Eine müde Bevölkerung mit dem Wunsch nach Veränderung

Warten auf Veränderung Straßenszene aus Kuba (Foto: Estefanía Henríquez)

Nach einem Moment der Dunkelheit begrüßen die Besucher*innen eines Restaurants mit einem freudigen Schrei und Klatschen den Strom, als dieser nach einem weiteren Stromausfall in Kuba wieder läuft. Es ist der 17. März 2026 im Stadtteil Vedado, einer eigentlich privilegierten Zone von La Habana, die selten von Stromausfällen betroffen ist, da sich dort viele Hotels befinden.
Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass keine Woche später ein erneuter Blackout die Stromversorgung lahmlegen wird. Einer von vielen, seit dem ersten landesweiten Ausfall im Oktober 2024. Seit mehreren Jahren sind die Auswirkungen durch die erneute Einstufung Kubas als „staatlichen Unterstützer des Terrorismus“ durch die erste Trump-Administration im Jahr 2021 und der dadurch wieder verschärften Sanktionen nicht mehr zu ignorieren: Regelmäßige landesweite Stromausfälle, erhöhte Lebensmittelpreise, Versorgungseinschränkungen sowie der deutlich reduzierte Tourismus erschweren das Leben der Menschen.

Ende Januar eskalierte die Sanktionspolitik der USA. Der US-Präsident verbot den Verkauf von Öl an die Insel und drohte mit Strafzöllen gegen Länder, die sich dem widersetzen. Nur ein Öltanker aus Russland konnte seitdem die Insel erreichen. „Aufgrund des Mangels kann ich nur noch Notfälle behandeln“ erzählt der junge palästinensische Assistenzarzt Murid Abukhater. „Ich muss notwendige Operationen aufgrund von Mangel an Strom, Materialien und Medikamenten aussetzen“. Ursprünglich kam er vor neun Jahren aus Gaza nach Kuba, um Medizin zu studieren. Der Mangel schränkt das gesamte Leben ein.

Viele Kubaner*innen sind sich einig: Seit der Corona-Pandemie im Jahr 2020 hat sich die wirtschaftliche Situation laufend verschlechtert. Besonders betroffen sind die ländlichen Gebiete, die bereits vor der US-Erdölblockade dieses Jahres nur bis zu drei Stunden Strom am Tag zur Verfügung hatten. Dass es nun auch in La Habana sowie in den privilegierteren Zonen der Stadt immer häufiger zu Stromausfällen kommt, zeigt eine neue Qualität der Versorgungskrise. Obwohl es an Öl fehlt, bleibt die Gesellschaft in Bewegung: Auf den Straßen fahren elektrische Transportfahrzeuge wie kleine Autos und Motorräder. Trotz langer Warteschlangen und hohen Benzinkosten sieht man zunehmend mehr aus dem Ausland importierte Pick-Ups. Menschen mit entsprechenden finanziellen Mitteln, häufig durch Unterstützung von Familienangehörigen im Ausland, können sich derweil immer stärker vom staatlichen Stromnetz abkoppeln.

In der Versorgungskrise wachsen Wünsche nach Veränderungen


In der Viazul, einer teuren Busverbindung von Santiago de Cuba bis nach La Habana, sitze ich neben einer Holguinera (Bewohnerin der Stadt Holguín im Osten Kubas), die vor 20 Jahren nach Italien ausgewandert ist. „Ich bin mit mehreren Tausend Euro hergekommen, um Solarpanels mitsamt Akkuspeicher im Haus meiner Mutter zu installieren“, sagt sie und zeigt das Ergebnis auf ihrem Handy.
Das Haus ist groß. Sie zeigt mir Fotos vom Badezimmer mit einem bunten Badevorhang, den sie aus Italien mitgebracht hat. Die Solarpanels wurden auf ihrem Dach befestigt. „Sollte es wieder zu länger andauernden Stromausfällen kommen, können meine Nachbarn unsere Küche benutzen“ erzählte sie, während sie mir Bilder einer großen Küche zeigt. Sie macht einen zerrissenen und traurigen Eindruck. „Ich würde lieber auf Kuba leben, mit meiner Mutter, meiner Schwester und meinem Neffen. Aber ich habe meinen Mann in Italien und er ist krank.“ Sie wirkt auf mich wie eine sehr starke Frau und stolze Tante und lädt mich bereits zu Beginn unseres Gesprächs zu sich nach Italien ein.

Kubaner*innen mussten lernen, Strategien im Umgang mit den ihnen immer wieder auferlegten Herausforderungen zu entwickeln, die vor allem die alltägliche Lebensbewältigung treffen. In diesem Zusammenhang wird oft von der „kubanischen Resilienz“ gesprochen, die als naturgegebene Eigenschaft dargestellt wird. Doch was romantisch klingt, birgt die Gefahr der Normalisierung von prekären Lebensbedingungen, unter denen Kubaner*innen auf der ständigen Suche nach Lösungen zur Sicherstellung ihres Überlebens sind. Die Ungewissheit und die Angst über die Zukunft Kubas ist spürbar. Die Menschen sind müde: Sie wollen und brauchen Veränderung – doch wie diese Veränderung aussehen soll, unterscheidet sich in ihren Ansichten.

Im Gegensatz zum kubanischen Musiker Silvio Rodríguez, der jüngst eine Waffe forderte, um die Revolution zu verteidigen, glaubt die Tante einer Freundin an Dialog mit der US-Regierung. „Irgendwas muss sich ändern“, sagt sie. „Ich wünsche mir Dialog mit der US-Regierung und dass es zu einer Vereinbarung kommt.“ Ihre Prognose für Kuba lautet: „Ich glaube, dass sich Kuba für den nordamerikanischen Markt öffnen wird.“ Ich höre darin die Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen.
Unzufriedenheit und Misstrauen gegenüber der kubanischen Regierung und Kuba als sozialistisches Projekt scheinen vor allem von den jüngeren Generationen auszugehen. Am ersten Tag des nationalen Stromausfalls lasse ich mir Fake-Wimpern in einem Beauty-Salon in Holguín anbringen. Der Ventilator surrt und Licht scheint auf mein Gesicht. Auch dieser Beauty-Salon funktioniert mit einer alternativen Stromversorgung. Die Wimpern-Stylistin trägt ein Salon-Outfit, geglättete Haare und hat selbst auch Fake-Wimpern – für die ich ihr ein Kompliment gebe. „Ich stehe nicht hinter der aktuellen Regierung“ berichtet sie mir.

„Aber ich liebe marxistische Theorie“ ergänzt sie und empfiehlt mir einen Influencer. Als ich ihr von meiner politischen Arbeit in Deutschland berichte, bezeichnet sie mich als „camarada roja“ (rote Genossin) und lacht dabei. Fehlende Unterstützung für die aktuelle Regierung bedeutet nicht gleich eine Ablehnung des politischen Projekts in Kuba oder Zuwendung zu den USA.
In den Augen der kubanischen Regierung gibt es diejenigen, die hinter ihr und der Revolution stehen. Staatskritische Stimmen wurden bereits in der Vergangenheit mit Repressionen beantwortet. Wie im Fall der zwei Influencer des Youtube-Kanales El 4tico, die zu einer Haftstrafe verurteilt wurden, da ihre Inhalte als konterrevolutionär gedeutet wurden. Dabei ist das tatsächliche Gesellschaftsbild deutlich komplexer.

Kubas Alltag Trotz der US-Blockade bleibt das Leben in Bewegung (Foto: Estefanía Henríquez)

Kubas Zukunft jenseits innerer Spannungen


Die Uneinigkeit in der kubanischen Bevölkerung über die Zukunft Kubas lässt sich nur verstehen, wenn man innere und äußere Faktoren zusammen denkt: Die US-Sanktionen zielen darauf ab, die kubanische Wirtschaft zu destabilisieren, einen politischen Wandel zu erzwingen und antikommunistische Narrative zu stärken. Gleich­zeitig steht die kubanische Regierung in der Verantwortung eigene Fehler und Versäumnisse transparent zu kommunizieren und aufzuarbeiten. Schafft es die Revolution sich gegenEinflussnahme von außen zu wehren und auch das Vertrauen der jüngeren Generationen in den revolutionären Prozess zu gewinnen?


Trotz innerer Widersprüche eint Kubaner*innen der Wunsch nach Veränderung. Wie auch immer diese Veränderung gestaltet wird – die kubanische Souveränität darf dabei nicht angezweifelt werden. Kein Militärangriff der USA wie in Venezuela soll über die Zukunft des Landes entscheiden, sondern die Bevölkerung selbst. Fünf Minuten entfernt von der Bar im Vedado, in der zwischenzeitlich wieder der Strom fließt, befindet sich der sonst viel befahrene Malecón. Die Straßen sind leer, es regnet und windet und mehrere Meter hohe Wellen klatschen mit voller Wucht gegen die Mauern des Malecóns und fließen bis in angrenzende Viertel von La Habana. Das Salzwasser frisst langsam an den alten, heruntergekommen Häusern der Altstadt, die teilweise leer stehen. Doch bislang hält der Malecón weiter stand und fängt den Großteil der Wellen ab – wie die kubanische Bevölkerung.


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“SIE KÖNNEN ALLES VON UNS ERWARTEN, NUR KEINE STILLE”

Espero tua (re)volta Filmstill // Foto: Bruno Miranda

„Warum müssen wir für unsere Bildung kämpfen, wenn Bildung doch unser Recht ist?” Das fragen sich Nayara, Marcela und Koka, die diese jüngste Geschichte Brasiliens aus Sicht der Schüler*innenbewegung erzählen, von den ersten Protesten gegen die Erhöhung der Preise für den öffentlichen Nahverkehr 2013 bis zur Wahl des ultrarechten Jair Bolsonaro Ende 2018. Espero tua (re)volta, der fünfte Dokumentarfilm der Journalistin und Regisseurin Eliza Capai, berichtet von vielen Brüchen und Niederlagen, aber auch von Mut, Power und Erfolgserlebnissen. Der Film könnte aktueller nicht sein und weiß dies auch. Eine seiner großen Stärken ist die Fülle an Material zu den verschiedenen Formen jugendlicher Rebellion gegen all das, was schon immer ein Problem in Brasilien war und nun mit dem neuen Präsidenten immer akuter wird: Sexismus, Homo- und Trans*phobie, Rassismus und die Unterteilung der Gesellschaft in Menschen erster und zweiter Klasse.
Espero tua (re)volta, das die „Revolte“ schon im Titel trägt, ist eigentlich ein klassischer Dokumentarfilm – Bilder von Demonstrationen, Versammlungen, besetzten Schulen und, natürlich, exzessiver Polizeigewalt –, die Erzählform ist jedoch besonders. Nayara, Koka und Marcela waren von Anfang an bei den Protesten und den Schulstreiks im Bundesstaat São Paulo dabei, kommentieren die Szenen, in denen ihre jüngeren Ichs teils selbst vorkommen, und leiten die Kamera an. „Geh’ noch mal kurz zurück zu der Szene davor, ich war noch nicht fertig“ oder „wir müssen jetzt doch nochmal einen kurzen Exkurs ins Jahr 2012 machen“, heißt es, und die Kamera gehorcht. Mit viel Humor achten Nayara und Marcela darauf, dass Koka als männlicher Erzähler nicht zu viel Redezeit bekommt. „Jetzt sind wir Frauen wieder dran, deine Zeit ist abgelaufen“, heißt es gleich zu Beginn, und Koka gehorcht, verliert dabei aber nie seinen Mittei­lungs­drang.
Passend zur Energie der drei Erzähler*innen geht der Film musikalisch genauso kraftvoll vor, Baile Funk und Hiphop unterstreichen die rebellischen Szenen, in denen ein Meer junger Menschen durch die Straßen São Paulos zieht und Gerechtigkeit fordert, oder in denen die besetzten öffentlichen Schulen – insgesamt 200, deren Schüler*innen sich gegen die Schließung wehren – zu Orten der Selbstverwaltung werden, wo sich Arbeitsgruppen zu Themen wie Sexismus und Rassismus bilden und die Jungs putzen und kochen müssen. Nicht selten erfolgt plötzlich ein musikalischer Bruch, zu dem die drei ankündigen, dass Szenen voller Polizeigewalt gegen Minderjährige folgen werden. Dazu erfahren wir: „Die Diktatur ist vorbei, aber die Repression blüht.” In diesen Szenen wird deutlich, wie viel die Schüler*innen der Bewegung bereits an Gewalt haben ertragen müssen und wie sehr sie der eigene Kampf mitnimmt. Immer wieder folgt die Warnung: „Dies ist erst der Anfang, es wird wieder passieren.“
Umso wichtiger, dass Espero tua (re)volta trotz allem Hoffnung schenkt. Hoffnung in eine Generation junger Brasilianer*innen, die früh gelernt haben, was es heißt, für die eigenen Rechte zu kämpfen und nicht daran denken, diesen Kampf aufzugeben.


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