Nach dem Beben

Besonders entlang der Karibikküste und in Caracas löste die Naturkatastrophe verheerende Schäden aus. Laut offiziellen Angaben waren bis An­fang Juli knapp 2.300 Todesopfer bestätigt, mehr als 11.250 Menschen wurden verletzt. Die tatsächlichen Opferzahlen dürften aber um einiges höher liegen. Fast 40.000 Menschen werden immer noch vermisst. Da der 24. Juli in Venezuela ein Feiertag ist, der an die Schlacht von Carabobo im Unabhängigkeitskrieg 1821 erinnert, waren um diese Zeit viele Menschen zu Hause. Auch an der Küste war mehr Betrieb als üblich. Besonders hart trafen die Beben den nördlich der Hauptstadt hinter einer Bergkette gelegenen Bundesstaat La Guaira und die gleichnamige Stadt. Hier fielen reihenweise Häuser in sich zusammen, darunter auch Hotelkomplexe.

La Guaira war bereits Ende 1999, als der Bundesstaat noch Vargas hieß, Schauplatz einer verheerenden Katastrophe. Massive Regenfälle und Erdrutsche sorgten laut Schätzungen damals für zehntausende Tote. Laut ersten Angaben des Parlamentes seien bei den Beben insgesamt 855 Gebäude zerstört worden, davon 189 komplett. Zehntausende weitere Häuser und Straßen wurden laut Schätzungen beschädigt. Anwohner*innen und Angehörige von Verschütteten begannen unmittelbar nach den Beben, mit bloßen Händen und einfachen Werkzeugen nach Überlebenden zu suchen. „In den ersten Tagen rettete vor allem in La Guaira die spontan organisierte Hilfe der Menschen vor Ort Leben und stellte Lebensmittel zur Verfügung. Dort, wo es feste Strukturen an Basisorganisation gibt, hat dies am besten funktioniert“, sagt Antonio González Plessmann gegenüber den Lateinamerika Nachrichten. Als Teil der linken Basisorganisation Comunes hat er unmittelbar nach den Beben die Nothilfe in La Guaira mitorganisiert.

Der Staat hingegen sei zunächst nur an einigen Orten präsent gewesen. „Mittlerweile versucht die Regierung, die Hilfen stärker zu kontrollieren. Aber sie sind ungleich verteilt und kommen nicht überall an“. Zwar boten dutzende Länder Unterstützung an und schickten umgehend qualifizierte Suchtrupps und humanitäre Hilfe. Lebend bergen konnten sie aber nur einen kleinen Teil der verschütteten Menschen.Interimspräsidentin Delcy Rodríguez versuchte merklich, beim Krisenmanagement ein gutes Bild abzugeben und akzeptierte auch Hilfen rechts regierter Länder wie Argentinien, El Salvador, Chile und den USA. Doch die Tragödie legt sich wie ein Brennglas über ein Land, das aufgrund internen Missmanagements und der US-Sanktionen seit Jahren eine schwere soziale und wirtschaftliche Krise durchlebt. Die Fähigkeit der Interimsregierung, auf die Katastrophe zu reagieren, wird vielerorts angezweifelt. Gerade in La Guaira bemängeln viele Menschen eine zu langsame bis völlig ausbleibende Reaktion der Behörden.

Mit bloßen Händen in den Trümmern suchen

„Natürlich sind die Menschen in den betroffenen Gebieten unzufrieden und wütend, weil sie sich deutlich mehr staatliches Handeln erhofft haben“, sagt González. „Es ist aber auch richtig, dass demokratische Regierungen in anderen Ländern auf Katastrophen dieses Ausmaßes nicht immer effektiv reagieren.“
Die politischen Folgen sind noch nicht absehbar Öffentliche Auftritte der Präsidentin mit Nothelfer*innen bringen Rodríguez den Vorwurf ein, politisches Kapital aus der Katastrophe schlagen zu wollen. Das gleiche gilt allerdings auch für Teile der Regierungsgegner*innen. Oppositionsführerin María Corina Machado kündigte wenige Tage nach den Beben in mehreren Interviews ihre Rückkehr aus dem Exil an. „Der Moment ist gekommen“, ließ sie verlauten, hatte dabei aber nicht die Rückendeckung der USA. Laut Berichten in US-Medien lehnte es die US-Regierung ab, Machado Sicherheitsgarantien zu geben. Anonym zitierte Funktionäre sprachen demnach von einem unerwünschten „politischen Manöver“.
Die US-Regierung hat offensichtlich kein Interesse daran, dass Machado Unruhe in die innenpolitische Lage Venezuelas bringt.

Seit der Entführung von Präsident Nicolás Maduro Anfang Januar setzt US-Präsident Donald Trump auf Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez, um die politische Stabilität zu gewährleisten. Das vorrangige US-­Interesse besteht darin, dass die Interims­regierung wirtschaftliche Reformen durchsetzt und den Rohstoffsektor für internationale Investitionen öffnet. Wenngleich Außenminister Marco Rubio auf einen dreistufigen Plan beharrt, an dessen Ende eine „politische Transition“ stehen soll, haben zeitnahe Wahlen für die USA bisher keine Priorität. Angesichts der umgehenden Reform der Erdöl- und Bergbaugesetze sieht US-Präsident Donald Trump Venezuela auf einem guten Weg. Er lässt kaum eine Möglichkeit aus, sich positiv über Rodríguez zu äußern. Seit Jahresbeginn verwalten die USA gar die venezolanischen Erdöleinnahmen. Die schweren Erdbeben stellen diese Zusammenarbeit nun auf eine Probe. Von der zaghaften wirtschaftlichen Erholung ist bislang bereits wenig bei der Bevölkerung angekommen und bereits vor den Erdbeben war Venezuela auf milliardenschwere Investitionen in den Erdölsektor und das Elektrizitätssystem angewiesen. Nun benötigt das Land allein für den Wiederaufbau weitere Milliardensummen.

Rolle der USA könnte sich ausdehnen

Die von den USA zunächst zugesagten 300 Millionen sind dabei nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Auch die beschlossene temporäre Aufhebung der Sanktionen, die in den vergangenen Jahren einen gehörigen Anteil an der Verschärfung der Wirtschaftskrise hatten, reicht kaum aus. Linke Basisorganisationen fordern eine dauerhafte Aufhebung der von ihnen so bezeichneten „einseitigen Zwangsmaßnahmen“. Zudem dürften die finanziellen Mittel für den Wiederaufbau nicht von den USA verwaltet werden, sondern es müssten autonome lokale Entscheidungen möglich sein. „Und wir brauchen einen Schuldenerlass, um eige­­ne finanzielle Mittel für die Bewältigung der Kri­se nutzen zu können“, betont Antonio Gonzalo Plessmann.

Sollte die Unzufriedenheit in der Bevölkerung weiter zunehmen, könnte dies möglicherweise auch die von den USA angestrebte politische Stabilität bedrohen. Gleichzeitig könnte Delcy Rodríguez die Katastrophe dazu nutzen, die begon­nenen Debatten über baldige Neuwahlen vorerst auszubremsen. Der Geschäftsträger der US-Botschaft in Caracas, John M. Barrett zeigte sich bislang bemüht, Rodríguez zu stützen: „Ich habe schon vor dem Erdbeben die Bereitschaft dieser Regierung gesehen, mit uns zusammenzuarbeiten. Und daran hat sich auch nach dem Erdbeben nichts geändert“, erklärte er Ende Juni. Wenige Tage später betonte er, der Fahrplan mit dem Ziel freier Wahlen bleibe bestehen, werde aufgrund des nötigen Wiederaufbaus aber angepasst.

Die Katastrophe könnte den USA nicht zuletzt ermöglichen, aus humanitären Gründen eine dauerhafte Militärpräsenz in Venezuela durchzusetzen. Aufgrund derartiger Befürchtungen hatte der ehemalige Präsident Hugo Chávez nach den schweren Erdrutschen 1999 das US-Angebot ausgeschlagen, über die Nothilfe hinaus mehr als 400 Soldat*innen zu schicken. Delcy Rodríguez ist heute jedoch in einer wesentlich schwächeren Position.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Haiti steckt im Staatskollaps

Plünderungen von Banden oder aus Existenznot Vielerorts gibt es kein Wasser und keine Nahrungsmittel mehr (Foto: RNDHH)

Schon vor seiner endgültigen Konstituierung hat der haitianische Übergangsrat eine erste Erklärung abgegeben: „Wir sind entschlossen, das Leid des haitianischen Volkes zu lindern, das schon viel zu lange zwischen schlechter Regierungsführung, vielfältiger Gewalt und der Missachtung seiner Perspektiven und Bedürfnisse gefangen ist.“ Immerhin acht der neun zu findenden Mitglieder – zwei Beobachter, sieben Stimmberechtigte – des präsidentiellen Übergangsrates haben diese Erklärung am 27. März unterschrieben. Die darin vorgenommene Analyse des Leides der haitianischen Bevölkerung ist durchaus treffend. Bis zu Redaktionsschluss war der Übergangsrat immer noch nicht perfekt. Am 2. April warnte der mit Banden bestens vernetzte Politiker Guy Philippe, der 2004 den Putsch gegen Präsident Jean-Bertrand Aristide angeführt hatte, alle seine Kolleginnen davor, sich am geplanten Übergangsrat zu beteiligen. Offenbar ein Wirkungstreffer.

Die Hoffnung, sollte es sie gegeben haben, dass sich die Lage auf den Straßen in Haiti mit dem am 11. März angekündigten Rücktritt des De-facto-Präsidenten Ariel Henry schnell beruhigen sollte, schlug fehl. Henry hatte nach der Ermordung des 2021 ermordeten Präsidenten Jovenel Moïse das Amt ohne Wahlen übernommen. Der Sturz von Henry war ein Ziel der kriminellen Banden, die am 29. Februar zum Aufstand aufgerufen hatten: „Wir als Vereinigung aller haitianischen Banden kämpfen darum, Premierminister Ariel Henry und das bestehende System so schnell wie möglich zu stürzen“, hatte der wichtigste Bandenchef, Jimmy Chérizier, alias „Barbecue“, am 5. März in einem 20-minütigen Interview im haitianischen Fernsehen verkündet. Die Banden griffen den Flughafen sowie Polizeistationen und Gefängnisse an und befreiten dabei rund 4.000 Häftlinge. Sechs Tage später hatte die Bandenvereinigung mit dem euphemistischen Namen Viv Ansanm („Lasst uns zusammenleben“) den Sturz von Henry schon in Sichtweite. „Die Regierung, die ich führe, wird unmittelbar nach der Einsetzung eines Übergangsrates zurücktreten“, teilte Henry in einer Videoansprache am Abend des 11. März mit – von der benachbarten Karibik-Insel Puerto Rico, denn eine Rückkehr nach Haiti war aus Sicherheitsgründen nicht mehr möglich.

Es gibt keine Nahrungsmittel, kein Wasser

Am 1. März hatte Henry in Nairobi ein Sicherheitsabkommen mit Kenia unterzeichnet. Es sieht vor, dass das ostafrikanische Land 1.000 Polizist*innen in den Karibikstaat entsendet. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hatte einem entsprechenden Einsatz mit bis zu 3.000 Polizist*innen unter Führung Kenias zur Eindämmung der Bandengewalt in Haiti bereits im Herbst zugestimmt. Die Banden können diesem Einsatz wenig abgewinnen und laufen Sturm. Sollten ausländische Eingreiftruppen ins Land kommen, verspricht Chérizier einen Bürgerkrieg, „der in einem Genozid enden wird.“

„Derzeit kontrollieren die Gangs 90 Prozent des West Departments. Da muss der Übergangsrat zuerst anpacken. Das wird Zeit brauchen“, äußert Pierre Espérance am 28. März gegenüber den Lateinamerika Nachrichten. Er macht keinen Hehl aus seiner Skepsis darüber, dass sich die Lage schnell bessern könnte. Das West Department ist die Metropolregion Port-au-Prince. Dort habe sich die Lage laut dem Direktor des haitianischen Menschenrechtswerks Réseau National de Défense des Droits Humains (RNDDH) seit der Rücktrittsankündigung von Henry keinesfalls verbessert. Im Gegenteil: „Die Situation ist schwierig und verschlechtert sich weiter. Fast alle staatlichen Institutionen sind seit Wochen geschlossen. Es gibt keine Polizisten mehr auf den Straßen. Die Polizisten weigern sich, Dienst zu tun, weil die Polizeiführung nichts zu ihrem Schutz unternimmt, sie nicht ausreichend ausrüstet. Die haitianische Bevölkerung ist sich selbst überlassen. Es gibt keine Nahrungsmittel, kein Wasser. Die Menschen können ihre Häuser nicht verlassen, weil die Gangs alles kontrollieren“, beschreibt Espérance die Lage.

Nicht nur Espérance schlägt Alarm, auch das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen befürchtet Schlimmes. „Die Haitianer stehen am Rande des Zusammenbruchs: Jeder zweite Mensch hungert heute. Der zunehmende Hunger verschlimmert die Sicherheitskrise des Landes. Wir müssen jetzt dringend handeln: Abwarten, um auf diese Situation in ihrem ganzen Ausmaß zu reagieren, ist keine Option“, brachte der WFP-Landesdirektor in Haiti, Jean-Martin Bauer, die Lage am Tag des Rücktritts von Henry auf den Punkt. „Haiti hat eine der schwersten Lebensmittelkrisen der Welt – 1,4 Millionen Haitianer sind einen Schritt von einer Hungersnot entfernt“, fügte er hinzu. Der Bedarf an humanitärer Hilfe in Haiti ist groß, doch ein UNO-Sprecher teilte mit, dass von den für Haiti benötigten 674 Millionen US-Dollar derzeit nur 2,6 Prozent finanziert seien.

53.000 Menschen wurden innerhalb von drei Wochen aus Port-au-Prince vertrieben

An der dramatischen Lage in Haiti gibt es keinen Zweifel, darüber im Bilde ist auch der Nationale Sicherheitsrat der Vereinigten Staaten. Dort durfte Espérances Mitstreiterin Rosy Auguste, Programm-Managerin beim RNDDH, am 26. März Bericht erstatten: „Die Gangs stiften Chaos, indem sie ihre Angriffe auf die Bevölkerung verstärken. Menschen, darunter auch Polizeibeamte, töten, vergewaltigen und entführen, verwüsten die Räumlichkeiten von staatlichen Einrichtungen, Polizeistationen, Gerichten, Gewerbebetrieben und Privathäusern und setzen sie in Brand. Sie drohen damit, jeden Tag weitere Menschen zu töten, und halten dieses Chaos aufrecht, indem sie Tag und Nacht in fast allen Gebieten des West Departments schießen. Viele Bewohner mussten aus ihren unsicheren Behausungen fliehen und anderswo Zuflucht suchen.“ Allein 53.000 Menschen aus Port-au-Prince in drei Wochen im März, vermeldete die UN am 2. April. Insgesamt beziffert die Internationale Organisation für Migration die Zahl der in Haiti Vertriebenen auf 362.000 Menschen – mehr als die Hälfte davon sind Kinder.

Die Gangs stiften nicht nur Chaos, sie töten mehr denn je. Nach einem Bericht des UNO-Menschenrechtsbüros ist die Zahl der Opfer der Bandengewalt in dem Land mit etwa elf Millionen Einwohner*innen bereits im vergangenen Jahr stark auf 4.451 Getötete und 1.668 Verletzte gestiegen. In diesem Jahr sei sie noch einmal explodiert: Bis zum 22. März wurden 1.554 Todesopfer und 826 Verletzte registriert. Hinzu kämen 59 Lynchmorde durch Selbstverteidigungsbrigaden. Die haben sich seit April 2023 gebildet, die sogenannte Bürgerwehrbewegung Bwa Kale, was in etwa „geschältes Holz“ heißt und einen Aufruf zur Verbrecherjagd umschreibt.

Unter diesen Bedingungen soll der präsidentielle Übergangsrat antreten und schnell für Besserung sorgen. Personal für seine Besetzung aus sieben stimmberechtigten Mitgliedern und zwei Beobachtern zu finden, dauerte weit länger als von der karibischen Staatengemeinschaft CARICOM angedacht. Diese setzte beim Dringlichkeitsgipfel am 11. März in der jamaikanischen Hauptstadt Kingston den haitianischen Akteuren eine 24-Stundenfrist, um möglichst schnell mit dem Rat den Präsidenten Henry ablösen zu können. Doch erst in der ersten Aprilwoche konnte Vollzug gemeldet werden. Dabei war der Vorschlag der CARICOM vorab mit haitianischen zivilgesellschaftlichen und politischen Akteuren in Zoom-Konferenzen abgestimmt worden.

Dem Übergangsrat soll die Partei der seit dem Erdbeben 2010 regierenden Präsidenten (Martelly, Moïse, Henry) PHTK genauso angehören wie das oppositionelle Bündnis des Montana-Abkommens. Dieses wurde am 30. August 2021 von zahlreichen zivilgesellschaftlichen und politischen Gruppierungen in Haiti im Hotel Montana geschlossen. Die Montana-Gruppierungen hatten bislang eine Zusammenarbeit mit der Regierungspartei PHTK aufgrund von Korruption und der Verwicklung in Bandenkriminalität abgelehnt. Sie sind jetzt in der Notlage über ihren Schatten gesprungen. Mit dabei ist auch die Partei des ehemaligen Präsidenten Bertrand Aristide und Fanmi Lavalas sowie die Gruppierung 21. Dezember von Noch-Präsident Ariel Henry. Auch die Partei von Jean-Charles Moïse wurde berücksichtigt. Moïse befand sich bislang in einem lockeren Bündnis mit Guy Philippe, der wegen Drogen und Geldwäsche sechs Jahre in den USA inhaftiert war. Für die neun Ratsmitglieder selbst gilt allerdings die Bedingung, dass niemand wegen krimineller Machenschaften angeklagt sein darf. Die beiden nicht stimmberechtigten Mitglieder werden aus der Zivilgesellschaft und aus den Kirchen gestellt. Der Rat soll eine neue Übergangsregierung auf den Weg bringen, die dann den Weg für Wahlen freimachen soll. Diese sind für das Parlament seit 2018 und für das Präsidialamt seit 2022 überfällig.

Pierre Espérance sieht den Übergangsrat zwar als Schritt in die richtige Richtung, ist aber skeptisch: „Erstmal muss er vollständig gebildet werden, dann muss er arbeitsfähig werden. Es geht darum, die politische Krise zu lösen und vor allem darum, die Sicherheitskrise schnellstmöglich in den Griff zu bekommen. Es gibt jede Menge zu tun.“

Für Haitis Bevölkerung ist kein Ende des Schreckens in Sicht

Und Jimmy Chérizier macht weiter deutlich, dass er mitspielen und in Verhandlungen über eine neue Regierung einbezogen werden will. „Wenn die internationale Gemeinschaft mit einem detaillierten Plan kommt, bei dem wir zusammensitzen und reden können, sie uns aber keine Entscheidungen aufdrücken, dann denke ich, dass die Waffen niedergelegt werden könnten“, erzählte er am 29. März dem Sender Sky News.

Etwaige Schutztruppen aus Kenia würde er als Aggressoren und Eindringlinge betrachten, so Chérizier weiter. „Wenn die Kenianer kommen, dann werden sie zunächst Massaker in den Armenvierteln verüben. Denn die Oligarchen und die korrupten Politiker werden ihnen sagen, dass sie dahin müssen, angeblich, um die Gangs auszuschalten. Aber das werden wir nicht zulassen.” In dieser Kampfansage ist für Haiti jede Menge Zündstoff enthalten. Denn die CARICOM hat für die „haitianische Lösung“ mit dem Übergangsrat eine Bedingung formuliert: Jedes dorthin entsandte Mitglied müsse der kenianischen Polizeimission zustimmen, mit der der Ganggewalt Einhalt geboten werden soll. Sicher ist nur: Für Haitis Bevölkerung ist kein Ende des Schreckens in Sicht.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

HAITI KOMMT NICHT ZUR RUHE

Heute wie damals Das Foto zeigt Haitianer*innen 2010 bei Protesten gegen die Regierung (Foto: Ben Piven via flickr.com, CC BY-NC 2.0)

Präsident Jovenel Moïse spielt auf Zeit. Der ehemalige Bananenexporteur greift immer wieder zum selben Mittel des Machterhalts. Wächst der Druck der Opposition auf der Straße und im Parlament, wird der Premier geopfert. War es nach der Protestwelle im Sommer 2018 Jack Guy Lafontant, der gehen musste, traf es im März 2019 seinen Nachfolger Jean-Henry Céant. Moïse selbst macht derweil keine Anstalten, sein Amt aufzugeben, obwohl sich die Proteste gegen Regierung und Präsidenten gleichermaßen richten.

Ein oppositionelles Bündnis aus 20 unterschiedlichen Parteien und Organisationen fordert seit mehreren Monaten den Rücktritt von Präsident Jovenel Moïse und dem Großteil der Parlamentsabgeordneten. Korruption und wiederholte Erhöhungen der Treibstoffpreise auf „Empfehlung“ des Internationalen Währungsfonds (IWF) waren die Auslöser der Proteste 2018 und flammen seitdem im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder auf. Brennende Autoreifen und Barrikaden gehören in Haiti zur gängigen Protestkultur – oft fordern die Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften Menschenleben. Im Februar soll es mindestens 26 Tote gegeben haben, im März lief es glimpflicher ab.

Die Korruptionsvorwürfe sind durchaus begründet: Der Oberste Rechnungshof Haitis selbst hatte im November 2018 festgestellt, dass 15 ehemalige Regierungsfunktionäre für soziale Zwecke eingeplante Gelder veruntreut hätten. Dabei handelt es sich um 3,8 Milliarden US-Dollar aus einem Sozialfonds von Petrocaribe. Bei diesem, noch von Venezuelas verstorbenem Präsidenten Hugo Chávez initiiertem Projekt, lieferte Venezuela Öl zu Vorzugspreisen an bedürftige karibische Länder, um Spielraum für Sozialpolitik zu schaffen. Die Veruntreuung fand in den Jahren 2016 und 2017 unter Präsident Michel Martelly statt, der Jovenel Moïse bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen für seine Kahlkopf-Partei (Parti haïtien tèt kale – PHTK) ins Rennen schickte. Der Oberste Gerichtshof ermittelte vergangenen November, dass auch Moïse selbst Geld veruntreut haben soll.

„Unser Staat ist korrupt, kriminell und kaputt

Wie gering der Rückhalt für Haitis Regierung ist, zeigte sich beim Misstrauensvotum gegen Premier Jean-Henry Céant am 19. März: 93 Abgeordnete gaben ihm den Laufpass, drei enthielten sich und nur sechs votierten für eine Fortsetzung seiner Regierungsführung. Bereits bevor Céant sein offizielles Rücktrittsgesuch einreichte, reagierte Moïse und erklärte kurzerhand den bisherigen Kulturminister Jean-Michel Lapin per Präsidialdekret zum Interimsministerpräsidenten. Lapin ist nun mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt und soll damit die Wogen glätten.

Viel spricht jedoch dafür, dass die Proteste in Haiti anhalten werden. Denn die Haitianer*innen begehren gegen die sich weiter verschlechternden Lebensbedingungen auf. Den Ausfall der billigen Öllieferungen aus Venezuela versucht die Regierung mit deftigen Preiserhöhungen beim Treibstoff zu kompensieren. Im Sommer 2018 hatten die vom IWF geforderten starken Preisanhebungen für Benzin, Diesel und Kerosin Krawalle in mehreren Städten ausgelöst. Die Regierung ruderte daraufhin zurück, korrigierte die Preiserhöhungen und der damalige Premier Lafontant räumte seinen Posten.

Ob Lafontant, Céant oder nun Lapin: Der katastrophalen Entwicklung konnte bisher keiner Einhalt gebieten. Ein Liter Milch kostet in Haiti mehr als die Hälfte des täglichen Mindestlohns. Damit ist Milch für die meisten Haitianer*innen nicht zu haben. Der Preis für Hühnerfleisch hat sich in vier Jahren verdoppelt, sodass das einst wegen seiner relativen Preisgünstigkeit zum zentralen Bestandteil der haitianischen Ernährung avancierte Hühnchen in normalen Haushalten nur noch selten aufgetischt werden kann. Die Lebenshaltungskosten scheinen für viele Bewohner*innen des ärmsten Landes der westlichen Hemisphäre außer Kontrolle zu geraten.

„Unser Staat ist korrupt, kriminell und kaputt“, sagt Celigny Darius, Leiter der SOS-Kinderdörfer in Haiti. Die Situation auf der Straße eskaliere, dem Karibikstaat drohe der Kollaps.

Darius befürchtet, dass es mit dem Land immer weiter bergab geht: „Die Menschen ringen noch immer mit den Folgen von Hurrikan Matthew 2016 und Hurrikan Irma 2017. Tausende Familien sind obdachlos und ohne Einkommen.“ Viele hätten kein Geld, ihre Kinder zur Schule zu schicken, ohnehin seien erst 25 Prozent der zerstörten Schulen wiederaufgebaut.

Nun gibt es den Plan der totalen Privatisierung, bis hin zum Gesundheits- und Bildungssektor

Aktuell seien 2,6 Millionen Haitianer*innen auf Hilfe angewiesen. „Wir rechnen damit, dass diese Zahl weiter ansteigen wird und erwarten mit größter Sorge die Hurrikan-Saison, die im Juni beginnt“, so Darius weiter.

Jerry Tardieu, der haitianische Abgeordnete für die Region Petión-Ville, ein Vorort der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince, sieht das ähnlich: „Die Haitianer leben von Tag zu Tag. Ich erhalte viel Druck von meinen Wählern, die mich bitten und mich darauf hinweisen, dass das Wasser zur Neige geht, dass ihnen die Nahrungsmittel ausgingen. Sie sind kurz vor der Panik. Es kann sein, dass wir nicht weit von einer humanitären Notlage entfernt sind. Das ist real und das ist eine ernste Situation.“

Dass die sozioökonomische Lage in dem Karibikstaat ernst ist, steht außer Zweifel. Laut Weltbank leben 59 Prozent der haitianischen Bevölkerung unter der nationalen Armutsgrenze von 2,41 US-Dollar pro Tag, während 24 Prozent sogar in extremer Armut mit weniger als 1,23 US-Dollar pro Tag überleben müssen.

Druck von den USA oder aus der EU muss Präsident Moïse sowenig wie sein Vorgänger Martelly fürchten. Die ehemalige Besatzungsmacht USA finanzierte den Wahlprozess und betrachtet den neoliberalen Martelly wie den Unternehmer Jovenel Moïse als Garantie dafür, dass in Haiti keine linken Experimente stattfinden. Die EU ist im „Hinterhof“ der USA grundsätzlich kaum als Stimme zu vernehmen. Und so ist der Totalprivatisierung, die der Bauernführer Jean-Baptiste Chavanne befürchtet, Tür und Tor geöffnet: „Die vergangenen Regierungen haben schon privatisiert. Nun gibt es den Plan der totalen Privatisierung, bis hin zum Gesundheits- und Bildungssektor.“ Zur Ruhe kommen wird Haiti so sicher nicht.

 


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Newsletter abonnieren