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Tania – Guerrillera aus Eisenhüttenstadt

Bolivien, Ende August 1967. Eine kleine Gruppe schlechtgekleideter, ausgehungerter Partisanen nähert sich vorsichtig der Holzhütte des Bauern Honorato Rojas. Unter ihnen ist eine Frau, Ende zwanzig, mit dunkelblondem, welligem Haar – Tamara Bunke, alias Tania, alias Laura Gutiérrez Bauer. Ihr Rucksack wiegt nicht weniger als der der anderen Compañeros – 30 Kilo, die sie durch die tropische Hitze schleppt. Krankheit, Unterernährung und die ständige Furcht, von den Militärs entdeckt zu werden, plagen seit Monaten Che Guevaras ehemals 14köpfige Nachhut. Sieben Compañeros und ein „Ausgeschlossener“ – ein Deserteur – sind übrig geblieben. Nur wenige Meter sind es noch bis Honoratos Hütte, wo sie um Verpflegung und Arzneimittel bitten werden. In der Umgebung fallen Schüsse der Soldaten, die sich den Partisanen seit April an die Fersen geheftet haben, bisher erfolglos. Honorato erhält Geld von den Partisanen und den Auftrag, bis zum nächsten Tag lebensnotwendige Sachen herbeizuschaffen. Auch Che hatte vor einigen Monaten bei Honorato Halt gemacht. Damals vermerkte er in seinem Tagebuch: „Der Bauer ist…unfähig, uns zu helfen, aber auch unfähig, die Gefahr zu erkennen, die ihm selbst droht. Deshalb ist er möglicherweise gefährlich.“ Tags darauf bewegen sich die Partisanen, eingedeckt mit Lebensmitteln und Medikamenten, flußaufwärts entlang des Río Grande. Honorato führt sie bis in die Nähe einer Furt, dann verabschiedet er sich schnell. Kurz darauf zerreißen Gewehrsalven die schwüle Luft und das monotone Rauschen des Flusses. Sieben Guerilleros stürzen in die Fluten; die meisten tödlich getroffen. Erst nach einer Woche finden Soldaten Tamaras Leiche über einen halben Kilometer flußabwärts. In ihrem Rucksack finden sie neben Notizbüchern und Ausweis einen von einer Kugel durchbohrten Aluminiumteller und ein Tonband mit lateinamerikanischer Folkloremusik, eine Leidenschaft von Tamara.

Eine Argentinierin in der DDR

Als Tamara 1961 die DDR in Richtung Kuba verließ, hatte sie wohl nicht einmal im Traum daran gedacht, drei Jahre später für Ches Guerillagruppe in Bolivien ausgewählt zu werden. Damals wollte sie nach einem längeren Aufenthalt auf Kuba in ihre angestammte Heimat Argentinien zurückkehren. Dort war sie am 19. November 1937 als zweites Kind der deutschen Emigranten Nadjeshda und Erich Bunke geboren worden, einer Familie mit beachtlicher revolutionärer Tradition. Die Eltern engagierten sich in der illegalen Kommunistischen Partei Argentiniens, und Tamaras Großvater mütterlichseits hatte bereits 1905 in der russischen Revolution in den Reihen der Aufständischen gekämpft.
Tamara war ein sehr lebhaftes und begeistertes Kind, erinnert sich die heute 87jährige Frau Bunke. Mit drei Jahren ist sie das erste Mal allein auf einem Pferd geritten, eine Leidenschaft, die sie wohl von ihrer Mutter geerbt hatte. 1952 kehrte die Familie in die DDR zurück, wo Tamara ihre sportlichen Fähigkeiten in der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) der damaligen Clara-Zetkin-Schule in Eisenhüttenstadt perfektionierte. Sie war eine der besten Schützinnen und Springreiterinnen der Region. Das Sportschießen in der GST sollte später eine wichtige Grundlage für ihre militärische Ausbildung auf Kuba sein, wo sich Tamara zu einer treffsicheren Schützin entwickelte.
Während der neun Jahre in der DDR träumte Tamara von ihrer Rückkehr nach Argentinien. Kulturell und emotional fühlte sie sich stark zu Lateinamerika hingezogen, zur dortigen Lebensart, der Musik und der revolutionären Jungfräulichkeit des Kontinents. Sie nutzte Briefwechsel, ihre Dolmetschertätigkeit und private Kontakte zu Lateinamerikanern in der DDR, um sich genauestens über die Ereignisse auf dem Kontinent zu informieren. 1957 borgte sie sich von ihren Eltern 350 Mark und fuhr auf eigene Faust zu den Moskauer Weltfestspielen. Dort fand sie schnell Anschluß an Kubaner, von denen sie mehr über Fidel Castros Guerilla-Training in der Sierra Maestra erfahren wollte, ein Thema, das sie brennend interessierte.
Nach der Kubanischen Revolution stand für Tamara fest, daß sie über kurz oder lang die DDR verlassen würde, um „den Aufbau des Sozialismus in Kuba mitzuerleben. Später war sie dann so begeistert von Kuba, daß sie bleiben und sogar kubanische Staatsbürgerin werden wollte,“ erklärte die Mutter.
Doch zunächst verbrachte sie noch über zwei Jahre in Berlin. Bereits im November 1955, zu ihrem 18. Geburtstag, stellte sie von sich aus einen Antrag zur Aufnahme in die SED. Ihre Eltern erfuhren erst später davon. Nach dem Abitur arbeitete Tamara ein Jahr als Dolmetscherin im Außenministerium. Danach schrieb sie sich am Romanistischen Institut der Humboldt-Universität ein – ein Studium, das sie wegen ihrer häufigen Dolmetschereinsätze und politischen Aktivitäten weniger intensiv betrieb. Auch an der Universität suchte sie den Kontakt zu Lateinamerikanern. Gemeinsam mit einigen lateinamerikanischen Studenten gründete sie 1959 die Ernst-Thälmann-Gruppe. In dieser Gruppe konnte Tamara einerseits ihr großes Informationsbedürfnis über politische Ereignisse in Lateinamerika befriedigen und andererseits die lateinamerikanischen Studenten über aktuelle Vorgänge in der DDR auf dem laufenden halten. Das Letztere lag Tamara besonders am Herzen.
Die Krönung ihrer Dolmetschertätigkeit war zweifellos 1960 der Besuch der kubanischen Wirtschafts- und Handelsdelegation, die von Che Guevara, damals Wirtschaftsminister auf Kuba, geleitet wurde. Tamara dolmetschte für Che auf einem Treffen mit Studenten in Leipzig, ein Ereignis, das einen großen Eindruck auf sie machte. „Für Tamara, die in Argentinien geboren und aufgewachsen war, bedeutete die Tatsache, daß sie an diesem Treffen teilnehmen und für Che dolmetschen durfte, außerordentlich viel. Sie fühlte sich dort ganz als Argentinierin. Dieses erste Zusammentreffen mit Che steigerte ihre Bewunderung und Achtung, die sie für ihn, den Argentinier, Kommunisten, Partisanen…hegte“ (Frau Bunke).

Wahlheimat Kuba

Am 9. Mai 1961 verließ Tamara mit argentinischem Paß und einem DDR-Paß für Ausländer die DDR Richtung Kuba. Zuvor hatte sie ausdrücklich darum gebeten, die DDR-Staatsbürgerschaft abgeben zu dürfen. Sie wollte beim „Aufbau des Sozialismus“ in Kuba vor Ort sein, persönlich mit „anpacken“. Dabei, so ihre Mutter, kamen Tamara ihre Erfahrungen, die sie in der DDR, besonders in der FDJ (Freie Deutsche Jugend), gesammelt hatte, zugute. Den Sozialismus in Lateinamerika aufzubauen – das war ihr ganz persönliches politisches Ziel, und Kuba bot ihr ein exzellentes Betätigungsfeld. „Sie sehnte sich nach einer revolutionären Tätigkeit von größerem Ausmaß als der, die sie in Berlin durchführte“ (Hortensia Gomez, ehem. Direktorin der kubanischen Zeitschrift „Mujeres“). Diese Tätigkeit fand sie auf Kuba.
Im Gegensatz zur DDR propagierte die kubanische Führungselite, den bewaffneten militärischen Kampf in anderen Ländern zu unterstützen und mit Hilfe gut ausgebildeter Guerillagruppen eine revolutionäre Situation zu erzeugen, die später in eine Revolution à la Kuba münden würde. Die DDR-Führung hingegen hielt, entsprechend der sowjetischen Linie, nichts vom „Revolutionsexport“ und distanzierte sich vom „revolutionären Abenteurertum,“ das Ches und Castros foco-Theorie verkörperte (Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, Zentrales Parteiarchiv, Sign.-Nr. DY 30 IV A2/20/85, im weiteren SAPMO, BArch.-ZP).
„Ich glaube, Kuba war für Tamara die schönste Zeit ihres Lebens, dort hat sie sich am wohlsten gefühlt,“ resümiert Frau Bunke. Dreißig, größtenteils enthusiastische Briefe schrieb sie in jener Zeit an ihre Eltern. Danach erreichte sie nur noch ein Brief über Umwege aus Bolivien.
Tamaras Aktivismus auf Kuba kannte keine Grenzen. Sie war überall dabei, engagierte sich u.a. im Kubanischen Institut für Völkerfreundschaft (ICAP), in der Frauenföderation, als Übersetzerin für verschiedene Ministerien. Nebenbei studierte sie Journalistik und machte Dienst in den Stadtviertelmilizen. 1963 begann ihre militärische und konspirative Ausbildung für den Guerilla-Kampf in Bolivien. Das Ziel ihrer Ausbildung erfuhr Tamara jedoch erst kurz vor ihrer Abreise 1964, die sie ein letztes Mal nach Europa führte. Von West-Berlin aus schaute sie gen Osten, wo ihre Familie lebte, die sie seit über drei Jahren nicht mehr gesehen hatte. Die Hochhäuser des Zentrums schienen verlockend nah. Still und ganz für sich allein nahm sie Abschied auf unbestimmte Zeit.
Monate später traf Tamara in Bolivien als Laura Gutiérrez Bauer, Argentinierin, von Beruf Ethnologin, ein. Zwei Jahre sammelte sie Informationen über die bolivianische „high society“, den Regierungs- und Militärapparat, Unternehmer und den Einfluß der Amerikaner auf Politik und Wirtschaft. Tamara knüpfte Verbindungen zu den höchsten Regierungskreisen, bis hin zum damaligen Präsidenten Barrientos und den Oberbefehlshaber der Streitkräfte General Ovando. So bereitete sie die Ankunft von Ches Guerillagruppe im Herbst 1966 vor und schloß sich im März 1967 selbst der Gruppe an.
Tamaras Wunsch, in einer Revolutionsavantgarde in Lateinamerika mitzukämpfen, war in Erfüllung gegangen. Sie wurde zu „Tania – la Guerrillera.“ Die Wahl dieses Namens war keineswegs zufällig. Tania war der Partisanenname einer 17jährigen Russin, Sonia Kosmotimianskaja, die im Zweiten Weltkrieg auf von Faschisten besetztem Gebiet in Rußland kämpfte, in Gefangenschaft geriet und gehängt wurde. Tamara hatte diese Geschichte in der DDR im Russischunterricht gelesen, eine Geschichte, die einen überwältigenden Eindruck auf sie gemacht hatte. Ebenso fasziniert war sie von Ruth Werners Buch „Ein ungewöhnliches Mädchen,“ in dem die Geschichte einer jungen Frau erzählt wird, die sich in China den Partisanen anschließt und Mann und Kind zurückläßt. Tamara fragte ihre Mutter, was sie davon halte; „du bist doch so für Familie.“ Als ihre Mutter meinte, daß junge Leute ihren eigenen Weg gehen müssen, war das quasi der Freibrief für Tamaras Untergrundarbeit Jahre später.

Bürokratische Mühlen mahlen langsam

Nach der Bekanntgabe von Tamaras Tod in einer Anzeige im November 1967 herrschte in der DDR zunächst Schweigen. Im Oktober hatten Bunkes auf Kuba vom Tod ihrer Tochter und Ches erfahren. Aus Rücksicht auf noch kämpfende Partisanen in Bolivien wiesen die Kubaner an, „bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nichts zu schreiben.“ Anfang März 1968 stellten sich die letzten Guerillakämpfer aus Ches Gruppe der chilenischen Polizei. Damit wurde die Informationssperre hinfällig. Kubanische Zeitungen veröffentlichten erste Artikel über die Guerilla in Bolivien.
Die Frau des kubanischen Botschafters in der DDR, Sílvia Nireida Pérez Llombard, trat an Frau Bunke heran, um Material für einen Artikel über Tamara für die Zeitschrift „Mujeres“ zusammenzutragen. Dreißig Seiten umfassende Dokumente, Briefe, Interviews und Fotos übergab Tamaras Mutter am 22. August 1968 ebenfalls dem Chefredakteur der „Jungen Welt,“ Horst Pehnert, für eine bald zu veröffentlichende Artikelserie. Am 31. August, dem ersten Todestag von Tamara, überschwemmte eine Welle von Veröffentlichungen sowohl aus dem linken als auch dem rechten Lager die internationale Presse (SAPMO, BArch.-ZP DY 30 IV A2/20/185).
Ein kleiner Artikel, in der „Jungen Welt“ „überschwemmte“ auch die DDR Presse. Während kubanische Journalisten auf Anraten Fidel Castros bereits ein Buch „Tania – la guerrillera inolvidable“ über Tamara zusammenstellten und Teile der rechten bürgerlichen Presse mit Geschichten über die vermeintlich „dreifache Spionin und Geliebte Ches“ eine regelrechte Verleumdungskampagne starteten, hüllten sich die DDR-Medien in peinliches Schweigen. Warum? Hatten einige SED-Funktionäre „politische Bauchschmerzen,“ den revolutionären Abenteuergeist einer jungen ehemaligen DDR-Bürgerin mit der „politisch korrekten Linie“ zu vereinbaren? „Es muß… vermieden werden, in irgendeiner Weise auf die kubanische Konzeption der Revolution in Lateinamerika einzugehen,“ teilte der mit der Überarbeitung der dreißig Seiten betraute SED-Genosse seinem Vorgesetzten, Friedrich Trappen, in einem Schreiben vom 4. März 1969 mit (SAPMO, BArch.-ZP DY 30 IV A2/20/185). Und: „Che Guevara wird nur insofern eine Rolle spielen, als es durch die Veröffentlichung seines Tagebuchs bereits bekannt ist,“ um „jeden Gedanken an Abenteurertum auszuschließen“ (SAPMO, BArch.-ZP DY 30 IV A2/20/185). Nach zwei Briefen von Frau Bunke an den persönlichen Freund und Politbüromitglied Werner Lamberz und den Sekretär des Zentralrats der FDJ, Frank Bochow, in denen sie sich – nun langsam ungeduldig – nach den Fortschritten in der vorgesehenen Artikelserie erkundigte, erschien im März 1969 in der „Jungen Welt“ die seit August geplante 13teilige Serie über Tamara Bunke.
Tamara wurde zum politischen Vorbild in der DDR. Über 240 Kollektive und Organisationen sowie Straßen und Schulen wurden nach ihr benannt. Zwei Bücher, die kubanische Übersetzung von „Tania“ und „Der Weg zum Río Grande“ von Eberhard Panitz, wurden veröffentlicht. Ob Tamara jedoch dem durchschnittlichen DDR-Bürger, dessen Kollektiv nicht ihren Namen trug, ein Begriff war, ist fraglich. Im Geschichtsunterricht jedenfalls wurde das DDR-Kapitel Tamara Bunke ausgespart.
Die achtmonatige „Bearbeitungszeit“ des dreißigseitigen Manuskripts mag eine absichtliche Verzögerung von Veröffentlichungen über Ches Kampfgefährtin in der DDR nahelegen. Jedoch bleibt diese Vermutung aus Mangel an Beweisen spekulativ. Und Frau Bunke selbst wehrt derartige Gedanken energisch ab: „Es ist nicht wichtig, was ich in meinen dreißig Seiten an Pehnert geschrieben habe, sondern was 1969 in der Serie der „Jungen Welt“ erschienen ist. Vielleicht war ich zu abschweifend…Naja, Sie wissen doch, DDR-Mühlen mahlen eben langsam.“

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