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Zwischen Emanzipation und Tradition

Die massive Präsenz junger, indigener Frauen in den Reihen der EZLN wurde seit Beginn des Aufstandes immer wieder mit Erstaunen kommentiert. Dass gar eine dieser jungen Frauen, die Comandante Ana María, die Einnahme der alten kolonialen Stadt San Cristóbal de las Casas am 1. Januar 1994, dem Beginn des zapatistischen Aufstandes, befehligt hatte, war allerdings auch mit wochenlanger Verzögerung nur wenigen MedienvertreterInnen eine Meldung wert.
Das selbstbewusste Auftreten der jungen Kämpferinnen brach mit dem vorherrschenden rassistischen Klischee der unterwürfigen und unmündigen Indígenas. Gerade die Präsenz der Frauen sicherte dem Aufstand der EZLN – neben den (damals noch nicht ganz so poetischen) Reden des Subcomandante Marcos – breite Sympathie. Den KämpferInnen fehlte das bekannt martialische Auftreten, das viele Guerillas vor ihnen ausgezeichnet hatte. Und sie setzten auf die Verteidigung von Werten wie Würde, Respekt und Demokratie. Das in den ersten Januartagen von 1994 publizierte „Revolutionäre Zapatistische Frauengesetz“ verlieh ihrem Diskurs zusätzliche Glaubwürdigkeit und bewies die Modernität dieser eben nicht einfach traditionellen, „ethnischen“ Bewegung.

Das Revolutionäre Frauengesetz
Das Frauengesetz wurde am 8. März 1993, also fast ein Jahr vor Beginn des Aufstands, verabschiedet. Darin kritisieren die Zapatistinnen deutlich die patriarchale Unterdrückung im Innern ihrer Organisation. Deren Beseitigung wird als integraler Bestandteil ihres Kampfes definiert. Das Frauengesetz war Resultat eines mehr als einjährigen Diskussions- und Konsultationsprozesses zwischen EZLN-Kämpferinnen und Frauen aus den „bases de apayo“, den zivilen Unterstützungsbasen in den zapatistischen Dörfern, die zu 60 Prozent aus Frauen bestehen.
Es gilt als Beleg und Bestätigung universell gültiger Rechte und markierte damit eine entscheidende Anschlussstelle zwischen EZLN und der mit ihr solidarischen Zivilgesellschaft. In den Folgejahren wirkte es als Bezugspunkt und Katalysator frauenpolitischer Organisierung gerade indigener Frauen auf lokaler wie nationaler Ebene.
Die Forderungen des Frauengesetzes umfassen unter anderem das Recht auf Arbeit und gerechte Entlohnung, das Recht auf freie Partnerwahl statt Zwangsverheiratung, sowie die Kontrolle des eigenen Körpers und der Kinderzahl (was nicht die Möglichkeit der Abtreibung einschließt). Weitere Forderungen sind die machtvolle stimmberechtigte Partizipation in den kommunitären Gremien und in der Guerilla, das Recht auf Bildung und auf körperliche Unversehrtheit. Das heißt konkret: Die Bestrafung von gewalttätigen Männern innerhalb und außerhalb des Familienkreises.
Diese aus hiesiger Perspektive sehr bescheiden wirkenden Forderungen reflektieren einen beeindruckenden Prozess widerständiger Frauenorganisierung, die auf parteilicher Zusammenarbeit von indigenen Frauen mit (zum Teil feministischen) Nichtregierungsorganisationen und der fortschrittlichen Diözese von San Cristóbal basieren. Die Diözese bewies besonderes Engagement, als sie die staatlichen Unterstützungsprogramme für die verarmte Landbevölkerung ersetzte, die mit dem Beginn der Verschuldungskrise 1982 gestrichen wurden. Mit Workshops zu Frauen- und Menschenrechten hat sie ganz eigene Schwerpunkte gelegt.

EZLN als Raum indigener Frauenorganisierung
Ein Verdienst der EZLN ist, diese vereinzelten und zum Teil karitativ begrenzen Schritte in ein übergreifendes und auf die Veränderung der Gesellschaft als Ganzes gerichtetes Programm eingebunden haben: das „private“ Schicksal der Frauen wurde offiziell zum Problem des revolutionären Selbstverständnisses aller ZapatistInnen erklärt.
Durch das Gesetz werden die darin angeklagten Formen von Frauendiskriminierung – theoretisch – durch die dörflichen Entscheidungsstrukturen sanktionierbar, was zu Recht als „wahre Revolution innerhalb der Revolution“ betrachtet werden darf.
Die Zahl der Frauen in den bewaffneten Einheiten ist nach jüngsten Aussagen von Subcomandante Marcos in den letzten zehn Jahren von 30 auf 45 Prozent gestiegen. Viele junge Zapatistinnen traten in die Guerilla ein, um ihrem Frauenschicksal in den Comunidades und häufig einer drohenden Zwangsverheiratung zu entfliehen, und ihre Chance auf Bildung und neue Lebensformen zu nutzen. Zu diesem Schritt wurden sie nicht selten von ihren eigenen Müttern gedrängt.
Mit Beginn der Friedensverhandlungen zwischen der EZLN und dem mexikanischen Staat eroberten Frauen aus den zivilen Strukturen und aus der Guerilla prominente Plätze auf der politischen Bühne. Unterstützt wurden sie darin von Frauenzusammenhängen der Zivilgesellschaft. So nahmen an der ersten Verhandlungsrunde von San Andrés zu „Indigenen Rechten und Kultur“ vom Oktober 1995 bis zum Februar 1996 neben den Delegierten der EZLN auch indigene und mestizische Frauen aus den unterschiedlichsten sozialen und politischen Kontexten teil.
Zudem fand ein Diskussionsprozess statt, aus welchem eine erweiterte Neufassung des revolutionären Frauengesetzes hervorging. Verbindlich angenommen wurde diese Erweiterung innerhalb der EZLN allerdings bis heute nicht. Auch das politische Projekt (indigener) Autonomie wurde dank der Frauen ganz klar als Verhältnis gegenüber dem Staat wie auch als Selbstverständnis thematisiert, das die Herzen und die Körper einschließen muss und nicht ohne Prozesse der Demokratisierung und Selbstveränderung gedacht werden kann.

Frauen als eigenständige politische Subjekte
Diese Diskussionen haben auch für andere indigene Verbände wie den 1996 im Prozess der Friedensverhandlungen gegründeten Dachverband autonomer indigener Gruppen CNI (Consejo Nacional Indígena) oder regionale Organisationen in Chiapas Standards gesetzt. Die Legitimität frauenpolitischer Forderungen werden im Kontext des zapatistischen Aufstands immer wieder bestätigt: Eigene Frauentische und Arbeitsgruppen begleiten fast schon selbstverständlich die Zusammenkünfte von Zapatistas und Zivilgesellschaft.
Zapatistinnen wie die Comandantes Ramona, Trini, Susana oder Esther versäumen es niemals, sich an die Frauen innerhalb wie außerhalb der EZLN zu wenden. Sie sprechen sie nicht nur als „Unterstützerinnen des allgemeinen Kampfes“ an, sondern ermuntern explizit zur Verteidigung ihrer frauenspezifischen Interessen.
Die Thematisierung geschlechtsspezifischer Ungleichheiten verläuft – von wenigen Ausnahmen wie den Comandantes David, Zebedeo oder Subcomandante Marcos abgesehen – nach der wohlbekannten Arbeitsteilung. Doch die Forderungen der Frauen sind immer klarer und umfassender geworden.
Gerade das offene Projekt des Zapatismus, das dem „fragenden Voranschreiten“ den Vorzug vor der Verkündigung absoluter Wahrheiten gibt, hat den Frauen zahlreiche Räume eröffnet, in denen sie sich als eigenständige politische Subjekte konstituieren konnten, und Prozesse in Gang gesetzt, die unhintergehbar geworden sind.
Die indigenen Frauen konnten ihre Kritik am Machismo der Genossen in den letzten Jahren immer wieder und immer deutlicher formulieren. So besitzt zum Beispiel Comandante Esther nach ihrer Rede im Kongress 2001 genügend politisches Gewicht, um in ihrer Grußbotschaft an die Frauen in den Anti-WTO Mobilisierungen klar zu stellen, dass „wir Respekt für die Frauen verlangen und dies nicht nur von den Neoliberalen fordern, sondern auch diejenigen dazu zwingen werden, die gegen den Neoliberalismus kämpfen und sich als Revolutionäre bezeichnen, zuhause aber genauso schlimm aufführen wie George Bush!“

Reale Veränderungen für die indigenen Frauen
Was die reale Veränderung der Geschlechterverhältnisse und des
Alltags in den Gemeinden angeht, lässt sich kein einheitliches Bild zeichnen. Sowohl hinsichtlich der materiellen Bedingungen als auch des Zuwachs an politischer Macht in den autonomen Strukturen gibt es regional wie auch lokal deutliche Unterschiede.
Es gibt inzwischen viele autonome Frauenkooperativen, die sich für Arbeitserleichterung, Subsistenzproduktion, einkommensschaffende Projekte, Bildung und Gesundheitsfürsorge organisieren. Gleichwohl benennen Zapatistinnen weiterhin in aktuellen Reden und Radiosendungen altbekannte Probleme wie beispielsweise Gewalt, die Verweigerung von Partizipation in politischen Gremien und das Fehlen von eigenen Landtiteln.
Vom zapatistischen Aufstand sind, indem die existierenden Geschlechterungleichheiten benannt wurden, viele Impulse ausgegangen, den Mythos von den konfliktärmeren indigenen Gesellschaften angreifbar zu machen. Hiervon profitieren indigene Frauen in Chiapas und im ganzen Land. Gerade im Kontext von Kriegführung niedriger Intensität und Militarisierung gestaltet es sich aber besonders schwierig Veränderungen umzusetzen und das „mandar obedeciendo“ auch im Privaten einzuklagen.
Immer wieder werden Mädchen und Frauen der Unterstützungsbasen in den Dörfern Opfer von Vergewaltigungen durch staatliche und parastaatliche Kräfte, die damit gleichzeitig Akte der symbolischen „Landnahme“ vollziehen. Der im Zuge der Aufstandsbekämpfung wieder zunehmende Alkoholismus der Männer lässt aber auch die häusliche Gewalt in den eigenen Reihen erneut anwachsen.
Wenn die Männer der Milizen in die Berge fliehen müssen, bleiben die Frauen, die Alten und die Kinder zurück. Den Frauen obliegt dann nicht nur die Verteidigung ihrer Dörfer gegenüber Militärs und Paramilitärs, sondern auch die Sicherung der Überlebensökonomie – die oft genug nur durch die Zwangsprostitution für die stationierten Soldaten zu gewährleis-ten ist. Diese Tätigkeiten zerstören nicht nur das Ansehen – und damit die soziale Position – der Frauen, sondern häufig auch ihr Leben.

Probleme beim Ausstieg junger Frauen aus der EZLN
Aber auch für die jungen Kämpferinnen, die sich zum Ausstieg aus der Guerilla entscheiden, funktioniert nur selten die Rückkehr in die Lebensrealität ihrer Dörfer.
Mercedes Olivera, langjährige NGO-Mitarbeiterin und Sozialwissenschaftlerin, berichtet von einer jungen Guerillera, die nach den Regeln der EZLN ihren Partner wählte und heiratete, schwanger wurde und deshalb vorübergehend in ihr Dorf zurückkehrte. Von ihrem compañero vergessen und als ledige Mutter von ihrem Vater verstoßen, blieb ihr nur noch der Gang in die nächste größere Stadt. Dort musste sie als Hausmädchen, Kellnerin und zuletzt als Prostituierte unter genau jenen Ausbeutungsbedingungen zu überleben versuchen, gegen die sie ihren Kampf begonnen hatte.
Die indigenen Frauen, die in und im Umfeld der EZLN agieren, führen innerhalb des zapatistischen Projektes auf den unterschiedlichsten Ebenen ihre ganz eigenen Kämpfe um Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit, um Befreiung, Würde und Respekt. Sie erfahren dabei einen deutlichen Zugewinn an repräsentativer Macht, bezahlen als Grenzgängerinnen für ihren politischen Kampf aber oftmals einen besonders hohen Preis. Sie erleben sehr viel drastischere biographische Brüche als die zapatistischen Männer.
Aus ihrer Perspektive den Aufstand zu betrachten, zeigt viele Widersprüche und Grautöne der alltäglichen zapatistischen Rebellion auf. Gerade ihre Protagonis-tinnen verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit und Solidarität.

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