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Estadio Chile heißt jetzt Estadio Victor Jara

Mehr als 13 Jahre Demokratie mussten verstreichen, bevor dem populären chilenischen Liedermacher Victor Jara öffentlicher Tribut gezollt wurde. Zum 30. Jahrestag seiner Ermordung gibt es endlich ein öffentliches Gebäude, das seinen Namen trägt: Im September wurde das Estadio Chile offiziell in Estadio Victor Jara umbenannt.
Victor Jara war einer der wichtigsten Vertreter der kulturellen Bewegung Nueva Canción Chilena. Bei deren ers-ten Festival gewann er 1969 im Estadio Chile den Siegerpreis für sein Lied Plegaria de un Labrador. Vier Jahre später wurde er im gleichen Stadion mit Tausenden anderen gefangen gehalten und schrieb, geprägt vom Entsetzen und der Folter, sein letztes Lied. Dieses blieb unvollendet und ohne Musik, wurde aber von den Mitgefangenen auswendig gelernt und überliefert. Victor Jara verließ das Stadion nicht mehr lebend. Sein von 44 Einschüssen durchlöcherter Körper wurde einige Tage später im Leichenschauhaus, in einem Haufen von anderen misshandelten Leichen, von seiner Frau identifiziert. Victor Jaras Name ist einer von Tausenden auf den Gedenktafeln des Zentralfriedhofs für die Opfer der Diktatur. Wer die Verantwortlichen für seine Folter und Ermordung sind, bleibt auch 30 Jahre nach seinem Tod ungeklärt.

“Arbeiter der Musik”

Das politische Klima war in den Monaten vor dem Militärputsch stark von Konfrontation und Gewalt von Seiten der Opposition geprägt. StudentInnen, ArbeiterInnen und Intellektuelle unterstützten und verteidigten den Sozialismus der Unidad Popular. Während einige Gruppierungen auch den Griff zur Waffe nicht ausschlossen, griff Victor Jara zur Gitarre. Seine Lieder wurden zunehmend bissiger und ironischer, aber auch eindringlicher und fordernder. Er stellte seine Arbeit als Theaterregisseur zurück, um als Musiker für die Unidad Popular tätig zu sein, in der er seine persönlichen Überzeugungen von sozialer Gerechtigkeit und Respekt gegenüber dem Menschen vertreten sah. 1970 begleitete er mit seinem Gesang die Wahlkampagne des Kandidaten Salvador Allende, der im gleichen Jahr zum ersten sozialistischen Präsidenten Chiles gewählt wurde. Als kultureller Botschafter der Unidad Popular galt Victor Jaras als eines der bekanntesten Gesichter der Allende-Regierung.
Victor sah sich selbst als „Arbeiter der Musik“. Er glaubte an die besondere Verantwortung des revolutionäreren Liedermachers hinsichtlich der Befreiung des chilenischen Volkes: „Der Künstler hält in seinen Händen die Verantwortung für sein Talent, aber auch die Verantwortung, ein Informa-tionsmedium zu sein für die große Mehrheit der Jugendlichen und des Volkes, die durch den kulturellen Kolonialismus Entfremdung erfahren hat.“ Als Theater-Regisseur sah er die Bühne als Möglichkeit, „szenisch die Gewalttätigkeit des Klassenkampfes in Chile darzustellen“.
„Sie sind nichts, weder Fleisch noch Fisch“, verhöhnt Victor Jara in seinem Lied Ni chicha, ni limonada diejenigen, die es vermeiden, zu den gesellschaftlichen Veränderungen Stellung zu nehmen. Seine eindringlichen Lieder über das Schicksal und den Kampf der ArbeiterInnen, wie Te recuerdo Amanda, Plegaria de un Labrador oder Manifiesto, sind Bestandteil des populären Liedergut in Chile. Einige von ihnen wurden von nationalen und internationalen Künstlern wie U2, Peter Gabriel oder The Clash interpretiert.
Als Kind von campesinos, die von der Provinz in die Hauptstadt emigrierten, hatte Victor Jara von seiner Mutter die Nähe zur chilenischen Folklore vermittelt bekommen und das Gitarrenspiel erlernt. Von Violeta Parra ermutigt, begann er auf seinen Reisen durch Chile, Volkslieder zu sammeln und aufzuarbeiten. Ende der 50er Jahre schloss er sich der Folklore-Gruppe Cuncumén an, auf deren Schallplatte er als Solosänger auftrat. Victor Jara studierte Schauspiel und Theaterregie. Mit der Theatergruppe Ituch inszenierte er Werke von Alejandro Sieveking.
1961 stellte er sein erstes Musikstück fertig. Paloma quiero contarte ist ein Liebeslied, das er seiner Frau Joan aus der Ferne widmete. Nach über 20 Jahren musikalischen Schaffens komponierte er im August 1973 eines seiner letzten Lieder. Sein gewaltsames Ende scheinbar vorausahnend, ist Manifiesto eine Art gesangliches Testament, in dem Victor Jaras erklärt: „Ich singe nicht nur, um zu singen oder weil ich eine gute Stimme habe. Ich singe, weil meine Gitarre Sinn und Verstand hat“.

KASTEN:

Venceremos – Sergio Ortega ist tot

Venceremos und El pueblo unido jamás será vencido sind zwei der Lieder, die untrennbar mit der Unidad Popular verbunden sind und den Kampf für mehr soziale Gerechtigkeit und eine neue Gesellschaft wiederspiegeln. Sie erklangen bei zahlreichen Gedenkveranstaltungen zum 30. Todestag von Victor Jaras. Ihr Komponist Sergio Ortega verstarb wenige Tage nach den Feierlichkeiten in Frankreich, wo er die letzten 30 Jahre im Exil verbracht hatte. Ortega charakterisierte sich folgendermaßen: „Die kultivierten Musiker sagen, dass ich zu volksnah bin und die volksnahen Musiker sagen, dass ich zu kultiviert bin. Mein Pech!“. Am 28. September 2003, dem 71. Geburtstag Victor Jaras, wurde Sergio Ortega seinem Wunsch gemäß in Chile beerdigt. In einem Nischengrab auf dem Zentralfiedhof in Santiago, nur wenige Meter vom Grab Victor Jaras enfernt.

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