„ICH BIN BRASILIANER“

Marighella Eine Mischung aus historischem Drama und Actionkino // Foto: O2 Filmes

Wer während einer Diktatur geboren und aufgewachsen ist, ganz gleich auf welchem Fleck dieser Erde, trägt das ganze Leben eine besondere Last mit sich herum: Die Last der Unfähigkeit zu verstehen, was passiert ist. Oder vielmehr die der Unfähigkeit zu verstehen, was passiert ist und nach dem Warum zu fragen.
„Auge um Auge, wir werden nicht aufgeben”, das ist der Satz, der ständig wiederholt wird und der im kollektiven Unterbewusstsein verbleibt, nachdem man Marighella gesehen hat. Der Film von Wagner Moura erzählt vom Leben und Kampf des brasilianischen Revolutionärs Carlos Marighella von 1964 bis zu seinem Tod 1969. Im Jahr 1911 geboren, erlebt er die Zeit der großen Revolutionen in Lateinamerika und der Karibik und wird von diesen geprägt. Er wird anerkanntes Mitglied der Brasilianischen Kommunistischen Partei (PCdoB) und leitet später die bewaffnete Gruppe Nationale Befreiungsaktion (ALN).
Marighella ist eine Mischung aus historischem Drama und Actionkino, in dem wir sein strategisches Handeln mit der ALN und die Meilensteine seiner Biografie wie die Veröffentlichung seines Buches Kleines Handbuch der Stadtguerrilla verfolgen können. Zu den einschneidendsten Momenten im Leben des Revolutionärs gehören sicherlich auch die Entführung des US-Botschafters Charles Elbrick und jeder einzelne der Versuche Marighella selbst umzubringen, etwa im Hinterhalt vom November 1969 durch die faschistische Geheimpolizei DOPS unter Sergio Paranhos Fleury. Gelungene Verfolgungsszenen, gefilmt mit der Handkamera geben den Zuschauer*innen das Gefühl, selbst unter denen zu sein, die in den 60er Jahren von der Polizei verfolgt wurden. Die Spannung und das Adrenalin übertragen sich derart, dass man sich in einigen Momenten am liebsten die Augen zuhalten möchte, aber das unangenehme Schicksal und die geschichtliche Verantwortung verbieten es.
Selbstverständlich ist der Film nicht frei von Gewalt- und Folterszenen. Glücklicherweise wird die Grausamkeit derer, die der Film zeigt, in visueller Hinsicht nicht allzu exzessiv. Sowohl Masken- als auch Szenenbild leisten ganze Arbeit. Trotzdem nehmen diese Szenen einen am meisten mit, überwältigen, weil man weiß, dass es tatsächlich so geschehen ist. Genau dieses Verhältnis macht Marighella zu einem Spielfilm, der sinnbildlich für alle in lateinamerikanischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts begangenen Grausamkeiten stehen könnte.
Die Leistungen von Regie und Schauspieler*innen sind einwandfrei, eine einzelne Nahaufnahme des Gesichts von Seu Jorge – der Carlos Marighella darstellt – oder der anderen Darsteller*innen ist schon allein so viel wert wie die Gesamtheit aller Szenen. Der gezeigte tiefe Schmerz und die unnachgiebige Überzeugung der Revolutionär*innen lassen immer wieder die Frage aufkommen, warum dieser Film zwar im Wettbewerb, jedoch außer Konkurrenz lief. Bleibt so ein dreistündiger Film unbemerkt, weil er schlicht und ergreifend zu lang ist? Oder geht ein Werk, das die Unterdrückung der Menschen in Lateinamerika und auf der ganzen Welt auf so heftige Weise kritisiert, der ehrbaren Jury dieser 69. Berlinale gegen den Strich?
Wagner Moura hebt in Marighella auch den Kampf der Revolution gegen die Zensur hervor, ebenso wie das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Freiheit und Unabhängigkeit der Medien. In einem Interview sagte er der Zeitung Brasil de Fato: ,,Dieser Film ist Teil des Kampfes gegen die brasilianische Rechte und das Regime Bolsonaros.” Auf diese Aussage hin folgten Drohungen von faschistischen Gruppen gegen ihn und sein Team, das Filmset zu überfallen und alles zu verwüsten. ,,Ich bin auf Prügel vorbereitet”, erwiderte Moura als Antwort auf diese moderne Form der Zensur. Es scheint, als käme nichts aus der Mode. Leider.

 

EINE ANDERE ART VON LEBEN?

© Eduardo Crespo


Ich wäre nicht auf die Erde gekommen, wenn ich gewusst hätte, wie kompliziert hier alles ist.“ Daniela ist sich sicher, dass das violette Alien im blauen Koffer nicht freiwillig hier ist. Die Sehnsucht nach der Heimat spielt aber nicht nur für das Alien eine Rolle, sondern für alle Protagonist*innen von Breve historia del planeta verde. Doch was ist eigentlich Heimat? Und für wen kann die Erde ein zu Hause sein?

© Eduardo Crespo
Nachdem 2018 Malambo – el hombre bueno auf der Berlinale zu sehen war, ist der argentinische Regisseur Santiago Loza auch dieses Jahr wieder dabei. Mit seinem „Road Movie zu Fuß“, hat er ein kraftvolles Porträt einer bedingungslosen Freundschaft geschaffen, das am Ende jedoch einige Fragen offen lässt und eine eher zweifelhafte Message aussendet.

Als Tanias Großmutter stirbt, macht sie sich gemeinsam mit ihren Kindheitsfreund*innen Daniela und Pedro auf den Weg, den letzten Wunsch der Verstorbenen zu erfüllen: das Alien, das die Großmutter in ihren letzten Jahren begleitet hat, zurück in seine Heimat zu bringen. Schwarz-weiß Fotos, die die Oma mit dem Alien in Alltagssituationen zeigen, als wäre es ein geliebtes Enkelkind, rühren die drei zutiefst. Sie folgen einer Karte der Großmutter, auf der Suche nach dem Ort, an dem das Alien die Erde zum ersten Mal betreten hat. Alle drei befinden sich in schwierigen Lebenssituationen und nutzen die Reise und die wohltuende Gesellschaft des Aliens, um zu neuer Kraft zu finden. Daniela hat gerade eine Trennung hinter sich, Pedro scheint depressiv, tanzen ist für ihn die einzige Möglichkeit, seiner Traurigkeit zu entfliehen. Die Trans*frau Tania wirkt zwar selbstbewusst, ist in Wirklichkeit aber zutiefst verletzlich.
© Eduardo Crespo
Konfrontiert mit den Schatten der eigenen Kindheit in der Kleinstadt, in der ihre Reise startet, wird trotz weniger und kurzer Dialoge deutlich, dass alle drei Traumata erfahren haben. Sie transportieren das immer schwächere Alien durch unwegsames Gelände, während Tania selbst mit Schmerzen zu kämpfen hat. Doch die beiden scheinen sich gegenseitig zu heilen. Überhaupt strahlen all diejenigen, die mit dem Alien in Kontakt kommen, im Anschluss eine tiefe Glückseligkeit aus. Fast scheint es, als sei das Anders-sein selbst eine Heilung von den Traumata des Anders-seins. Vielleicht ist das Alien aber auch einfach „zu gut“ für den grünen Planeten.
Die große Stärke des Films ist die intensive und spannungsvolle Musik, von Techno über melancholische, psychedelische Cumbia zu immer wiederkehrenden Piano Variationen, in Kombination mit den düsteren Bildern der Reise durch das ländliche Argentinien. Es ist kein Film zum Wohlfühlen, aber das macht nichts. Allerdings verstrickt die Geschichte sich jedoch gerade zum Ende hin in zumindest problematischen Analogien. Die Gleichsetzung von Trans*Personen mit Aliens ist möglicherweise eine Überinterpretation, gibt jedoch Grund zum Nachdenken. Während der Film darauf pocht, dass eine andere Art von Leben möglich ist, widerspricht er sich im Verlauf der Erzählung leider selbst. Das mag Absicht sein, hinterlässt aber einen bitteren Beigeschmack.
Nichtsdestotrotz hat Loza ein ästhetisch durchaus gelungenes Tribut an den „Alien in uns“ geschaffen, das von der intimen Verbindung der drei Protagonist*innen lebt, die bereit sind, alles füreinander zu tun – sogar loszulassen.