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Verbissenes Wunderwerk

„Das Jahrhundert war neun Stunden alt“ als die erste Protagonistin vom Himmel, na gut von einem Baum, fiel und damit ihren Namen erhielt: Pajarita, kleiner Vogel, deren Haut „zwei Schattierungen heller als heiße Schokolade“ war. Das ländliche Tacuarembó, in dem sie aufwächst, eignet sich als Setting natürlich vorzüglich, um magisch-realistische Szenen zu kreieren. Und so wird Pajaritas Sturzflug gleich in eine Reihe verkaufsträchtiger Erscheinungen gereiht, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen. Ignazio Firielli, der aus einer venezianischen Gondelbauerfamilie stammt und sich ein Leben lang bemüht, ein echter Uruguayo zu werden, wird Pajaritas zukünftiger Mann. Was die beiden verbindet, die sich in der Hauptstadt ein Zuhause aufbauen, sind gewalttätige Väter. Wie es De Robertis‘ Schicksalsschläge wollen, mutiert auch Ignazio zum Saufkumpan und Schläger und Pajaritas große Herausforderung besteht darin, ihre drei Söhne „Brunomarcotomás“ und die ungeborene Eva allein durchzubringen.
Auch Eva bleiben traumatische Erfahrungen nicht erspart. Als Zehnjährige muss sie die Schule verlassen und in dem Schuhgeschäft eines Freundes der Familie arbeiten. Dieser missbraucht sie jahrelang und Eva leidet schweigend. Doch Eva befreit sich – am Tag ihrer ersten Menstruation – von ihrem Peiniger und erntet dafür Schläge von ihrem Vater, dem ihre Mutter wortlos verziehen hatte. Ende der 1930er Jahre arbeitet sie im La Diablita, einem Künstlercafé, wo sie ihre große Liebe zu Andrés und zur Poesie entdeckt. Aus Buenos Aires, wo Eva einen Neuanfang wagte und auch Che Guevara eine Statistenrolle spielen darf, kehrt sie Anfang der 1950er Jahre als Exilierte Peróns, als Dichterin, Mutter und marionettenhaft Verheiratete nach Montevideo zurück. Sie findet ihre alte Liebe in neuem Geschlecht wieder und führt nach der Trennung von ihrem Mann ein poetisches, selbstbestimmtes und von Geheimnissen umranktes Leben im Schoße ihrer Familie.
Ihrer Tochter Salomé ist diese familiäre Idylle zu eng. Ausgehend von einer Schulfreundschaft wird Schritt für Schritt ihre Politisierung vorgeführt. Wenn sie als Elfjährige Marx, Lenin, Bolivár und Castro liest, kann man sich vorstellen, dass Salomé sich bald dem bewaffneten Kampf der Tupamaros anschließen wird. Die Ausmaße dessen, was einst aus kindlicher Neugier begann, werden ihr erst bewusst, als sie sich längst an das Doppelleben gewöhnt hat. Denn nach der Besetzung der Stadt Pando wird Tito, ihr Kamerad, von der Polizei gestellt und gequält. Und auch ihr bleibt dieses Schicksal nicht erspart. Nach der Entführung des FBI Agenten Dan Mitrione wird sie vom Militär gefasst, gefoltert und für 14 Jahre ins Gefängnis gesperrt. Was sie nach dem Amnestiegesetz von 1985 dem Leben abtrotzt, verdankt sie einzig der Magie der Stadt – Montevideo.
Der vermeintliche Berg Montevideos, den die portugiesischen Entdecker zu sehen glaubten – der Originaltitel des Buches lautet „The invisible mountain“ –, durchzieht den Roman als Leitmotiv. De Robertis Heldinnen wünschen sich Großes und müssen sich mit der reellen Landschaft ihrer Leben arrangieren. Doch der Autorin muss es ähnlich ergangen sein, denn ihr Roman versucht die gesamte Geschichte Südamerikas im 20. Jahrhundert zu referieren. Den autobiografisch inspirierten Figuren wird mit zeitgenössischen Fakten ein historisches Rückgrat verliehen. Jeder Charakter darf den passenden geschichtlichen Hintergrund liefern.
So entsteht nicht nur ein Familien-, sondern auch ein Portrait Uruguays dessen „rise and fall“ – im Kontext des globalen Geschehens – De Robertis beschreibt. Vom Unabhängigkeitsvater Artigas, über die Inflation, die Bedeutung der kubanischen Revolution bis zur Umwandlung des Gefängnisses von Punta Carretas in ein neoliberales Einkaufsparadies, alles ist dabei. Kein Wunder, dass die Autorin ganze acht Jahre an diesem Roman gearbeitet hat. Jedes Ereignis sitzt an seinem Platz. Und genau das ist das Fade daran: die unendliche Konstruiertheit. So liest sich zum Beispiel jener Erzählstrang, der in Buenos Aires spielt, wo Eva irgendwie in die Kreise Peróns eingearbeitet werden muss, damit sie Evita einmal zu Gesicht bekommt. Evita? Abgehakt, könnte im Notizbuch der Autorin stehen.
Neben diesem ablesbaren Zwang ja nichts zu vergessen, scheint die Autorin zusätzlich darauf versessen zu sein, Kreise zu schließen. Dabei sind ihre Figuren doch miteinander verwandt, und müssten gar nicht durch noch mehr Details verbunden werden. Warum zum Beispiel muss auch Salomé ins La Diablita gehen? Hatte das Café bei Eva eine erzähltechnische Bedeutung, ist es bei Salomé nur eine von vielen Kulissen. Dies sind selbstverliebte Kleinigkeiten, die in ihrer Dopplung langweilen. Aus der Reihe der Wiederholungen sticht nur eine hervor: Wo De Robertis den Übergang zur Militärdiktatur mit „Es war unblutig. Es war zivil.“ beschreibt und genau diesen Wortlaut bei dem umgekehrten politischen Prozess wieder aufgreift. Da funktioniert diese wiederholende Beschreibung hervorragend, verdeutlicht ungemein die traurige Normalität dieses Vorgangs.
Auch wenn es ungekünstelte Textstellen gibt, der Stil im Allgemeinen ist ausladend schnörkelig: Frauen, die von Gedichten durch Löcher im Himmel getragen werden, Krabbeltiere, die für Metaphern herhalten müssen, die an den Haaren herbeigezogen scheinen. Was, bitteschön, kann man sich unter „mottenflügelartigem Licht“ vorstellen? Überall wimmelt es von Perlen, Frauen werden durch den Friseurbesuch wiedergeboren und auch in Diktaturzeiten getuschte Wimpern wollen Hoffnung verbreiten.
Und wie wirkt dieser klimpernde Roman in der Hörbuchfassung? Die Schauspielerin Nina Hoss liest von bieder bis elektrisch aufgeladen gut. Doch sicher hätte man die 452 Minuten Lesung auch anders inszenieren können. Denn dadurch dass aus dem Mund von Hoss einige Eigennamen seltsam klingen, wird die Distanz zum Ort des Geschehens, die die Verfasserin so krampfhaft zu überwinden sucht, vielmehr unterstrichen.
Die unsichtbaren Stimmen ist ein exotischer Schmöker über Selbstfindung, der alle Klischees lateinamerikanischer Literatur erfüllt. Es ist ein Liebesbrief an eine Stadt aus den Augen einer Fremden, die durch dieses Buch ihre Fremdheit abzuschütteln versucht. Frei nach der Schriftstellerin Iris Hanika ließe sich sagen: Ein Buch, dem man den Stolz seiner Erzeugerin, so ein tolles Buch hervorgebracht zu haben, anmerkt, mag zwar nett sein, aber lieben wird man es nicht.

Carolina de Robertis // Die unsichtbaren Stimmen // Roman // Krüger Verlag // Frankfurt am Main 2009 // 462 Seiten // 16,95 Euro.

Carolina de Robertis // Die unsichtbaren Stimmen // Hörbuch // gelesen von Nina Hoss // Argon Verlag // Berlin 2009 // 452 Minuten // 19,95 Euro.

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