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Gefangen im Kessel

Herr Mondragón, wie hat sich die Situation für die Bauernbewegung seit dem Amtsantritt von Präsident Uribe verändert?

Die Regierung Uribe setzt auf die repressive Karte. Im ganzen Land herrscht Ausnahmezustand, mehrere Gemeinden in den Departements Sucre, Bolívar und Arauca stehen unter Militärverwaltung. Die Regierung hat begonnen, eine Million Menschen als Armeespitzel anzuheuern, so dass die Zivilbevölkerung noch stärker in den Krieg verwickelt wird. Soziale Organisationen werden zudem kriminalisiert. Das hat dazu geführt, dass sich der Protest verschärft. Mitte September hat es Bauernproteste mit 200.000 Menschen gegeben, Ende Oktober einen gewerkschaftlichen Aktionstag. Die Bewegungen spüren, dass sie zusammenarbeiten müssen, wenn sie dem Druck Uribes standhalten wollen. Besonders leidet die Bevölkerung in den Gebieten, die unter Militärverwaltung gestellt worden sind.

Was hat sich dort konkret verändert?

In den so genannten “Rehabilitationszonen” hat die Regierung faktisch alle individuellen und kollektive Rechte außer Kraft gesetzt. Die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung ist eingeschränkt, Versammlungen sind verboten, die Menschen werden überwacht.

Saravena / Arauca ist als Ortschaft bekannt, die sich gegen die Regierung auflehnt. Dort soll die Armee die Bevölkerung jetzt mit Waffengewalt registriert haben. Sie hat die Bewohner mit nicht abwaschbarer Farbe gestempelt …

…ja, die Armee führt in den “Rehabilitationszonen” zurzeit zahlreiche Durchsuchungen und Razzien ohne richterlichen Beschluss durch. In Saravena wurde im November ein ganzer Ortsteil von der Armee abgeriegelt und die Bevölkerung dazu gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Die Leute wurden gestempelt und in Listen eingetragen. Das Farbzeichen dient dazu, dass man Auswärtige schon von weitem erkennt. Die Armee kann Fremde so gezielt kontrollieren und verschwinden lassen – das passiert leider sehr häufig.

Welche Gemeinden hat die Regierung zu Rehabilitationszonen erklärt? Warum hat sie Arauquita, Arauca und Saravena ausgewählt, nicht aber Tame?

Rehabilitationszonen sind in den Dorfgemeinschaften eingerichtet worden, die Widerstand leisten. Dort können die Paramilitärs noch keine vollständige Kontrolle ausüben. Ziel der Regierung ist es, das soziale und organisatorische Geflecht zu zerstören. Das gilt sowohl für die Gemeinden in Bolívar und Sucre als auch für die Araucas. Arauca interessiert die Regierung vor allem wegen des Erdöls. Durch die Pipeline Caño Limón-Covenas exportiert der US-Konzern Occidental das Erdöl aus der Region. Die US-Regierung hat vor kurzem ein Militärhilfepaket in Höhe von 100 Millionen Dollar zum Schutz der Erdölanlagen bewilligt. Laut US-Botschafterin Patterson gilt das Augenmerk der USA jetzt dem Erdöl – und nicht mehr dem Coca.

Im südlichen Teil des Küstendepartements Bolívar hat die Armee eine Art Kessel errichtet. Warum?

Die Serranía San Lucas, ein einige Tausend Quadratkilometer großes Gebiet, wird von Armee und Paramilitärs regelrecht belagert. Die Flüsse Cauca und Magdalena, die wichtigsten Verkehrsadern der Region, sind vollständig in ihren Händen. Sie kontrollieren jede Bewegung auf dem Wasser, unterbinden den Handel und sorgen dafür, dass niemand das Gebiet verlässt oder betritt. Ziel des Embargos: die Bevölkerung soll abwandern. Wir werden sozusagen ‚ausgehungert’: bei den Kontrollen stehlen sie uns unsere Arbeitswerkzeuge, Medikamente und auch Lebensmittel. Da es so schwierig ist, die Ware zu uns zu bringen, steigen die Preise. Vor allem bei Medikamenten gibt es daher eine fürchterliche Knappheit.

Sie sagen, der Kessel werde von Militärs und Todesschwadronen aufrecht erhalten.

Man kann das in allen Kriegsgebieten Kolumbiens beobachten: Paramilitärs sind dort, wo sie auf die Rückendeckung der Armee zählen können. Ihre Operationen sind immer mit dem Heer koordiniert oder zumindest von der Luftwaffe unterstützt. Deswegen ist es ja auch so absurd, dass die Uribe-Regierung jetzt unter Vermittlung der katholischen Kirche Verhandlungen mit den Todesschwadronen von Carlos Castaño aufgenommen hat. Das ist als verhandele er mit sich selbst.

Sie sind Genossenschaftler einer Kooperative im Süden Bolívars, die im Jahre 2000 zerstört wurde.

Mit der Kooperative in San Pedro Frío wollten wir den Goldabbau in der Region professionalisieren. Die Abbaumethoden in der Region sind mittelalterlich. Es gibt kaum Maschinen und damit keine geschlossenen Kreisläufe für die Goldgewinnung. Die mineros setzen dem Gestein Quecksilber zu, um das Gold herauszulösen und brennen dann das Schwermetall mit Bunsenbrennern aus. Dabei gehen nicht nur 60 Prozent des Goldes verloren, sondern es kommt vor allem zu schweren ökologischen Schäden. Deshalb haben wir 1999 effizientere Maschinen angeschafft. Bevor die Kooperative in Betrieb gehen konnte, kam jedoch die Armee. Rund 160 Berufssoldaten der Anti-Guerilla-Truppe Los Guanes (Nationales Befreiungsheer) und 40 Paramilitärs haben unser Dorf zwei Monate lang besetzt – bis ELN und FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) die Einheit schließlich vertrieben. Vor ihrem Abzug hat die Armee die Kooperative jedoch gebrandschatzt und alles zerstört.

Die Regierung rechtfertigt ihre Operationen mit der Präsenz von Guerilla in der Region. Wäre es für die Bewohner daher nicht besser, die Guerilla zöge sich zurück?

Wenn die Bevölkerung genug zum Leben hätte und die Reichtümer gerechter verteilt wären, würde die Guerilla automatisch ihre Grundlage verlieren. Sie wird aber nicht verschwinden, bevor der kolumbianische Staat seine verfassungsmäßen Aufgaben nicht wahrnimmt: Durchführung von Infrastrukturmaßnahmen, Finanzierung von Schulen und Gesundheitsposten, Förderung der Kleinbauern. Für uns ist die Situation noch komplizierter: Einerseits ist die Lage in der Region wegen des Armeekessels schwierig, andererseits ist es so, dass die Guerilla für Ruhe sorgt. Die ELN verhindert Überfälle und Kriminalität. Das heißt, sie macht das, was der Staat nie gemacht hat.

Welche ökonomischen Ziele verfolgt der Staat im Süden des Departements Bolívar?

Das wichtigste Ziel ist die Vertreibung von Kleinbauern und Goldschürfern aus der Region, um die Bodenschätze an transnationale Unternehmen verkaufen und Palmen-Plantagen anlegen zu können. Außerdem ist von einem großen Verkehrsprojekt die Rede, einer Straßenverbindung, die durch den Süden des Departements Bolívar führen soll. Auch diese Straße wird dazu dienen, die Gegend für die transnationalen Unternehmen zu erschließen.

In Ihrer Region gibt es auch Coca-Pflanzungen. Seit drei Jahren wird dort der Plan Colombia umgesetzt. Welchen Erfolg hat die Drogenbekämpfung?

Es gibt seit rund zehn Jahren Coca-Anbau im südlichen Bolivar, weil der Staat für die Kleinbauern nie etwas gemacht hat. Coca ist das einzige Agrarprodukt, mit dem sie allein überleben können. Bei der Drogenbekämpfung ist vor allem eines auffällig: Gegen die großen Pflanzungen im flachen Teil des Departements, der von den Paramilitärs kontrolliert wird, werden keine Herbizide eingesetzt. Besprühungen gibt es nur gegen die kleinen Pflanzungen weiter oben im Wald. Und dort werden auch Bananen – und Yucapflanzungen zerstört, die zur Lebensmittelversorgung der Bevölkerung dienen. Die Abwanderung vieler Kolumbianer aus dieser Region hängt folglich mit diesen Herbizideinsätzen zusammen. Der Plan Colombia hat die Ausweitung des Coca-Anbaus also nicht gebremst. Aber vielleicht war das auch gar nicht sein Ziel. Vielleicht geht es vielmehr um die Vertreibung von unliebsamen Kleinbauern aus wirtschaftlich oder strategisch interessanten Gebieten?

San Blas, Bolívar, gilt als eines der Zentren des Drogenhandels in Nordkolumbien. Führt die Armee dort Operationen durch?

Im Gegenteil: Die Militärs haben dort einen wichtigen Stützpunkt, kontrollieren den Drogenhandel und schützen die Händler. San Blas ist auch ein Zentrum der Paramilitärs. Dorthin verschleppen sie ihre Gefangenen und von dort koordinieren sie ihre Geschäfte.

Die Dörfer im Süden Bolívars haben sich zu Widerstandsgemeinden erklärt. Was bedeutet das?

Als Widerstandsgemeinden bezeichnen wir alle Produktions- und Organisationsformen, die die Bevölkerung in unserer Region entwickelt hat. Man muss sich ja vorstellen, dass alles, was es in der Region an Schulen, Gesundheitsposten, Gemeindeeinrichtungen gibt, von der Bevölkerung selbst aufgebaut worden ist. Und zwar oft nicht nur ohne Unterstützung von außen – sondern gegen das Embargo, das die Armee verhängt hat. Allein die Tatsache, sich in der Region zu behaupten, ist ein Widerstandsakt. Wir widersetzen uns der Vertreibung, und wir bitten hier um internationale Unterstützung.

Die Gemeinden im Süden des Departements Bolívar beteiligen sich an der Kampagne gegen Straflosigkeit “Kolumbien verlangt Gerechtigkeit”. Im Frühjahr soll in Europa ein internationales Meinungstribunal zu den Verbrechen des Staates in Südbolívar stattfinden.

In Kolumbien werden unsere Anzeigen von der Justiz nicht verfolgt. Deswegen haben wir und andere Organisationen beschlossen, die Menschenrechtsverbrechen vor internationale Foren zu bringen. Es gab bereits ähnliche Tribunale wegen der Massaker in der Erdölstadt Barrancabermeja 1998 und der Bombardierung von Santo Domingo, Arauca 1999. Das Tribunal 2003 zum Süden von Bolívar ist insofern etwas Neues, als dort nicht ein einzelnes Massaker, sondern eine ganze Reihe von Verbrechen und die systematische Vertreibungspolitik des Staates öffentlich angeprangert werden soll.

Wie wird das Meinungstribunal aussehen?

Vom 12. bis 14. März wird im Europaparlament in Brüssel eine Auftaktanhörung zu den Fällen in Südbolívar stattfinden. Das Urteil soll im Sommer in einer anderen europäischen Stadt gesprochen werden. Für das Tribunal sind vier thematische Blöcke geplant: erstens Kriegsverbrechen in Südbolívar, zweitens Verantwortung transnationaler Unternehmen für die Situation, drittens Vorstellung der Widerstandsgemeinden und ihrer Organisationsformen und viertens eine Diskussion zu alternativen Entwicklungs-, Dialog- und Verhandlungsprojekten.

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