VOM ENDE DER UTOPIE

Foto: Antje Kunstmann

Olinka, die Utopie einer Stadt, in der Künstler*innen, Intellektuelle und Wissenschaftler*innen zusammenleben. Entworfen hat sie in den fünfziger Jahren der mexikanische Künstler Doctor Atl. In seinem neuen Roman Die Verschwundenen – der im Original Olinka heißt – bezieht sich Antonio Ortuño auf genau diese Vision. Bei ihm ist Olinka ein fiktiver Vorort Guadalajaras, in dem eine nie fertig gebaute Luxuswohnanlage langsam verfällt.
Fünfzehn Jahre lang saß Aurelio Blanco im Gefängnis. Jetzt, nach der Entlassung, ist Olinka sein Ziel: Dort wohnt nicht nur seine Ex-Frau Alicia, die sich während der Haft von ihm scheiden ließ und von der er insgeheim hofft, sie zurückgewinnen zu können, sondern auch ihr Vater Carlos Flores, Bauherr von Olinka. Vor Jahrzehnten hatte Flores alle Strippen gezogen und das Grundstück, auf dem er sein eigenes Olinka errichten wollte, dank Bestechung und Geldwäsche bekommen. Diese Schuld hatte Blanco als Gefallen und auf falsche Versprechungen hin auf sich genommen. Im Luxusviertel Olinka, das niemals zu seiner Glanzzeit fand, trifft Blanco nicht nur auf ihn, sein einstiges Idol und Widersacher zugleich, und auf Alicia, auch die entfremdete Tochter ist während der Semesterferien zu Besuch. Blanco hat die Gelegenheit, endlich mit allen Lügen aufzuräumen.
Als Grundkonzept mit den Themen Politik, Korruption, Immobilienblase und deren Auswirkungen auf eine Familie sehr spannend angelegt, ist Die Verschwundenen in seiner Ausführung leider eine Enttäuschung. Aurelio Blanco ist eindimensional und (selbst nach dieser langen Haftzeit) dermaßen naiv und passiv, dass man ihn am liebsten schütteln würde. Die anderen Figuren wirken wie eine Staffage, allein Alicia Flores ist vielschichtiger. Vor allem ihr Vater Carlos aber bleibt unglaubwürdig. Zu diesem verträumten Trottel will so gar nicht passen, dass er einst in der Lage war, Morde an den resistenten Bauern in Auftrag zu geben, die vor Olinka auf diesem Land lebten und die er nicht vertreiben konnte. Er ließ sie also schlichtweg „verschwinden“, worauf der Titel des Romans anspielt. Nicht passen wollen auch viele Szenen, so die Dialoge, Reaktionen und überzogenen Emotionen der Protagonist*innen. Ortuño benutzt bei diesen Schilderungen viele Adjektive und detaillierte Beschreibungen, die aber alles andere als hilfreich sind, um die Szenen authentischer zu machen.
Nach den starken Romanen Madrid, Mexiko (siehe LN 516) und vor allem Die Verbrannten (LN 499), sein erstes auf Deutsch veröffentlichtes Buch, das auf eindringliche Weise die mexikanische Politik, Polizei und Gesellschaft kritisiert, ist Die Verschwundenen erstaunlich seicht. Was fast schon wieder zur Grundkonstruktion passt: Antonio Ortuño gelingt genauso wenig, das Potential seines Romans auszuschöpfen, wie es im Text Carlos Flores gelingt, seiner Luxuswohnanlage Leben einzuhauchen. Und auch Doctor Atl starb, ohne seine Utopie Olinka jemals verwirklichen zu können.

*Éin Interview mit dem Autor Antonio Ortuño gibt es hier in der Ausgabe LN 509.

 

VERFOLGUNGSJAGD

„Er sah auf seine Hände. Kriminelle, jawohl. Wegelagerer, die sich ihren Lebensunterhalt verdienen.“ Das stellt der Soldat León Almansa am Ende des Romans fest. Gleichermaßen könnte dieses Zitat die Erkenntnis mehrerer Protagonist*innen aus Antonio Ortuños Madrid, Mexiko sein. Gewalt und Brutalität ziehen sich durch den ganzen Roman. Ob aus Rache, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen oder im Kampf ums eigene Überleben, gnadenlos wird gejagt und vergolten.

Der Roman ist die Geschichte einer Familie aus der Sicht verschiedener Generationen, aus zwei Jahrhunderten und über zwei Kontinente hinweg erzählt. Dabei verknüpft Ortuño in beinahe filmisch anmutenden Szenen die Zusammenhänge. Vom spanischen Bürgerkrieg wird ins Jahr 1997 gesprungen, in welchem der Enkel des Anarchisten Yago, einst aus Madrid vor Franco geflüchtet, nun selbst zurück in das Land seiner Großeltern flieht. Omar wird nämlich vom Handlanger eines korrupten Gewerkschaftsbosses (Mariachito genannt) verfolgt, weil er als heimlicher Geliebter von Mariachitos Freundin, der sich obendrein auch noch am Tatort befand, fälschlicherweise für dessen Mord verantwortlich gemacht wird.

Madrid, Mexiko ist nicht nur eine einzelne spannende Verfolgungsjagd, sondern bietet gleich mehrere davon, und das auf verschiedenen Ebenen. Da ist beispielsweise die Cousine Omars, die ihm zur Flucht verhilft und in gewisser Hinsicht auch Fluchthelferin der Literatur ist. So verfolgt und beschafft sie Manuskripte über Kontinente hinweg, um sie an gut zahlende, geheimnisvolle Kund*innen zu verkaufen, deren Ziel es ist, dass selbige niemals an die Öffentlichkeit gelangen.

Obwohl Flucht und Verfolgung im Vordergrund des Geschehens stehen, erzählt Ortuños neuer Roman doch vor allem vom Ankommen und von der Identitätssuche in der Fremde. Madrid, Mexiko ist auch eine Geschichte verschiedener Versuche, dem Schicksal zu entkommen und eine Heimat zu finden, Migrations- und gesellschaftliche Konflikte mit eingeschlossen. „So viel Foucault, um am Ende in irgendeinem Scheißladen ein Tüllkleid zu kaufen; So viel Derrida, um dann für einen Bauern Tortillas zu backen.“ Die Worte Omars und seiner Kommilitonin, die mit einem Landwirt aus der Provinz, aus der sie stammt, verlobt ist, treffen es auf den Punkt. Ortuño zeichnet ein authentisches Bild der konservativen mexikanischen Gesellschaft und erzählt auch von der Rebellion gegen das eigene Schicksal.

Mögen die einzelnen Charaktere auch sehr unterschiedliche Biographien haben, die auf verschiedene Weisen miteinander verwoben sind – am Ende steht eine Nachricht klar und deutlich für alle Beteiligten. Die Menschen glichen sich seit Kain nur in einem: „Sie seien alle Verbrecher.“

 

VON ZERQUETSCHTEN FLIEGEN UND MENSCHENBREI

„Bei der Jagd auf Fliegen sind die wichtigsten Fähigkeiten Schnelligkeit und Beweglichkeit. Wenn du schnell bist und fest zuschlägst, wird sich die Fliege in einen organischen Brei verwandeln, der nicht im Entferntesten mehr an ein Lebewesen erinnert. Man jagt Fliegen zum Spaß, das Amüsement rechtfertigt auf dieser Welt alles, aber man zerquetscht sie auch aus Ekel, da sie dort hinfliegen, wo sie nicht hinfliegen dürfen, und das ärgert uns.“ Die Fliegen-Analogie ist nicht die einzige, die in Antonio Ortuños Die Verbrannten zwischen der Tierwelt und den zentralamerikanischen Migrant*innen, die Mexiko durchqueren, aufgestellt wird. Sie sind Kakerlaken, die zerquetscht werden müssen, gescheuchtes Vieh auf der Reise zum Schlachthof, das anschließend durch den Fleischwolf gezwängt wird.

Irma, genannt La Negra, eine Sozialarbeiterin der Nationalkommission für Migration, wird nach einem Brandanschlag in das fiktive Santa Rita versetzt, ein unscheinbarer, fehlkonstruierter Ort an der Grenze zu Guatemala. Der Anschlag galt der örtlichen Herberge für Migrant*innen auf der Durchreise in die USA. Irma soll die Angehörigen und wenigen Überlebenden mit Infoblättern versorgen und ein standardisiertes geheucheltes Beileid aussprechen. Desillusioniert und verzweifelt ob der Untätigkeit ihrer Beamtenkollegen im Angesicht der immer neuen Angriffe und Massaker in der Herberge, versucht Irma gemeinsam mit dem Journalisten Joel Luna eines der überlebenden Opfer zu schützen: Yein, eine junge Frau, die auf eine fast schon mystische, epische Art als Racheengel stilisiert wird.

Santa Rita ist jedoch nur ein Teilaspekt des extrem vielstimmigen Romans. Seine größte Stärke sind die eingestreuten Kapitel, die den Bewusstseinsstrom des frustrierten und hasserfüllten Vaters  der Tochter Irmas wiedergeben. Gesellschaftsfähiger Rassismus und moralische Verkommenheit werden so denunziert.

Im Stile von Bolaños monumentalen Roman 2666 schildert Ortuño mit medizinischer Präzision unfassbare Gewaltszenen, die besonders darum Übelkeit verursachen, weil sie nicht fiktiv sind, und weil sie mehr als nur die Wertlosigkeit eines Menschenlebens bedeuten. Zentralamerikanische Migrant*innen werden zum Objekt der Macho-Gewaltfantasien, des Machtwahnsinns und der Machtdemonstration degradiert. Insofern erfüllen die „Verbrannten“ eine ganz besondere Funktion zum Erhalt des Systems, aus dessen Teufelskreis scheinbar kein Entkommen möglich ist. Das wichtigste Glied in der Kette ist dasjenige, das seinen Wert durch die eigene Austauschbarkeit erhält, durch die Logik der Massenware.

Eigentlich ist Die Verbrannten trotz der thrillerhaften Motive der Jagd und Rache, des latenten Spannungsaufbaus und eines furiosen Finales kein Krimi, sondern ein Bericht einer Gesellschaft, die bis ins letzte Glied korrumpiert ist und in der Vertrauen zu schenken immer ein Fehler ist.
Für Migrant*innen in Mexiko ist ein Entkommen aus der Hölle so gut wie unmöglich. Zwar beschreibt Ortuño Mexiko als „ein Land voller Opfer mit Tigerzähnen und -krallen“ – die Umkehrung von Opfer- und Täterrollen mag somit vereinzelt zu einer makabren Rehumanisierung der Opfer führen. Ihr Widerstand, wie auch der Irmas und des Journalisten, spielen jedoch innerhalb „der sieben Kreise der mexikanischen Hölle“ keine Rolle. Der Fleischwolf Mexiko mahlt immer weiter, seine Einzelteile sind genau so austauschbar wie die Menschen, die er verschlingt.

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