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„Niemand von uns ist vor Drohungen sicher“

Womit beschäftigt sich der CNS und was sind die größten Herausforderungen?
Unsere Aufgabe ist es, den Regenwald und die dort lebenden Menschen zu verteidigen. Wir kämpfen für den Fortbestand des Regenwalds, damit die Menschen, die immer dort gelebt haben, dort auch weiterhin in Würde existieren können. Damit diese und zukünftige Generationen die natürlichen Ressourcen für ihren Lebensunterhalt haben. Davon ausgehend verfolgen wir weitere Ziele, zum Beispiel das Recht auf öffentliche Güter, auf Bildung.

Was war der Grund, warum Sie sich dafür entschieden haben, in den Kampf für die Verteidigung des Regenwaldes einzutreten?
Die Entscheidung war für mich sehr natürlich. Ich komme aus dem Regenwald. Ich bin die Tochter eines Extraktivisten. Ich bin jemand, dem das System ziemlich viele Herausforderungen im Leben gestellt hat. Ich komme aus einer Familie, die sich immer in Organisationen lokaler Gemeinschaften und kirchlichen Basisorganisationen engagiert hat. Es gab keinen speziellen Moment, in dem ich mich dafür entschieden habe, an der Bewegung teilzunehmen. Seit ich mich erinnere war ich immer in irgendeine Arbeit, eine Aktion, einen Kampf involviert. Ich glaube, es waren die Fakten, die Ereignisse, die mich in den Vorstand des CNS geführt haben. Und mein persönlicher Wille, eine Sache zu verteidigen, dazu beitragen zu können, dass diese Ungerechtigkeit, diese Ungleichheit vermindert werden.

Momentan leben Sie in Deutschland. Warum sind Sie hier und was sind die Ziele Ihres Aufenthaltes?
Ich nehme hier in Deutschland an einem Kooperations- und Forschungsprojekt des ASA-Programms teil. Dabei geht es um Agrarforst- und Bioprodukte. Unser Schwerpunkt liegt auf der Forschung. Wir denken, dass wir dadurch zur Verbesserung der Organisation unserer Gemeinschaft beitragen können. Im Rahmen dieses Projekts nutze ich auch die Möglichkeit, über unsere Anliegen zu sprechen, über die Kraft unserer Standpunkte und Perspektiven. Ich erlebe hier gerade einen wichtigen Moment meines Lebens. Es ist für mich eine Möglichkeit der Weiterbildung, ein persönlicher Reifeprozess, in dem ich auch meine Sicht auf die Welt erweitern kann. Denn mein Kampf spielt sich weitgehend in meiner eigenen Welt ab und deswegen mache ich hier auch einen Reflexionsprozess über mein eigenes Leben durch.

Welche Rolle spielen Frauen im CNS?
In unserer Organisation gab es schon immer Raum für Frauen. Es gibt ein spezielles Sekretariat für Frauen. Und in den letzten Jahren war die Rolle der Frauen im CNS von fundamentaler Bedeutung. Vor allem für die Sichtbarkeit, für die praktische Ausführung von Aktionen innerhalb der Bewegung. Für die Bildungs- und Ausbildungsarbeit, für die Schaffung von Bewusstsein. Es gibt viele Frauen mit einer bewegenden Geschichte, die ihr Leben dem Kampf gewidmet haben. Diese Frauen gibt es in allen Staaten Amazoniens. Ohne die Frauen wäre der CNS nicht, was er ist.

Wenn Sie einen normalen Arbeitstag beschreiben: Was sind die Dinge, die Sie tun?
(lacht). Für mich gibt es keine normalen Tage. Ich schlafe selten einmal dort ein, wo ich aufgewacht bin. Meine alltägliche Arbeit ist immer etwas Neues. Ein für mich „normaler“ Tag spielt sich immer auf Reisen durch verschiedene lokale Gemeinschaften ab. Dort arbeite ich an den Dingen, die ich als unsere wichtigsten Waffen wahrnehme: Erziehung, Information, Organisation. Ich bin nicht nur Aktivistin, sondern auch Technikerin und Pädagogin. Mein Fokus liegt auf der Sensibilisierung der Personen in den Gemeinschaften. Und ich bringe mich dort mit Weiterbildungen, Gender-Diskussionen und Mobilisierung ein.

Wer gefährdet das Leben im Regenwald und die Menschen, die dort leben?
Es ist das große, weltweite, kapitalistische System, das das Leben der Menschen gefährdet. Seine Vertreter sind überall. In der Exekutive, in der Legislative, in den Kontrollbehörden. An all diesen Orten, wo es Personen gibt, die das Leben der Menschen im Regenwald nicht zur Kenntnis nehmen. Und, was noch schlimmer ist: Das passiert normalerweise immer im Namen der „Entwicklung“. Einer Entwicklung, die für die Bevölkerung dort nicht einmal stattfindet. Ein Beispiel dafür ist das, was gerade bei dem Großprojekt des Belo-Monte-Staudamms passiert, wo die dort lebende Bevölkerung, beziehungsweise die Indigenen, übergangen werden. Diese Entwicklung passiert über ihre Köpfe hinweg, an ihnen vorbei. Dabei geht es nicht nur um Indigene, sondern auch um Flussbewohner, die anderen Extraktivisten, die dort ganz in der Nähe leben und bis heute keine Zugang zu Bildung haben.

Bergbau- und Energieindustrie sind sehr mächtig in Brasilien. Wie gefährlich ist es, gegen sie und ihre Interessen zu kämpfen?
Das ist sehr gefährlich, weil diejenigen, die kämpfen, aus einer unterprivilegierten Klasse kommen. In Bezug auf Zugang zu Bildung für die Verteidigung ihrer Rechte, auf fehlende Kommunikationsmittel, auf fehlende Infrastruktur. Sie sind benachteiligt gegenüber einer großen Medienmacht, die sich niemals auf die Seite der Kleineren stellen wird. Die Nachrichten von unseren Aktionen kommen also niemals an, es gibt keine Öffentlichkeit dafür, was hier passiert. Einige unserer Führungspersönlichkeiten sind schon umgebracht worden, wie zum Beispiel Chico Mendes oder Irmã Dorothy. Kürzlich wurden zudem Zé Claudio und seine Frau Maria sowie ein Indigener ermordet. Nur eine Bestrafung der Morde findet selten statt – und das muss sich ändern!

Gab es auch schon persönliche Drohungen gegen Sie?
Wir haben viele Mitstreiter, die auf entsprechenden Listen stehen und gegen die es sogar Morddrohungen gibt. Ich persönlich wurde noch nicht mit dem Tod bedroht, aber man versuchte mich einzuschüchtern und mir wurde untersagt, Fotos zu machen. Die Vorgehensweisen, mit denen wir zum Schweigen gebracht werden sollen, mit denen wir unterdrückt werden sollen, damit wir den Kampf nicht weiterführen, sind sehr vielfältig. Immer wenn Personen eine Führungsrolle einnehmen, sei es im CNS oder in einer beliebigen anderen sozialen Bewegung in Brasilien, ist es normal, dass sie bedroht werden. Weil sie für eine Sache eintreten, weil sie einen Kampf führen, weil sie in der vordersten Reihe stehen. Wir hören auf, anonym zu sein und werden zu öffentlichen Figuren. Niemand von uns ist vor Drohungen sicher.

Mit welchen Argumenten versuchen Sie und Ihre Organisation, die Politik von Ihren Anliegen zu überzeugen? Und sind Verhandlungen der einzige Weg, den Kampf zu gewinnen?
Wir wollen vor allem damit überzeugen, die Realität zu zeigen und für diese zu sensibilisieren. Wir führen auch mit der aktuellen Regierung einen Dialog, aber von unserer Position als soziale Bewegung aus. Die Regierung dagegen ist ihrer Rolle als Regierung verhaftet, selbst wenn es eine Linksregierung ist, die wir übrigens immer unterstützt und an der wir teilgenommen haben. Unsere Aufgabe ist es, auf Dinge hinzuweisen, den Weg aufzuzeigen, den sie gehen müssten. In unserem Sensibilisierungsprozess müssen wir also immer mit den Menschen in Führungspositionen sprechen und es schaffen, dass sie ein wenig von unserer Realität kennenlernen. Dafür haben wir verschiedene Werkzeuge, angefangen mit einem ganz ruhigen, formellen Dialog in einem Regierungsbüro bis hin zu anderen Formen wie Besetzungen oder Protestmärschen. Was immer wir tun müssen, wir sind bereit dafür, um klarzumachen, wer wir sind und was wir wollen. Diese Werkzeuge können wir einsetzen, um Aufmerksamkeit zu erregen und Bewusstsein zu schaffen.

Und haben Sie den Eindruck, dass die Regierung Ihnen zuhört?
Ich finde, dass sie unsere Bevölkerung nicht ernst nimmt. Die Entwicklung müsste dahin führen, ein Waldgesetz zu verabschieden, das Umweltgruppen zu Gute kommt und schützt, die von Unternehmern oder Großgrundbesitzern angegriffen werden. Bis jetzt nützt es aber den Letzteren. Ich meine, die Regierung hört uns nicht zu und versteht uns nicht. Wir hatten zwar einige Fortschritte zu verzeichnen, was zum Beispiel den Zugang zu öffentlichen Gütern betrifft. Aber das reicht nicht aus. In der Regierung haben wir zwar Personen, die uns verteidigen, die für uns da sind, aber Macht geht über den Einfluss einzelner Personen hinaus, die in ein System, in eine Regierung eingebunden sind. Das ist sehr komplex. Und deswegen können wir und kann ich dazu nicht schweigen.

Was wäre denn Ihr Wunsch an die deutsche Öffentlichkeit? Und was müsste in Europa getan werden, um die Zerstörung Amazoniens zu stoppen?
Zunächst muss Europa die Bedeutung Amazoniens für die Welt richtig verstehen. Amazonien wird hier als ein Ort gesehen, wo es um Bäume und Tiere geht. Wir wollen, dass in Europa verstanden wird, dass dort auch Menschen leben. Menschen, die ums Überleben kämpfen und Menschen, die den Wald am Leben erhalten. Und dass das ein Dienst ist, den sie stellvertretend für die gesamte Menschheit leisten. Wenn diese Menschen und ihre Lebensgrundlage, der Regenwald, bedroht sind, geschieht das im Namen der Viehzucht, des Wachstums des Agrobusiness sowie von Sojaplantagen. Aus diesen Geschäften wird in Europa oft viel mehr Profit geschlagen als vor Ort. Wir möchten, dass uns dabei geholfen wird, Bewusstsein dafür zu schaffen, dass man das Leben der Menschen dort verteidigen muss. Und wir wollen auch, dass sich einige Gewohnheiten hier in Europa verändern, die einen Einfluss auf Amazonien und seine Bevölkerung haben. Damit jeder einzelne über seine Wirklichkeit nachdenkt und sieht, was er tun kann. Und sich kümmert – um sich, um seinen Nächsten und um die Menschheit.

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