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Casino Zombies

Am Ende der Aufsatzsammlung
Casino Zombies, die viele ältere Artikel von Mike Davis enthält, findet sich eine Art Lichtblick: Nach den eher düsteren Aussichten und Szenarien vorangegangener Analysen stößt der Leser / die Leserin auf den Text Magical Urbanism. Situation und Perspektiven lateinamerikanischer MigrantInnen in den Städten des US-amerikanischen Südwestens werden in diesem Artikel auf überraschend positive Art thematisiert.
Der Text entspricht der gleichnamigen Originalausgabe, die zudem noch den Untertitel: Latinos Reinvent the US-City trägt. Neuerfindung der gigantomanen und apokalyptisch anmutenden US-amerikanischen Megastadtkultur durch den Einfluss sozial und politisch schwacher Latino-Einwanderung? Eine gewagte These.
Aber genau mit derartigen Thesen hat sich der Autor von City of Quartz, mittlerweile Standardwerk der Stadtentwicklungssoziologie, seinen Namen als herausragender Beobachter nordamerikanischer urbaner Realitäten gemacht. Davis’ Erfolg hängt mit dem Stil der Präsentation seiner Werke zusammen: Die büfettartig ausgebreiteten Fakten, denen eine ebenso profunde wie leidenschaftliche Recherche anzumerken ist, sind attraktiv und münden in eine Analyse, die ohne zuviel Ideologie deutlich linke Standpunkte vertritt. Ohne bei der Auswahl einseitig zu werden, lässt Davis die Tatsachen für sich sprechen.
Mit einem schlafenden Drachen wird die Rolle der MigrantInnen verglichen, die aus den Ländern jenseits des Rio Grande in die Vereinigten Staaten übersiedeln. Die Bedeutung der Latinos in den USA erschließt sich leicht über die demographischen Daten: Die Bevölkerungsgruppe der lateinamerikastämmigen Menschen wird im Jahr 2005 den Anteil der AfroamerikanerInnen in den USA überflügelt haben. Bereits jetzt ist die „Lateinamerikanisierung“ der mittleren und größeren Städte im gesamten Bundesgebiet derart fortgeschritten, dass die Bevölkerung mit spanischem Familiennamen jährlich um eine Million Menschen zunimmt. Das entspricht dem Fünffachen des allgemeinen Bevölkerungswachstums.

Politischer Einfluss?
Doch wird alleine die Masse der MigrantInnen eine Veränderung des diskriminierenden Alltags bewirken können? Mittels Wahlen jedenfalls, da ist sich Davis recht sicher, kaum. Dazu fehlen der großen Latino-Mehrheit trotz drastisch steigender Wahlbeteiligung oftmals noch die grundlegenden Rechte als US-amerikanische Staatsbürger. Wenn die Menschen aus Puerto Rico, El Salvador und anderswo nicht bei dieser Wahl den entscheidenden Impuls geben werden, so könnte dies bei der Nächsten schon anders aussehen. Durch die Zulassung der doppelten Staatsbürgerschaft in Mexiko ist es nun beispielsweise deutlich mehr Chicanos möglich, auch in den USA ihre Stimme abzugeben. Und mexikanischstämmig sind immerhin zwei Drittel aller Einwandernden aus Lateinamerika.
Nach Davis’ Ansicht waren die besonders diskriminierenden rassistischen Gesetzesvorlagen der letzten Jahre Anlass für lateinamerikanische MigrantInnen, auf andere Maßnahmen als die Stimmabgabe zurückzugreifen, um gegen die drastische Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen vorzugehen. Der Zugang, der „Unsichtbaren“ zum öffentlichen Leben muss sich über teils selbstbestimmte, teils gewerkschaftliche Organisierung vollziehen. Von weitreichender Bedeutung sind für Mike Davis die „solidarischen Gemeinschaften, die in den sozialen Kämpfen im Stadtteil und am Arbeitsplatz entstehen.“ Allerdings muss auch er bemerken, dass die Gewerkschaften bisher nur geringes Interesse gezeigt haben, auf die besonderen Schwierigkeiten der Latinos einzugehen. In die oberen Etagen der Gewerkschaften sind MigrantInnen aus Lateinamerika bisher kaum vorgedrungen. Ihr Bezug zur Arbeit definiert sich stattdessen oft über so genannte Beschäftigungsnischen. Dort spielt sich der Überlebenskampf nach dem Motto „Dog eats Dog“ ab, wie Davis beschreibt, als dass es zu einer gemeinsamen Organisierung kommt.
Das erste Ziel, das Migran-tInnen verfolgen, ist möglichst schnell wirtschaftliche Sicherheit zu erlangen, mit der Option, so genannte Migradollar, also Devisen, in ihre Herkunftsländer schicken zu können. Es wird geschätzt, dass etwa acht bis neun Milliarden US-Dollar jährlich durch die ökonomischen Nabelschnüre in die Heimatorte auf dem mittel- und südamerikanischen Kontinent zurückfließen. Die Lebensformen der WanderarbeiterInnen, die lediglich saisonbedingt über die Grenze gehen, führen sowohl in ihren Dörfern als auch in den comunidades in den US-Citys zu neuen sozialen Phänomenen. Anders als früher vereinfacht der Globalisierungseffekt durch moderne Telekommunikation und billige Flugreisen das Leben an zwei Orten gleichzeitig. Auch die Probleme finden somit teilweise ihren Weg von den Metropolen zurück in die Heimatorte: So erwähnt der Autor die Fortführung gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Straßengangs aus L.A in den Herkunftsländern, ausgetragen durch abgeschobene Jugendliche.
Inwieweit durch kulturelle Einflüsse eine reelle gesellschaftliche Machtverschiebung zugunsten einer weitgehend ohnmächtigen Latino-Bevölkerung eintreten kann, lässt Davis offen. Chancen bieten nach seinen Ausführungen gewisse kulturelle Effekte, so etwa einerseits die Annäherung zwischen Latino-Communities unterschiedlicher Nationalität, als auch andererseits der Erfolg des sabor tropical in Musik und Mode und dessen Wiederspiegelung in den Medien. Es scheint, als etabliere sich sowohl der gringo hispanizado (hispanisierter Weißer) als auch der latino agringado (US-amerikanisierter Latino). Schilder wie „se habla ingles“, die an Läden in Los Angeles’ Latino-Zentren angebracht sind, üben eine gewisse Faszination aus und nähren die etwas irreale Vision eines geeinten Amerika. Dieser neuen Form eines Panamerikanismus scheint sich auch Davis, obwohl er selbst Gegenargumente anführt, schwer entziehen zu können.

Der Südwesten
Davis stellt eine neue Art von Mentalität in den Grenzgebieten fest und betrachtet die speziellen Entwicklungen in den so genannten Zwillingsstädten, wie zum Beispiel Tijuana und San Diego. Dort herrsche zwar einerseits eine wachsende Angst vor der zunehmenden Militarisierung der Grenze, andererseits bilde sich aber auch ein neues Selbstbewusstsein bei der ansässigen Bevölkerung heraus. Die Verwaltungen müssten angesichts der übergreifenden Infrastruktur (z.B. beim Problem der Umweltverschmutzung) verstärkt zusammenarbeiten.
Wie eingangs erwähnt, ist die Auseinandersetzung mit der Migrationsthematik ein kleiner Ausschnitt aus dem mit interessanten Artikeln zur Entwicklung des Südwestens der USA angefüllten Buch von Davis. Gut geschriebene Schilderungen zur frühen Besiedlungpolitik als auch über nachhaltige und systematische Umweltzerstörungen in der von der Militärindustrie geprägten Zone geben ein eben doch rund-pessimistisches Bild der dortigen Lage. Die Berichte werfen Schlaglichter auf unterschiedlichste „off worlds“; bemerkenswert ist u.a. der dokumentierte Briefwechsel mit einem Häftling, der die Gefängnisindustrie von innen beschreibt.

Lichtblicke und Ausblicke
Die Lichtblicke, soviel wird klar, sind wenige, eine gewisse Endzeitstimmung macht sich in sämtlichen Berichten breit. Vielleicht greift Davis, der sonst kaltblütig analysiert, deshalb auf die Hoffnung zurück, durch Arbeitskämpfe würden sich grundlegende Verbesserungen erreichen lassen. Sie stellen nach Meinung des Autors die einzige denkbare und nachhaltige Alternative zu kurzfristigen und hauptsächlich von Verzweiflung angetriebenen Gewaltexplosionen dar. Einerlei, ob man diese Ansicht teilt oder nicht: mit dem Buch hält man ein zwar schwer zu verdauendes, aber auch authentisches Stück US-amerikanischen Südwestens, in den Händen.

Winnie Enderlein

Mike Davis: Casino Zombies und andere Fabeln aus dem Neon-Westen der USA. VLA, Hamburg 1999, 269 S., 32.- DM.

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