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Kolumbiens Hoffnung heißt Asprilla

Faustino Asprilla wurde schon im Vorfeld der WM 1994 als potentieller Star des Turniers gehandelt. Das wird in Frankreich nicht anders sein. Der Stürmer, der nach einem Zwischenstopp auf der rauhen Insel bei Newcastle United reumütig wieder zum italienischen Spitzenklub AC Parma ins warme Italien zurückkehrte, ist neben Kapitän Valderrama der Star der kolumbianischen Nationalmannschaft. Valderrama ist allerdings schon knapp 37 und vielleicht schon ein wenig zu schwach auf der Brust, um die Mannschaft mitzureißen. Deswegen setzen die kolumbianischen Fans ihre Hoffnungen vor allem auf Asprillas spektakuläre Soli. Auch andere Altstars wie der hünenhafte Mittelfeldspieler Freddy Rincón und Stürmer Anthony de Avila haben ihren Leistungszenit wohl überschritten und sind mehr mit sich selbst beschäftigt, als daß sie die Rolle als Führungsspieler übernehmen könnten.
Das soll nun in Frankreich Asprilla tun. Fachleute sagen ihm bewundernd nach, sein Antritt sei mit dem eines Ben Johnsons (kanadischer Sprint- und Dopingstar) in seinen besten Tagen vergleichbar; seine technische Brillanz reiche an die Ruud Gullits (einstiger Regisseur der holländischen Nationalmannschaft) heran und seine Eleganz sei die einer Ballerina. Asprillas Fußball-Finesse ist so recht nach dem Geschmack der kolumbianischen Fans. Weniger nach ihrem Geschmack ist das Fußballverständnis von Nationalcoach Hernán Dario Gómez. Dessen Auffassung vom Spiel ist modern, also zielorientiert. Taktisch diszipliniert und ergebnisorientiert will er seine Jungs spielen sehen. Seine Spielauffassung dürfte zwar nicht der Grund für die Todesdrohungen sein, die der Trainer und der Spieler Aristizábal nach der Bekanntgabe des Aufgebots erhielten, aber die Kolumbianer mögen keine Taktiererei. Zwar wurde die Endrunde in Frankreich als dritter der Südamerika-Qualifikation recht mühelos erreicht, doch die Art und Weise, wie dies geschah, trieb doch so manchem Fan die Zornesröte ins Gesicht. Versöhnlich stimmte da nur das Wirken des Faustino Asprilla. Sieben Tore schoß er in der Qualifikation, darunter einen lupenreinen Hattrick gegen die Überraschungsmannschaft aus Chile.
Asprillas großes Manko ist sein Temperament. Abseits des Spielfelds versorgte er die Kollegen von der Boulevardpresse kontinuierlich mit Stoff: Alkoholeskapaden, Schlägereien, Verfahren wegen Waffenbesitzes. Auch auf dem Spielfeld vertrat er seine Meinung nicht immer auf die sportliche Art. Im Qualifikationsspiel gegen Paraguay brannten ihm völlig die Sicherungen durch, so daß er sich auf ein Scharmützel mit Chilavert einließ. Die Boxeinlage auf dem Rasen sorgte für weltweites Aufsehen. Sein einstiger Trainer beim Drogenkartell-Verein Nacional Medellín bemerkte 1992 nach Bekanntwerden des Wechsels von Asprilla zum AC Parma erleichtert: Ich bin froh, daß er nach Italien geht, ich hätte das nervlich mit diesem Jungen nicht länger ausgehalten. Faustino kann ein wunderbarer Fußballer werden, vielleicht sogar eine Weltkarriere machen, doch seine Disziplinlosigkeit macht dich als Trainer fertig”. Jener Trainer war Hernán Dario Gómez. Offensichtlich ist der Nationalcoach mittlerweile von der Läuterung des Stars überzeugt und froh, ihn – aus Italien – in den Kreis der Nationalmannschaft berufen zu können.
Ob Asprilla bei der WM in Frankreich diesmal die hochgesteckten Erwartungen erfüllt, wird sich erstmals beim Auftaktspiel zeigen. Allerdings erwartet die Kolumbianer dort einen höchst unangenehme Aufgabe, weckt sie doch böse Erinnerungen an die Schmach von vor vier Jahren: der Gegner am 15. Juni in Lyon ist Rumänien.

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