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Menschenrecht der Bäuerinnen

Die Exklusion von Kleinbäuerinnen aus den sozialen Besitzformen der ejidos und comunidades ist eine nicht zu verbergende Realität. Eine Untersuchung des Zentrums für Höhere Studien von Mexiko und Zentralamerika in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Frauenrechte Chiapas ergab, dass Frauen mit nur 22,8 Prozent unter den Landbesitzer_innen auf bundesstaatlicher Ebene vertreten sind. In den indigenen Gebieten sind es noch weniger: In der Region Altos de Chiapas sind es weniger als ein Prozent, in der Region Tulija-Tseltal-Ch´ol 14,7 Prozent.
Die mexikanische Gesetzgebung schreibt gleiche Rechte für Männer und Frauen fest und im Agrargesetz wurde anfangs von familiärem Besitz gesprochen. Vorherrschend ist dagegen die traditionelle patriarchale Vorstellung, das Land gehöre den Männern. Diese offiziell legitimierte Diskriminierung ist auf dem Land sehr üblich und hat zur Folge, dass Frauen in ihrer Mehrheit keine Landtitel innehaben und nicht an den Versammlungen der ejidos teilnehmen können.
In Chiapas sowie in anderen mexikanischen Bundesstaaten hat sich die Situation durch die neoliberale Politik der letzten Jahrzehnte verschlechtert. Diese haben die Privatisierung des Landes, den Preisverfall der ländlichen Produktion und die Abschaffung von Beihilfen zur Produktion durchgesetzt, den Handel mit Saatgut für Grundnahrungsmittel liberalisiert sowie die Preise für den Konsum erhöht. Da sie mit dem importierten, subventionierten Mais aus den USA nicht konkurrieren können, reduzierten Kleinbäuerinnen und -bauern ihre Maisproduktion seit Ende des vergangenen Jahrhunderts oder stellten die Aussaat ganz ein. Angesichts der Krise entschieden sich viele zur Migration in den Norden des Landes oder in die Vereinigten Staaten, was einen schwerwiegenden Strukturverfall des ländlichen Lebens verursacht hat. „Die jungen Leute wollen nicht mehr säen, sie lieben die Mutter Erde nicht mehr“, klagt ein alter Bauer der Tsotsil (eine der indigenen Gemeinschaften in Chiapas; Anm. d. Übers.).
Die neoliberalen staatlichen Maßnahmen haben auf dem Land tiefgreifende Veränderungen in der geschlechterspezifischen Arbeitsteilung hervorgebracht. Die Migration der Männer führt bestenfalls dazu, dass die Frauen die Erde bestellen, um Mais für den täglichen Bedarf zu erhalten. Doch in vielen Fällen muss das Land verkauft werden oder geht aufgrund von unbeglichenen Darlehen verloren, mit denen der_die Schlepper_in bezahlt wurde, der_die die Migrierenden über die Grenze bringt. Die Frauen, denen ein Stück Land bleibt, leisten Gemeindebeiträge und -dienste, damit der Ehemann den Landtitel nicht verliert und bezahlen die zurückgelassenen Schulden. „Ich bin jetzt Mann und Frau zugleich“, erzählt eine von ihnen. Gleichzeitig müssen sie der Kritik und dem Gerede in der Gemeinde standhalten, weil sie soziale Normen überschreiten.
Einige Frauen bauen parallel zu ihren Überlebensanstrengungen gewisse Alternativen der Befreiung auf. Angesichts der Migration ihrer Ehemänner berichten sie: „Ich fühle mich freier, habe aber auch mehr Arbeit.“ Eine Interpretation besteht darin, dass die veränderten ökonomischen Bedingungen auch die Bevollmächtigung von Frauen sowie ihre Akzeptanz als Unterhalterinnen der Familie fördern. Doch das betrifft die wenigsten und der Preis, den sie dafür bezahlen mussten, ist sehr hoch. „Als mein Mann zurückkam, wollte er wieder bestimmen“, berichtet eine Betroffene.
Hoffnungsvoll warten die Frauen darauf, dass die Ehemänner Geld schicken, doch das, was ankommt, ist oft wenig bis nichts. Die Situation wird noch schwieriger, wenn Schwager oder Schwiegervater das Land entwenden. Oft kommen Frauen dann ins Zentrum für Frauenrechte Chiapas. „Was kann ich tun?“, fragt eine. „Mein Mann kam aus den Vereinigten Staaten zurück und verkaufte unser Land. Mit dem Geld ging er wieder in die USA und wollte mich und die Kinder nachholen. Seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört.“
Die Mehrheit der Frauen, die ihres Grundstücks oder ihrer Parzelle beraubt wurden, sind verheiratet. Doch in anderen Fällen knüpft sich die Ausbeutung an Trennung oder Scheidung, was immer eine Situation großer Verletzbarkeit für die Frauen und ihre Kinder darstellt. Die dokumentierten Fälle zeigen, dass die Ausbeutung in 36 Prozent von den männlichen Verwandten der betroffenen Frau ausgeht, in 25 Prozent vom (Ex-)Partner oder einem männlichen Mitglied aus dessen Familie, in 20 Prozent von den kommunalen Instanzen, in drei Prozent von Bauernorganisationen und in den verbleibenden Fällen meist von einem anderen Mann des ejidos. Ein Drittel der betroffenen Frauen ist älter als 61 Jahre, oft waren ihre erwachsenen Söhne die Verursacher der Ausbeutung. Die Mehrheit ist zwischen 30 und 40 Jahre, hier sind oftmals der Schwiegervater oder der migrierte Ehemann verantwortlich.
Ein beispielhafter Fall ereignete sich im ejido Bella Vista in der Grenzregion Comalapa: Mehrere Frauen, die mit Männern von außerhalb – meist Guatemalteken – verheiratet sind, wurden nicht nur ihres Landes beraubt, sondern mussten zudem ihre Gemeinde verlassen. Diejenigen, die sich geweigert haben, dem Beschluss der Versammlung Folge zu leisten, werden von den Autoritäten belästigt und bedroht. Diese begründen ihre Forderung mit dem Artikel 31 der ejido-Ordnung, welche vorsieht, dass Frauen, die Männer von außerhalb heiraten, aus der Gemeinschaft ausgewiesen werden. Diesen Artikel sehen allerdings viele als verfassungswidrig an, da er nicht nur das Recht der Frauen auf Landbesitz, -nutzung und -nutznießung verletzt, sondern auch auf freie Wahl des Partners/der Partnerin, des Wohnortes und auf Bewegungsfreiheit.
Der Beitrag von Frauen zur Nahrungsmittelproduktion und zur familiären und kommunitären Ökonomie wird nicht anerkannt. Sie dürfen über die selbst produzierten Nahrungsmittel nicht verfügen. „Mein Mann, meine Kinder und ich brachten die Ernte ein. Als ich ein bisschen davon verkaufte, um Seife zu kaufen, wurde mein Mann böse und sagte: ‚Warum verkaufst du Mais, der nicht deiner ist? Er ist meiner.‘ Er selbst aber kauft sich Schuhe. Meine Arbeit auf dem Feld nimmt er nicht wahr“, sagt Crecencia im Frauenzentrum.
Keinen Landtitel innezuhaben bedeutet für die Frauen auch, keine Möglichkeiten zu haben, die Veräußerung des Landes zu verhindern. Sie können weder Privatisierungen stoppen, noch die Billigung anderer Programme, die zum Zweck haben, das Land zu kommerzialisieren.
„Wir kennen unsere Rechte nicht.“ Ein Satz, der anfangs von den meisten Frauen geäußert wird, mit denen das Zentrum für Frauenrechte Chiapas arbeitet. Es ist bezeichnend, dass sie nach und nach ihr Recht auf Land erkennen und sich dazu motivieren, die familiäre Parzelle als ihre eigene zu bepflanzen und zu empfinden. Indem sie sich des Risikos der Ausbeutung von Land und Ernte bewusst sind, nehmen sie die dringende Notwendigkeit wahr, für die Anerkennung des familiären Besitzes zu kämpfen. Für viele ist es mitlerweile wichtig, die familiäre Bedeutung des sozialen Eigentums wiederzuerlangen, die im Jahr 1991 mit der Reform des Artikels 27 der Verfassung eliminiert wurde. Doña Fide im Zentrum für Frauenrechte resümiert: „Wie gut, dass wir uns zusammentun, denn das ist unsere Selbstverteidigung und die unserer Erde.“

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