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“Die Regierung Fujimori befindet sich mit dem Rücken an der Wand”

Warum hat das MRTA ausge­rechnet die japanische Bot­schaft ausgewählt?

Japan ist heute eine wirt­schaftliche Macht, die eine wichtige Rolle in der internatio­nalen Politik und besonders auch in Lateinamerika einnehmen will. … [Japan] betrachtet Fuji­mori als seine Speerspitze. In der Folge entstand ein Interessen­konflikt zwischen den USA und Japan in Peru. Daher hat Japan, um seine Stellung in Peru zu fe­stigen und auszubauen, auch den schmutzigen Krieg finanziert. Der japanischen Regierung war es auch gleichgültig, daß zwei japa­nische Ent­wicklungshelfer durch Paramilitärs ermordet wur­den. Sie ist tief verwickelt in die Unterstützung dieses mörde­rischen Regimes. Daher hat die Nationale Leitung der MRTA beschlossen, an der Stelle zuzu­schlagen, die der Diktatur die größten Schmerzen zubereiten würde.

Wird die Aktion in der Bot­schafterresidenz die Machtbasis Fujimoris konsolidieren, oder Spaltungen hervorrufen?

Die Regierung Fujimori be­findet sich mit dem Rücken an der Wand. Alle, die mit der Re­gierung zusammenarbeiten, Un­ternehmer, Politiker oder Mili­tärs, sind sich nun im klaren dar­über, daß ihre Integrität in Ge­fahr ist. Sollten sie einmal Kriegsgefan­gene der MRTA sein, wird diese Regierung nichts für ihr Leben tun.

Welche Größe hat die MRTA heute?

Zahlen kann ich aus Sicher­heitsgründen nicht nennen. Aber unsere Kräfte sind im gesamten Land präsent. Die MRTA ist auf verschiedenen Ebenen organi­siert. Es gibt Einheiten in ländli­chen Gebieten, Spezialeinheiten, Kommandos und Milizen. Ge­mäß unserer Vorstellung sind unsere Mitglieder auch vielfältig aktiv, in der Propaganda, als Gewerkschaftsaktivisten, in so­zialen Bewegungen und als Gue­rilla.

Die peruanische Regierung und besonders Präsident Fuji­mori hatten ihren Sieg über die Guerilla in Peru verkündet. Das entspricht ganz offensichtlich nicht der Wahrheit?!

Ja, die Regierung Fujimori hat sich als der große Sieger über die bewaffneten Bewegungen darge­stellt. Dabei haben besonders zwei Faktoren eine Rolle ge­spielt: erstens, daß Abimael Guzman einen Friedensvertrag mit der Regierung unterschrie­ben hat und zweitens der takti­sche Rückzug der MRTA. We­gen der großen militärischen Of­fensiven der peruanischen Ar­mee und der Repression der Be­völkerung, beschlossen wir den Großteil der politischen und mi­litärischen Strukturen auf die ländlichen Gebieten im Zentrum Perus, in der Selva Central, zu konzen­trie­ren. Im rest­lichen Land blieben nur Kommando- und Milizstrukturen, die eine in­tensive politische und organisa­torische Arbeit in Stadtteilen, mit Bauern und mit Arbeitern, durchführten. Das hat die Regie­rung zu der trügerischen Ein­schätzung geführt, daß die Gue­rillabewegungen, vor allem die MRTA, besiegt worden seien. Heute sieht sich die Regierung der Situation gegenüber, daß die MRTA nie so angeschlagen war, wie es der Staat glaubte. Das hat sich auch in der Anzahl von Ak­tionen des MRTA auf dem Land gezeigt, mit denen der Armee harte Schläge versetzt wurden. Die Regierung hat versucht, das zu vertuschen, aber es ist ihr nicht gelungen. Der Bevölkerung ist klar geworden, daß die Regie­rung die Guerilla nicht besiegt hat und daß die neoliberale Poli­tik nur noch mehr Armut verur­sacht. Seit Ende ’95 ist sie dabei langsam ihre Organisierungs- und Mo­bilisierungsfähigkeit wie­der zurückzuerobern.

Auch Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) soll sich in einigen Gegenden reorganisiert haben, militärisch aktiv sein und sogar seine Linie geändert haben.

Der Friedensvertrag hat zu ei­nem schwerwiegenden Spal­tungsprozeß innerhalb von Sen­dero geführt. Der Teil, der den bewaffneten Kampf fortsetzen will, hat Aktionen der bewaffne­ten Propaganda und Kontakt mit der Bevölkerung durchgeführt, wie sie Sendero bei der MRTA früher kritisiert hat. Aber trotz der scheinbaren Korrektur ihrer politischen Methoden, setzt Sen­dero auch seine traditionellen Methoden weiterhin ein. So etwa die Ermordung des Gewerk­schafters Pascual Arozado im März ’96. Die Angriffe auf alle, die sich ihnen entgegenstellen oder einfach nur nicht mit ihnen übereinstimmen, werden fortge­setzt. Es gibt innerhalb von Sen­dero Luminoso einen Kampf zwischen zwei Linien. Die eine will begangene Fehler korrigie­ren und sich auf die Seite der Revolution stellen, die andere will die Aktionen fortsetzen, die in der Praxis mit der Politik der Regierung übereinstimmen.

Wie ist das augenblickliche Verhältnis zwischen Sendero und der MRTA? In der Vergan­genheit soll es sogar Angriffe von Sendero auf die MRTA ge­geben haben.

Sendero ist eine sehr aus­schließende Kraft, sie sehen ihre Ideologie als die einzig Wahre an und empfinden sich als allei­nige Fahnenträger der peruani­schen Revolution. Daher haben sie auch nie die Existenz anderer revolutionärer Organisationen akzeptiert. Sendero hat uns häu­fig als Hauptfeind betrachtet und sogar Hinterhalte für MRTA-Einheiten gelegt und MRTA-Genossen brutal gefoltert. In Fall des MRTA-Comandante Carlos Arrango war ein ganzes Dorf Zeuge seiner Ermordung durch Sendero. Arrango hielt sich heimlich in einem Dorf auf, das von Sendero besetzt wurde. Als sie ihn als MRTA-Comandanten erkannten, folterten sie ihn erst brutal, rissen ihm die Augen, die Zunge und die Hoden raus, bevor er starb. Das sind Verbrechen, die in keiner Weise verstanden oder gerechtfertigt werden können und widersprechen dem Vorge­hen von Revolutionären.

Wie sind die Perspektiven für die MRTA?

Die MRTA ist als eine Bewe­gung entstanden. In ihr kommen verschiedene
soziale Sektoren des Landes zusammen: Frauen und Männer aus der Stadt und vom Land, Intellektuelle, Gläu­bige usw., die gesamte Gesell­schaft. Wir sind Kinder des Vol­kes, bestehen aufgrund des Vol­kes und vertreten seine Interes­sen. Natürlich verlangt die Transformation einer Gesell­schaft die Zerstörung des alten Staates und den Aufbau eines neuen. Das bedeutet, daß man die Macht übernehmen muß. Wenn du wirklich die Probleme der Bevölkerung lösen willst, mußt du den Staat zerstören und die Macht übernehmen. Aber sie muß dann in den Händen der Ar­beiter von Stadt und Land liegen. Es muß eine partizipative Demo­kratie geben, Mechanismen der Volksmacht müssen hervorge­bracht werden. Und das prakti­zieren wir seit Jahren.

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