«

»

Artikel drucken

Sieben Erkentnisse am Abgrund

1. Wer in einem Begleitprojekt bestehen will, muss einiges an Heroismus mitbringen.
Zum Beispiel das Aufstehen – Bogotá, sechs Uhr morgens: Man kann sich glücklich schätzen, wenn es nicht schon um diese Zeit, sondern erst gegen 15 Uhr nachmittags regnet. In Sachen Hässlichkeit steht das Wetter Bogotás dem von Berlin wirklich in nichts nach – mit dem Unterschied, dass man in Bogotá keine Heizung kennt. Der erste Blick aus dem Fenster: ein ausnahmsweise fast wolkenloser Himmel, der das ganze Ausmaß des Bogotaner Smogs offenbart. Mit der Weltmarktintegration sind zwar die meisten kolumbianischen Industrien still gelegt worden, aber Autoverkehr und Exportblumenplantagen sorgen auch allein für ein bemerkenswertes Diesel-Pestizid-Ambiente. Der Gang in Richtung Bad: ein scheußlicher roter Läufer, eine Blumentapete, die auch bei Oma in Solingen-Ohligs hängen könnte, und ein überdimensionales Gesicht – „Edgar Quiroga, Bauernführer, von der Armee am 28. November 1999 ‘verschwunden’ gelassen.“ Die ersten beiden Geschmacklosigkeiten mussten mit angemietet werden, das Bild wurde unserer „Solidaritätsbotschaft“ von einem befreundeten Bauernverband geschenkt.
Die Dusche: Ana María und Julio aus Zaragoza haben uns die Anschaffung eines Elektroboilers verboten, obwohl M. (meine Freundin, die Gute) den Apparat persönlich bezahlt hätte. „Das kostet zu viel Strom“. Bisher habe ich immer gedacht, Deutsche seien das geizigste Volk Europas, doch hier stelle ich fest, dass man auch in Zaragoza ein ziemlich kontrolliertes Verhältnis zu Geld zu haben scheint. Bei 12 Grad Zimmertemperatur unter eine mindestens ebenso kalte Dusche zu steigen, ist zwar nicht unbedingt gesundheitsschädigend, aber es erfordert Überwindung. Man muss allen verfügbaren Heroismus mobilisieren. Die Alternative ist allerdings noch unangenehmer: Europäer haben hier den Ruf, sich nicht zu duschen. Wenn man dreimal am Tag darauf angesprochen wird, ein ungewaschener Metropolenbewohner zu sein, ist es von Vorteil, wenigstens auf ein ruhiges Gewissen verweisen zu können.

2. Wir sollten einen EU-Antrag stellen: Begleitprojekte fördern die europäische Integration; man erfährt etwas über unsere Nachbarländer.
Zum Beispiel über Oscar und Italien. Seit er aus einer Kriegsregion zurückgekehrt ist (um in der darauffolgenden Woche in die nächste zu gehen), ist er auffallend albern. Nicht so sehr wegen der Rückkehr, sondern weil man eigentlich überall bessere Laune bekommt als im unmittelbaren Einflussbereich der Regierung Uribe. Oscar steht in der Küche und brüht Kaffee auf. Vor sieben Uhr morgens ist er allerdings nicht ganz so laut wie am Rest des Tages.
Er erzählt mir seine Geschichte. Oscar stammt aus der 77er-Jugendbewegung. Die bleiernen Jahre, die in Italien bis 1990 andauerten, hat er in der Antipsychiatriebewegung verbracht. Erst mit den Zapatisten ist er aus seinem Winterschlaf zurückgekehrt und macht seitdem Fotobücher. Für seine Kolumbienreise hat er drei Jahre vorgearbeitet – in einer Nervenheilanstalt.
„Ist dir schon aufgefallen, dass Oscar genauso alt ist wie meine Mutter?“ M. kommt in die Küche. Sie steht nicht gern früh auf, aber zum Projekttreffen um sieben Uhr morgens ist sie pünktlich.
Nicht wirklich. „Oscar ist infantiler als deine Mutter.“
Wir unterhalten uns über die 70er Jahre und warum so viele Italiener nach Chiapas fahren. In diesem Augenblick ist unser Team plötzlich komplett. German und Clara betreten die Küche. Die beiden stammen aus der Nähe von Huesca, waren ein halbes Jahr in einem von Armee und Paramilitärs abgeriegelten nordkolumbianischen Gebiet und sind der lebende Beweis dafür, dass man bei der europäischen Integration nicht generalisieren darf. German und Clara stammen zwar auch aus Aragonien, aber pflegen anders als ihre Landsleute Ana María und Julio einen ganz und gar nicht kontrollierten Umgang mit Geld. Sie haben Croissants mitgebracht. Ungewohnter Luxus. In Berlin gab es nur noch am Wochenende manchmal Croissants.

3. Die Gesetze der Logik sind relativ.
In Kriegssituationen wird das immer besonders deutlich. Da redet ein Präsident, dessen Biographie aufs engste mit Drogenhandel und Paramilitarismus verwoben ist, vom Kampf gegen das Verbrechen, und die US-Regierung lässt zum Schutz der Menschheit vor krank machendem Kokain weite Teile Amazoniens mit hochgiftigen Herbiziden besprühen. Noch viel relativer sind die Gesetze der Logik jedoch im Alltag unseres kleinen Projekts. Pünktlich um 7 Uhr beginnt das wöchentliche Treffen mit den Partnerorganisationen Bogotás: einer Gewerkschaft, zwei Menschenrechtsgruppen, einem Bildungsinstitut, der Bauernkoordination CNA. Das interne Reglement der Solidaritätsbotschaft besagt, dass von unserem Haus aus nicht in den Büros der befreundeten Organisationen angerufen werden darf. Die Regierung Uribe hat die NGOs erst unlängst wieder als „internationale Förderer des Terrorismus“ bezeichnet, und so versucht man, nicht allzu unangenehm aufzufallen. Bis auf freitags kommen die befreundeten Gruppen bei uns im Haus vorbei. Und weil die meisten sozialen Organisationen Kolumbiens in Anbetracht ständiger Mordanschläge vor den internationalen Institutionen Schutzmaßnahmen durchsetzen konnten, treffen fast alle unsere Freunde mit Begleitung ein. In unserer verschlafenen Straße in einem unscheinbaren Mittelschichtsviertel von Bogotá parken plötzlich mehrere gepanzerte Jeeps mit Leibwächtern – Bodyguards, die drolligerweise zwar Vertrauensleute der Organisationen sind, jedoch von der gleichen kolumbianischen Regierung finanziert und ausgerüstet werden, die diese Organisationen am liebsten noch heute verbieten würde.
Das wöchentliche Treffen beginnt mit Routine: Verhaftungen, Morddrohungen, Massaker. Doch daneben gibt es diese Woche auch einen erfreulicheren Tagesordnungspunkt. Eine internationale Gewerkschaftsdelegation kommt zu Besuch. M. und ich sollen sie nach Arauca begleiten, wo die Sicherheitsorgane gerade eine Kriminalisierungswelle gegen Gewerkschaften und Bauernorganisationen gestartet haben.
M. ist begeistert: „Endlich mal raus aus dieser Drecksstadt.“
Meine Reaktion ist jedoch zwiespältiger: „Vom Regen in die Traufe.“ Das wird sich später bestätigen.

4. a) Kolumbianische Gewerkschafter erschrecken sich nicht vor Militärsperren, b) und essen gerne Fleisch.
Wenn man mit dem DGB zu tun hat, entsteht bisweilen der Eindruck, dass einem permanente Gewerkschaftsarbeit mit der Zeit auf Geist und Gemüt schlagen muss. Aber auch in dieser Hinsicht wird man hier eines Besseren belehrt – wahrscheinlich weil die kolumbianischen Arbeitnehmerorganisationen, dank betrieblicher Umstrukturierung, investitionsfreundlicher Gesetzgebung und 4500 Morden, auf die Größe eines etwas umfangreichen Kleingartenvereins geschrumpft und damit auch die Verwaltungsarbeiten in den Hintergrund gerückt sind.
Flughafen Saravena: Direkt neben der Landebahn liegen ein schwer befestigter Militärstützpunkt und ein Bunker von US-Sondereinheiten, die hier die Pipeline der Occidental Oil Company schützen. Zurückhaltend kann man die Situation als gespannt bezeichnen. Um die 50 Aktivisten sind in der 40.000 Einwohnerstadt in den vergangenen zehn Monaten verhaftet, an die 30 weitere ermordet worden; das Flughafengebäude wurde vor kurzem bei einem Guerillaanschlag in eine Ruine verwandelt. Edgar Paez von der Nahrungsmittelgewerkschaft SINALTRAINAL ist trotzdem guter Dinge. „Sabrrrroso“, lecker – er rollt das R. „Endlich wieder in Arauca.“ In den ostkolumbianischen Tiefebenen schätzt man deftiges Essen. „Und? Ist das Rind schon geschlachtet?“ Wir sind für den folgenden Tag zu einer Grillparty auf dem Land eingeladen. Die Gastgeber bejahen die Frage, Edgar macht ein glückliches Gesicht. „Ist das nicht wunderbar?“
Die kolumbianisch-brasilianisch-deutsch-schweizerische Delegation rollt im Taxikonvoy in die Innenstadt Saravenas. Unter jedem Baum steht ein Soldat, am Straßenrand sind sandsackbefestigte Stellungen der Polizei aufgebaut, an den Wänden prangen Parolen der Todesschwadronen AUC.
„Das ist doch das Beste, das hier.“ Edgar fletscht die Zähne, wir nicken. „Arrrauca“, nochmal rollendes R, „sabrrroso“.
Die Taxis halten vor dem Hotel. Es ist 11 Uhr morgens – aber bereits drückend heiß. „Jetzt erst mal eine schöne Arbeitsbesprechung und danach eine Runde Bier.“ Am Vortag hat die Coca-Cola-Geschäftsführung verkündet, acht von siebzehn Abfüllanlagen im Land zu schließen. Die Gewerkschaft wird damit noch einmal schrumpfen: von der Größe eines besseren Kleingartenvereins auf die eines mittleren Skatclubs. Doch der Kollege Paez lässt sich auch hiervon die Stimmung nicht vermiesen. Bei so vielen Katastrophen bleiben einem nur zwei Optionen: Verbitterung oder Marx Brothers.

5. Begleiter wollen begleitet werden.
An sich besteht die Funktion eines internationalen Begleitprojekts natürlich darin, bedrohten kolumbianischen Aktivisten moralische Unterstützung zukommen zu lassen. Ungünstigerweise lässt die moralische Verfassung der ausländischen Besucher in unserem Fall ebenfalls zu wünschen übrig. Die kolumbianisch-brasilianisch-deutsch-schweizerische Delegation streitet sich darüber, ob man die Einladung aufs Land wahrnehmen soll. Die brasilianischen Kollegen sehen das nicht so eng: Chemiegewerkschafter Piauí aus dem gleichnamigen Bundesstaat musste als Jugendlicher vor Fazendeiros aus Nordostbrasilien nach São Paulo fliehen. „Das ist hier doch wie zu Hause“. Wir Europäer sind da deutlich zarter besaitet.
„Die Botschaft hat uns dringend davon abgeraten, nach Saravena zu kommen.“
„Und nicht nur die Botschaft.“
Die Vertreter der sozialen Organisationen Araucas nicken. Sie wissen, wie man Zweifelnden Mut macht. „Ihr geht doch nicht allein“, sagt der Anwalt von der regionalen Menschenrechtskommission, „wir begleiten euch doch.“
„Und das Fleisch“, wirft Kollege Paez etwas unpädagogisch ein. „Die grillen das auf Spießen direkt über der Holzkohlenglut.“
„Wenn wir fahren, dann keinesfalls, um über Nacht zu bleiben.“
„Aber da sind viele Leute.“ Der Menschenrechtsanwalt gibt sich große Mühe. „Bauern aus der ganzen Region kommen da hin.“
„Wie viele genau?“
„70.“
„70“, wiederholen wir Europäer nachdenklich.
Schwierige Frage: Kann man von ausreichender Begleitung sprechen, wenn eine neunköpfige Begleitungsdelegation von 70 Bauern begleitet wird?

6. Auch Militärs sind nicht gern allein.
Der Morgen nach dem Barbecue verläuft mäßig. Nach dem Verzehr eines Rindes, dessen 120 Kilo Fleisch so zart waren wie versprochen, ist die Stimmung in der brasilianisch-deutsch-schweizerischen Delegation nach dem Aufstehen sichtlich angespannt. M. und ich sind von dubiosen Zwerginsekten namens cuquitos zerstochen, unsere europäischen Kontinentalgefährten sind verärgert, weil wir die Nacht entgegen der Absprache doch auf dem Land verbracht haben. Zu allem Überfluss bricht bei der Rückkehr nach Saravena nach 15 Minuten Schotterweg bei unserem Wagen auch noch die Achse. Und weil Gewerkschafter als arbeitende Bevölkerung nur begrenzt über Ferientage verfügen und deswegen ihren Flug nicht verpassen dürfen, setzen M. und ich die Delegation in den ersten zur Verfügung stehenden Wagen und bleiben mit drei Kolumbianern – ebenfalls ohne Festanstellung – zurück.
Die zufällig vorbeikommende Guerilla schenkt uns keine Beachtung, das heißt, wir werden freundlicherweise nicht entführt (was schon mal nicht schlecht ist). Doch als wir eine Stunde später endlich ein Fahrzeug aufgetrieben haben, bricht das nächste Unglück über uns herein. Genauer gesagt wir rollen darauf zu: Armeesperre. Leutnant Correa hat von seinem Vorgesetzten die Anweisung erhalten, die internationalen Verbindungen der Subversion lückenlos aufzuklären. Trotz Geleitbriefs der deutschen Botschaft werden wir fünf Stunden lang festgehalten, während der Menschenrechtsbeauftragte des Gewerkschaftsdachverbands CUT, das kolumbianische Armeekommando und diverse NGOs einige Dutzend freundlicher und weniger freundlicher Telefonate miteinander führen.
Weil die im Land verteilten Ermittlungsbehörden von 9-14 Uhr Mittagspause zu haben scheinen, können wir uns ausgiebig mit den anwesenden Soldaten unterhalten. Gesprächsthemen: Essgewohnheiten hier und dort, die neue europäische Einheitswährung, das Wetter. Ein Anwesender mit zupackender Ausstrahlung berichtet stolz, sich für den Irak-Einsatz gemeldet zu haben. „Da verdient man in Dollars.“ Wir nicken aufmunternd, weil man schließlich nicht jeden Tag bei einer waschechten Invasion mitmachen darf, und blicken nur zwischendrin unruhig ins Gestrüpp. In Arauca muss man an einer Militärsperre permanent mit Guerillaangriffen oder Autobomben rechnen.
„So habe ich mir das nicht vorgestellt“, merkt M. lapidar an. „Begleitprojekt für Militärs.“

7. Die US-Army weiß, wie man’s macht.
Zurück in der Freiheit. Die Uribe-Regierung hat noch einmal ein Auge zugedrückt. Danke! Wir erreichen den Flughafen Saravena, kurz bevor die brasilianisch-deutsch-schweizerischen Arbeitervertreter wieder Richtung Bogotá entschwinden. Während wir mit einem letzten Erfrischungsgetränk auf die trotz allem geglückte Mission anstoßen, fährt plötzlich ein halbes Bataillon martialisch sonnenbebrillter Spezialpolizisten vor. In ihrer Mitte: ein auffallend rosafarbener US-Ausbilder mit seltsam unsportlicher Figur. „Ein Schreibtischtäter“, stellt M. sachkundig fest. Vertraut grüßt der nordamerikanische Sonderbeauftragte die jungen Polizisten am Abfertigungsschalter, händigt dem kolumbianischen Offizier seine Pistole aus und führt erst einmal ein Handy-Gespräch mit der Heimat. Ich bin erstaunt. Bisher habe ich solche Leute immer für ein verschwörungstheoretisches Klischee gehalten.
„So was nenne ich ein Begleitprojekt.“ M. runzelt voller Anerkennung die Stirn. „50 bis an die Zähne bewaffnete Leute auf einen, der beschützt werden soll.“

Die „Solidaritätsbotschaft“ ist ein Projekt des Red Europea de Hermandad y Solidaridad con Colombia (Europäisches Solidaritätsnetzwerk Kolumbien) und wird von Gruppen in Spanien, Italien, der Schweiz und Deutschland getragen. Um die sozialen Organisationen Kolumbiens vor Attentaten zu schützen und internationale Öffentlichkeit herzustellen, führen Menschenrechtsgruppen, darunter Peace Brigades International, schon seit einigen Jahren so genannte Begleitprojekte durch. Die Eskalation des kolumbianischen Konflikts und unzureichende Kapazitäten der bisher im Land aktiven Gruppen, haben das Red Europea nun zur Gründung der so genannten „Solidaritätsbotschaft“ veranlasst, die internationale Freiwillige aus ganz Europa an die kolumbianischen Projektpartner vermittelt und betreut. Deklariertes Ziel ist die „Solidarität von sozialer Bewegung zu sozialer Bewegung“. Im Verlauf des Jahres 2003 haben auf diese Weise 20 Freiwillige verschiedene kolumbianische Partner im ganzen Land zwischen ein und acht Monate lang begleitet: Flüchtlingsgemeinden, protestierende LehrerInnen, von der Armee eingekesselte Bauerndörfer, bedrohte Gewerkschafter oder Jugendorganisationen. Am Begleitprojekt Interessierte werden von den Gruppen des Red Europea auf den Aufenthalt vorbereitet.
Kontakt in Deutschland: kolumbien-odyssee@gmx.net ;
Internationale Koordination: redher@sky.net.co.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/sieben-erkentnisse-am-abgrund/