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Übers Überleben lesen

Zur Jahrtausendwende hat sich das Verhältnis von Stadt- und Landbewohnern erstmals in der Menschheitsgeschichte zugunsten der Städter verschoben: mehr als die Hälfte aller Menschen, etwa drei Milliarden, wohnen in urbanen Gebieten. Die meisten Städte liegen in der “Dritten Welt”, den so genannten Entwicklungsländern, der wirtschaftlichen Peripherie. Für diese Weltregionen gibt es eigentlich keinen richtigen Begriff, gerade auch im Hinblick auf die Metropolen und Megacities in ihnen, wo sich die „Erste“ und die „Dritte Welt“ täglich auf der Straße begegnen. In den Städten konzentriert sich einerseits der Reichtum der Entwicklungsländer, andererseits leben dort weltweit neunzig Prozent der Armen.
Rein quantitativ betrachtet, ist somit das städtische Leben in Mitteleuropa die marginale Erscheinung, die Ausnahme von der Regel. Da jedoch die Geschäfte und Medien vor allem in den alten Industrienationen gemacht werden, vernachlässigt unsere Wahrnehmung den „Rest“ der Welt. Es ist also durchaus nötig, sich stärker mit der Kultur der Menschen auseinander zu setzen, die in Städten um ihr Überleben kämpfen.
Der schweizer Autor Roland Gröbli, der selbst mehrere Jahre in der Millionenstadt Bogotá verbracht hat, unternimmt in dem 2001 erschienenen Buch „Überleben im Großstadtdschungel“ einen solchen Versuch. Allerdings will er nicht die Armut, deren Ursachen und Folgen erklären, sondern er versucht, einer „ersten Welt“ die „Dritte“ beschreibend und wertend näher zu bringen. Beschrieben wird ausschließlich die kolumbianische Hauptstadt Bogotá, womit sich der Buchtitel, der Grundsätzlicheres erwarten lässt, als dünnes Versprechen entpuppt.

In der Tradition der spanischen Eroberer?

In erster Linie subjektiv berichtet Gröbli über ein Thema, zu dessen Erforschung er nicht viel mehr aufwandte als die eigene Beobachtung. Er nutzt einen für Fachbücher unüblichen Blickwinkel, indem er seiner Leserschaft eine vorurteilsbelastete Erste-Welt-Sicht unterstellt. Eigentlich ein schlüssiger Ansatz, um eben diese Vorurteile aufzubrechen und mit der eigenen Erfahrung eine neue Realität in den Gesichtskreis der Erstweltler zu rücken. Doch gibt Gröbli den LeserInnen keine Gelegenheit Fremdes neu zu begreifen, denn es fehlt die Möglichkeit der Identifikation mit beiden Welten. Fremdes bleibt somit fremd.
Der Stil des Buches erinnert eher an die cartas de relación des spanischen Eroberers Hernán Cortés. Auch dieser hatte über lange Jahre Gelegenheit, eine fremde Welt zu betrachten und zu beschreiben, der er sich jedoch überlegen fühlte. Doch eine Kultur, die man nicht achtet, lässt sich nur schwer begreifen.
Zu oft verwendet Gröbli Metaphern aus der Biologie, die für eine gesellschaftswissenschaftliche Betrachtung ungeeignet sind. Da werden die Menschen in den Armutsgebieten mit Wüstenkatzen verglichen, die den ganzen Tag im Schatten lägen, um keine Energie zu verschwenden. Damit versucht Gröbli zu veranschaulichen, warum wir „wenn wir von armen Leuten – arm im materiellen Sinn – sprechen, dies fast automatisch mit „faul“ verbinden.“ (sic). Indem er scheinbar weit verbreitete Meinungen widerspiegelt, zeigt er die Beschränktheit des eigenen Blicks. Weitere Beispiele finden sich den ganzen Text hindurch. Die Gewohnheit der armen Bevölkerung, sich nicht in die Augen zu schauen, interpretiert er als ein tief sitzendes Minderwertigkeitsgefühl, vor den Häusern gelagertes Baumaterial wird mit der Faulheit erklärt, es nicht wegräumen oder verbauen zu wollen. Es sind im Vorbeigehen gemachte Beobachtungen. Hätte er sich mit der Lebenskultur auseinander gesetzt, hätte er Gründe finden können: Dass in den meisten lateinamerikanischen Kulturen der direkte Blick in die Augen als unverschämt gilt und hinter dem schleppendem Bauprozess eine sensible Organisation der Mangelwirtschaft steckt.

Menschen verschiedener Entwicklungsstufen

Schließlich erklärt Gröbli drogenabhängige Obdachlose zu „Wesen auf einer prähumanen Stufe“ und Müllsammler zu Jägern und Sammlern, die mit Steinzeitmenschen gleichzusetzen seien, und die „auch Abfälle nicht verschmähen“. Damit verlässt er endgültig den Boden einer kritischen Auseinandersetzung mit Phänomenen und Folgen von Armut.
Es steckt wohl durchaus ein gut gemeinter Versuch hinter den fast esoterisch anmutenden Abhandlungen. Seine Ausführungen sind teils detail- und kenntnisreich. Insbesondere die Fallbeispiele aus der informellen und formellen Wirtschaft sind prägnant und schlüssig. Es fehlt jedoch der Blick von innen, trotz des Anhangs, in dem er Jugendliche und deren Umfeld zu Wort kommen lässt. Die KolumbianerInnen, die er zitiert, erzählen konkrete Lebenssituationen – Gröbli liefert vorab im Buch seine Interpretationen dazu.
So ist ihm letztendlich doch seine Subjektivität vorzuwerfen, seine kleine Welt, in der er alles erklärt haben will, akkurat und endgültig. Das Verständnis, für das er wirbt, bringt er selbst nicht auf. Wieder den spanischen Konquistadoren ähnlich, nimmt er eine Welt wahr, die weder mit seiner eigenen, der Schweiz, noch mit der Welt der Bewohner von Bogotá etwas zu tun hat. Sie scheint nicht mehr als ein Konstrukt zu sein, geprägt von offensichtlicher Abneigung und Unverständnis.
JedeR EuropäerIn in Lateinamerika, jedeR Fremde in der Fremde ist nicht gegen die Ohnmacht gefeit, die er oder sie gegenüber den grundverschiedenen Lebenssituationen dort empfinden wird. Es ist vielleicht eine geistige Überlebensstrategie, sich sein eigenes Weltbild zu schaffen – zur Orientierung. Nur reicht dieses ebenso in sich geschlossene wie unvollständige Bild meist nicht, um darüber Bücher zu schreiben.

Überleben im Großstadtdschungel. Annäherung an die urbane Überlebenskultur von Roland Gröbli, (2001) IKO-Verlag, Frankfurt

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