Musik | Nummer 277/278 - Juli/August 1997

Salsa gehört in die Flasche

Tito Puente – der König des Timbal

Jürgen Vogt

Puerto Rico – eine Insel zum Auswandern. Nicht dorthin, sondern von dort weg, migrierten Anfang des Jahrhunderts die Menschen. Sie setzen “sich ins erste erreichbare Schiff oder Flugzeug Richtung der industriellen Zentren der USA, vor allem Richtung New York City. Doch die Aussichten dort waren nicht rosiger, denn sie fanden sich in einer hochgradig rassistischen Gesellschaft wieder, die ihnen ein Plätzchen neben den ebenfalls marginalisierten Schwarzen einräumte….Aus dieser marginalisierten und ausgebeuteten Minderheit erwuchs Spanish Harlem, das für sie einfach El Barrio war.”* Auch für Ercilia Ortiz und Ernesto Puente Sr., deren Sohn, Ernesto Anthony Puente Jr. am 20. April 1923, kurz nach ihrer Ankunft im El Barrio, seinen ersten Laut von sich gab.
Hier im El Barrio prallten sie aufeinander, die Rhythmen aus Puerto Rico, aus Kuba, aus Lateinamerika und der Jazz der Schwarzen. Und der kleine Ernestito mittendrin, ein Ohr an den Boleros und Rumbas, eins am Swing und Jazz. Er nimmt Klavierstunden, lernt Schlagzeug spielen, fängt an zu singen und geht zum Tanzunterricht. Bereits Anfang der 30er tritt er mit seiner Schwester Anna in einer Kindertanzgruppe auf. “Ich bin stolz darauf einer der wenigen Bandleader zu sein, die wirklich tanzen können,” wird Tito Puente Jahre später sagen.
Anstatt des üblichen Schlagzeugs, benutzen viele der Latinjazzbands die Tumbadora, ein Bongo, und die Timbal, und, daß die Percussion Titos Terrain ist, wird früh klar. Er lernt das Handwerkszeug vom afrokubanischen Drummer der Los Happy Boys. Mit sechzehn geht er in der Band von José Curbelo auf US-Tour. Der Durchbruch kommt Anfang der Vierziger. Der Drummer von Frank “Grillo” Machito’s bekannter Big Band wird zum Militärdienst gezogen, Tito Puente nimmt seinen Platz ein. Zum vielleicht ersten Mal werden die Timbales vorne plaziert und Tito spielt sie im Stehen, nicht im Sitzen.
Seine formale musikalische Ausbildung rundet er Mitte der 40er an der Juliard School of Music ab. 1949 gründet er mit den Picadilly Boys seine erste eigene Band. Die Namen der Personen, mit denen er in den folgenden Jahren zusammenspielt, lesen sich wie ein Who is Who der afrokubanischen Musik. Mit Oye Como Va gelingt ihm ein Klassiker, den später auch Carlos Santana spielen wird.
Als Ende der Sechziger der Begriff Salsa marktgerecht eingeführt wird, meint Tito Puente nur: “Die einzige Salsa, die ich kenne, gehört in die Flasche. Ich spiele kubanische Musik.” Immerhin ist er da schon über fünfundzwanzig Jahre dabei. Und der Erfolg hält bis heute an. Mit seinen nun schon über siebzig Jahren feierte er bei seinem Deutschlandbesuch vergangenen November eine rauschende Nacht. Die Presse überschlug sich: “Dankeschön! Wundervoll – für drei Stunden verwandelte sich München in Salsa-City.” Und wer weiß, ob sich am 8. Juli der Berliner Tränenpalast nicht in Latin-Palace verwandelt. Ab 20.00 Uhr ist Einlaß.

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