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„Wir sind zum militärischen Ziel erklärt worden“

Wie kam es zu Deiner Ausweisung?
Am 1. Oktober bin ich nach Cali gefahren. Ich hatte vor, dort zwei Wochen zu bleiben und in dieser Zeit zwei Organisationen des Menschenrechtsnetzwerkes Red de Hermandad y Solidaridad (zu dem auch die Berliner Kolumbienkampagne gehört, Anm. d. Red.) und die Streikaktionen der dortigen Zuckerarbeitern zu begleiten (siehe Artikel in dieser Ausgabe, Anm. d. Red.). Am Ankunftstag habe ich einen Demonstrationszug beobachtet und fotografiert. Nach den Kundgebungen im Zentrum von Cali hatten wir uns schon von der Demonstration entfernt, als ich von drei Männern in Zivil, die sich als Beamte der kolumbianischen Geheimpolizei DAS ausgaben, aufgefordert wurde, mitzukommen. Ich musste die ganze Nacht, insgesamt 19 Stunden, im Gebäude des DAS bleiben, ohne die Möglichkeit, einen Anwalt zu kontaktieren. Erst um 10:30 Uhr des nächsten Morgen hat mir mein Anwalt dann gesagt, dass der DAS dabei sei, meine Ausweisung vorzubereiten. Dann ging alles ganz schnell: Ich wurde von Beamten im Flugzeug nach Bogotá gebracht, dort traf ich noch meine KollegInnen vom Solidaritätsnetzwerk, die schnell meine Sachen zusammen gepackt hatten und dann saß ich schon im Flugzeug nach Peru.

Siehst Du einen Zusammenhang zwischen Deiner Ausweisung und dem Streik der ZuckerarbeiterInnen?
Meine Ausweisung hat in jedem Fall mit dem Streik zu tun. Denn eine Woche später wurden zwei Franzosen ausgewiesen, die vor Ort waren, um einen Dokumentarfilm über die Situation der Zuckerarbeiter zu drehen. Für die kolumbianische Regierung scheint der Zucker-Konflikt unheimlich kritisch zu sein und sie wollen da offenbar auf keinen Fall internationale Beobachter haben, die Informationen oder Beobachtungen nach außen transportieren.

Kurz nach Deiner Ausweisung hat Präsident Álvaro Uribe geäußert, ihr, also Du und die ausgewiesenen französischen Aktivisten, wärt mit der Guerilla verbunden und hättet zur Gewalt aufgerufen…
… und dass man uns besser ins Gefängnis geworfen hätte. Das ist eine typische Reaktion für den kolumbianischen Staat, Menschenrechtsaktivisten und die sozialen Bewegungen in Verbindung mit der Guerilla zu stellen und sie damit zu kriminalisieren und illegalisieren. Das gleiche machen sie auch mit den streikenden Zuckerarbeitern, um damit all die militärischen Maßnahmen gegen sie zu rechtfertigen. Dazu passt auch, dass das Red de Hermandad y Solidaridad ungefähr eine Woche nach meiner Ausweisung eine Morddrohung der Paramilitärs erhalten hat, in der alle Organisationen des Netzwerkes, auch die Kolumbienkampagne Berlin, aufgeführt und zum militärischen Ziel erklärt wurden.

Was bedeutet das für die Menschenrechtsarbeit in Kolumbien insgesamt?
Ich denke, dass die konzentrierten Fälle von Ausweisungen in der Region von Cali Auswirkungen haben werden für die Menschenrechtsarbeit im ganzen Land. Natürlich stellt es eine Einschüchterung dar, vor allem wenn der Präsident dann auch noch im Fernsehen erklärt, diese Beobachter seien Kriminelle, die im Gefängnis sitzen sollten. Ich denke, im Moment müssen wir alle sehr vorsichtig sein, was natürlich die Menschenrechts- und Beobachterarbeit fürchterlich behindert.

Ziehst Du persönliche Konsequenzen?
Manchmal werde ich schon etwas paranoid, wie neulich bei einer Nachtfahrt im Bus hier in Peru, als ich plötzlich Angst hatte, der Mann neben mir könnte ein Geheimagent aus Kolumbien sein (lacht). Also, ein bisschen ist da wohl geblieben von der ganzen Geschichte in Kolumbien. Aber ansonsten hat meine Ausweisung eher das Gegenteil bewirkt von dem, was die kolumbianischen Behörden vielleicht damit erzielen wollten: nämlich mich in meiner Absicht, Menschenrechtsbeobachtungen durchführen zu wollen, einzuschüchtern. Im Grunde hat mir das noch viel mehr vor Augen geführt, wie wichtig diese Arbeit ist.
// Interview: Markus Plate, Daniel Kläger

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