abschluß der Ausbildung unterstützen könnte.
Ein konkretes Problem ist auch, daß wir nach dem “doppelten Regierungswechsel” in Nicaragua und in der DDR und einer personellen Veränderung in unserer Botschaft weitgehend von Informationen abgeschnitten sind. Wir möchten -auch als in der FSLN organisierte StudentInnen -mit der Solidaritätsbewegung zusammenarbeiten und erhoffen uns auch Unterstützung.

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