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Solidarität in den Farben der DDR

Liebe Freunde der Lateinamerika Solidarität,
Ihre Ausgabe 287 habe ich mit Freude zur Kenntnis genommen. Die Entwicklungen in Lateinamerika verfolge ich bereits über viele Jahre und natürlich die Aktivitäten der Solidaritätsgruppen aus den Bundesländern.
Ihr spezielles Anliegen, die „Solidarität in den Farben der DDR“ auch nach dem politischen Verschwinden dieses Staates widerzuspiegeln, habe ich mit großem Interesse gelesen. Mir sind diese Aktivitäten aus eigenem Erleben nachvollziehbar, da ich nicht nur als ferner Beobachter, sondern direkt oder indirekt beteiligt war. Aus diesem Grunde möchte ich zu einigen Komplexen meine Meinung zum Ausdruck bringen.
Aus der Sicht der Solidarität der DDR gegenüber Kuba und Nicaragua muß ich Raimund Krämer voll zustimmen, daß die Solidaritätsprojekte der DDR „besser den örtlichen Gegebenheiten angepaßt“ waren und sich „an den Grundbedürfnissen der breiten Bevölkerungsmehrheit“ orientierten. Das war nicht nur für Kuba und Nicaragua der Fall, sondern kann auch für andere Länder in Afrika und Asien nachgewiesen werden.
Ob nun das Krankenhaus „Carlos Marx“, eingeweiht am 23. Juli 1985, eine „Chefsache“ oder eine „Prestigeobjekt“ war oder nicht, sollte uns doch am wenigsten interessieren. Es war ein Solidaritätsobjekt, so wie man es wünscht und sehen kann. Es war ein Projekt zur Armutsbekämpfung, ein Projekt zur Stabilisierung der Gesundheitsversorgung breiter Bevölkerungsteile in Nicaragua und ein Projekt, das nicht nur die Spender sondern auch die Empfänger der Solidarität als solche begriffen, und begrüßten. Deshalb die breite Spendenbewegung, die nicht nur durch die FDJ (Freie Deutsche Jugend) sondern auch durch das Solidaritätskomitee der DDR für eine breite und wirksame Öffentlichkeitsarbeit genutzt wurde. Und die zahlreichen Spenden von Einzelpersonen und von Kollektiven (heute als Teams bezeichnet) waren doch der Beweis, daß diese Solidaritätsmaßnahme verstanden wurde. Es entsprach den Erfordernissen Nicaraguas. Und wenn es ein „Faß ohne Boden“ gewesen sein soll, dann brauchte man überhaupt keine Solidarität zu leisten.
Entwicklungspolitisch Engagierte werden mir sicher zustimmen, daß im Grunde genommen fast jedes Projekt in den Entwicklungsländern ein Faß ohne Boden ist. Und Probleme gab und gibt es doch bei jedem Projekt, oder? Ich will hier nicht weiter auf Details eingehen. Ich suche natürlich auch den Vergleich mit der alten Bundesrepublik und den dort engagierten Solidaritätsgruppen. Wo gibt es ein ähnliches oder gleichwertiges Projekt einer Nichtregierungsorganisation?
Die Größe dieses einzigartigen Solidaritätsprojektes der DDR, getragen vom Solidaritätskomitee und der FDJ, wurde mir nach der Wende besonders deutlich, als die Verantwortlichen des BMZ und der GTZ, sicher nachgeplappert, sagten, was in Regierungskreisen die Runde machte: das Projekt Krankenhaus „Carlos Marx“ ist für die Bundesrepublik Deutschland eine Nummer zu groß.
Die Nicaragua Experten der Lateinamerika-Solidarität werden es sicher registriert haben, wie viele Delegationen und Personen zur Evaluierung nach Nicaragua reisen mußten, um nachzuweisen, daß das Projekt zur Gesundheitsförderung breiter Schichten der Bevölkerung von Nicaragua nicht mehr in der von der DDR beabsichtigten Art und Weise weitergeführt werden kann. Und nach Kenntnis des ominösen internen Gutachtens eines Experten von medico international über ein „Prestigeobjekt“ der DDR bedaure ich nur diese Einschätzung des Vertreters dieser international respektierten Nichtregierungsorganisation. Festzustellen bleibt: Es ist ein Verdienst sachkundiger Ärzte und Entwicklungspolitiker, daß das Krankenhaus „Carlos Marx“ heute noch existiert und weitergeführt wird.
Berührt hat mich der Artikel von Willi Volks über die „unabhängige Solidaritätsbewegung in der DDR“. Neben vielen guten und richtigen Feststellungen zu auch in der DDR notwendigen Basisinitiativen ist mir bis heute nicht nachvollziehbar, daß der Staatsapparat DDR sich „bekanntermaßen und paradoxerweise dem Bedürfnis nach echter Basisinitiative verschloß“, so wie Willi Volks das schlußfolgert. In den vielen Jahren gesellschaftlicher und nahezu zehnjähriger Solidaritätsarbeit habe ich die Erfahrung machen können, daß Initiativen solcher Art eine Angelegenheit der gesellschaftlichen Kräfte war, die am Ende nur den Staat zur Realisierung von Solidaritätsprojekten brauchten.
Ich halte es einfach für überheblich, die unabhängigen Gruppen, wie zum Beispiel auch die Initiative Gruppe Hoffnung Nicaragua (IHN), über viele hunderttausende Bürger zu stellen, die bewußt und in der Absicht solidarische Hilfe zu leisten, sich in die breite Solidaritätsbewegung der Bürger der DDR einreihten, Geld spendeten, sich aktiv in Parteien und Massenorganisationen für die Solidartät engagierten und in zehntausend Fällen als Lehrer und Ausbilder in der Tat und mit ihren Kenntnissen und Erfahrungen junge Menschen aus den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas ausbildeten. Zahlen wurden bereits genannt und ich brauche hier keine mehr hinzuzufügen. Es ist wohl unbestritten, daß nicht jeder, der Hilfe für die Entwicklungsländer leisten will, in diese Länder reisen kann.
Zwei Dinge möchte ich jedoch hier festhalten:
1. Die Spendenfreudigkeit der DDR-Bürger ist der Ausgangspunkt für die heutige Existenz der Stiftung Nord-Süd-Brücken.
2. Die Solidarität der DDR wirkt auch heute noch in den Empfängerländern. Sie wird hoch geschätzt und gewürdigt. Die Bundesrepublik Deutschland war nicht gut beraten, diese Wertschätzung für die Weiterführung der deutschen Enwicklungspolitik nicht zu nutzen.
Herr Volks meint, daß erreicht wurde, über das „staatliche“ Solidaritätskomitee einmal im Jahr einen Sammelcontainer „unabhängiger“ Nicaragua-Gruppen zu Partnern in Nicaragua unentgeltlich zu transportieren. Das betraf aber nicht nur die IHN. Es muß hier einmal deutlich gesagt werden, daß das nichtstaatliche Solidaritätskomitee allen Religionsgemeinschaften gegenüber immer offen war, vielen davon geholfen hat und alle Wünsche der Kirchengruppen in der Art und Weise behandelte, wie es im Rahmen eines Bittstellers gegenüber dem Staat, auch für das Solidarttätskomitee, für die Bereitstellung von Solidaritätsgütern möglich war Notwendige Devisen gab es nicht und die erforderlichen Güter waren knapp.
Heute ist es anders. Es gibt genug Waren, die in der Dritten Welt dringend gebraucht werden, aber das Geld ist knapp.
Ich freue mich immer, wenn das, was die DDR-Bürger geleistet und auch in der Solidaritätsarbeit erreicht haben, unverklärt und sachlich wiedergegeben wird. Wenn ich jedoch den Artikel von Katrin Neubauer über das Leben der Exilchilenen lese, kommt mir schon beim Lesen des ersten Abschnitts der Kaffee hoch. Exilchilenen, die der mordgierigen chilenischen Soldateska entrissen werden konnten, wurden in der DDR als politisch Verfolgte und Klassenbrüder willkommen geheißen. Und dazu brauchte man niemand von der Staatssicherheit. Das ist eine Beleidigung der Solidaritätsarbeiter, die zu dieser Zeit Tag und Nacht ihre Kraft einsetzten, den Chilenen möglichst viele Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Ich frage mich bei solchen Artikeln immer wieder, warum man solche Dinge zum Teil zusammenhangslos in den Raum stellt und Glaubens machen will, wie schlimm es in der DDR war und wie von oben alles gedämpft wurde. Nein, liebe Katrin Neubauer. Die Solidarität war unten breiter und tiefer, als Sie sich vorstellen können. Und Sie haben es ja auch selbst erlebt und beschrieben.
Sicher gäbe es noch mehr zu sagen, aber hier soll das genügen.
Sollten Sie dazu noch fragen haben, stehe ich Ihnen jeder Zeit zur Verfügung. Nur abschließend die Bemerkung: ich kenne die Soliszene der alten Bundesländer seit Anfang der achziger Jahre und habe als Generalsekretär des Solidaritätskomitees der DDR und als Geschäftsführer von Solidaritätsdienst-international e.V. bis 1992 maßgeblich die Aktivitäten der immerhin sehr breiten Solidaritätsbewegung der DDR mitgestaltet. Ich stehe allen kritischen Bemerkungen sehr offen gegenüber, verwahre mich jedoch gegen unsachliche Darstellungen und Verallgemeinerungen, die wohl wie immer subjektiv gefärbt sind.

Mit freundlichen Grüßen,
Achim Reichardt

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