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Die Grenze überschritten

Shanti wischt sich die Schweißperlen von der Stirn. „Wir sind Freunde!“, ruft sie in die Hitze der Wüste. Es sind rund 46 Grad Celsius. Weit und breit nichts als Steine und ein paar verdorrte Sträucher. Sie ruft erneut: „Wir bringen Wasser!“ Keine Antwort. Nach nur kurzem Marsch brennt die Sonne schon unerbittlich auf die Freiwilligen der humanitären Nichtregierungsorganisation No More Deaths (Keine Toten mehr).
Hier im Süden Arizonas, an der Grenze zu Mexiko, sterben jedes Jahr mehr und mehr Menschen – MigrantInnen aus dem Süden, ohne Papiere, auf der Suche nach dem amerikanischen Traum. Sie folgen dem Versprechen von einem besseren Leben und Arbeit für ein wenig Geld, um es der Familie in der Heimat zu schicken: für die Ausbildung der Kinder, ein Haus, ein Auto oder einen Fernseher. Dafür riskieren sie ihr Leben. Denn ein Visum auf legalem Weg zu bekommen, ist beinahe unmöglich geworden. Seit der Verschärfung der Grenzpatrouillen und dem Mauerbau in allen großen Grenzstädten suchen MigrantInnen auf ihrem Weg in die USA immer entlegenere Routen durch Wüstengebiete und Gebirge. Im vergangenen Jahr kamen dabei allein in der Grenzregion in Arizona 311 Menschen ums Leben. Mehr als in allen anderen US-Grenzstaaten zusammen. Viele der Toten werden niemals gefunden.

„Kein Mensch ist illegal“

Seit zwei Jahren engagiert sich Shanti Sellz für No More Deaths (NMD). Im Sommer kampieren Ehrenamtliche in der Grenzregion, um nach MigrantInnen zu suchen. Schon oft haben sie Menschen in der Wüste dadurch das Leben gerettet. „Wir finden die Migranten meistens völlig orientierungslos vor. Sie sind zu schwach, um weiter zu gehen. Deshalb lässt der Rest der Gruppe sie einfach zurück“, erzählt Shanti, während sie nach neuen Spuren sucht. Auf ihrer Reise ins gelobte Land werden die MigrantInnen häufig von Banditen oder Drogenschmugglern überfallen, die ihnen nicht nur das letzte Geld, sondern auch die Schuhe wegnehmen – auf dem glühend heißen Sand ein Todesurteil. Schwangere Frauen erleiden Fehlgeburten oder ihr Kind stirbt wegen des Wassermangels im Mutterleib. Völlig gesunde Männer kriechen nach zwei Tagen ohne Wasser auf Knien durch den Sand. Die NMD-Freiwilligen finden kleine Kinder in Sandalen, deren Eltern dachten, der Weg durch die Wüste sei ein kurzer Spaziergang. Denn viele der coyotes, wie die SchleuserInnen genannt werden, versprechen: „Wir gehen nicht mehr als eine Stunde, dann sind wir in Phoenix.“ Doch in Wirklichkeit ist es allein bis zur nächstgelegenen Straße ein Fußmarsch von bis zu vier Tagen.
Shanti zwängt sich durch einen Zaun aus Stacheldraht. Heute haben die drei Freiwilligen von NMD noch niemanden gefunden. Doch Dutzende leere Wasserflaschen und Konservendosen zeigen ihnen Pfade, die MigrantInnen benutzt haben. „Manchmal sind sie ganz in der Nähe, aber sie verstecken sich vor uns, weil sie Angst haben, dass wir von der Border Patrol sind“, erzählt Shanti. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Durchschnittlich stirbt fast jeden Tag ein Mensch in der Grenzregion von Arizona an den Folgen von Wassermangel, Verletzungen und Erschöpfung. „Ich hatte keine Ahnung, was hier täglich passiert“, erinnert sich die 24-jährige Studentin. „Ich war so unwissend wie die meisten Amerikaner.“
Als sie 2004 in die grenznahe Stadt Bisbee zog, war sie über das Elend in der Wüste von Sonora schockiert. Shanti begann, sich für die MigrantInnen zu engagieren, machte mit NMD zahlreiche Trips in die Wüste. Sie verteilt Lebensmittel und Wasser, versorgt Verletzte und fährt sie, wenn nötig, auch in das nächstgelegene Krankenhaus. Auch wenn das laut Gesetz eigentlich verboten ist.

Verschwörung gegen das Gesetz

9. Juli 2005. Bei einer Patrouille treffen die NMD-Freiwilligen in der Wüste auf drei entkräftete Migranten aus Chiapas, Mexiko. Ihre Füße sind übersät mit Blasen. Einer von ihnen spuckt Blut. Er hat eine Mageninfektion und kann nicht einmal mehr Wasser bei sich behalten. „Wenn wir ihn nicht dort rausgeholt hätten, wäre er wahrscheinlich gestorben“, erinnert sich Shanti. Sie vergewissert sich telefonisch bei einem Arzt. Der rät ihr, die drei Mexikaner sofort ins Krankenhaus zu bringen. Zusammen mit einem anderen Freiwilligen, Daniel Strauss, macht sie sich auf den Weg.
Doch keine zehn Minuten später stoppt die Grenzpolizei Shantis Auto. Der Beamte wirft einen Blick auf den Rücksitz. „Sind das Illegale?“, fragt er. – „Keine Ahnung. Es ist nicht unsere Aufgabe, ihre Papiere zu kontrollieren“, erwidern die beiden. „Sprecht ihr Englisch?“ fragt er die drei Männer auf dem Rücksitz. Keine Antwort. „Das sind Illegale und ihr wisst das genau. Aussteigen!“ Zum ersten Mal in der dreijährigen Geschichte von No More Deaths werden Mitglieder der Organisation verhaftet.
„Wir haben immer völlig offen gehandelt“, sagt Shanti heute, mehr als ein Jahr später. „Die Grenzpolizei weiß genau, dass wir in Notfällen Migranten ins Krankenhaus transportieren, wenn weit und breit kein Krankenwagen und keine Border Patrol-Streife zu finden ist.“
Shanti und Daniel verbrachten zwei Tage im Gefängnis. Sie wurden zunächst wegen Menschenschmuggel und dem Transport von „illegal aliens“, „illegalen AusländerInnen“, angeklagt. Jetzt wird ihnen auch Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten vorgeworfen. Mit ihrem Verhalten hätten sie zum weiteren illegalen Aufenthalt der drei Personen in den USA beigetragen.
Die Migranten dagegen wurden mehrere Stunden in der Station der Border Patrol festgehalten und dann ohne medizinische Versorgung nach Mexiko abgeschoben.

Verhandlung gegen die Menschlichkeit

Die US-Regierung bot Shanti und Daniel im vergangenen Jahr eine Vereinbarung an: Wenn sie sich für ihre Taten schuldig bekennen und entschuldigen, würde die Anklage fallen gelassen. Sie bekämen nur ein Jahr auf Bewährung. Doch das käme einem Infragestellen der Arbeit von humanitären und Menschenrechtsorganisationen gleich. „Wir haben nichts Falsches getan“, ist Shanti überzeugt. „Es ist kein Verbrechen, jemanden ins Krankenhaus zu bringen – egal welchen Aufenthaltsstatus die Person hat.“
Doch die amerikanische Regierung ist anderer Meinung. Am 3. Oktober beginnt die Verhandlung. Werden Shanti und Daniel verurteilt, kann die beiden eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren, sowie ein Bußgeld von einer halben Million Dollar erwarten. „Noch ist das Ganze völlig unwirklich für mich – obwohl die Verhaftung mein gesamtes vergangenes Jahr in Anspruch genommen hat“, erzählt Shanti. Sie hat keine Zeit mehr, ihr Studium fortzusetzen und ist von einer Diskussionsveranstaltung zur nächsten unterwegs.
Auf dem Spiel steht für sie mehr als die eigene Haftstrafe. „Die humanitäre Hilfe an sich wird angeklagt. Werden wir verurteilt, heißt das im Klartext: Schaut weg, wenn ihr jemanden am Straßenrand sterben seht. Mischt euch nicht in die Angelegenheiten der Regierung ein.“ Das Urteil könne ihrer Meinung nach auch Auswirkungen auf soziale Einrichtungen, Schulen und Gesundheitszentren haben. Sie alle könnten belangt werden, wenn sie MigrantInnen helfen, ohne nach den Papieren zu fragen. „Das macht uns alle zu Minigrenzsoldaten!“ so Shanti. Eine Verurteilung bedeute nicht nur eine Entmenschlichung derer, die über die Grenze kommen, sondern auch der US-Bürger selbst. „Sie wollen uns das Recht nehmen, jemandem in einer Notsituation zu helfen. Und den Migranten nehmen sie das Recht auf Leben“, klagt Shanti an. Es seien schließlich die Auswirkungen US-amerikanischer Wirtschaftspolitik, die mehr und mehr Menschen dazu zwingen ihre Heimat zu verlassen. Und es sei die Militarisierung der US-Grenze, die das Leben dieser Menschen koste. Unter dem Motto „Humanitäre Hilfe ist niemals ein Verbrechen“ kämpfen MenschenrechtlerInnen deshalb gegen die Anklage der Staatsanwaltschaft.

Das Gesetz des Profits

Auch wenn kaum jemand an den Nutzen einer 3.200 Kilometer langen Mauer entlang der mexikanischen Grenze glaubt – die weitere Aufrüstung der Grenze ist bereits beschlossene Sache (siehe Kasten). Entlang der Grenze Arizonas gibt es bereits mehrere Abschnitte einer circa drei Meter hohen Mauer – gebaut aus Flugzeugträgerteilen aus dem ersten Golfkrieg. „Ein Supergeschäft für die Unternehmen. Man braucht mehr Helikopter, mehr Gefängnisse, mehr Grenzanlagen, mehr Waffen“, so Shanti. Und das scheint mehr wert als ein Menschenleben. In ihren Augen paradox, denn die amerikanische Wirtschaft profitiere von den „illegalen“ MigrantInnen: „Schau auf ein Feld oder auf eine Baustelle, die meisten der Arbeiter sind Lateinamerikaner. Und die meisten von ihnen sind hier ohne Papiere. Sie machen die Arbeit, die kein US-Amerikaner machen würde, und das zu einem Hungerlohn ohne jegliche soziale Absicherung“. Gäbe es ein Programm für Arbeitsvisa, könne sich die Regierung die Erweiterung der Grenzmauer sparen. Und: „Es gäbe keine Toten mehr“, ist sich Shanti sicher. “Aber dann gäbe es auch keine billigen Arbeitskräfte mehr.“
Die Menschenrechtsaktivistin gibt sich kämpferisch: „Ich werde meiner Regierung nicht erlauben, mir den humanen Umgang mit meinen Mitmenschen zu verbieten. Es ist nicht meine Aufgabe, den legalen Status einer Person zu kontrollieren. Meine Aufgabe ist es, dass diese Person überlebt.“ Sie habe große Hoffnung, den Fall zu gewinnen. Aber sie bereite sich auch auf das Schlimmste vor: „Das Gefängnis ist eine Realität, mit der ich mich konfrontieren muss. Ich glaube nicht, dass wir die Höchststrafe bekommen werden, aber ein bis zwei Jahre können es schon werden.“ Bis es so weit ist verbringt sie weiterhin jede freie Minute in der Wüste. Auf der Suche nach MigrantInnen.

Weitere Infos:
www.nomoredeaths.org

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