«

»

Artikel drucken

Schmerz und Entfremdung

Die Handlung des letzten Romans des argentinischen Schriftstellers Héctor Tizón (1929-2012) ist schnell erzählt: Ein junger Imker und seine Frau Laura, die vor ihrem gewalttätigen Vater in die Ehe flüchtete, leben zunächst friedlich in ihrem Heimatdorf bis zu dem Zeitpunkt, als ein Ereignis den jungen Imker völlig aus dem Leben reißt. Er bricht zu einer scheinbar ziellosen Wanderschaft in die Welt auf, die über 20 Jahre andauert. Héctor Tizón stellt Zitate aus der Odyssee vor die einzelnen Teile des Romans, was die intertextuellen Bezüge zum Homerischen Epos verdeutlicht. Sein Protagonist befindet sich auf einer Suche, einer Irrfahrt, Wanderschaft, Flucht – alle Begriffe werden im Roman genannt. Nicht nur Referenzen zur Odyssee werden erkennbar, sondern auch zu dem berühmten Roman Ulysses des irischen Autors James Joyce. Ebenfalls mehr als deutlich sind die Bezüge zu Auf der Suche nach der verlorenen Zeit des französischen Schriftstellers Marcel Proust. Auch in diesen Romanen befindet sich der Held oder Antiheld auf der Suche nach Erkenntnis. „Mein Gott, was weiss man denn schon vom Leben? Wieviel muss man leben, um es zu wissen?“, fragt sich der Imker auch nach 20 Jahren Wanderschaft. „Was er oberflächlich von der Welt verstand, war ein blasser und verschwommener Wirrwarr, der seinen Widerschein im ungewöhnlichen Spektrum seiner Fantasie fand.“

Manchmal erfährt der Imker, ähnlich wie bei Proust, Erkenntnis, die durch ein äußeres Ereignis ausgelöst wird, und erlebt einen epiphanischen Moment. Bei Proust wie auch bei Tizón sind es oft die Räume des Traums, durch die der Held außerdem Erkenntnis erfährt. Prousts Roman ist vor allem durch die „unwillkürliche Erinnerung“ berühmt geworden, die beispielsweise durch den Geschmack einer Madeleine ausgelöst wird. Seitenweise verliert sich der Autor Tizón in poetischen und ausführlichen Landschaftsansichten, verschafft dem Leser detaillierte Innenansichten des Imkers und wechselt dabei auch mal die Erzählperspektive. Das ist zuweilen zwar etwas langatmig, aber deshalb ist Die Schönheit der Welt auch ein sehr poetischer Roman. Der Imker erfährt keine Befriedigung durch die Erinnerung – im Gegenteil, er scheint auf der Flucht vor Liebe und Schmerz zu sein: „Da ich jetzt nicht mehr leide, brauche ich auch keine Lust, die einen genauso durcheinanderwirft wie der Schmerz, und just dies macht uns unempfindlich gegenüber dem Zufall; wir brauchen weder Kritik noch Lob. Das Chaos der quälenden Erinnerung war in ihm versiegt.“ Es scheinen Schmerz und das Gefühl von persönlicher und gesellschaftlicher Entfremdung zu sein, die den jungen Imker in die Welt ziehen lassen. Immer wieder ist im Roman von Fremden die Rede, die in den beschaulichen Heimatort des Imkers eindringen und die scheinbare Idylle stören. Die Bienenstöcke verfallen während seiner Abwesenheit, die Bienen fliehen. Entfremdung, Fremdheit, ein weiter und enger Begriff von Heimat sind die großen Themen des Romans. Dem namenlosen Imker begegnen gerade in der Rast- und Ruhelosigkeit Momente der Ruhe und des Friedens und eine neue Liebe, die seine Flucht unterbricht und gleichsam stört.

Der Argentinier Héctor Tizón lebte selbst mehrere Jahre im Ausland: als Diplomat in Mexiko und während der Militärdiktatur in Madrid. Über seine Literatur sagte Tizón selbst einmal: „Ein Schriftsteller muss über den Ort und die Leute schreiben, die er kennt, aber so, dass er auf der ganzen Welt verstanden wird.“ Der letzte Roman des 2012 verstorbenen Tizóns Die Schönheit der Welt scheint nicht nur ein Plädoyer für einen kosmopolitischen Heimatbegriff zu sein, sondern auch für eine Literatur, die nicht an die Grenzen der Nationalliteraturen glaubt.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/schmerz-und-entfremdung/