„ICH HOLE MIR DIE STRASSEN ZURÜCK“

Porträt des ermordeten Komikers Jaime Garzón Das Wandbild der M.A.L. Crew ist an einer der wichtigsten Straßen Bogotás (Fotos: M.A.L. Crew)

Sie haben beide an der Kunsthochschule in Bogotá studiert und beherrschen verschiedene Kunsttechniken. Wodurch zeichnet sich Streetart im Vergleich zu anderen Techniken aus?

Ángela Atuesta: Als Künstlerin im urbanen Raum lernst du Orte und Menschen und ihre Lebensumstände kennen. Der kreative Prozess, der eigentlich etwas sehr intimes ist, wird in die Öffentlichkeit gebracht und alle können Teil davon werden. Du kannst zum Beispiel mit Kindern zusammenarbeiten, denen sonst der Zugang zu künstlerischer Arbeit verschlossen bliebe. Streetart ist weniger elitär als die Kunst aus Museen und Galerien. Nicht alle haben die Möglichkeit, dort Cocktails zu schlürfen. Wenn du möchtest, kannst du im Schlafanzug an einem Wandbild vorbeigehen und es dir ansehen.
Camilo Alfonso: Für mich bedeutet Streetart auch immer „Reclaim your City“, ich hole mir die Straßen zurück, weil sie auch mir gehören. Vielleicht bin ich gezwungen, an einem Ort zu leben, aber ich kann ihn durch mich verändern. Das ist ein ziemlich starker Prozess, der auch mit etwas sehr kleinem anfangen kann. Außerdem ermöglicht dir Streetart, Orte kennenzulernen, die du sonst nie kennenlernen würdest. Besonders nicht in einer so fragmentierten Gesellschaft wie der kolumbianischen. Es gibt Viertel oder auch Dörfer, in die du niemals gehen würdest, wenn du nicht auf der Suche nach einer Wand wärst. Das Schöne an der Malerei ist auch, dass du nicht als Tourist kommst, in gewisser Hinsicht bist du ebenso bei der Arbeit, wie alle anderen Menschen aus der Gegend. Damit hast du einen anderen Zugang zu den Menschen, die vorbeikommen und zusehen, was du gerade tust.

Ist Streetart für Sie immer politisch, ganz unabhängig von dem, was auf der Wand künstlerisch thematisiert wird?

Ángela Atuesta: Ja, auf jeden Fall.
Camilo Alfonso: Ich denke, jede Kunst ist im Kern politisch. Wenn du dich für ein bestimmtes Bild entscheidest, schließt du alle anderen möglichen Bilder aus. Ich könnte ein iPhone malen und den Menschen weismachen, dass alles gut sei. Oder ich male ein Mädchen, das stirbt. Diese Entscheidung ist sehr politisch.

Bogotá gilt als ein Zentrum der globalen Streetart-Szene. Ist es dort möglich, ohne Repression zu sprayen oder zu malen?

Ángela Atuesta: In Bogotá haben Streetart-Künstler*innen eine sehr privilegierte Stimme, vor allem, wenn es um sozialen oder politischen Protest geht.
Camilo Alfonso: Das hat seinen Ursprung 2011. In dem Jahr wurde Diego Felipe Becerra ermordet, ein 16- jähriger Sprayer. Die Polizei hat ihn beim Sprayen erwischt, er wollte fliehen und sie haben ihm in den Rücken geschossen, als ob er ein Dieb wäre. Einige Monate später kam der Popstar Justin Bieber um ein Konzert zu geben. Anschließend ist er losgezogen, um in einer der Hauptstraßen Bogotás ein Graffiti zu malen. Die Polizei hat ihm dafür Polizeischutz gegeben. Das hat einen riesigen Protest ausgelöst und 24 Stunden lang haben hunderte Leute in den Straßen von Bogotá Graffitis gemalt. Der damalige Bürgermeister Gustavo Petro musste reagieren. Er hat mehr legale Möglichkeiten geschaffen, Finanzierungsoptionen, Ausschreibungen und vieles mehr. Dabei wird aber immer noch unterschieden zwischen Streetart und vermeintlichem Graffiti-Vandalismus. Ich finde diese Trennung totalen Mist.

Ángela Atuesta, wie ist es für Sie als Frau, Kunst im urbanen Raum zu machen? Merken Sie einen Unterschied zu den männlichen Künstlern?

Ángela Atuesta: Auf jeden Fall macht es einen Unterschied, aber das zieht sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche. Camilo zum Beispiel kann super entspannt nach drei Uhr nachts in den Straßen unterwegs sein und malen, für Frauen ist das viel gefährlicher. Er hat sehr viele Freiheiten, dafür hasse ich ihn (lacht).

Die Wand, das Viertel und Jaime Das Wandbild wurde seit 2012 mehrmals umgestaltet

Sie haben gemeinsam in dem Künstler*innenkollektiv M.A.L. Crew gemalt, aber auch unabhängig voneinander. Sie waren auch schon in verschiedenen Regionen der Welt. Welches war das Projekt, das Ihnen am meisten bedeutet hat?

Ángela Atuesta: Das Wandbild von Jaime Garzón, einem Komiker, der 1999 in Kolumbien ermordet wurde, war das beste, was wir bisher gemacht haben.
Camilo Alfonso: Ja, definitiv. Die erste Version des Wandbildes haben wir 2012 in zwei Tagen gemalt, an einer 300 Meter langen Wand, an der Calle 26, einer der wichtigsten Straßen von Bogotá. Wir hatten keine Genehmigung. Neben das Porträt von Jaime Garzón haben wir „País de mierda“ (Scheißland) geschrieben. Das hatte ein Nachrichtensprecher im Fernsehen gesagt, nachdem er über die Ermordung von Jaime informierte.
Ángela Atuesta: Über die Jahre wurde das Bild von der M.A.L Crew mehrmals umgestaltet und Jaime in verschiedenen Facetten gezeigt. 2017 das bisher letzte Mal. Ich habe dieses Projekt koordiniert.

Warum haben Sie sich gerade mit Jaime Garzón so intensiv beschäftigt?

Camilo Alfonso: Jaime Garzón war eine wichtige politische Person in Kolumbien. Er hatte verschiedene politische Ämter inne, hat dann aber beschlossen, als Komiker aktiv zu werden.
Ángela Atuesta: Verkleidet interviewte er Politiker und konfrontierte sie direkt. Er sagte die Wahrheit. Er wurde in Bogotá ermordet, nachdem er mehrere Morddrohungen erhalten hatte. Er wusste, dass er sterben würde.

Camilo Alfonso: Wir waren damals noch Kinder und verstanden nicht alle seiner Witze und Anspielungen. Aber wir haben gemerkt, dass er etwas zu sagen hatte, etwas, was die Menschen bewegte.
Ángela Atuesta: Über der Wand war inzwischen eine riesige Werbetafel der Partei Centro Democrático, darauf stand: „El Centro Democrático es confianza“ („Das Centro Democrático bedeutet Vertrauen“). Die Partei sieht sich in der Tradition des ultra-rechten Ex-Präsidenten Álvaro Uribe. Viele werfen Mitgliedern der Partei vor, den Mord an Jaime Garzón in Auftrag gegeben zu haben. Wir haben erst überlegt, ob wir es irgendwie übermalen können, denn es befand sich direkt über dem Gesicht von Jaime Garzón, mit einem Gesichtsausdruck, der sagen könnte: „Das ist eine Lüge“. Wir haben überlegt, woher wir die längste Teleskopstange der Welt bekommen, um die Werbetafel zu übermalen. Dann kam ein Freund und hat mit einer Drohne ein Foto vom Plakat und dem Wandbild gemacht…

Camilo Alfonso: Das Foto ging ziemlich viral. Alle möglichen Medien wollten mit uns sprechen, es war ein echter medialer Knall und hat viele Diskussionen angestoßen.
Ángela Atuesta: Aber das Schönste und Überraschendste war…
Camilo Alfonso: …dass nach zwei Tagen das Centro Democrático die Werbetafel entfernen ließ, weil sie festgestellt haben, dass sie dort definitiv keine gute Werbung für sich machen.
Ángela Atuesta: Damit mussten wir auch nicht mehr die längste Teleskopstange der Welt finden. Es ist einfach nur zynisch, dass eine Partei, die absolut nicht vertrauenswürdig ist, sich ein solches Motto gibt. Die sollen uns nicht verarschen. Wir haben aber etwas Metaphorisches und Poetisches daraus gemacht. Es war eine ziemlich krasse Aktion, und das ganz ohne Gewalt.

Sie haben aktuell in Berlin gemeinsam ein Wandbild gestaltet, das Berta Cáceres und Marielle Franco gedenkt…

Camilo Alfonso: Ángela und ich haben das Wandbild gemeinsam mit Soma, einer anderen kolumbianischen Künstlerin, gestaltet. Zusammen haben wir eine visuelle Sprache entwickelt, die das komplexe Thema in ein Bild bringt. Es ist eine Collage, die aus mehreren Schichten besteht und verschiedene Facetten zeigt: Den Kampf der beiden Frauen und die Interessen, die sich ihnen entgegenstellen. Die gemeinsame Reflexion hat uns ermöglicht etwas zu entwickeln, was wir alleine niemals hinbekommen hätten.
Ángela Atuesta: Ich hatte das Glück, mit einer Gruppe Wandbild-Künstler*innen nach Honduras zu reisen, dort habe ich festgestellt, dass Berta überall extrem präsent ist. Sie war eine kämpferische, starke und einzigartige Frau, man kann sie in ihrer Wirkung mit Jaime Garzón in Kolumbien vergleichen. Sie haben sich beide hingestellt und „Nein!“ zu den bestehenden Verhältnissen gesagt. Genau wie Marielle Franco.

 

„36 MAL EIN HOCH AUF DIE, DIE KÄMPFEN“

Das Klackern der Dosen kündigt an, was wir vorhaben. Die Gruppe 3636 bespricht, welche Farben sie für ihre nächtliche Tour benutzen will. Ein, vielleicht zwei Pieces sollen entstehen, getaggt werden soll auch. Piece ist der Ausdruck für ein Graffito, kunstvolle Kalligrafie meinen die einen, Vandalismus die anderen. Santiago ist voll davon. Neben den klassischen murales, meist in Auftrag gegebenen Wandmalereien, gibt es eine riesige Graffitiszene, die die ganze Stadt bunter macht. Es ist fast keine Wand zu sehen, die nicht entweder mit Wandmalereien, Pieces oder Tags, den kunstvollen Unterschriften von Graffiti-Künstler*innen bemalt wird.

„Was wir machen ist anders als das, was viele andere machen. Wir machen Graffiti, weil es uns Spaß macht“, meint Luche*, einer der Sprayer von 3636. „Andere Crews haben auch Schlägereien, sie sind sehr territorial. Vor allem, wenn es um Züge geht. Wenn man an einem Ort Züge macht, den sie für sich beanspruchen, kann es sein, dass du verprügelt wirst. Wir haben darauf keine Lust.“
Die sechs Jungs haben sich auf eine Farbkombination geeinigt. Das heißt, es kann losgehen. Gemütlich verlassen wir die Wohnung und gehen ins nächtliche Santiago. Unser Ausflug fängt im hippen Barrio Brasil an, einem der Ausgehviertel im Zentrum Santiagos. „Es gibt sehr viele legale Arbeiten hier, vor allem um die Plaza Yungay und im Barrio Bellavista, aber die Kalligrafie, die man hier auf der Straße sieht, ist illegal.“ Es ist Mitternacht und die Straßen sind fast leer. Wir gehen erst mal ein Bier holen und setzen uns auf eine Bordsteinkante. Horrorgeschichten werden ausgetauscht. „Als ich einmal mit einem argentinischen Freund taggen war, sind auf einmal ein Haufen Männer mit Stöcken aus einem Laden rausgekommen und haben uns mit einem Pick-up verfolgt. Sie haben einen von uns erwischt, ihn dann aber gehen lassen“, erzählt Luche. Jeder der sechs Jungs wurde schon mal von der Polizei oder wütenden Anwohner*innen erwischt.
Das Bier ist alle und wir ziehen weiter in die Richtung, wo das erste Piece entstehen soll. Auf einer verlassenen Kreuzung ist ein Laden mit einem Rollladen verschlossen. Dieser soll bemalt werden. Aber entgegen aller Erwartung sind noch Leute auf der Straße, zwei Obdachlose sitzen in einer Nische und gegenüber verkauft ein Geschäft noch Bier durch eine vergitterte Tür. Ernüchterung macht sich breit und die Jungs fangen an zu diskutieren. Nach einer Weile entschließt sich die Gruppe, das Piece doch zu machen: Juan und Manu fragen die Obdachlosen, ob es in Ordnung für sie wäre. Daniel hält nach Polizeistreifen Ausschau und Luche, Gabo und Brian malen. Als Juan und Manu ihr ok geben, geht alles schnell. Die Dosen klackern erneut und innerhalb von drei Minuten entsteht, begleitet vom scharfen Zischen der Farbe, ein zwei mal drei Meter großes Gemälde auf der Wand. Routiniert werden erst Outlines, die Konturen der einzelnen Buschstaben, gezogen, dann ausgefüllt und Schicht für Schicht ein trister brauner Rollladen in ein buntes 3636 umgewandelt.
„Für uns steht 3636 für drei mal die sechs, also 666 und 36 Dinge, wie 36 tote Politiker, 36 Lieben, 36 Freundschaften, 36 mal ein Hoch auf die, die kämpfen. Wir sind sowas wie eine Protestcrew, aber jeder von uns schreibt, was er denkt.“ Ob Graffiti in Chile politisch sei? „Hier haben die Leute angefangen, die Straßen zu bemalen, um Slogans gegen die Diktatur zu verbreiten. Es gab eine kommunistische Brigade, die Ramona Parra hieß und murales gemacht hat. Während der Diktatur wurden einige von ihnen umgebracht oder ins Exil geschickt. Als dann die Exilierten zurückkamen, brachten viele von ihnen Geschichten von den Graffiti- und Street-Art-Szenen aus Europa und den USA mit. Heute gibt es Leute, die politische Botschaften sprühen oder auch einfach nur ihren Graffitinamen, alles eine individuelle Entscheidung.“
Wir ziehen weiter, die Stimmung ist gelöst, auf dem Weg zum nächsten Spot wird getaggt. Auf einmal gibt es Geschrei: „Ihr verdammten Jugendlichen! Habt ihr nichts Besseres zu tun? Verschwindet!“ Eine ältere Frau hat Manu beim Sprühen erwischt und steht schimpfend am Fenster. Wir rennen weg, um die nächste Straßenecke und ziehen weiter. Das Adrenalin spornt die Gruppe weiter an. Luche steigt auf die Schultern von Manu und Juan und malt ein kunstvolles 3636 in drei Metern Höhe an die Wand. Die brasileña, eine der Methoden um höher zu kommen und zu taggen. Auf einmal bricht Panik aus: „Schnell weg! Schnell weg! Die pacos!“ Eine Polizeistreife hat uns gesehen und angehalten. Wieder rennen wir, dieses mal bis zu einem Park und verschnaufen dort. „Wenn wir weniger gewesen wären, wären sie uns wahrscheinlich hinterhergefahren und hätten uns festgenommen“, meint Gabo. Festgenommen werden will niemand. „Wenn sie dich erwischen, verprügeln sie dich erst, bringen dich dann in die Wache und verprügeln dich dort nochmal. Das sind Schweine“ „Eigentlich sind Schweine schön, die pacos aber…“, meint Luche. Gelächter bricht aus.
Der nächste Spot steht an, dieses Mal eine Wand an einer tagsüber stark befahrenen Straße. Nachts ist hier wenig bis gar nichts los. Die Nervosität steigt. Brian und Luche halten dieses Mal Wache. Aber es läuft nicht rund. Zwei Mal wird die Arbeit unterbrochen, weil eine Streife vorbeifährt und die ganze Gruppe verschwindet in Seitenstraßen. Zu allem Überfluss macht eine Alarmanlage keine 100 Meter weiter mittendrin Radau. Nach einer nervösen viertel Stunde – viel zu lang, wie Brian versichert – ist das Bild endlich fertig. Wir teilen uns in Kleingruppen auf und laufen auf verschiedenen Wegen weiter, um uns an einem letzten Spot zu treffen.
Eine Mauer, vier auf zwei Meter, ist das nächste Ziel, dieses Mal in einer Seitenstraße ohne viele Leute. „Normalerweise würden wir zu sechst malen, aber heute sind viele pacos unterwegs“ meint Juan während er Schmiere steht. Die Anspannung und Erschöpfung nach zwei Stunden durch die Stadt laufen und rennen ist den Leuten anzumerken. Juan fängt an, lauthals zu lachen. „Was macht ihr denn da? Da steht 3366!“ Nach einer kurzen Pause wird weitergemalt, 3636 soll es sein. Als das Piece fast fertig ist, stürmt ein Mann mit einer Flasche in der Hand auf uns zu. „Was macht ihr da? Könnt ihr nicht das Eigentum von anderen Leuten respektieren? Ihr verdammten Faulenzer!“ „Beruhig dich, Mann! Ist das deine Wand? Wir machen die Stadt ein bisschen bunter, freu dich doch darüber! Das ist Kunst“ „Verschwindet von hier! Ich ruf die Polizei!“ Und wieder rennen wir weg. Manu sprintet grinsend vorbei „Das sind die Graffitimomente. Wenn du fast erwischt wirst und das Adrenalin voll da ist.“
Erschöpfung macht sich breit. Die Sprühdosen sind auch fast alle leer. Ein letztes Bier wird gekauft und wir setzen uns in einen Park. „Normalerweise machen wir nicht so viele Pieces an einem Abend“, meint Luche, „aber heute hat es gepasst.“ Der Park ist voll von jungen Leuten, die trommeln, Bier trinken und kiffen, was der Polizei anscheinend nicht passt. Vier Streifenwagen rasen auf die größte Gruppe zu. Alle rennen panisch weg, wir beobachten noch, wie die Polizist*innen die Trommeln beschlagnahmen, dann sind auch wir weg. Eine Straßenecke weiter wandern die leeren Sprühdosen in einen Mülleimer. Für 3636 ist der Abend vorbei und die Stadt ein bisschen bunter.

*alle Namen von der Redaktion geändert

VERBOTENE ZEICHEN

Die umstrittene Kunstform Pixação steht seit jeher im Fadenkreuz von Justiz und Medien. In Belo Horizonte gipfelte die zunehmende Kriminalisierung Ende März in Festnahmen und Anklagen wegen „Bildung einer kriminellen Vereinigung“. Auch das Ende der PT-Regierung lässt für die Szene nichts Gutes hoffen.

Pixação in Brasilien: Sprachrohr der Jugendlichlichen (Fotos: Fabio Viera)
Pixação in Brasilien: Sprachrohr der Jugendlichlichen (Fotos: Fabio Viera)

Farben, Handys, Kleidungsstücke, Zeitschriften, Kleiderbügel. So liest es sich auf dem Festnahmeprotokoll des Pixação-Sprühers Goma. Kistenweise angeblicher Beweismaterialien beschlagnahmten Polizeibeamt*innen am 3. März bei seiner Festnahme in der Millionenstadt Belo Horizonte. Goma, Urgestein der Szene, betreibt einen kleinen Laden in seiner Wohnung, in dem er Sprühdosen, Marker, T-Shirts und weitere Szeneartikel verkauft. Nun wird dem Sprayer vorgeworfen, die vom Stararchitekten Oscar Niemeyer entworfene Pampulha-Kirche mit Pixação besprüht zu haben. Die Stadtverwaltung kündigte kurz nach der Tat an, eine Sonderkommission zur Verfolgung von Pixação einzurichten. Drei Haftbefehle wurden im Zusammenhang mit der Bemalung der Kirche erlassen. Ein 25-Jähriger soll die Tat nach seiner Festnahme gestanden haben. Ein mutmaßlicher „Komplize“ ist auf der Flucht.

Im Bundesstaat Minas Gerais versuchen Richter*innen höhere Haftstrafen für Pixação durch die Anwendung anderer Straftatbestände zu erreichen. 2010 wurde gegen die Pixadores der Gruppe Os Piores de Belô Anklage wegen „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ erhoben. Auch Goma wird Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung sowie Aufruf und Beihilfe zu Straftaten vorgeworfen. Abgesehen vom Verkauf von Szeneartikeln wurden bis jetzt aber keine Beweise für die Vorwürfe vorgebracht.

Aus europäischer Perspektive würde man Pixação als eine Form des Tag-Graffitis beschreiben. Während bestimmte Arten von Graffiti, insbesondere bunte Wandmalereien bildlicher Motive, mittlerweile eine anerkannte Kunstform in Brasilien darstellen, sprühen Pixadores ihre Schriftzüge meist einfarbig, in verschlungenen Buchstaben auf jede nur erdenkliche Oberfläche im öffentlichen Raum brasilianischer Großstädte. Internationale Wissenschaftler*innen und Kulturschaffende interessieren sich zunehmend für diese etwas andere Kunstform. Konservative Politiker*innen und Mainstreammedien sind sich hingegen einig: Pixação ist eine „Plage“, „Vandalismus“, „eines der größten aktuellen Probleme“.

Schluss mit Kunst: Die Polizei reagiert auf Farbe an den Wänden mit Schlägen auf der Wache
Schluss mit Kunst: Die Polizei reagiert auf Farbe an den Wänden mit Schlägen auf der Wache

Dementsprechend hart sind die Forderungen nach Bestrafung. Seit 1998 wird Pichação (im Gesetzestext mit „ch“ geschrieben) als „Verbrechen gegen die Umwelt“ geahndet. Bis zu ein Jahr Haft und Geldstrafen sind vorgesehen. Vielfach wird gefordert die Strafen sogar noch zu erhöhen. Ein Gesetzentwurf aus dem Jahr 2015 sieht neben der Erhöhung der Haftstrafe auf bis zu zwei Jahre den Ausschluss von jeglichen Sozialleistungen vor. Ein Paragraph des Entwurfs beruft sich auf Studien, die angeblich belegen, dass „dieses Verbrechen im Allgemeinen von Arbeitslosen, Personen mit niedrigem Einkommen und Personen, die informellen Tätigkeiten nachgehen und mehrheitlich staatliche Hilfeleistungen in Anspruch nehmen“ ausgeübt werde. Der Gesetzentwurf steht symptomatisch für die Strafverfolgung der brasilianischen Justiz: Allein schon die Tatsache ohne große Einkünfte zu leben oder auf sozialstaatliche Hilfe angewiesen zu sein, scheint bestraft werden zu sollen – vorzugsweise mit einigen Jahren Haft.

Pixadores fürchten sich neben der Verhängung von Haftstrafen auch vor der Polizeigewalt auf der Straße. Die übliche, „unbürokratische“ Bestrafung nach Ergreifung von Pixadores erfolgt sofort und wird als „banho de tinta“ (Farbbad) bezeichnet. Bei dieser außergerichtlichen Abrechnung sprühen die Beamt*innen den Betroffenen Farbe in das Gesicht, auf die Hände sowie auf die Genitalien oder zwingen sie, die Farbe zu trinken. Meist begleiten Schläge und Beleidigungen diese gewalttätige Prozedur. Im August 2014 erschossen Polizist*innen in São Paulo zwei unbewaffnete Pixadores. Die Familien der Opfer sprachen hinterher von einer „Hinrichtung“. Die Reaktion der Szene waren wütende Demonstrationen in der Millionenmetropole. Für kurze Zeit begleitete den Fall einige mediale Aufmerksamkeit – die beteiligten Beamt*innen wurden trotzdem bis heute nicht verurteilt.

Die Kriminalisierung und gewaltsame Unterdrückung der „cultura popular“ ist ein fester Bestandteil brasilianischer Geschichte. „Cultura popular“ bezieht sich nicht auf kommerzielle Populärkultur, sondern meint jene kulturellen Ausdrucksformen, die sich aus der Lebensrealität der armen Bevölkerungsmehrheit entwickelten. Die afrobrasilianische Religion Umbanda sowie die Tänze Maxixe und Samba wurden im 19. und frühen 20. Jahrhundert von staatlichen Sicherheitskräften mit aller Härte verfolgt. Der Kampftanz Capoeira war im Strafgesetzbuch der ersten Republik, auch nach Abschaffung der Sklaverei, als „Verbrechen gegen die Person und gegen das Privateigentum“ aufgeführt. Während Samba und Capoeira heute feste Bestandteile der nationalen Identität Brasiliens sind, haben sich in den Peripherien der Großstädte neue „culturas populares“ entwickelt. Die staatliche Repression trifft auch sie. So werden die pulsierenden Baile-Funk Partys in den Favelas oder die sogenannten „rolezinhos“ – Flashmobs von Jugendlichen in Parks und Einkaufszentren – regelmäßig gewaltsam von der Polizei aufgelöst. Auch Pixação lässt sich als eine wichtige Ausdrucksform von Jugendlichen aus den armen Vorstädten begreifen. „Graffiti oder Kunst? Davon verstehe ich nichts. Ich werfe einfach mein Pixo an die Wand“, erklärt ein junger Pixação-Sprüher aus der nördlichen Peripherie von São Paulo.

Pixação (Foto: Fabio Vieira)Die zunehmende Kriminalisierung in Belo Horizonte besorgt auch die Sprüher*innen in anderen Städten. Cripta Djan, Pixador aus São Paulo, erklärt, dass er eine ähnlich rigide Strafverfolgung auch in seiner Heimatstadt nicht ausschließe. „Erst recht jetzt, wenn wirklich diese Gruppe weiter regiert, die das Land übernommen hat. Dann wird in Sachen Repression alles möglich sein.“

Das vorläufige Ende der Regierung der Arbeiterpartei PT bedeutet auch für die Pixadores nichts Gutes. „Die PT hatte auch ihre Fehler, aber zumindest hat das Kulturministerium seine Türen für uns geöffnet. Es gab einen gewissen Dialog.“ Kulturminister Juca Ferreira zog seit 2008 auch einzelne Pixadores in Kunstprojekte mit ein. Das Ministerium hatte im Jahr 2012 eine Reise von Pixacão-Sprüher*innen zur Berliner Biennale finanziert. „Diese Rechte dagegen hat als erstes, als sie an die Macht kam, das Kulturministerium abgeschafft“, erklärt Djan wütend. Eine Anerkennung oder gar Förderung von Pixacao als legitimer Bestandteil brasilianischer Kultur scheint unter der neuen Regierung ausgeschlossen.

Bedrohlich für die Szene könnte außerdem die Personalie des neu ernannten Justizministers, Alexandre de Moraes, sein:„Der Kerl war Sekretär für öffentliche Sicherheit und veranlasste unter anderem die Proteste der Schüler mit bloßer Gewalt zu unterdrücken.“ De Moraes hatte sich mit seinem harten Durchgreifen gegen soziale Proteste in São Paulo einen Namen gemacht hat. In seiner Amtszeit stieg die Zahl der von Polizist*innen außerhalb des Dienstes verübten Morde um 61 Prozent – damit geht einer von vier Morden in São Paulo auf das Konto der Polizei. Djan befürchtet, dass sich nun Pixadores in ganz Brasilien auf härtere Strafen und weiter steigende Polizeigewalt einstellen müssen, während Polizist*innen sich ihrer Immunität noch sicherer sein könnten. Brasilien steuere darauf zu, ein „Land der Straflosigkeit und Unterdrückung“ zu werden.