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Wahlkampf mit saurem Bonbon

Vor seinem Haus im riesigen Garten steht sein Name mit Blumen geschrieben, aber das kann man nur aus der Luft sehen, weil das Grundstück einer Festung ähnelt. Sein Symbol ist das Herz und wenn Werbung für ihn läuft, kann man im Hintergrund hören, wie ein Herz schlägt: Bon Bon, Bon Bon, Bon Bon. Er sieht aus wie ein Schauspieler der Goldenen Ära des mexikanischen Filmes: der Schnurrbart, das Haar, alles stimmt, sogar einen filmreifen Spitznamen hat der Favorit parat: Bonbon. Er wird kreischend von jungen Frauen empfangen und überall wird seine Schönheit gefeiert. Vor einigen Jahren, als er noch Bürgermeister von Cochabamba war, schaffte er es, bei einer Umfrage vor Brad Pitt zu landen, als nach einem Seitensprungwunschkandidaten gefragt wurde. Er hat also das Zeug zum bolivianischen Präsidenten; keine Frage: Manfred, so sein Vorname, kann auf eine militärische Laufbahn verweisen, ist ein Familienmensch mit fünf Kindern, isst gerne bolivianisches Essen, tanzt Cueca und sagt über sich selbst: „Ich bin kein Populist, ich bin ein Patriot!“
Fast acht Jahre lang war er Bürgermeister von Cochabamba und wurde 1997 zum besten Rathauschef Lateinamerikas gewählt. Er fragt sich: „Wieso nicht das gleiche für Bolivien tun?“. Das Bonbon könnte sich indes als sauer erweisen. Der in den Umfragen führende Ex-Hauptmann will nämlich unter anderem den Militärhaushalt verdoppeln und hält Homosexualität für eine Krankheit.

Keine Tradition und keine Positionen

Seine Vergangenheit weist dunkle Flecke auf: Vor zwanzig Jahren arbeitete er als persönlicher Leibwächter des Diktators Luis Garcia Meza, dessen Regime sich durch Massaker, Mord, Folter und Drogenhandel einen Namen machte. Und während seiner Zeit als Bürgermeister soll er eigene Firmen mit Aufträgen überhäuft haben und sich damit wie auch mit dubiosen Immobiliengeschäften einen Reichtum von circa 20 Millionen US-Dollar angehäuft haben. Die Menschen in Cochabamba sagen: „Er ist ein Dieb, aber immerhin hat er etwas getan, nicht wie all die anderen“ und meinen damit alle etablierten Parteien, die in 20 Jahren Demokratie keine Lösungen für die Probleme des Landes zu Stande gebracht haben.
Reyes gehört keiner traditionellen Partei an, ist jung (47) und setzt auf die Sprache des Volkes. Er bezieht kaum konkrete Positionen, schließt aber ein Regierungsbündnis mit neoliberalen Parteien aus. Er bezieht sich damit auf die Nationalrevolutionäre Bewegung (MNR) seines schärfsten Konkurrenten Gonzalo Sanchez de Losada, der bereits von 1993 bis 1997 die Präsidentenschärpe trug. „Goni“ hat mit seinem Image als traditioneller Politiker zu kämpfen, mit seinem Alter (72) und der weit verbreiteten Ansicht, dass die Privatisierungspolitik in seiner Amtszeit an der wirtschaftlichen Krise des Landes schuld sei. Während Reyes Villa vier Revolutionen verspricht – eine moralische, eine ökonomische, eine soziale und eine politische – setzt Sanchez de Losada auf Seriösität und Erfahrung. Seine Partei, die Movimiento Nacional Revolucionario (MNR), hat sich außerdem für Carlos Mesa als Vizepräsidentschaftskandidat entschieden: der den Umfragen nach „glaubwürdigste Journalist“ des Landes soll sich im Falle eines Sieges um die Bekämpfung der Korruption kümmern und hat dafür eine Vollmacht des Präsidentschaftskandidaten erhalten.
Auf dem dritten Rang in den Umfragen lag Jaime Paz Zamora, der Vorgänger von Sanchez de Losada im Präsidentenamt. Seine Partei ist die Bewegung der revolutionären Linken (MIR). Der Name der Partei sagt wenig aus, denn Paz paktiert seit 1989 mit der derzeitigen Regierungspartei der Nationaldemokratischen Aktion (ADN) des im letzten Monat verstorbenen Ex-Diktators Hugo Banzer. Banzer war 1997 zur Abwechslung legal an die Macht gekommen und hatte seinen Posten im August 2001 aus gesundheitlichen Gründen an seinen Vize Jorge Quiroga übergeben. Quiroga hat sich inzwischen vorsichtig von seinem Ziehvater distanziert und ist nicht unbeliebt. Laut Verfassung darf der amtierende Präsident aber nicht antreten. Der neue Kandidat der ADN, Ronald Mac Lean, gilt hingegen als chancenlos. Zamora, der 1997 Banzer die Steigbügel zur Macht gehalten hat, könnte dieses Mal mit Reyes paktieren. Zumindest war auffällig, dass sich die beiden Kandidaten im Wahlkampf kaum attackieren. Ansonsten setzte Zamora sehr wohl auf Attacke und versuchte sich mit Angriffen auf die „weißen Ärsche“ von den Etablierten zu distanzieren: „Bolivien den Bolivianern“ ist sein Motto. Dennoch ist es ihm im Gegensatz zu Reyes nicht gelungen, sich als Alternative zum System Banzer darzustellen.

Morales auf dem Vormarsch

Die Regierung Banzer machte vor allem durch zahlreiche Bestechungsskandale von sich reden. Nicht zuletzt erhalten erstmals antretende Kandidaten wie Manfred Reyes, der sich entschieden für eine moralische Erneuerung einsetzt, großen Zuspruch. Oder Evo Morales (siehe Interview), der Anführer der Kokabauern und Präsidentschaftskandidat der Bewegung zum Sozialismus (MAS). Morales ist einer der wenigen Kandidaten, der wirklich für eine Alternative steht. Vor allem in der Kokaregion Chapare kann er auf breite Unterstützung zählen. Kurioserweise war es ausgerechnet Banzer, der für Morales Aufstieg sorgte. Mit der Losung „Null Koka im Chapare“ schickte er Armee und Drogenpolizei in die Region, ließ die Ernte zerstören und provozierte eine Serie von gewaltsamen Auseinandersetzungen. Die Bilanz der Repression unter Banzer und Quiroga erinnert an die Zeiten der Diktatur: Knapp 90 Menschen wurden bei Protestaktionen von Kokabauern, indigenen und sozialen Organisationen von den Sicherheitskräften in den letzten fünf Jahren getötet. Dass Morales sich als Antiimperialist bezeichnet, das Büro der US-Drogenbehörde DEA zusammen mit der US-Botschaft schließen möchte und vom US-Außenministerium als Narcoterrorist angesehen wird, schadet seiner Popularität nicht. Überhaupt nehmen zum ersten Mal seit 1982 zwei Kandidaten indigener Abstammung teil. Neben Evo Morales noch der Aymaraführer Felipe Quispe. Der Mallku (Kondor), der die Bauerngewerkschaft mit eiserner Hand regiert, verspricht: „Wir werden sie (die Neoliberalen) das Fürchten lehren, sie werden vor den Indios in ihrem Parlament zittern.“
MAS und Mallkus Partei zusammen hoffen auf insgesamt bis zu 25 der insgesamt 130 Abgeordnetensitze im nächsten Parlament. Damit wären die Parteien der indigene Kern einer möglichen Opposition oder aber wichtige Partner einer neuen Regierung.

KASTEN:
“Den USA eine Niederlage beibringen”
Interview mit Evo Morales, dem Führer der Kokabauern

In den Wochen vor den Wahlen blockierten indigene Organisationen, Gewerkschaften und Bauern wichtige Verkehrsadern im Hochland. Sie forderten die Einsetzung einer Verfassungsgebenden Versammlung. Ihre Partei MAS unterstützte die Aktionen. Warum soll die Verfassung verändert werden?

Der Staat muss eine neue Struktur bekommen. Die herrschende politische Klasse darf nicht länger von der Politik leben. Wir wollen mehr als nur eine partizipative Demokratie: das Volk soll selbst entscheiden können. Außerdem ist festzuschreiben, dass unser Territorium den Bolivianern gehört und nicht den transnationalen Unternehmen.

Wie soll das durchgesetzt werden?

Wir wollen eine verfassungsgebende Volksversammlung, die mit Vertretern sozialer und indigener Organisationen besetzt wird. Die wird aber nicht per Gesetz oder Dekret zu Stande kommen, sondern durch eine neue Kräfteverteilung, die sich ergibt, wenn sich verschiedene Sektoren erheben.

Sie sind Präsidentschaftskandidat bei den Wahlen am 30. Juni. Ferner kandidiert Felipe Quispe, der Anführer der Hochlandindianer, und ein Vertreter der Sozialistischen Partei. Kann man da von Einigkeit sprechen?

Uns interessiert ein Bündnis mit den Arbeitern und nicht mit sektiererischen Parteien der Linken. Mit der Partei Felipe Quispes arbeiten wir eng zusammen. Wir sind Brüder und werden nicht nur im Parlament zusammen einen Block bilden.

In Ihrem Wahlprogramm fordern Sie eine Aufstockung des Gesundheits- und Bildungsetats auf 30 Prozent, eine Verbesserung des Straßennetzes und eine Renationalisierung privatisierter Staatsbetriebe. Wie soll das finanziert werden?

Wir kürzen die Ausgaben für Armee und Polizei. Beim Ausbau des Verkehrsnetzes müssen dessen Nutzer an der Finanzierung beteiligt werden. Und an einen Rückkauf der teilprivatisierten Unternehmen denken wir keinesfalls. Die Privatisierungsverträge werden einer strengen Prüfung unterzogen.

Was sind Ihre Pläne für die Entwicklung der Kokaregion des Chapare? Setzen Sie auch auf den Anbau von Alternativprodukten?

Wir beharren auf dem Anbau von Koka. Dafür gibt es einen internationalen Markt. Einige Beispiele: Portugal kauft Kokablätter für medizinische Zwecke. In Italien wird ein Schnaps aus Koka hergestellt. Das Kokablatt ist nicht schädlich. Verfolgt werden müssen die Drogenhändler, nicht die Kokabauern.

Was sind Ihre wichtigsten Erfahrungen aus dem Kampf im Chapare?

Dass wir mit der Kraft von Gewerkschaften und sozialen Organisationen sowie mit einer einigen Bevölkerung nicht nur der Regierung, sondern auch den USA eine Niederlage beibringen können. Der Kokaanbau kann nicht völlig gestoppt werden.

Interview: Rolf Schröder

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