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Tradition und Moderne brasilianischer Musik

Diesmal ist es – wie auch schon in „Tieta“, dem Titelsong des Films von Carlos Diegues – der in Bahia unglaublich populäre Samba-Reggae mit seinen zahlreichen Varianten, der sich wie ein roter Faden durch das Album zieht und die Musik über weite Strecken auch tanzbar macht. Das gerapte Gedicht „O navio negreiro“ wird von niemand Geringerem als Carlinhos Brown, dem Guru der jungen bahianischen Trommler, begleitet.
Caetanos Verehrung für die brasilianische Musiktradition kommt am deutlichsten in „Pra ninguém“ zum Ausdruck, quasi eine Aufzählung seiner Lieblingsinterpretationen brasilianischer Künstler und gleichzeitig eine Hommage an Chico Buarque (der mit „Paratodos“ einen Song mit ähnlicher Thematik schrieb), vor allem aber eine Verneigung vor Joao Gilberto, von dem es im Refrain heißt: „Besser als dies ist nur die Stille – besser als die Stille nur Joao“. Nach über drei Jahrzehnten als Protagonist der MPB bedeutet Tradition für Caetano auch seine eigene Tradition. „Você é Minha“ erinnert nicht nur dem Titel nach an „Você é linda“, seinem Liebeslied-Klassiker von 1983. In „Doideca“, einer rasant-abstrakten Zwölfton-Komposition nach Zappa-Manier, hören wir auf einmal die Anfangszeile von „London, London“ (1971). Und „Minha voz, minha vida“ ist zwar auch schon älter, wurde aber von Caetano selbst bisher nicht aufgenommen. Wie so oft bei Caetano erschließt sich der volle musikalische Reichtum erst nach mehrmaligem Hören, dann aber prägen sich die Songs umso nachhaltiger ins Gedächtnis ein (wo nimmt er bloß all die Melodien her?). Damit auch seine Poesie nicht untergeht, sind alle Texte ins Deutsche übersetzt worden. Schon heute ein Klassiker von Caetano Veloso.

Caetano Veloso: Livro. Mercury 536 584-2, Vertrieb über Polygram

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