Besonders entlang der Karibikküste und in Caracas löste die Naturkatastrophe verheerende Schäden aus. Laut offiziellen Angaben waren bis Anfang Juli knapp 2.300 Todesopfer bestätigt, mehr als 11.250 Menschen wurden verletzt. Die tatsächlichen Opferzahlen dürften aber um einiges höher liegen. Fast 40.000 Menschen werden immer noch vermisst. Da der 24. Juli in Venezuela ein Feiertag ist, der an die Schlacht von Carabobo im Unabhängigkeitskrieg 1821 erinnert, waren um diese Zeit viele Menschen zu Hause. Auch an der Küste war mehr Betrieb als üblich. Besonders hart trafen die Beben den nördlich der Hauptstadt hinter einer Bergkette gelegenen Bundesstaat La Guaira und die gleichnamige Stadt. Hier fielen reihenweise Häuser in sich zusammen, darunter auch Hotelkomplexe.
La Guaira war bereits Ende 1999, als der Bundesstaat noch Vargas hieß, Schauplatz einer verheerenden Katastrophe. Massive Regenfälle und Erdrutsche sorgten laut Schätzungen damals für zehntausende Tote. Laut ersten Angaben des Parlamentes seien bei den Beben insgesamt 855 Gebäude zerstört worden, davon 189 komplett. Zehntausende weitere Häuser und Straßen wurden laut Schätzungen beschädigt. Anwohner*innen und Angehörige von Verschütteten begannen unmittelbar nach den Beben, mit bloßen Händen und einfachen Werkzeugen nach Überlebenden zu suchen. „In den ersten Tagen rettete vor allem in La Guaira die spontan organisierte Hilfe der Menschen vor Ort Leben und stellte Lebensmittel zur Verfügung. Dort, wo es feste Strukturen an Basisorganisation gibt, hat dies am besten funktioniert“, sagt Antonio González Plessmann gegenüber den Lateinamerika Nachrichten. Als Teil der linken Basisorganisation Comunes hat er unmittelbar nach den Beben die Nothilfe in La Guaira mitorganisiert.
Der Staat hingegen sei zunächst nur an einigen Orten präsent gewesen. „Mittlerweile versucht die Regierung, die Hilfen stärker zu kontrollieren. Aber sie sind ungleich verteilt und kommen nicht überall an“. Zwar boten dutzende Länder Unterstützung an und schickten umgehend qualifizierte Suchtrupps und humanitäre Hilfe. Lebend bergen konnten sie aber nur einen kleinen Teil der verschütteten Menschen.Interimspräsidentin Delcy Rodríguez versuchte merklich, beim Krisenmanagement ein gutes Bild abzugeben und akzeptierte auch Hilfen rechts regierter Länder wie Argentinien, El Salvador, Chile und den USA. Doch die Tragödie legt sich wie ein Brennglas über ein Land, das aufgrund internen Missmanagements und der US-Sanktionen seit Jahren eine schwere soziale und wirtschaftliche Krise durchlebt. Die Fähigkeit der Interimsregierung, auf die Katastrophe zu reagieren, wird vielerorts angezweifelt. Gerade in La Guaira bemängeln viele Menschen eine zu langsame bis völlig ausbleibende Reaktion der Behörden.
Mit bloßen Händen in den Trümmern suchen
„Natürlich sind die Menschen in den betroffenen Gebieten unzufrieden und wütend, weil sie sich deutlich mehr staatliches Handeln erhofft haben“, sagt González. „Es ist aber auch richtig, dass demokratische Regierungen in anderen Ländern auf Katastrophen dieses Ausmaßes nicht immer effektiv reagieren.“
Die politischen Folgen sind noch nicht absehbar Öffentliche Auftritte der Präsidentin mit Nothelfer*innen bringen Rodríguez den Vorwurf ein, politisches Kapital aus der Katastrophe schlagen zu wollen. Das gleiche gilt allerdings auch für Teile der Regierungsgegner*innen. Oppositionsführerin María Corina Machado kündigte wenige Tage nach den Beben in mehreren Interviews ihre Rückkehr aus dem Exil an. „Der Moment ist gekommen“, ließ sie verlauten, hatte dabei aber nicht die Rückendeckung der USA. Laut Berichten in US-Medien lehnte es die US-Regierung ab, Machado Sicherheitsgarantien zu geben. Anonym zitierte Funktionäre sprachen demnach von einem unerwünschten „politischen Manöver“.
Die US-Regierung hat offensichtlich kein Interesse daran, dass Machado Unruhe in die innenpolitische Lage Venezuelas bringt.
Seit der Entführung von Präsident Nicolás Maduro Anfang Januar setzt US-Präsident Donald Trump auf Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez, um die politische Stabilität zu gewährleisten. Das vorrangige US-Interesse besteht darin, dass die Interimsregierung wirtschaftliche Reformen durchsetzt und den Rohstoffsektor für internationale Investitionen öffnet. Wenngleich Außenminister Marco Rubio auf einen dreistufigen Plan beharrt, an dessen Ende eine „politische Transition“ stehen soll, haben zeitnahe Wahlen für die USA bisher keine Priorität. Angesichts der umgehenden Reform der Erdöl- und Bergbaugesetze sieht US-Präsident Donald Trump Venezuela auf einem guten Weg. Er lässt kaum eine Möglichkeit aus, sich positiv über Rodríguez zu äußern. Seit Jahresbeginn verwalten die USA gar die venezolanischen Erdöleinnahmen. Die schweren Erdbeben stellen diese Zusammenarbeit nun auf eine Probe. Von der zaghaften wirtschaftlichen Erholung ist bislang bereits wenig bei der Bevölkerung angekommen und bereits vor den Erdbeben war Venezuela auf milliardenschwere Investitionen in den Erdölsektor und das Elektrizitätssystem angewiesen. Nun benötigt das Land allein für den Wiederaufbau weitere Milliardensummen.
Rolle der USA könnte sich ausdehnen
Die von den USA zunächst zugesagten 300 Millionen sind dabei nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Auch die beschlossene temporäre Aufhebung der Sanktionen, die in den vergangenen Jahren einen gehörigen Anteil an der Verschärfung der Wirtschaftskrise hatten, reicht kaum aus. Linke Basisorganisationen fordern eine dauerhafte Aufhebung der von ihnen so bezeichneten „einseitigen Zwangsmaßnahmen“. Zudem dürften die finanziellen Mittel für den Wiederaufbau nicht von den USA verwaltet werden, sondern es müssten autonome lokale Entscheidungen möglich sein. „Und wir brauchen einen Schuldenerlass, um eigene finanzielle Mittel für die Bewältigung der Krise nutzen zu können“, betont Antonio Gonzalo Plessmann.
Sollte die Unzufriedenheit in der Bevölkerung weiter zunehmen, könnte dies möglicherweise auch die von den USA angestrebte politische Stabilität bedrohen. Gleichzeitig könnte Delcy Rodríguez die Katastrophe dazu nutzen, die begonnenen Debatten über baldige Neuwahlen vorerst auszubremsen. Der Geschäftsträger der US-Botschaft in Caracas, John M. Barrett zeigte sich bislang bemüht, Rodríguez zu stützen: „Ich habe schon vor dem Erdbeben die Bereitschaft dieser Regierung gesehen, mit uns zusammenzuarbeiten. Und daran hat sich auch nach dem Erdbeben nichts geändert“, erklärte er Ende Juni. Wenige Tage später betonte er, der Fahrplan mit dem Ziel freier Wahlen bleibe bestehen, werde aufgrund des nötigen Wiederaufbaus aber angepasst.
Die Katastrophe könnte den USA nicht zuletzt ermöglichen, aus humanitären Gründen eine dauerhafte Militärpräsenz in Venezuela durchzusetzen. Aufgrund derartiger Befürchtungen hatte der ehemalige Präsident Hugo Chávez nach den schweren Erdrutschen 1999 das US-Angebot ausgeschlagen, über die Nothilfe hinaus mehr als 400 Soldat*innen zu schicken. Delcy Rodríguez ist heute jedoch in einer wesentlich schwächeren Position.


