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Keine Chance gegen den Schlamm

Die Katastrophe wurde nach Angaben von MeteorologInnen durch einen plötzlichen Temperaturanstieg in den Kordilleren und sintflutartige Regenfälle in 2500 Meter Höhe ausgelöst, die gigantische Schneemassen in Wasser verwandelten und innerhalb von Minuten eine tödliche Lawine aus Geröll, Steinen und Schlamm in Bewegung setzten. Das Zentrum der Katastrophe lag in den am Kordilleren-Aufstieg gelegenen Poblaciones “Las Higueras” und “Los Perdices”. Bis zu 50 Tonnen schwere Felsbrocken wurden durch die Gewalt der Lawine ins Tal geschleudert.
Über eine Hubschrauber-Luftbrücke versuchten Einheiten der Luftwaffe und der Polizei bis in die Nachtstunden hinein Menschen, die inmitten der Wassermassen auf den Dächern ihrer eingestürzten Hütten oder auf Bäumen und Geröllhalden ausharrten, in Sicherheit zu bringen. Währenddessen hatten sich die tiefer gelegenen Teile von Südost-Santiago in von reißenden Flüssen getrennte Inseln verwandelt. Auch in anderen Teilen Chiles hatte die Überschwemmung verheerende Auswirkungen. Im Cajón del Maipu hungerten 2000 Menschen, weil alle Verbindungswege abgeschnitten wurden und die Luftbrücke der Polizeihubschrauber nicht in der Lage war, schnell genug Lebensmittel zu transportieren. Auch in der V. Region, vor allem in San Felipe und Los Andes, wurden viele Menschen obdachlos. Außerdem wurde die Straßenverbindung nach Argentinien über den “Paso de los Libertadores” völlig zerstört. Vermutlich ist ein Jahr Arbeit nötig, um diese wichtigste chilenisch-argentinische Verkehrsader wiederaufzubauen. Etwas weiter südlich, in Rancagua, mußte die Kupferproduktion im größten Untertagebergwerk der Welt eingestellt werden, weil die Geröll- und Schlammlawinen die Zufahrtswege und Elektrizitätswerke auf Monate unbenutzbar gemacht haben.
Das Ausmaß der Katastrophe wurde auch von den politisch Verantwortlichen Santiagos mitverschuldet. Alle Warnungen von GeographInnen, daß die “Quebrada de Macul”, der Berghang im Südosten der Stadt, an dem die am stärksten betroffenen Armenviertel liegen, nicht besiedelt werden dürfe, wurden in den Wind geschlagen. Die Tatsache, daß praktisch seit dreißig Jahren ohne ausreichende Stadtplanung das Wachstum Santiagos in geographischen Krisenbereichen stattfand, machte es möglich, daß Siedlungen für zehntausende von Menschen ohne entsprechende Abwassersysteme und ohne Abflußsysteme für Regenwasser errichtet wurden. Diese Nachlässigkeit forderte jetzt ihren Tribut. Es ist kein Zufall, daß es die Armen im Südosten der Stadt sind, die diese Katastrophe heimgesucht hat. In den reichen Vierteln wurden seit den Überschwemmungen von 1982 und 1987 erhebliche Mittel in Hochwasserschutz-Systeme – etwa am Mapocho-Fluß – investiert.

Behörden ignorieren Warnungen der Betroffenen

Die Geschichte eines Nachbarschaftsverbandes (“junta de vecinos”) in der Mapocho-Anrainer-Gemeinde Quinta Normal belegt, daß die Zusammenhänge zwischen Naturkatastrophen und fehlender Vorsorge durch die sträfliche Fahrlässigkeit der verantwortlichen PoltikerInnen verschärft werden. Über ein Jahr lang hatte die Junta de Vecinos darum gekämpft, daß die Stadtverwaltung die Uferböschung des Mapocho befestigt, um die tiefer als der Fluß gelegene Siedlung zu schützen. Die Bitten und Vorschläge der Nachbarschaftsorganisation wurden einfach ignoriert. Erst als in der Nacht nach der Katastrophe der Hochwasserstand des Mapocho die unzureichende Dammkrone zu zerstören und in Quinta Normal eine unabsehbare Katastrophe zu verursachen drohte, stellte die Stadtverwaltung Lastwagen zur Verfügung, um mit Steinen die Dammkrone zu sichern.
Die von der Katastrophe Betroffenen wurden zuerst in Notquartieren untergebracht, auf engstem Raum zusammengepfercht. Hier versuchen PsychologInnen, PsychiaterInnen, ÄrztInnen und Priester vor allem denjenigen zu helfen, die Angehörige verloren haben – und nicht mit der Situation fertig werden können.
Die Tage, die auf die Überschwemmung folgten, haben schonungslos die Planungs- und Koordinationspannen staatlicher Stellen deutlich gemacht. So gab es nicht einmal einen öffentlich sichtbaren Krisenstab, bei dem die Fäden, etwa für die Verteilung von zahlreich gespendeten Hilfsgütern, zusammengelaufen wären. Tausende von freiwilligen HelferInnen, die in das Kastrophengebiet vorstießen, blieben während der ersten Tage nach der Wasserflut fast völlig auf sich allein und ihre Spontaneität gestellt.
Massive Kritik mußte sich vor allem die staatliche Katastrophenhilfe-Behörde ONEMI gefallen lassen, weil nach und nach durchsickerte, daß MeteorologInnen Stunden vor dem Niedergehen der Schlamm- und Geröllawine Alarm gegeben und auf die gefährliche klimatische Konstellation von wolkenbruchartigem “warmen” Regen in 2500 m Höhe über den Schnee- und Eisfeldern der Anden aufmerksam gemacht hatten. Dem Wasserversorgungsunternehmen im Cajón del Maipo, das Santiago mit Trinkwasser versorgt, reichte die Zeit beispielsweise, um die teuren Meß-, Steuer- und Ansauginstallationen abzumontieren und in Sicherheit zu bringen, während der Maipo-Fluß in Minutengeschwindigkeit zum tödlichen Strom anschwoll. Eine Warnung an die Bevölkerung in den Krisensektoren an den Kordillerenabhängen von Santiago wurde jedoch nicht ausgesprochen, geschweige denn Evakuierungsmaßnahmen eingeleitet.

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