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Tauziehen im Zeichen der Landfrage

Karg ist die Landschaft rund um El Alto. Sandig sind die Böden rund um die zweitgrößte Stadt Boliviens, die de facto nicht mehr ist als die Oberstadt von La Paz, wo täglich einige hundert Landflüchtlinge eintreffen. El Alto ist eine der am schnellsten wachsenden Städte Lateinamerikas und derzeit hat die kaum vierzig Jahre alte Ansiedlung rund 900.000 EinwohnerInnen. Hier kommen Viele an, die sich nicht mehr von ihren kleinen Feldern im Hochland ernähren können. Auch die Familie von Freddy Ramos kommt vom Land und die Träume und Erwartungen an die Stadt sind groß.
Doch es ist hart, sich in El Alto durchzubeißen, und derzeit steigen die Preise schneller als das Einkommen, ärgert sich der junge Mann. „Schauen sie sich um, wir haben nichts. Die Inflation frisst das bisschen, was wir mehr haben, gleich wieder auf. Was tut Evo Morales und wo ist die Arbeit, die er uns versprochen hat?“, schimpft der 19-Jährige und deutet mit ausladender Armbewegung auf die beiden schäbigen Zimmer in einem Hinterhof. Die bewohnt er gemeinsam mit seiner Mutter und der Schwester. Der magere junge Mann ist verbittert. Tagsüber arbeitet er in einem Internetcafé und abends holt er seinen Schulabschluss nach, um später einmal Polizist zu werden. Hart muss er für seine Zukunft kämpfen und die steigenden Preise für Nahrungsmittel machen der Familie zu schaffen. Darunter stöhnen viele der Familien in El Alto, die früher die unfruchtbaren Böden der Hochebene beackerten.
Die Weite des Altiplano beginnt gleich hinter den letzten Ziegelbauten von El Alto. Von Geröll und Sand durchzogene Wiesen prägen die Landschaft. Rund eine halbe Stunde Fahrtzeit von El Alto entfernt befindet sich die Gemeinde Calamarca. Aus 27 Dörfern besteht sie und die Viehwirtschaft ist neben dem Anbau von Kartoffeln und Bohnen, der vornehmlich für die Selbstversorgung erfolgt, die einzige Einnahmequelle. Neben Schafen, Ziegen und Alpacas werden auch Kühe gehalten, von deren Milch Kleinbäuerinnen wie Aconstancia Pomar Taqui leben. Die 39-Jährige stellt gemeinsam mit ihren Freundinnen im Dorf Jucuri Butter, Käse und Joghurt her und verkauft ihn an der Straße oder gelegentlich auch auf einem der lokalen Märkte. An Abwanderung denkt die Bäuerin, die den kleinen Hof gemeinsam mit ihrem Mann bewirtschaftet, nicht mehr, denn das gute halbe Dutzend Kühe der Familie gibt zwischen sechs und acht Liter Milch pro Tag. Für bolivianische Verhältnisse eine gute Quote. Die hätten die Tiere der zufrieden lächelnden Frau früher nie gebracht. „Da hatten wir kein Wasser und die Tiere litten unter Krankheiten“, erklärt ihr Mann Jaime Quispe. Nicht mal die Hälfte der heutigen Menge gaben die Tiere. Dann kam die Entwicklungsexpertin Patricia Morales von der Stiftung Sartawi und half den Bauern von Calamarca. Tierärzte trafen ein, einige Zuchtbullen wurden herbeigeschafft, um die Qualität der Milchviehbestände zu verbessern. Zudem unterrichtete die Agrarspezialistin die Bauern und Bäuerinnen wie sie die Milch verarbeiten und die Milchprodukte verkaufen können. „Wir haben aber auch Brunnen gebaut, so dass die Dörfer jetzt Wasser haben und in kleinem Rahmen ihre Felder bewässern können“, erklärt Patricia Morales, die die kleine Stiftung heute leitet.
Sartawi wurde Mitte der achtziger Jahre von der deutschen evangelischen Gemeinde in La Paz gegründet und ist in drei Gemeinden im andinen Hochland aktiv. Dort machen sich die Folgen des Klimawandels in zunehmender Trockenheit, aber auch durch Unwetter wie Hagelstürme stark bemerkbar. „Für die Bauern wird es immer schwerer unter diesen Bedingungen zu überleben. Sie brauchen Know How, Unterstützung und Hilfen bei der Wasserversorgung“, erklärt Morales. Das liefert die kleine Organisation in den drei Gemeinden im Verbund mit den lokalen Behörden. Maßnahmen gegen die Erosion, Programme zur Bodenverbesserung, Weiterbildung sind entscheidende Stichworte genauso wie die Stärkung der Frauen in den Gemeinden. Dies sind Ansätze, die auch die Landflucht stoppen könnten, doch langfristig muss sich mehr tun, ist sich die Entwicklungsexpertin sicher. „Wir brauchen die Agrarreform, es ist nötig zusätzliche Ackerflächen zur Verfügung zu stellen, denn im andinen Hochland sind die Anbauflächen aufgrund der Zersplitterung durch Vererbung zu klein geworden.“
Diese Einschätzung teilen auch unabhängige Agrarexperten wie Miguel Urioste von der Stiftung Tierra, die sich seit Jahren bei der Schlichtung von Landkonflikten engagiert. „Über die Landreform könnten wir die ungeregelte Migration vom Hoch- ins Tiefland steuern.“ Dort befinden sich riesige Flächen von etlichen hunderttausend Hektar in der Hand weniger Familien, wobei große Flächen brach liegen. Wenn sie von der Landreform spricht, hat die Regierung von Evo Morales diese im Visier, um sie an landlose Kleinbauern aus dem Hochland zu verteilen. Dagegen wehrt sich aber die in Santa Cruz, der wichtigsten Wirtschaftsmetropole Boliviens, ansässige Agrarelite des Landes, die durch die industrielle Landwirtschaft und durch den Export von Hühnerfleisch und Sojaprodukten reich geworden ist. Das geht so weit, dass die Karte der Autonomie gespielt und in Referenden über die Zukunft der Regionen abgestimmt wird, obgleich diese mit nationalem Recht nicht vereinbar sind und international – so zum Beispiel von der Organisation Amerikanischer Staaten – nicht anerkannt werden (siehe Artikel in dieser Ausgabe). In Santa Cruz, wo die Mehrheit der Bevölkerung Anfang Mai für die Autonomie stimmte, obgleich viele zuhause blieben und nicht zur Urne schritten, interessiert das die Machthaber aber nur am Rande. Auch in Pando, Beni und Tarija stehen die Zeichen auf Separation. In Tarija ist das nächste Referendum für den 22. Juni vorgesehen. Die abtrünnigen Departements, die geographisch die Form eines Halbmonds haben und deshalb media luna genannt werden, verfügen über das Gros der natürlichen Ressourcen, wie fruchtbare Böden und Erdgas. Immer öfter ist daher dort das Argument zu hören, dass man nicht gewillt sei, die Früchte der eigenen Arbeit ins arme Hochland zu transferieren. Die Referenden für die eigene Autonomie werden dort als ein Zeichen der Stärke gegenüber der ungeliebten Zentralregierung in La Paz gesehen. Das hinter dieser jedoch die Mehrheit der Bevölkerung steht, immerhin haben 54 Prozent der WählerInnne für Evo Morales gestimmt, wird dabei nur zu gern vergessen, gibt Miguel Urioste zu bedenken. „Im Kern geht die Auseinandersetzung zwischen der linken Regierung und der rechten Opposition um die Landfrage und die kann man nur im Dialog lösen.“
Für Gespräche scheinen beide Seiten jedoch noch nicht reif und bisher fehlt ein geeigneter unparteiischer Vermittler, weshalb der Konflikt auf unterschiedlichen Ebenen und allzu oft auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen wird. Ein Beispiel dafür sind die Preisaufschläge bei Hühnerfleisch und Speiseöl in der Größenordnung von 50 Prozent im März. „Im bolivianischen Tiefland werden Hühnerfleisch und Sojabohnen auf riesigen Farmen industriell produziert. Die in Santa Cruz ansässigen Agrarbarone haben jedoch die Preise gezielt durch enorme Exporte nach oben getrieben“, klagt Urioste. Ziel war es dadurch Präsident Evo Morales zu destabilisieren, denn wenn die Lebensmittel knapp und teuer werden, so zeigt ein Blick in die bolivianische Geschichte, folgten fast immer Unruhen. Die hatten mehrfach den Auszug des Präsidenten aus dem Regierungspalast zur Folge. „Doch diesmal blieb es trotz der Preisaufschläge ruhig, bis die Regierung per Dekret eingriff und die Exportmengen beschränkte“, so Urioste weiter. Das war im März und seitdem sind die Preise für die beiden Produkte, die zum täglichen Bedarf in Bolivien gehören, wieder auf ein normales Niveau gelangt. Gleichwohl bleibt die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln ein sensibles Thema, denn derzeit gibt es auch bei Getreide und Reis Versorgungsprobleme.
Beide Produkte müssen derzeit zu hohen Preisen importiert werden, weil die Produktion in Bolivien nicht ausreicht. Das soll sich zukünftig ändern, denn Landwirtschaftsministerin Susana Rivero setzt auf Ernährungssouveränität. Dafür sollen zusätzliche Flächen für die Produktion von Lebensmitteln und nicht wie international immer öfter zu beobachten für die Agrospritproduktion bereitgestellt werden. Dabei spielen die Kleinbauern und -bäuerinnen, die etwa die Hälfte der derzeitigen Anbaufläche bewirtschaften, im Konzept der Regierung eine wesentliche Rolle. Über Kredite und die Anbauförderung sollen sie neue Perspektiven und zusätzliche Produktionsanreize erhalten. 180 Millionen US-Dollar hat die Regierung in La Paz dafür in den letzten beiden Monaten zur Verfügung gestellt und bei Bauernorganisationen wird das wohlwollend zur Kenntnis genommen. Die haben über zwei Jahre auf entsprechende Programme gewartet und nicht nur bei den Kaffee- und KakaoproduzentInnen war schon etwas Unruhe eingekehrt: „Wir brauchen Kredite und Beratung, um wachsen zu können, denn nur so können wir von unserer Arbeit auch würdevoll leben“, argumentiert Pablo Yana Mamani. Der 47-jährige Kaffeebauer aus Caranavi, der Kaffeeregion des Landes, ist Mitglied der Kaffeegenossenschaft (FECAFEB). Die Aussichten der GenossInnen in der Region sind exzellent, denn der Weltmarktpreis für die dunkle Bohne ist hoch und die Nachfrage vorhanden. Mühelos könnten sie ihre Produktion verdoppeln und verdreifachen, denn vor allem die Nachfrage nach qualitativ hochwertigem Ökokaffee, der in der Region produziert wird, steigt.
Doch die Bauern verfügen kaum über Investitionskapital, die Infrastruktur ist schlecht und deshalb sichern sich viele über den legalen Kokaanbau ab, berichten deutsche Entwicklungsexperten. Mit den jüngsten Initiativen der Regierung könnte sich das peu a peu ändern. Doch die größte Herausforderung für die Zukunft des Landes bleibt die Agrarreform. Die kann die Regierung in La Paz jedoch nur im Konsens mit den Departements des media luna umsetzen.

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