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Bleiben oder Weggehen?

In Friß und stirb trotzdem wird bei einer antifaschistischen Aktion ein führender Neonazi getötet. In La Negra antwortet die Guerilla auf ein Massaker der Paramilitärs ihrerseits mit einer blutigen Vergeltungsaktion. Fasziniert dich Gewalt als Phänomen an sich?
Nein, überhaupt nicht. Bei Friß und stirb trotzdem hat mich nicht so sehr der Fall des Neonazis an sich interessiert, sondern wie Menschen in Deutschland außerhalb von Deutschland leben, das Lebensgefühl von Jugendlichen, die wurzellos sind, oder wenn sie eine Heimat haben, dann in ihrem konkreten Stadtteil, die Geschichten von Flucht und Rausgerissenwerden. Bei La Negra interessiert mich die kolumbianische Wirklichkeit, eine Wirklichkeit, die ich als traumatisch erlebt habe, die Flüchtlings- und die Kriegswirklichkeit.
Die Höhepunkte, wie das Massaker und die Vergeltungsaktion, sind für den Spannungsbogen, für die Dramaturgie wichtig, aber interessanter ist die Beziehung zwischen den Hauptpersonen, zwischen den einzelnen Akteuren, wie zum Beispiel La Negra und dem Guerillakommandanten Ricardo oder Flacoloco. Alle drei sind einsam, alle haben Probleme, über ihre Gefühle zu reden und werden bewegt von einem Traum oder der Sehnsucht nach Veränderung.
La Negra sagt, Rache ist blind, dumm und gefährlich. Trotzdem gibt es für sie am Schluss keinen anderen Ausweg.
Das hat die taz auch kritisiert: ein aufgepfropftes Ende. Aber der Spannungsbogen des Buches ist so angelegt, dass es sich nur in einem Knall auflösen kann. Es ist klar, dass am Ende noch mal was passieren muss, das Buch sollte nicht einfach versanden, wie Ulrich Noller in der taz vorschlug. Meiner Meinung nach wird die Entscheidung am Ende also nicht abgefeiert, zumal der Schluss in der Parallelgeschichte konterkariert wird.
Vielleicht hat das Problem mit dem Schlusskapitel auch damit zu tun, dass viele Akteure, die bis dahin das Tempo gedrosselt haben, nicht mehr da sind. Es kommt zu einem Showdown. Ein bisschen Hollywood, aber eben keine “ideologisch” motivierte Handlungsanleitung. Die Protagonisten sind keine Militaristen. Luisa, die Ricardo gar nicht leiden konnte, bemerkt am Schluss, dass sie auch Ähnlichkeiten mit ihm hat und bei einer militärischen Aktion genauso schroff reagiert wie er, dass sie diese unangenehme Seite selbst hat. Hinter Ricardos Schroffheit wiederum verbirgt sich seine Einsamkeit.
Du sprichst vom Club der einsamen Träumer. Gibt es keine gemeinsamen Träume mehr?
Zum Schluss des Buches kommt es zu einer Annäherung zwischen La Negra und Ricardo, aber gegenüber den Bauern bleiben sie einsam, distanziert. Die Bauern sind ganz anders sozialisiert, interessieren sich für Miss-Wahlen oder Telenovelas. Sie wissen anhand konkreter Geschichten, was sie für ungerecht halten oder zu tun haben, aber ihnen fehlt eine Vision, wie eine andere Gesellschaft zu sein hätte, oder sie haben vielleicht auch eine beschissene Meinung über Schwule. Während Flacoloco, Luisa und auch Ricarado eine ganz andere Vorstellung davon haben, was ein erfülltes Leben ist. Deshalb sind sie einsame Träumer.

Ein Traum von gesellschaftlicher Veränderung hat da Kraft, wo es auch ein kollektiver Traum ist, wo er mit einer Aufbruchphase verknüpft ist, meinetwegen 1968 oder eine Guerilla, die in der Offensive ist. Entspringt die Vereinsamung einem Prozess des Zurückbleibens, dem Gefühl mit seinen Träumen allein zu sein – die Linke in den 90er Jahren?
Ich glaube, dass das vielen Leuten in Kolumbien so geht. Das ist eine Geschichte von Trennungen, vor dem doppelten Hintergrund, dass viele Leute umgebracht worden sind und die sozialen Bewegungen zerschlagen wurden. Und der Ort, wo Gedanken und Lebensgefühle von Aufbruch entstehen, sind ja eher die sozialen Bewegungen und nicht so sehr die Guerilla. So etwas entsteht in offenen Bewegungen, die sich frei artikulieren können, und dieses Moment fehlt jetzt. In dieser Hinsicht entsprechen die Personen im Buch schon den realen Vorlagen.
Als Übriggebliebene, um die herum ganz viel weggebrochen ist?
Die soziale Wirklichkeit für Linke sieht zumindest so aus: Es gibt zwar weiterhin eine Bewegung, die gegen Ausbeutung, Neoliberalismus, Hunger, Landkonzentration und so weiter kämpft, aber es gibt keine Bewegung mehr, die sagt, wir müssen das Leben und die Welt verändern. Diese andere Seite, die man vielleicht als die Seite des Begehrens bezeichnen könnte, fehlt heute fast völlig.
Es ist ein Problem: Die Guerillagruppen, auch die ELN, setzen sich aus einer kleinen Gruppe von 40-Jährigen, die aus den 70ern kommen, und einer großen Mehrheit von jugendlichen Bauern und Stadtteilbewohnern zusammen, die gar keinen Bezug mehr dazu haben, die kaum einen Vorlauf als Linke hatten.
Das ist auch mein Blick auf Kolumbien, warum ich Schwierigkeiten hatte, dort länger zu bleiben. Ich habe die Leute bewundert, viel gelernt, aber mit bestimmten Wünschen habe ich mich sehr einsam gefühlt. Die Person, die als Vorbild für La Negra diente, ist ja auch tatsächlich von dort weggegangen, weil sie wieder was lernen wollte, was ein Ausdruck davon ist, dass bestimmte Sachen zu kurz gekommen sind.
Im Buch bleibt sie.
Im Buch ist es unklar, ob sie bleibt. Das ist offen. Aber das ist auch typisch. Ich kenne Leute, die immer weg wollten und dann doch blieben, die von dem Projekt nicht losgekommen sind und weitermachen, weil es eben auch gute Gründe gibt zu bleiben.

Raul Zelik: La Negra. Edition Nautilus, Hamburg 2000, 256 S., 29,80 DM.

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