„Körper, aus denen die sprache kommt“

Warum hast du dich dazu entschieden, über eine Gedenkstätte für Feminizide zu schreiben?
Der Prozess hat wahrscheinlich insgesamt etwa fünf Jahre in Anspruch genommen, denn der Tod von Marisela Escobedo ereignete sich 2010, und die Erzählung wurde 2015 veröffentlicht. Der eigentliche Schreibprozess dauerte wahrscheinlich ein paar Monate, es war eine intensive Recherche- und Schreibphase von mehreren Wochen. Und glücklicherweise wurde ich dabei von meinen Freundinnen aus dem Universitären Programm der Geschlechterforschung der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM) begleitet und von vielen weiteren Menschen unterstützt.

Feminizide innerhalb der Science-Fiction zu thematisieren, ist auf den ersten Blick nicht gerade üblich. Was war zuerst da: das Genre oder die Handlung?
Ich glaube, dass diejenigen, die schreiben, es normalerweise ohne Berücksichtigung des Genres tun oder es zumindest für einen Moment beiseitelassen. Denn das ist eher eine Aufgabe der akademischen Welt. Wenn wir schreiben, schreiben wir, was uns in den Sinn kommt, und später wird es von anderen eingeordnet. Aber in meinem Fall muss ich sagen: Ich bin sehr militant in Bezug auf Science-Fiction. Es gibt Momente, in denen ich mir sehr bewusst bin, dass ich von dort aus schreiben werde, bevor ich eine Handlung habe. Und im Fall von Soñarán en el jardín wusste ich, dass es eine spekulative Erzählung werden würde, weil ich bereits die Idee der Gedenkstätte der Zukunft gesponnen hatte. Das war also ein wenig vorgegeben. Ich denke, dass Labels im Allgemeinen sehr nützlich sind, um zu beschreiben, wie ein Text im akademischen Kontext funktioniert, um Leser*innengemeinschaften im Hinblick auf die Verbreitung von Texten zu bündeln. Die Tatsache, dass sie etwas als dieses oder jenes Genre identifizieren können, ist sehr hilfreich, aber uns Autor*innen sind Labels nicht wichtig; es sei denn, man möchte beim Schreiben spezifische Werkzeuge des Genres verwenden.

Gabriela Damián Miravete (Foto: Jannis Sterr)

Bist du überzeugt davon, dass es eines Tages eine Gedenkstätte geben wird, wie du sie in Soñarán en el jardín beschreibst?
Nein, ich würde mir sehr wünschen, dass es eine andere Beziehung zum Gedenken in Mexiko gäbe. Was ich für möglich halte, und wo ich auch glaube, dass es bereits existiert, ist die politische Teilhabe von Frauen. Wie wir die Straßen einnehmen, wie wir Gemeinschaften bilden, wie wir uns für feministischen Selbstschutz organisieren, wie wir Räume schaffen, wie wir die Dynamik der öffentlichen Räume verändern, wie zwischen uns eine politische Freundschaft entstanden ist, die sichtbar und meiner Meinung nach irreversibel ist. Das ist die Realität, die ich sehe. Und das gibt mir große Hoffnung, dass es noch andere Dinge geben kann, die uns helfen, das Heteropatriarchat abzubauen. Ich denke, das Wichtigste ist, darauf hinzuarbeiten, dies weiterzuführen, dem Kraft zu verleihen und die Fackel weiterzugeben, damit diese politische Kraft, die auf den Straßen besteht und Frauen als Schwestern verbindet, nicht verloren geht.

Deine Kurzgeschichte wurde von einem studentischen Kollektiv der Freien Universität Berlin ins Deutsche übersetzt. Die letzten Schritte der Anfertigung von Im Garten werden sie träumen hast du sogar selbst vor Ort begleitet. Warum ist es wichtig, dass Soñarán en el jardín im deutschsprachigen Raum gelesen werden kann?
Für mich ist es sehr wichtig, dass die Erzählung auf Deutsch und in vielen anderen Sprachen gelesen werden kann, denn Übersetzung ist für mich ein Friedenswerk, wie der Dichter David Huerta sagte. Und zu wissen, dass die Geschichten dieser Frauen in einem anderen Kontext, innerhalb anderer Weltanschauungen erzählt werden, ist für mich ein Erfolg und hält ihr Andenken am Leben. Es bedeutet, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, auf die Weise, wie Sprache und feministische Solidarität Gerechtigkeit leisten können. Abgesehen von der persönlichen Genugtuung, die ich als Autorin empfinde, weil ich weiß, dass ich – obwohl ich nicht viele Sprachen beherrsche – durch die geliehenen Stimmen der wunderbaren Menschen, die mich übersetzen, die Gedanken ihrer eigenen Geographien erreichen kann. Das ist eine Ehre für mich: Es ist, als ob ich dieses Bewusstsein erweitern könnte, ich empfinde es als etwas Wundervolles, sogar Science-Fiction-artiges. Es ist, als könnte mein Geist dank der Großzügigkeit der Übersetzung den Geist anderer berühren.

Soñarán en el jardín wurde dabei von jungen Frauen übersetzt, möglichen Opfern von Feminiziden. Inwiefern hat dies die Übersetzung beeinflusst?
Ich finde, dass genau junge Frauen diejenigen sind, die diese Geschichte übersetzen sollten. Denn sie sind die Körper, aus denen diese Sprache kommen muss. Es sind Körper, die es fühlen, die diese Angst spüren, die diese Traurigkeit empfinden, die auf die Straße gehen und sich für andere Menschen, für ihre Freundinnen einsetzen. Allein die Tatsache, dass Soñarán en el jardín von jungen Frauen übersetzt wurde mit dem Bewusstsein, dass sie nur eine sehr feine Linie von der Fiktion trennt, macht das Werk mächtiger. Und vor allem das Gefühl, innerhalb und außerhalb des Textes zusammen zu sein, war sehr schön und hat es auf den Punkt gebracht. In den verschiedenen Räumen, in denen der Übersetzungsprozess stattfand, konnten wir diesen Raum der Gemeinschaft, der politischen Affinität, des feministischen Suchens nach einer anderen Zukunft und einer Gegenwart, die sich selbst durch Literatur infrage stellt, umsetzen. Sogar das Gespräch selbst, das Verhandeln und das Treffen von Vereinbarungen, um zur Frage „Was ist die beste Version eines Satzes?“ zu gelangen, ist ein politischer Akt. Es ist ein Akt des Dialogs, der Schaffung von Frieden und der Schaffung von Zukunft. Kein politischer Aspekt ist von dem literarischen getrennt, weder bei einem Thema wie diesem noch im Allgemeinen.


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HAIKUS AUF ZAPOTEKISCH

Sie sind in Buena Vista Loxicha aufgewachsen, einem Dorf von nicht einmal tausend Einwohnern im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca. Wie war die Welt Ihrer Kindheit?
Es war eine vollkommen zapotekische Welt. Meine Eltern konnten zwar vielleicht ein bisschen Spanisch verstehen, weil wir aber immer im Dorf blieben, dachte ich, dass alle Menschen Zapotekisch sprechen – bis zu meinem ersten Schultag. Diese Anekdote erzähle ich gerade zum ersten Mal: Ich erschrak fürchterlich, dass alle Lehrer nur Spanisch sprachen. Mein erster Impuls war, aus der Reihe auszubrechen, in der sie uns aufstellten. An der Tür hielten sie mich zurück. Das ist die Realität vieler indigener Kinder. Man spricht so lange Spanisch mit dir, bis du es irgendwann verstehst.

Wie sind Sie Schriftsteller geworden?
Ich sollte das Buch Aquí están los que se van (wörtlich: „Hier sind die, die weggehen“) von Gabriel Quiroz übersetzen. Man hatte ihn nach San Quintín, Baja California, ganz im Norden von Mexiko, geschickt; er machte Fotos von Migranten aus Oaxaca, die dort in der landwirtschaftlichen Produktion arbeiten, und schrieb Gedichte dazu. Als ich die Gedichte ins Zapotekische übersetzte, entdeckte ich diese Sprache, die ich nie zuvor geschrieben hatte, und es brachte mich dazu, meine eigene Fiktion zu erschaffen. Mein erstes Buch Y supe qué responder (etwa: „Und ich hatte eine Antwort“) handelt von einem Kind, das von einem Lehrer auf Spanisch mit Fragen traktiert wird, es fühlt sich verloren. Aber danach befragt es den Lehrer auf Zapotekisch und der Lehrer fühlt die gleiche Hilflosigkeit.

Bevorzugen Sie beim Schreiben eine der beiden Sprachen, Spanisch oder Zapotekisch?
Ich würde hier gerne etwas deutlich machen: Meine Gedichte schreibe ich auf Zapotekisch, weil es eine metaphorische Sprache ist. Statt „Wie geht’s?“ sagt man zum Beispiel „Wie geht es Ihrem Herzen?“ Du kannst auch nicht sagen „Ich ärgere mich“, sondern nur „Mein Herz ärgert sich“. Das „Herz“ kommt in vielen Redewendungen vor. Der difrasismo des Zapotekischen fällt einem auf, wenn man schreibt: Zwei Wörter zusammen ergeben einen neuen Ausdruck. Stein-Nacht bedeutet dann „Unheil“, Wasser-Feuer bedeutet „Krieg“, Stein-Licht heißt „Ernte“. Dieses mesoamerikanische Denken ist beeindruckend. Und jetzt denk an all das, was die Spanier und die mexikanische Gesellschaft getan haben, um eine „nationale Einheit“ herzustellen. Nach der Revolution hieß es: Mexiko ist ein Land mit einer Sprache.
Es war ausgerechnet ein Mann aus Oaxaca, José Vasconcelos, einer der großen mexikanischen Denker, der mit seiner Kastellanisierungspolitik nur Spanisch an den Schulen erlaubte. In dieser Kultur wuchs mein Vater auf. Er erzählt, dass man verprügelt wurde, wenn man nur ein einziges Wort auf Zapotekisch sagte. Es wurden Lehrer aus dem Norden eingestellt, denen man sogar ein höheres Gehalt bezahlte, damit die Verwendung des Zapotekischen verhindert wurde. Diese nationale Bildungspolitik bestand bis in die siebziger Jahre, als man die indigene Bildungspolitik einführte, die aber erst in den neunziger Jahren umgesetzt wurde.

Welchen Stellenwert hat die zapotekische Sprache heute in der Schule und der Familie?
Es ist so: Siebzig Jahre lang wurde in den Dörfern die Meinung vertreten, Zapotekisch sei zu nichts nütze, Spanisch sei viel besser. Die Großeltern denken immer noch, ihre Sprache habe keinen Wert. Sie sprechen zwar Zapotekisch, wollen es aber nicht weitergeben. Aber sie wollen die Feste! Wenn die älteren Leute in meinem Dorf ihre zapotekischen Feste feiern, sprechen sie Spanisch. Ich sage das sehr ungern, aber die Indigenen selbst hegen eine gewisse Geringschätzung gegenüber ihrer Sprache. Ihre Identität wurde beschädigt. Sie wollen ihre indigene Herkunft nicht annehmen und glauben, allein indem sie Spanisch sprechen, lösen sie ihre Probleme. Aber es liegt nicht an der Sprache, es sind die Lebensbedingungen, die in Mexiko verbreitete Ausgrenzung und Armut. Nur weil du Spanisch sprichst, hast du noch lange nicht das Geld, um ein Universitätsstudium zu bezahlen.
Seit vier Jahren werde ich vom Kulturzentrum San Agustín in Oaxaca unterstützt, um Schreibworkshops auf Zapotekisch zu geben. Dieses Jahr bin ich zwischen drei Ortschaften unterwegs wie ein Wanderlehrer. Die Kinder sind elf, zwölf Jahre alt, und jeden Monat unterrichte ich für zwei Tage eine Gruppe von zwanzig Kindern in jedem Dorf. Dabei greife ich auf die japanische Tradition zurück: Zuerst schreiben wir Haikus, drei Zeilen. Dann Tankas, fünf Zeilen. Erst beim Schreiben wird man bestimmter Dinge gewahr, dass zum Beispiel die Orchidee auf Zapotekisch für das Wort Schönheit steht. Genauso ging es mir ja selbst: Ich wusste nichts über die zapotekische Welt, bis ich dieses Buch übersetzt habe. Da entdeckte ich so viel Wunderbares! Denn beim Schreiben wird man zur Genauigkeit gezwungen. Wenn man nicht weiß, wie man etwas schreibt, muss man zuhören. Zapotekisch ist noch dazu eine Tonsprache. Den Kindern möchte ich dazu Anleitungen geben. Und sie schreiben großartige Sachen.

Wo liegen die Dörfer, in denen Sie unterrichten?
Sie liegen etwa fünf Stunden von der Stadt Oaxaca entfernt. Eine Schule befindet sich in einer sehr großen Ortschaft, es gibt circa 1.200 Schüler. Eine halbe Stunde weiter befindet sich das Dorf San Luis Amatlán in einem trockenen Tal, wo traditionell Meskal hergestellt wird. Dann fahre ich eine Stunde mit dem Bus, um zu meinen Kindern in den Bergen zu kommen. Die Landschaft ist ganz anders und die Kinder sind stiller als die anderen. Danach fahre ich eine Stunde in Richtung Küste bis zu meinem Haus, wo ich immer eine Pause einlege. Ich weiß, dass es ein gutes Projekt ist, aber außer mir will das kaum jemand machen. Die anderen sehen sich als Dichter, als Wissenschaftler, sie wollen ihre persönlichen Projekte machen, in der Stadt das Leben eines Schriftstellers führen und nicht in die Dörfer fahren, dort essen oder übernachten.

Das erfordert schon ein großes Engagement. Was treibt Sie an, den Beruf des Schriftstellers mit dem des Lehrers zu kombinieren?
Anders als viele andere kehre ich gerne in mein kleines Heimatdorf zurück. Meine Brüder zum Beispiel würden es nicht länger als einen Tag aushalten, aber ich kann Monate dort verbringen. Schon als ich als staatlicher Lehrer arbeitete, wählte ich das abgelegenste Dorf aus, um ein Jahr dort zu unterrichten. Danach wollte ich unabhängig vom Staat arbeiten, aber das ist sehr schwierig in Mexiko. Ich mache diese Projekte nicht, weil ich dafür bezahlt werde, sondern weil ich es wichtig finde, die zapotekische Sprache zu erhalten.

Wenn nun Schriftsteller*innen wie Sie auf Zapotekisch schreiben, ist die Frage auch, wer diese Werke lesen kann. Gibt es denn genug Leser*innen für das Zapotekische?
Es sind wenige. Aber es ist Teil derselben Politik: In der Schule hat man es dir nicht beigebracht und auch wenn nun Texte auf Zapotekisch vorhanden sind, lesen die Leute lieber auf Spanisch, weil es ermüdend ist, wenn man die Strukturen und Wörter nicht versteht. Trotzdem machen wir weiter Bücher. Im Augenblick bewerben wir die Anthologie der fünf Premio-Casa-Preisträger. Das sind Gedichte auf Zapotekisch, es wurden 10.000 Exemplare gedruckt, die wir an den Schulen verteilen, damit die Kinder lesen und erkennen, wie wichtig Zapotekisch als Schriftsprache ist. Es ist ein langsamer Prozess, diese neue Lesergeneration auszubilden. Manchmal bringe ich meinen Schülern Texte auf Quechua oder Mapudungun mit. Dann sage ich ihnen, schaut mal, Kinder, hier sprechen wir Zapotekisch, wenn wir aber auf dieser Landkarte Richtung Süden gehen, sprechen die Menschen Mapudungun, wollt ihr hören, wie das klingt? Und die Kinder sind neugierig.

In welcher Lage befinden sich indigene Schriftsteller*innen in Mexiko? Es gibt ja zum Beispiel die Gesellschaft der Indigenen Schriftsteller…
Sie wollen sich nicht gegenseitig unterstützen. Die Gesellschaft der indigenen Schriftsteller ist wie ein Patriarchat. Als ich zu schreiben anfing, war es mein Wunsch, dass sie mich dort lesen und mir eine Einschätzung geben. Sie wollten nicht. Das ist eine sehr mexikanische Einstellung: Wenn ich ein erfolgreicher indigener Schriftsteller bin, möchte ich unbedingt verhindern, dass viele junge Menschen schreiben, denn sie könnten mir ja meinen Platz streitig machen. Manche indigenen Schriftsteller weigern sich, aufs Land zu fahren, wo sehr viele Indigene Mexikos leben. Wenn ein Kolloquium in Oaxaca veranstaltet wird, wollen viele Kollegen nicht kommen, weil wenn schon, dann wollen sie in die Hauptstadt oder ins Ausland eingeladen werden.

Um noch auf Ihre Werke zurückzukommen, Sie schreiben Prosa genauso wie Lyrik. Welche Themen, welche Motive sind Ihnen beim Schreiben wichtig?
Ich habe mit Erzählungen angefangen und die Suche nach etwas noch Tieferem führte mich zur Poesie. Ein Gedicht spricht über das Unsagbare, von der äußersten Erfahrung. Mein Erzählband Hormigas Rojas („Rote Ameisen“) wurde viel gelesen und, was mich besonders freut, in einem Seminar am Colegio de México, dem Elitekolleg der Reichen, besprochen. Dennoch: Sie haben nur den zapotekischen Teil analysiert! Dabei kommen nur in drei Erzählungen zapotekische Ausdrücke vor. Die anderen vierzehn Erzählungen bedienen sich einer Sprache fernab vom Gesprochenen. Diesen Teil des Buches, wenn ich mich dem Realismus verweigere, rätselhafte, unbestimmbare Orte beschreibe, das hat bisher noch niemand kommentiert.
Eine wichtige Rolle spielt die spezifische Art der Landschaft in meiner Fiktion. Der beste Schriftsteller in dieser Hinsicht ist für mich der US-Amerikaner Cormac McCarthy. Meine Literatur ist aber auch sehr durchdrungen vom Japanischen, von Schriftstellern wie Osamu Dazai oder Jun’ichiro Tanizaki. Ich habe mein Buch Hormigas Rojas genannt, weil es die Natur in den Blick nimmt. Gleichzeitig sind die Figuren von ewigen Konflikten gekennzeichnet, von Verlust, Suche, Gewalt. Ich glaube, als Schriftsteller kombiniert man immer seine Lektüre mit der Alltagserfahrung. Insofern glaube ich, dass die Literatur ein sehr machtvolles Werkzeug sein kann, um die geringgeschätzte indigene Vorstellungswelt sichtbar zu machen. Mein Beitrag zur mexikanischen Literatur soll aber sein, zu zeigen, dass ich fiktive Welten auch auf Spanisch schaffen kann.

Sie möchten als Schriftsteller, nicht als indigener Schriftsteller gesehen werden.
Genau. Eine weitere Sache ist, dass die Bücher der wenigen indigenen Schriftsteller, die es in Mexiko gibt, nicht übers Internet zu erwerben sind. Sie erscheinen als Veröffentlichungen des mexikanischen Staats, die Auflage beträgt gerade einmal tausend Exemplare. Kaum einer wird von einem kommerziellen Verlag veröffentlicht. Den indigenen Schriftstellern muss vermittelt werden, dass sie auf diese Weise zwar Preise der Regierung bekommen, aber nicht mehr am Wettbewerb teilnehmen. Mir ist das selbst passiert. Was ich bei Verlagen veröffentlicht habe, die aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, ist nicht anders zu beschaffen, als dass ich es persönlich jemandem bringe. Hormigas Rojas dagegen kann man bei Amazon bestellen. Ein Schriftsteller muss darauf achten, dass die Leser sein Buch besorgen können.

Wie haben Sie es geschafft, mit nur wenigen Büchern so bekannt zu werden?
Almadía, mein Verlag in Oaxaca, ist ein wichtiger mexikanischer Verlag. Ich bin ihm sehr dankbar für den Vertrieb, den es dort gibt, sodass die Bücher nach Argentinien, Chile und über eine Filiale auch nach Spanien gelangen. 2014 wurde eine Liste von zwanzig jungen mexikanischen Schriftstellern herausgegeben. Mit nur einem Buch kam ich auf diese Liste, die sehr umstritten war. Natürlich wollten alle auf diese Liste, weil sie eine Garantie ist, gelesen zu werden. Und weil wir zur Buchmesse in London eingeladen waren, gab es eine Übersetzung ins Englische. Pushkin Editorials war sehr nett und schickte uns die übersetzte Anthologie, während der mexikanische Verlag Malpasa sich weigerte. Ich musste das Buch kaufen.

Arbeiten Sie zurzeit an einem neuen Projekt?
Mein Verlag bittet mich schon seit zwei Jahren, irgendetwas zu veröffentlichen, egal was. Aber wenn man schon in der Liste ist, wird deine nächste Veröffentlichung kleinlichst auseinandergenommen. Was, wenn das nächste Buch nicht so gut ist? Mit meinem Zögern treibe ich die Leute vom Verlag an den Rand der Verzweiflung, die rufen mich an, fragen mich aus. Aber ich glaube, in den nächsten Monaten oder bis Jahresende werde ich das Manuskript übergeben. Hoffentlich werde ich Leser haben, denn das ist der Wunsch aller Autoren.


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