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Vor dem Vergessen

Der 1950 in Medellín geborene Schriftsteller Tomás González findet die reißerischen Themen in greifbarer Nähe vor. Aber er nutzt sie nicht – wie das viele andere tun –, um sich Vorschussaufmerksamkeit zu sichern. Keine monströsen Grausamkeiten, von denen die kolumbianische Geschichte der vergangenen Jahrzehnte voll ist. Keine rührseligen Happy-Ends, mit denen sich über die komplexe Gegenwart hinwegtrösten ließe. Stattdessen rückt er scheinbar alltägliche Menschen in den Mittelpunkt, die versuchen, mit ihren Abgründen zurechtzukommen und dabei nicht an Menschlichkeit zu verlieren.
Nach mittlerweile fünf übersetzten Büchern zeigt sich nun, dass nicht in jedem so hohe Qualität zu finden ist wie in Horacios Geschichte, mit dem der Verlag angefangen hatte. Dort geht es um einen Landwirt, der sich sagen lassen muss, er habe nicht mehr lange zu leben, und der sein verbleibendes Leben mit größter Hingabe und Lust auskostet. Niemand kann etwas für seinen Tod, und er macht mit seiner Art zu sterben die Welt nicht heil. Aber das im Jahre 2000 im Original erschienene Buch sprüht vor Liebe zum Leben – mitten in einem Kolumbien, in dessen Bürgerkrieg ein Menschenleben oft nur wenig wert ist. Der zweite große Wurf sind die Erzählungen in Carola Dicksons unendliche Reise (1993). Horacios Schicksal wird in dem Text Ein unwahrscheinliches Grün variiert: Hier wirft einen Maler aus der Bahn, dass ein nahestehender Mensch stirbt. Wieder zeichnet González in großer Präzision den selbstbewussten Weg eines Menschen zur Autonomie. Ein Weg in die Gosse übrigens – das ist überraschend und trotzdem überzeugend.
Gegenüber diesen starken Texten, aber auch neben dem formal schlüssig komponierten Am Anfang war das Meer (1983), hatte zuletzt der Roman Die Teufelspferdchen (2003) etwas unfertig gewirkt. Auch wenn die Qualitäten des Textes klar erkennbar sind, ist die Führung der Personen fahrig, die Handlung stellenweise mit Detailballast beladen, dessen Sinn sich nicht erschließt.
Nun ist mit Die versandete Zeit ein Roman übersetzt worden, der im Original bereits 1987 erschien. Para antes del olvido heißt er auf Spanisch, also etwa: „Bevor das Vergessen einsetzt“. Wieder steht eine Person im Mittelpunkt, die kurz vor dem Verlöschen ist: Die alte Josefina verliert nach und nach die Erinnerung. León, ein junger Mann, in dem unschwer das Alter Ego des Autors zu erkennen ist, besucht sie, bringt sie zum Erzählen, solange das noch möglich ist, und beobachtet ihr Vergessen. Sie erzählt von sich und ihrem Verlobten Alfonso, der 1914 nach Europa ging, in Belgien den Ausbruch des Ersten Weltkriegs miterlebte, aus dem von den Deutschen besetzten Brüssel nach London übersiedelte und schließlich nach Kolumbien zurückkehrte. Kurz nach dem romantischen Wiedersehen machte er sich noch einmal auf die Reise, diesmal für immer.
Von dem realen Alfonso, der der literarischen Figur zugrunde liegt, haben sich Tagebücher erhalten, die der Autor für den Roman verwendet hat. So ist es möglich, im Wechsel mit der Zeitebene von León und Josefina aus den Jahren 1977/78 Alfonsos Spuren durch Kolumbien und Westeuropa zu folgen. Zwar zeigt der Mitübersetzer und Herausgeber Peter Schultze-Kraft im Nachwort, dass sich Tomás González immer wieder weit vom Tagebuch entfernt hat. Dennoch erzeugt das Ineinandergreifen von realem Tagebuch und frei erfundenem Roman einen Dauerkonflikt, bei dem der Roman auf der Strecke bleibt. Durch die Fülle an mehr oder weniger bedeutenden Beobachtungen und Erlebnissen kann für HistorikerInnen das Tagebuch als Quelle bedeutsam sein. Wer sich für Bogotá 1913 oder Brüssel 1914 interessiert, profitiert von den entsprechenden Kapiteln viel – wird sich aber eher eine Buchausgabe des originalen Tagebuchs wünschen. Als Roman jedoch verläuft dieses Reiseleben in einer pointenarmen Detailfreudigkeit dahin, die die Lektüre rasch langweilig macht. Hinzu kommt, dass González in diesem frühen Buch noch nicht zu seiner erzählerischen Reife gefunden hat, erkennbar etwa an den etwas holprigen Liebesszenen – auch wenn an anderer Stelle der genau beobachtende, die Individualität seiner Personen herausstreichende Könner des „Horacio“ schon zu bemerken ist.
Was schließlich soll uns diese Geschichte von Alfonso sagen? Sie ist letztlich belanglos. Eingang in den Roman hat sie wohl nur deshalb gefunden, weil das Tagebuch überhaupt vorhanden war – das ist keine Basis für eine gute Geschichte. Viel schlüssiger wäre es gewesen, konsequent aus Josefinas Perspektive zu erzählen und alles wegzulassen, was aus dieser Perspektive heraus nicht gewusst werden kann. Aber den Mut hat der Autor hier nicht aufbringen können.
Die Lektüre dieses Romans lohnt sich wegen vieler kleiner Passagen, die den typischen González-Sound haben, und wegen der Gestaltung der verdämmernden Josefina. Die Bemerkung von Schultze-Kraft, diese Kapitel seien „die einfühlsamsten, die zartesten und zärtlichsten Seiten, die die kolumbianische Literatur hervorgebracht hat“, ist gewiss maßlos übertrieben. Einfühlsam sind sie gewiss. Und sie unterstreichen einmal mehr, dass es gut und wichtig ist, ihren Verfasser zu pflegen.

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