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Pulsierende Aorta der Umweltzerstörung

Ende 2005 wurden der südamerikanischen Integration neue Impulse durch die Aufnahme Venezuelas in den Mercosur eingehaucht. Am Rande des Treffens der Mercosur-Staaten in Montevideo beschlossen die drei Präsidenten Hugo Chávez (Venezuela), Luís Inácio Lula da Silva (Brasilien) und Néstor Kirchner (Argentinien) den Bau der kontinentalen Erdgasleitung von Venezuela bis ins La Plata Becken.
Es hat den Anschein, als ob dieser 7000 bis 9000 km langen Pipeline, mit einem geschätzten Investitionsvolumen von 20 Milliarden US-Dollar, von den drei Präsidenten die Funktion einer pulsierenden Aorta eines zunehmenden lateinamerikanischen Selbstbewusstseins zugeschrieben wird.

Der Transport des Erdgases

Für den Transport von Venezuela nach Argentinien gibt es alternativ zur Pipelinelösung die Möglichkeit, das Erdgas in flüssiger Form per Schiff zu transportieren. Hierzu muss das Erdgas in Verflüssigungsanlagen auf minus 162 Grad Celsius heruntergekühlt werden. Das Volumen des Erdgases reduziert sich dabei auf
1/600. Dieses verflüssigte Erdgas – im Fachjargon LNG (Liquified Natural Gas) genannt – wird auf Spezialschiffen zu den Verbrauchermärkten transportiert. Dort wird in Regasifizierungsanlagen das LNG in ein vorhandenes Pipelinenetz eingespeist. Die einzige Verflüssigungsanlage Lateinamerikas befindet sich im Nachbarland Venezuelas in Trinidad and Tobago, dass derzeit einen Welt-LNG-Marktanteil von 7,9 Prozent hat.
Der Anteil von LNG am gesamten Welterdgasverbrauch ist steigend (1970 wurden drei Milliarden Kubikmeter LNG gehandelt, 2004 waren es 78 Milliarden Kubikmeter). Im Jahr 2004 betrug der Anteil von LNG am Weltgashandel 26,2 Prozent oder anders formuliert, knapp drei Viertel des Erdgases wird via Pipeline vermarktet und etwas mehr als ein Viertel als LNG.
In der Erdgasbranche gilt als Faustregel, dass bei einer Transportstrecke von über 3 000 Kilometern der Transport als LNG günstiger ist, als der Bau einer Erdgasleitung. Im Vergleich zur Pipelinegebundenheit besteht sowohl für Produzenten, als auch für Verbraucher eine größere Flexibilität um auf Produktions- bzw. Nachfrageschwankungen zu reagieren.
Die geographischen Gegebenheiten des geplanten Erdgashandels zwischen Venezuela und dem La Plata Becken wären für den LNG-Transport günstig, da sowohl die Produktion in Venezuela in Küstennähe stattfindet, als auch die Verbraucherzentren (mit Ausnahme von Brasília) sich an der südamerikanischen Küste befinden.
Marktwirtschaftliche Argumente sprächen sehr deutlich dafür den LNG-Transport in Betracht zu ziehen. Unverständlich ist daher, warum diese Möglichkeit bei dem Vorhaben bisher keine Rolle zu spielen scheint.

Der geplante Trassenverlauf

Am 2. März wurde eine Grobskizze des geplanten Trassenverlaufs publiziert (news.bbc.co.uk), als Quelle der Skizze wird der staatliche Erdölkonzern Brasiliens Petrobras genannt. Die folgende Einschätzung bezieht sich im Insbesonderen auf diesen ersten, von der Petrobras vorgelegten Plan, der noch nicht der endgültige Plan der drei Regierungen ist. Der Einfluss der Petrobras auf die konkrete Projektplanung kann aber, zumindest für den brasilianischen Teil der Pipeline, als beträchtlich gelten.
Soweit dieser Skizze zu entnehmen ist, soll die Trasse von Puerto Ordaz (Venezuela) entlang der Straße, die Venezuela mit Manaus verbindet, bis etwa zur Stadt Caracari im Bundesstaat Roraima geführt werden. Die folgenden etwa 2000 Kilometer von Caracari bis Marabá (Pará) wären die problematischsten des gesamten Projektes. Sie beinhalten nichts weniger als eine neue ca. 1500 km lange Trasse durch vergleichsweise intakte Regenwaldgebiete Amazoniens. Die ProjektplanerInnen hätten in diesem Abschnitt erhebliche technische und logistische Probleme zu lösen. Sicher ist, dass dieser Abschnitt eine Vielzahl negativer sozialer und ökologischer Auswirkungen haben wird.
Die Problematiken des nördlichen Abschnitts von Puerto Ordaz bis Caracarai und der Weiterführung der Erdgasleitung von Marabá aus nach Süden sollen hier nicht weiter betrachtet werden. Im Folgenden daher nur eine erste Auseinandersetzung mit der zentralen Amazonastrasse.

Halbherzige südamerikanische Integration

Das erste Auffällige an der Trassenplanung von Puerto Ordaz nach Macapá ist, entgegen aller südamerikanischen Integrationsrhetorik, der augenfällige Ausschluss der drei Länder Guayana, Surinam und Französisch Guayana. Diese Nicht-Integration ist ganz offensichtlich politisch gewollt, allerdings von den drei Präsidenten nie begründet worden. Dies ist umso weniger zu akzeptieren, da ein einfacher Blick auf die Landkarte genügt, um festzustellen, dass eine Trasse von Puerto Ordaz über Georgetown (Guayana), Paramaribo (Surinam) und Cayenne (Französisch Guayana) bis nach Macapá erheblich weniger problematisch wäre, als die nun vorgesehene Trasse. Von Georgetown bis nach Macapá gibt es eine durchgängige Straßenverbindung (über deren Zustand hier allerdings nichts ausgesagt werden kann) entlang der Küste. Einzig zwischen der venezolanischen Grenze und dem Straßennetz von Guayana wäre ein ca. 100km langes Teilstück ohne Straßenverbindung. Die Ursache der infrastrukturellen Nicht-Verbindung der beiden Nachbarstaaten liegt in den, seit 1840 erhobenen und bis heute ungeklärten, territorialen Ansprüchen Venezuelas gegenüber Guayana.
Nicht nur, dass die Strecke über die drei Guayana-Länder weniger negative Auswirkungen mit sich brächte, sie wäre auch noch etwas kürzer.

Soziale und ökologische Auswirkungen

Von Caracarai soll der südöstliche Teil des Bundesstaates Roraima und anschließend der Norden des Bundesstaates Pará vollständig durchkreuzt werden. Mit Ausnahme einer Bauxitmine bei Porto Trombetas, blieb dieser Teil des Bundesstaates Pará von Entwicklungsprojekten bisher weitgehend verschont. Von der Trasse wäre sehr wahrscheinlich das Indigenengebiet der Trombetas/Mapuera betroffen.
Für den Bau der Erdgasleitung müsste eine neue Straße gebaut werden. Der geplante Verlauf erinnert in Ansätzen an die in den 1980er und 1990er Jahren geplante Calha Norte.
Die Folgen einer solchen ca. 1 200 km langen Trasse können, je nach Folgenutzung, unterschiedlich dramatisch ausfallen. Sicher wäre, dass die Trasse während ihrer gesamten Betriebszeit von tiefwurzelndem Bewuchs freigehalten werden müsste. Wahrscheinlich ist auch, dass die Trasse von RinderzüchterInnen, SojaproduzentInnen, Sägewerken und vielleicht auch NeusiedlerInnen als neue Einfallschneise in den Amazonaswald genutzt werden würde. Nicht ausgeschlossen werden kann, dass mit dem Bau der Pipeline auch wieder die alten Pläne zum Bau der Calha Norte aus der Schublade gezogen werden. Die Dimension der Folgewirkungen hinge von einer Reihe von Faktoren ab und kann daher hier noch nicht quantifiziert werden. Auf Grund der Dynamik die Rinder-, Soja- und auch ReisproduzentInnen in Roraima entwickelt haben, ist es realistisch, mit massiven Abholzungen in Folge eines solchen Pipelinebaus zu rechnen.

Offene Trassen für RinderzüchterInnen

Für den Bau selbst würden Tausende von Arbeitskräften direkt benötigt und indirekt würde der Bau noch weit mehr Glücksritter anziehen. Wo sich diese während der Bauphase mit neuer Infrastruktur ansiedeln werden, kann jetzt noch nicht abgeschätzt werden. Der Bau der Pipeline würde mindestens zwei bis drei Jahre betragen. Die Goldgräberstimmung wird die Sozialstruktur der regionalen Bevölkerung – Indigene, Quilombolas (Nachfahren geflohener SklavInnen) und Ribeirinhos (subsistenzwirtschaftende AnwohnerInnen der Wasserläufe) – stark belasten. Ein deutlicher Anstieg der Alkohol- und Drogenprobleme, Geschlechtskrankheiten und anderer Infektionskrankheiten ist in der gesamten betroffenen Region zu erwarten.

Ingenieurtechnische Herausforderung

Der Amazonas soll etwa auf der Höhe der Xingumündung gequert werden. Dies ist die größte ingenieurtechnische Herausforderung der gesamten geplanten Pipeline. Entlang des Xingu bis zur Transamzônica führt die Trasse durch ein hochkonfliktives Gebiet. Sollte die Trasse so geführt werden, kann als sicher gelten, dass dieser ca. 100 km lange Teilabschnitt unmittelbar als Straße ausgebaut wird. Die virulenten Landkonflikte, die Ausbreitung der Sklavenarbeit und andere Konflikte, die sich zunehmend vom südlichen Pará in diese Region verschieben, würden sich beschleunigen. Aus sozialer und ökologischer Sicht ist der Pipelinebau in dieser Region daher kaum zu verantworten.

Manaus wird abgehängt

Eine scheinbare Ungereimtheit des Trassenverlaufs ist die Nicht-Berücksichtigung von Manaus. Diese 1,3 Millionen Metropole soll nicht am venezolanischen Gas partizipieren, obwohl diese Stadt der nächstgelegene ernsthafte Markt für das Erdgas wäre. Der Weiterbau der Pipeline von Caracari bis nach Manaus (ca. 500 km) entlang der bestehenden asphaltierten Straße hätte vergleichsweise geringe Auswirkungen. Gegen den Anschluss von Manaus dürfte sich aber vor allem der staatliche Erdöl- und Erdgasmulti Petrobras stark machen, da zu vermuten ist, dass das venezolanische Erdgas billiger in Manaus angeboten werden kann, als das von der Petrobras aus dem Fördergebiet Urucu im Westen des Bundesstaates Amazonas gelieferte. Die Erdgaspipeline von Coari bis nach Manaus (ca. 400 km) zur Belieferung von Manaus mit dem Urucu-Gas ist derzeit im Bau.
Grundsätzlich kann kaum ein Argument gegen verstärkte Erdgaslieferungen von Venezuela an lateinamerikanische Länder gefunden werden. Der Bau einer 7.000 bis 9.000 Kilometer langen Erdgasleitung wird aber insbesondere in Amazonien große negative Auswirkungen haben, wie schon die Betrachtung von nur einigen Aspekten des Projektes zeigt. In der derzeit geplanten Form wird sich die Pipeline nicht zu einer pulsierenden Lebensader Südamerikas entwickeln, sondern vielmehr ist zu fürchten, das dieses Energiegroßprojekt, zu den schon bestehenden, einen weiteren Infektionsherd für Geschwüre, mit allen hässlichen Konsequenzen, in Amazonien bilden wird.

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