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Der greise Schatten

Ich kann’s nicht mehr hören“, stöhnt die Frau in der roten Bluse auf. Die Mittdreißigerin steht in der Fußgängerzone Ahumada in Santiago de Chile vor einem kleinen, grünen Kiosk. Um sie herum drängen eilig die Menschen. Sie starrt auf die Schlagzeile der Tageszeitung El Mercurio: Pinochet als Angeklagter vernommen. „Am besten wäre, der stirbt endlich. Dann hätten wir alle unsere Ruhe,“ ist ihr Kommentar. Ihren Namen will die Frau nicht nennen, der täte nichts zu Sache. Da verlässt sie der Mut schon wieder. Das ist Chile. Ein schwacher, alter Mann verstrickt ins Netz vieler Prozesse, diskreditiert als Dieb und Mörder – ein starker, dunkler Schatten, kaum fassbar und doch allgegenwärtig. Es ist schon länger kein Tabu mehr, über Pinochet zu schimpfen, auch wenn viele dies noch immer nicht so offen tun, wie die Leserin am Kiosk. Doch nach diesen Worten der fremden Journalistin den eigenen Namen Preis zu geben, das ist eine ganz andere Sache.
Am 25. November 2005 erreichte der Greis sein 91. Lebensjahr. Keine Parade, kein Defilieren hoher Militärs und Beamter, keine Jubelrufe und unterdrücktes Zähneknirschen. Um den einst mächtigsten Mann Chiles ist es sehr einsam geworden. Die Zeiten der Staatszeremonien sind vorbei, im Leben wie im Sterben. Erst vor wenigen Monaten hatte die Regierung des sozialistischen Präsidenten Ricardo Lagos vorsichtig verkündet, dass für den Fall von Pinochets Tod ein ausgearbeiteter Plan existiere, der jedoch keinerlei Staatsehren beim Begräbnis einschließe. Ist die Macht des Generals also in sich zusammengesunken, wie der alte Herr im Rollstuhl selbst?
Keineswegs. Was Pinochet in seinem Leben schuf, hält Chile seit mehr als drei Jahrzehnten gefangen. Sein Erbe wird nicht einmal dadurch geschmälert, dass sein Foto nun vielleicht wirklich wie das jedes anderen Verbrechers von vorn und im Profil ins Strafregister aufgenommen werden wird. Er regiert das Land noch immer mit seiner Verfassung, die er 1983 schuf, mit seinem Wahlsystem, das die rechte Macht sichern sollte und kleinen Parteien keine Chance gibt, mit seiner Amnestie, welche die Miltärs in Frieden lässt und mit seiner Wirtschaft, die den Gott Konsum schuf und jegliche Solidarität auslöschte. Auch subtil ist sein Erbe zu spüren – wie in eben jenen ängstlichen Regierungserklärungen zu Beerdigungsprozeduren, in verschwiegenen Namen nach einer Schimpftirade, in Prozessen, die im Symbolhaften stecken bleiben. Augusto Pinochet, 17 Jahre lang Chiles Diktator (1973-1990), hat das Land grundlegend verändert. „Er hat ganze Arbeit geleistet, die uns noch über Generationen prägen wird“, sagt die Menschenrechtlerin Viviana Díaz.

Tabuthema Vergangenheit

In Chile regierte das Schweigen. Lange. Erst Pinochets Verhaftung 1998 in London brach dieses Schweigen. Als nun plötzlich die Satirezeitschrift La Clínica (Die Klinik) erschien und denjenigen karikierte, dessen Name bis dato noch immer ein Zusammenzucken verursachte, erst da fingen die Menschen an zu reden. Erst da wurde auch Menschenrechtsorganisationen ein paar Minuten in Fernsehen und Radio eingeräumt. Die Diktatur war schon acht Jahre vorbei. Und trotzdem. „Darüber sprechen wir nie. Das spaltet nur alle, zerreißt Familien und Freunde. Das Thema muss ein Tabu sein, wenn wir miteinander auskommen wollen. Frag’ lieber nie danach,“ blockte auch da noch ein Freund ein Interview ab. Die Folgen: Eine immense Unwissenheit über die eigene Geschichte vor allem bei der Generation, die die Militärherrschaft nicht mehr bewusst miterlebt hat. „Uns ist aufgefallen, dass die Europäer oft viel mehr über die Pinochetdiktatur wissen als die Chilenen selbst“, sagt der Historiker Mario Garcés. „Der Entsetzensschrei, der im letzten Jahr durch die Bevölkerung ging, als der Folterbericht veröffentlicht wurde, war enorm. Bis dahin sind Angehörige von Opfern oder Opfer selbst oft immer noch als Spinner hingestellt worden. Heute geht das nicht mehr.“
Doch der erste Blick, der scheinbares Desinteresse an Politik im Allgemeinen und an der Diktatur im Besonderen zu Tage fördert, trügt. „Wenn wir Gespräche anbieten, sieht es zunächst so aus, als interessiere es niemanden, aber wenn man dann die Möglichkeit gibt zu fragen, fangen die meisten selbst an zu erzählen“, weiß Viviana Díaz, Präsidentin der Vereinigung Angehöriger verschwundener Häftlinge (AFDD), aus Erfahrung. Es sind vor allem die Kinder, die heute nachhaken. „Wir gehen jetzt häufiger in Schulen, was noch immer mit einem wahnsinnigen Bewilligungsverfahren verbunden ist, denn der Lehrer, der uns einladen will, muss mit dem Koordinator sprechen, der mit dem Direktor und manchmal haben sie sogar im Bildungsministerium nachgefragt. Dabei soll das Thema Menschenrechte auf dem Stundenplan stehen. Aber die Schüler überraschen uns immer wieder. Die Kinder des Übergangs von der Diktatur zur Demokratie sind zwölf Jahre alt. Man denkt immer, das geht an ihnen vorbei, aber dann fragen sie plötzlich: Können Sie mir erklären, was die Todeskarawane ist? Ich höre das in den Nachrichten, aber wenn ich meine Mutter frage sagt die, ’pscht, sei still, misch dich nicht ein, das geht dich nichts an.’ Ich will es aber wissen“, gibt Díaz die SchülerInnen wieder.
Inzwischen füllen Pinochets Verfahren alle Zeitungen. Fast jeden Tag gibt es neue Schlagzeilen. Es ist jedoch auffällig, dass mehr über den Fall seiner Millionen schweren Konten bei der Riggs-Bank geschrieben wird, als über die Verfahren wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. „Es wird eher akzeptiert, über den Dieb Pinochet zu reden als über den Mörder. So als wäre es schlimmer zu rauben als zu töten“, sagt die Journalistin Lucía Sepúlveda Ruiz (siehe Interview in diesem Heft).

Böser Dieb – guter Mörder

In diesen Tagen wird Augusto Pinochet nun im Fall des Plan Colombo vernommen, einer geheimdienstlichen Operation, bei der in den Jahren 1974-75 119 Oppositionelle getötet wurden. Es hat kaum noch jemand damit gerechnet, dass es überhaupt zu diesem Verhör kommt, auf das vielleicht sogar die Anklagebank folgen könnte. Pinochet den Prozess zu machen ist in höchstem Maße kompliziert. Für jeden einzelnen Fall muss seine Immunität, die er als ehemaliger Staatschef genießt, aufgehoben werden. Gegen jede Entscheidung wird Berufung eingelegt, und wenn alles nichts mehr hilft, greift die Justiz immer wieder auf den angeschlagenen Gesundheitszustand des Greises zurück. Der Gedanke, dass hier Katz und Maus gespielt wird, liegt nahe. „Die Regierung hat ein stillschweigendes Abkommen mit den Pinochetistas, dass Pinochet nie gerichtet wird. Der Oberste Gerichtshof wartet auf seinen Tod, um die juristischen Verfolgungen zu beenden“, erklärte Richter Juan Guzmán, der bis zu seinem Ruhestand gegen Pinochet ermittelte, der französischen Zeitschrift Le Nouvel Observateur.
Ein Abkommen, das immer schwieriger zu halten ist und in dem Maße an Glaubwürdigkeit verliert, in dem offensichtlich wird, mit welcher geistigen Klarheit Pinochet noch bis vor kurzem sein Vermögen von geschätzten 28 Millionen US-Dollar im Ausland bewegte. Inzwischen wurde ihm entgegen aller Erwartungen von ärztlicher Seite Prozessfähigkeit für den Fall Plan Colombo bescheinigt. Ein Durchbruch, der langsam doch die festgefahrenen Strukturen zum Wanken bringen könnte, die bislang trotz aller Bemühungen und einer Flut von Klagen, trotz wirtschaftlichen Embargos gegen seine Güter, trotz der Festnahme seiner Ehefrau und seines ältesten Sohnes, trotz Aufhebung seiner eigenen Immunität, bislang Pinochets Straflosigkeit garantierten.
„Gegen die Schatten, die Chile regieren, kommen wir nur schwer an. Ja, es gibt Erfolge in der Justiz, mehr sogar als erwartet. Aber die Frage ist doch, welcher Maßstab angelegt wird. Es kann nicht sein, dass es in einem Land, in dem formal Demokratie herrscht, ein Erfolg sein soll, dass die Immunität eines Menschenrechtsverbrechers aufgehoben wird. Das sollte eigentlich ein Grundverständnis unserer Gesellschaft sein und kein hart errungener Erfolg“, sagt Gabriel Zoto, der während der Diktatur untertauchen musste und dessen Erwartungen an die Demokratie enttäuscht wurden. Die politischen Strukturen, die über die pinochetistische Verfassung und das Wahlsystem weiterhin das Land beherrschen, schufen ein Gefühl von Resignation in der Bevölkerung. „Letztendlich werden diese Strukturen doch von der Regierung, selbst mit einem sozialistischen Präsidenten, wie wir ihn haben, nur verwaltet und ansatzweise reformiert. Ein wirklicher Wille zur Veränderung ist nicht da, denn das System nützt den etablierten Kräften, indem es kleinen Parteien und Bewegungen keine Chance lässt“, erklärt Zoto. Und fügt hinzu: „In diesem Sinne ist es völlig egal, wie diskreditiert Pinochet selbst ist, ob er noch gerichtet wird oder ob er stirbt. Seine Strukturen leben weiter, und das ist das Entscheidende in Chile.

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