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Stipendium für einen Drogendealer

Es gibt Geschichten, in denen gesellschaftliche Gegensätze so krass aufeinandertreffen und verdichtet werden, dass man zunächst glaubt, in einen pathetischen und sinnüberfrachteten Spielfilm geraten zu sein. Umso frappierender, zu erfahren, dass das Drehbuch von der Realität geschrieben wurde. Zum Beispiel folgende Story: Ein Dokumentarfilmer, der wie der Prototyp des introvertierten Linksintellektuellen daherkommt und pikanterweise Erbe der drittgrößten Privatbank Brasiliens ist, dreht einen Film über den erbarmungslosen Kampf zwischen Drogenhändlern und Polizei in den Favelas in Rio de Janeiro. Bei den Recherchen trifft er auf einen Typen, der mit seinen 29 Jahren schon eine martialische Karriere als Boss der lokalen Kokainmafia auf dem Buckel hat. Der Filmemacher gibt dem Dealer Literaturtips, drückt ihm ein Buch von Camus in die Hand. Als dieser vor der Polizei fliehen muss und in Argentinien untertaucht, kommt der Regisseur auf die Idee, ihm ein monatliches „Stipendium“ von 1.200 Reais (ca. 1.500 DM) zu überweisen. Die Bedingung: Der Dealer soll seine Lebensgeschichte zu Papier bringen.
Der Dokumentarfilm mit dem Titel Noticias de uma guerra particular – was man mit „Aufzeichnungen über einen besonderen Krieg“ oder „Aufzeichnungen über einen privaten Krieg“ übersetzen kann, wurde im Sommer 1999 von einem brasilianischen Privatsender ausgestrahlt. Die Kritik lobte ihn für seine Authentizität. Viel Staub wirbelte er allerdings nicht auf. Bis einige Monate später die Sache mit dem „Stipendium“ für den Drogenhändler auffliegt: Bei ihrer Fahndung nach dem flüchtigen Kriminellen stellt die Polizei von Rio anhand abgehörter Telefonate fest, dass Regisseur und Dealer sich insgesamt mehr als 70 Mal getroffen haben. Der filmemachende Multimillionär und Literaturmäzen wird aufgefordert, vor der Staatsanwaltschaft auszusagen. Aus aktuellem Anlass wird Noticias de uma guerra particular noch einmal ausgestrahlt – diesmal mitten im Karnevalsrummel zur besten Sendezeit. In den brasilianischen Medien debattierten Journalisten, Filmemacher, Schriftsteller und Psychologen hitzig und kontrovers über die Grenzen journalistischer Arbeit, aber auch über die Klassengegensätze innerhalb der brasilianischen Gesellschaft, die sich sowohl im Dokumentarfilm als auch in der Affäre um Salles und Marcinho VP fast idealtypisch widerspiegeln.

Reicher Erbe mit schlechtem Gewissen

Ist der Filmemacher João Moreira Salles, jüngster Spross des Unibanco-Imperiums, ein reicher Erbe, der sein schlechtes Gewissen mit der Produktion sozialkritischer Filme und vereinzeltem Mäzenatentum kompensiert? Oder ist der 37-jährige, wie sein Regiekollege Carlos Diegues postuliert, „ein moderner Held, der danach strebt, die geteilte Stadt zu befrieden“?
“Unserem Land ginge es besser, wenn unsere Eliten über das soziale Engagement dieses Bankierssohns verfügen würden“, schwärmt der Schriftsteller und Journalist Zuenir Ventura. Dagegen mokiert sich Armando Antenore in der Folha de São Paulo mit unverkennbar ironischem Unterton darüber, dass „Moreira Salles, Erbe der Unibanco, sich offenbar als eine Art Botschafter der Toleranz fühlt, als Diplomat, der versucht, die korrodierten Kontakte zwischen Elite und Elendsbevölkerung zu kitten“. Und das Wochenmagazin Veja konstatiert trocken, dass die „Ästhetisierung der Armut schon immer der klassische Ausweg“ für die Bevölkerung von Rio gewesen sei, um mit dem Elend auf den Favelahügeln ringsum zurechtzukommen.

Mann trifft Mann

Angesichts der Kontroversen um seine Person sieht sich João Moreira Salles, der nach eigenem Bekunden äußerst medien- und menschenscheu ist, Anfang März veranlasst, selbst an die Öffentlichkeit zu gehen und seine Motive zu erklären. In einem Artikel in der Zeitung O Globo betont er: „Das wichtigste ist die Tatsache, dass zwei Personen, die sich nach den Verhaltensnormen in diesem so ungleichen Land nie getroffen hätten, sich begegnet sind, sich unterhalten haben und mit aller Offenheit versucht haben, ihre jeweiligen Standpunkte zu verstehen.“ Dass dies für Außenstehende nicht unbedingt nachvollziehbar ist, räumt er selbst in einem Interview der Veja ein: „Ich glaube, die Leute zweifeln daran, dass zwischen zwei so verschiedenen Wesen eine Beziehung existieren kann – einzig und allein aus dem Bedürfnis heraus, den anderen zu verstehen. Sie glauben, ich hätte ein Skelett im Schrank.“
Diesen Beschuldigungen hält João Moreira Salles entgegen, dass er und sein Bruder Walter Salles schon immer das Konzept gehabt hätten, auch nach den Dreharbeiten Kontakt zu denjenigen zu halten, mit denen sie Filme drehen – auch und gerade, wenn diese in peripheren Verhältnissen leben: „Du kannst keinen Dokumentarfilm machen, die Leute benutzen, Geld und Preise auf Festivals gewinnen und sie anschließend in der gleichen Position sitzen lassen, in der sie sich vorher befanden.“
So würde sein Bruder Walter den kleinen Schuhputzer Vinícius de Moraes, der in Central do Brasil die Hauptrolle spielte, nach wie vor finanziell unterstützen. Auch er selbst habe nicht nur dem Kokainboss Marcinho VP ein viermonatiges „Stipendium“ zum Schreiben überwiesen, sondern zwei der Jugendlichen, die in Noticias de uma guerra particular vor die Kamera treten, private Alphabetisierungskurse finanziert. Dies habe allerdings nur sieben Monate lang funktioniert: „Danach wandten sie sich wieder dem Drogenhandel zu, und ich glaube, einer von ihnen wurde umgebracht.“
Inmitten der heftigen Debatte droht eine Sache fast unterzugehen: die Frage nach dem Bild, das Salles Dokumentarfilm von den Realitäten zeichnet. „Rio de Janeiro befindet sich in einem Bürgerkrieg“, sagt ein Militärpolizist in Noticias de uma guerra particular unbeschönigt in die Kamera. Szenenwechsel: Fernsehaufnahmen zeigen, wie die Polizei in eine Favela eindringt. Nach einem erbitterten Schußwechsel in den unübersichtlichen Gassen treiben die Polizisten eine Gruppe junger Männer mit erhobenen Händen vor sich her. Einige Frauen versuchen, ihnen zu folgen – um sicherzustellen, dass die Männer nicht einfach erschossen werden, wie eine von ihnen erzählt. Aber auch die Favelabewohner sind alles andere als Unschuldslämmer. „Wenn jemand aus der Favela einen Polizisten getötet hat, wird erstmal eine große Festa veranstaltet“, prahlt ein junger Drogendealer.
Joãos Moreiras Film ist ein schonungsloses Dokument, das weit davon entfernt ist, in Sozialkitsch zu verfallen oder die Gewalt zu verharmlosen, auszuschlachten oder zu ästhetisieren. Stattdessen lassen Salles und seine Koautorin Katia Lund ihre Interviewpartner direkt in die Kamera sprechen. Sie heften sich an die Fersen der Zivil- und Militärpolizisten, beobachten sie beim Training, ebenso wie die Drogendealer, die vermummt mit ihren Knarren durch die Favelas patrouillieren.
Dadurch, dass sie immer wieder mit Parallelmontagen arbeiten, kommen die unterschwelligen Parallelen beider Parteien zum Ausdruck. Zum Beispiel, wenn ein Militärpolizist und ein Kokaindealer ihre Waffen präsentieren. Es sind teilweise die gleichen Marken – kein Wunder, bekommen die Kriminellen doch einen guten Teil ihrer Waffen von korrupten Polizisten geliefert. Eine weitere Qualität des Films besteht darin, dass er neben der Dokumentation der harten Fakten auch einiges an Hintergrundinformationen liefert. So berichten Favelabewohner, die sich mit ehrlichen Jobs wie Zeitungsverkaufen durchs Leben schlagen, davon, wie schwierig es ist, von so miserablen Minimallöhnen zu leben. Aus dem Mund kritischer oder politisch engagierter Polizisten erfahren wir, wie sich Drogenhandel und gesellschaftliche Korruption und Ignoranz dem Elend gegenüber wechselseitig bedingen. So meint einer resigniert: „Die einzigen Repräsentanten des Staates, die auf die Hügel gehen, sind die Polizisten.“
Ganz im Gegensatz zu dem knallhart realistischen Blickwinkel seines Film kommt Salles in seinen persönlichen Äußerungen in der Öffentlichkeit als jemand daher, der versucht, die Abgehobenheit und Weltfremdheit seines eigenen Ambiente mit sozialem Engagement zu kompensieren. So erzählt Salles im Interview davon, wie er mit knapp zwanzig ein Jahr als Freiwilliger in ein afrikanisches Flüchtlingslager ging. Vorher habe er seine Lebenserfahrung primär aus Büchern bezogen. Nach seiner Rückkehr nach Brasilien habe er, so Salles, nicht nur angefangen, Alternativprojekte für Kinder in den Elendsvierteln zu finanzieren, sondern selbst Kunstgeschichtsunterricht in der Favela Santa Marta gegeben.

High Society und Favela

Leider verrät Salles nicht, wie er den Spagat zwischen High Society und Favela in seinem alltäglichen Leben hinbekommt. So wird man den Verdacht nicht los, dass den reichen Erben tatsächlich neben politischem Bewußtsein eine nicht unerhebliche Portion Schuldkomplex und Helfersyndrom antreibt. Er erzählt mit einer Inbrunst, die rührend und unfreiwillig komisch zugleich klingt: „Am liebsten wäre ich Arzt geworden. Seit ungefähr acht Jahren denke ich obsessiv darüber nach. Ich sehe mich, wie ich in dieser wundervollen Bekleidung bei diesen afrikanischen Stämmen arbeite, die unter tödlichen Viren leiden. Ich würde es lieben, Arzt zu sein. Wissen Sie, warum? Denn es wäre für mich sehr wichtig, jeden Abend meinen Kopf in die Kissen zu betten und zu fühlen, dass ich etwas Wichtiges getan habe.“
Was die strafrechtliche Relevanz seines Verhältnisses zu Marcinho VP angeht, kann João Moreira Salles übrigens auch in Zukunft nachts seinen Kopf beruhigt ins Kissen betten: Sein Vorgehen ist strafrechtlich nicht relevant, da in Brasilien niemand gesetzlich gezwungen ist, eine von der Polizei gesuchte Person zu verraten. Was die politische Seite angeht, hat der Fall allerdings eine Diskussion losgetreten, die hoffentlich nicht folgenlos bleiben wird. So meint der Regisseur Arnaldo Jabor: „Die Dinge erwecken Brasilien aus dem Elend der Lethargie und erinnern uns an unsere kriminelle Nachlässigkeit.“
Noticias de uma guera particular gibt keine Lösungsansätze vor, sondern ist eine schonungslose Zustandsbeschreibung, die alleine schon dadurch, wie hart dort die Kritik an der Brutalität der kriegsführenden Parteien formuliert wird, eine politische Ausstrahlung hat. Wenn man diesen Film sieht, möchte man João Moreira Salles beglückwünschen, dass er nicht den Arztkittel übergestreift hat, sondern sein Helfersyndrom auf andere Art kanalisiert: mit der Kamera in der Hand.

KASTEN:
Die älteste Ansiedlung ist das assentamento Vila Diamante, wo 86 Familien bereits seit zehn Jahren leben. Dort gibt es ein MST-Schulungszentrum und eine Schule mit zwei Klassen. Auch hier werden in Form einer Kooperative Reis, Maniok und Bohnen angebaut. Aber auch nach zehn Jahre heißt es wachsam sein.

Der Blick des brasilianischen Kinos auf Gewalt und Verbrechen

Der ganz und gar undiskrete Charme der Banditen und Marginalen hat schon immer die Fantasie von Filmemachern beflügelt. Das gilt im brasilianischen Kino nicht nur für Kommmerzkrimis und Actionstreifen, sondern auch für die sozial engagierten Regisseure des Cinema Novo. Die Grenzen zwischen Denunziation der Gewalt und unterschwelliger Faszination sind dabei oft fließend. In den Filmen von Glauber Rocha & Co., die in den Sechzigern den Cangaceiros ein Denkmal setzten, kommen diese umherschweifenden Banditen, die bis in die Dreißiger den Nordosten des Landes unsicher machten, als atavistische Desperados daher, von denen trotz (oder gerade wegen?) der entfesselten Brutalität und Ausweglosigkeit ihres Treibens eine Faszination ausgeht. Ein anderes Beispiel ist das pittoreske, während des 2. Weltkrieges angesiedelte Musical Opera de Malandro von Rui Guerra, das nach Motiven von Brechts Dreigroschenoper entsteht: Sein Protagonist gibt eine impulsive Mischung aus schmierigem Zuhälter und vehementem Antifaschisten ab.

Urbane Gewalt

Was die urbane Gewalt in den brasilianischen Städten gegen Ende des 20 Jahrhunderts angeht, überwiegen jedoch die Filme, die diese unbeschönigt auf die Leinwand bringen. So dreht Hector Babenco („Kuß der Spinnenfrau“) 1980 mit Laiendarstellern „Pixote, das Gesetz des Schwächeren“: die Geschichte eines Halbwüchsigen, der zusammen mit einigen Kumpels aus einer knastartigen Erziehungsanstalt ausbricht und sich auf der Straße durchschlägt. Die tiefe Ausweglosigkeit, die der Film ausstrahlt, wird in diesem Fall sogar noch von der Realität übertroffen: 1987 wird der Darsteller des Pixote, Fernando Ramos da Silva, im Alter von 18 Jahren von der Polizei erschossen. Angeblich hatte er versucht, ein Auto zu knacken.
Im Gegensatz zum kommerziellen Kino, in dem die „Marginalen“ höchstens als Statisten mit Knarre in der Pranke und debil-brutalem Grinsen und die Favelas als Horrorkulisse gelten, halten Dokumentarfilmer wie João Moreira Salles oder Spielfilmregisseure wie Carlos Diegues und Murilo Salles nach wie vor den Anspruch hoch, die Realitäten kritisch zu beleuchten. Dabei bedienen sie sich jedoch selbst zunehmend einer Bildsprache, die darauf ausgelegt ist, zu unterhalten und ein breites Publikum zu erreichen – nicht zuletzt, um eine Chance zu haben, gegen die sensationalistische Ästhetik von Fernsehen und Mainstream-Kino anzukommen. Einige brasilianische Großstadtfilme, die Ende der Neunziger entstehen, setzen sich ganz direkt mit der Frage auseinander, wie sich das Fernsehen auf sex and crime fixiert: So ist bei Um ceu de estrelas (Ein Himmel voller Sterne) von Tata Amaral und Como nascem os anjos (Wie Engel geboren werden) von Murilo Salles – übrigens noch einer aus dem Salles-Clan – das Reality-TV immer als geifernder, gleichzeitig aber verständnisloser Zaungast mit von der Partie, wenn es darum geht, Täter und Opfer von Gewalttaten tot oder lebendig vor die Kamera zu zerren.
In O primeiro día (Der erste Tag) zeichnen Daniela Thomas und Walter Salles die Momentaufnahme einer Favela am letzten Tag des ausgehenden Jahrtausends. Ein Universum voller Gewalt, Verzweiflung und Entsolidarisierung. Trotz dieses düsteren Szenarios räumt Daniela Thomas mit unverhohlener Faszination ein: „Ich glaube, dass es keinen Ort gibt, der näher am Himmel und an der Hölle ist als die Favela. Mir kommen dabei fast danteske Assoziationen – an Höllenkreise des Infernos, des Fegefeuers.“ Auch Carlos Diegues’ Orfeu (1999), die erfolgreiche Neuverfilmung des Musical-Klassikers Orfeu Negro aus dem Jahre 1959, bewegt sich auf der Grenze zwischen einer schonungslosen Kritik an dem Bürgerkrieg zwischen Polizei und Drogenbanden in den Favelas von Rio und einem faszinierten Blick auf die Energien, die der Überlebenskampf freisetzt. In „Orfeu“ stellt der Titelheld, ein rastalockiger Rapmusiker, das positive Gegenbild zu Lucinho, dem Boss der Kokaingang dar. Der kommt als menschliches Wrack daher, das auf seinem Weg in den Untergang noch diverse andere mit sich reißt.
Bettina Bremme

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