Nirgendwo willkommen

José García hat eine Tochter in den USA Er hat seit Wochen keinen Kontakt zu ihr und will zurück (Fotos: Andreas Boueke)

Auf dem zentralen Platz von Guatemala-Stadt hat sich eine Gruppe Menschen versammelt. Sie wollen Aufmerksamkeit wecken für das Schicksal von Migrant*innen. In den vergangenen Monaten wurden Zehntausende aus den USA nach Guatemala abgeschoben.
Ein junger Mann in weißem Gewand trägt ein schweres Holzkreuz mit der Aufschrift: „Der Leidensweg des Migranten.“ Hinter ihm geht Pater Percy Cervera, der Koordinator der Migrations-Kommission der guatemaltekischen Bischofskonferenz. Der gebürtige Peruaner ist selbst erst vor fünf Jahren nach Guatemala gekommen: „Ich wünsche mir, dass die Menschen den Migranten als ihren Bruder erkennen, und nicht als Kriminellen und Bedrohung.“

Guatemala, ein „sicherer Drittstaat“

Jahrzehntelang war Guatemala ein Transitland der Migration in Richtung Norden. Millionen Menschen aus aller Welt – aber vor allem aus den mittelamerikanischen Nachbarstaaten – durchquerten das Land in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den USA. Doch seit Donald Trump im Januar 2025 wieder Präsident wurde, hat sich das geändert. Schon kurz nach seinem Amtsantritt kam US-Außenminister Marco Rubio zu Besuch nach Guatemala. Unter Androhung von Zöllen überzeugte er den sozialdemokratischen Präsidenten Bernardo Arévalo, für sein Land den Status des „sicheren Drittstaats“ anzuerkennen. Seither sollen durchreisende Migrant*innen in Guatemala Asyl beantragen, und so ihr Recht verlieren, dies auch in den USA zu tun. Zudem musste sich Arévalo bereiterklären, Zehntausende Migrant*innen anderer Nationalitäten aufzunehmen, die aus Mexiko und den USA abgeschoben werden. Die Zahl der Migrant*innen aus dem Süden habe sich in Guatemala halbiert, vermutet Pater Percy Cervera: „Fünfzig Prozent der Menschen, die in einem der sieben katholischen Migrantenhäuser in Guatemala Unterstützung suchen, sind Rückkehrer. Wir nennen das ‚umgekehrte Migration.’“

Doch die wenigsten Rückkehrer*innen kommen freiwillig. Fast täglich erreichen Busse und Flugzeuge mit Deportierten aus den USA die Landesgrenze zu Mexiko oder den Flughafen der guatemaltekischen Hauptstadt. In den Flügen des US-Militärs sitzen vor allem Guatemaltek*innen, aber auch Menschen aus Honduras, Nicaragua, Venezuela und anderen Ländern. Während des Flugs ist ihnen das Sprechen verboten. Viele der Passagiere müssen bis zum Ausstieg Handschellen und Fußfesseln tragen – egal, ob sie wegen einer Straftat verurteilt wurden oder nicht, klagt Pater Percy Cervera: „Es handelt sich um Personen, die fünf, zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre lang in den USA gelebt haben: Plötzlich werden sie zurückgeschickt oder deportiert. Heute ist die Situation in ihren Herkunftsländern für sie eine völlig andere. Viele haben sich in den USA ein neues Leben aufgebaut, mit Familie und Kindern.“

Der Leidensweg des Migranten Pater Percy Cervero hält Gottesdienste zum Beistand ab

Keine Heimat in Honduras

Donald Trump hat versprochen, „Millionen“ Migrant*innen auszuweisen. Nach Angaben des US-Heimatschutzministeriums wurden seit Beginn seiner zweiten Amtszeit mehr als 600.000 Menschen abgeschoben. Einer von ihnen ist José García, geboren in Honduras. Im Alter von drei Jahren haben ihn seine Eltern in die USA gebracht. Heute ist er 33 Jahre alt. „Ich bin in Nashville, Tennessee aufgewachsen. Im Jahr 2009 habe ich an der McGavock High School meinen Abschluss gemacht. Während der vergangenen Jahre habe ich als Schweißer gearbeitet.“

30 Jahre lang war er gut integriert. Trotzdem ist es ihm nie gelungen, seinen Aufenthaltsstatus zu legalisieren. „Man hat ständig Angst. Wenn Du einen Polizisten siehst, gerätst Du in Panik. Als ich an jenem Tag den Polizeiwagen hinter mir sah, begann ich zu zittern.“ Er fuhr zu schnell, weil er auf dem Weg zur Arbeit zu spät dran war. „Als das Blaulicht und die Sirenen angingen, dachte ich: ‚Jetzt ist es vorbei.‘ Ich hielt an der Straßenseite und hoffte auf einen netten Polizisten. Aber er war ein Arschloch.“ Der Polizist wollte die Sozialversicherungsnummer von José García sehen. „Aber ich hatte keine. Früher war das kein Problem, aber jetzt – unter der Trump-Regierung – ist das anders. Sie haben mir nicht einmal mehr erlaubt, irgendetwas aus dem Auto zu holen. Ich habe alles verloren, auch mein Handy.“
Von einem Moment auf den anderen José Garcías Leben war – so wie er es kannte – vorbei. Zuerst landete er in dem lokalen Gefängnis, dann in einem Migrationszentrum. Viele Deportierte berichten, dass Psychoterror und körperliche Gewalt in diesen Zentren zum Alltag gehören.

Im Durchschnitt haben drei Viertel der Abschiebehäftlinge keinerlei Vorstrafen. Sie werden nicht wegen einer Straftat eingesperrt, sondern wegen eines zivilrechtlichen Verstoßes gegen das Einwanderungsgesetz. Dennoch bezeichnet Präsident Trump lateinamerikanische Migrant*innen immer wieder als Kriminelle und Vergewaltiger. José García wurde nach drei Monaten Haft nach Honduras abgeschoben, blieb aber nicht lange. „Ich habe dort fast keine Angehörigen. Die meisten meiner Verwandten leben schon lange in den USA. Nun sitze ich hier im Park von Guatemala-Stadt und versuche, einen Job zu finden. Ich brauche Geld für Essen und den Bus nach Mexiko.“ Eigentlich darf José García 15 Jahre lang nicht wieder in die USA einreisen. „Wenn ich zurückkehre und erwischt werde, kriege ich wahrscheinlich die volle Gefängnisstrafe. Aber das Risiko muss ich eingehen. Ich habe eine 13-jährige Tochter. Deshalb muss ich auf jeden Fall einen Weg zurück finden. Seit ein paar Wochen konnte ich nicht mehr mit ihr sprechen. Ich habe ja kein Telefon. Es ist verdammt schwer, keinen Kontakt zu deinem Kind zu haben, wirklich verdammt schwer.“

Die meisten Abschiebungen haben schwerwiegende Folgen für die Psyche der Betroffenen. Viele leiden unter Ängsten, Depressionen, Misstrauen und einem Gefühl der Entwurzelung. Pater Percy Cervera kennt viele solche Schicksale: „Diese Menschen durchleben Situationen, die ihre Menschenwürde verletzen. Sie erleiden Gewalt, entmenschlichende Behandlung und den Bruch ihrer familiären Bindungen. Ihre Rückkehr nach Mittelamerika bringt ihnen keine Sicherheit oder neue Lebenschancen. Stattdessen treffen sie auf dieselbe Armut, Gewalt und Ausgrenzung, die sie einst zum Auswandern getrieben hat.“ José García setzt sich auf eine Bank im Schatten. Hinter ihm liegen mehrere Männer auf einer kleinen Wiese. „Hier im zentralen Park sind viele Deportierte aus verschiedenen Ländern. Manche suchen Arbeit, andere versuchen einfach nur zu überleben.“

Psychologin Otilia Xoc Sie unterstützt deportierte Migrant*innen

Diktatur in Nicaragua

Neben Venezuela ist Nicaragua ein weiteres Herkunftsland von Migrant*innen in besonders schwieriger Lage. Der Diktator Daniel Ortega fürchtet, dass Oppositionelle ins Land kommen könnten, die in den USA trainiert wurden, um einen Aufstand anzuzetteln. Deshalb werden Rückkehrende wie gefährliche Eindringlinge behandelt. Kritik kann schnell zu einer willkürlichen Verhaftung führen. Otilia Xoc berichtet von einem Mann, der keine Möglichkeit hat, nach Nicaragua zurückzukehren: „Er besitzt dort ein Haus. Außerdem hat er ein Haus in den USA. Trotzdem lebt er hier in Guatemala obdachlos auf der Straße. Er ist 70 Jahre alt.“ Der schicksalsgeschlagene Mann hatte mehrere Jahre lang in den USA gelebt und von dort aus die Opposition in Nicaragua unterstützt. An deren Kampf war auch Fred Gonzales beteiligt. Der junge Mann gehört einer Generation von Nicaraguaner*innen an, die gelernt haben, sich vor den eigenen Gedanken zu fürchten, wenn sie nicht der offiziellen Linie entsprechen. „Ich habe es nur bis Mexiko geschafft. Vor der Grenze zu Texas wurde ich abgefangen und nach Guatemala gebracht. Jetzt kann ich nicht zurück nach Nicaragua, weil es dort keine Organisation gibt, die die Einhaltung der Menschenrechte garantiert.“

Fred Gonzales ist 23 Jahre alt. Er hofft, in Guatemala ein besseres Leben als in Nicaragua führen zu können, mit einer guten Arbeit und in Freiheit. „Aber das ist eine Illusion“, meint Otilia Xoc. „Diese Menschen landen auf der Straße. Viele verfallen den Drogen. Wir sehen immer häufiger, dass die abgeschobenen Migranten hier in Guatemala verelenden, anstatt in ihre Länder zurückzukehren.“

Viele dieser Menschen in extrem prekären Verhältnissen kämpfen zudem mit schweren seelischen Problemen. In der Psyche von Fred Gonzales mischt sich die in Nicaragua erlebte Gewalt mit der Enttäuschung über die Deportation aus Mexiko und der Aussichtslosigkeit in Guatemala. Das Ergebnis: eine tief sitzende Verunsicherung, die ein heftiges Stottern ausgelöst hat. „Als ich noch Teenager war, habe ich nicht gestottert. Das kam erst mit den Todesdrohungen. In Nicaragua wurde ich misshandelt, weil ich meine eigene Meinung nicht verschweigen wollte. Nicaragua leidet furchtbar. Das Land ist völlig am Boden.“

Abgeschoben in die Armut

Doch auch in Guatemala lebt eine Mehrheit der Bevölkerung in Armut. In keinem anderen mittelamerikanischen Land ist ein so hoher Anteil der Kinder unterernährt. Die Gesundheitsversorgung der meisten Familien ist schlecht, ihre Bildungschancen sind gering und die Wohnbedingungen oft erbärmlich. Die Ankunft der vielen desillusionierten Menschen, die aus den USA und Mexiko deportiert wurden, verschärft die psychosoziale Krise weiter, meint Otilia Xoc: „Durch die Deportationen nimmt das Elend und der Schmerz der Gesellschaft weiter zu. So wird das Land noch labiler, als es ohnehin schon ist.“
Die Deportationspolitik der USA brandmarkt Migrant*innen als Bedrohung. Sie werden verfolgt und in Länder gebracht, die selbst mit tiefen sozialen Problemen kämpfen. Doch für die meisten deportierten Ausländer*innen ist Guatemala nur eine weitere Station auf ihrer Reise von Süd nach Nord und zurück. Sobald sie sich ausgeruht und ein wenig Geld zusammen bekommen haben, machen sie sich wieder auf den Weg.


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VERSCHLOSSENE ARME

„Willkommen in Mexiko“ Hinter der Grenze wartet auf die Menschen eine oft ausweglose Situation (Foto: Joachim Pietsch via wikimedia.org, CC BY-SA 2.0)

Die Drohungen Donald Trumps, Exporte aus Mexiko mit hohen Zöllen zu belegen, falls die Regierung nicht radikale Maßnahmen gegen die Migrant*innen an der Südgrenze ergreift, zeigten ab Mitte des vergangenen Jahres Wirkung. Heute erfüllen die am südlichen Grenzfluss Suchiate stationierten Einsatzkräfte der Nationalgarde die Funktion der Mauer aus Beton und Stahl an der Nordgrenze. Ein knappes Drittel der Soldat*innen der Einheit ist damit beschäftigt, Migrant*innen zu kontrollieren. Aus Sicht der USA scheinbar so erfolgreich, dass es zuletzt wahre Lobeshymnen aus Washington gab. So pries der Chef der Customs and Border Protection (CBP), Mark Morgan, die Nationalgarde und die mexikanische Einwanderungsbehörde (INM) dafür, Migrant*innen auf „professionelle und humane“ Art aufzuhalten und diejenigen, die daran festhielten in die USA zu kommen, „zu repatriieren“. US-Außenminister Mike Pompeo nannte Mexiko einen „großartigen Partner in dieser Angelegenheit“.

62.000 Asylsuchende von USA zurückgeschickt

Auf der guatemaltekischen Seite der Grenze sammeln sich die Migrant*innen in der Stadt Tecún Umán. Sie warten dort auf eine günstige Gelegenheit, den Grenzfluss Suchiate zu überqueren. Gelingt ihnen dies, werden sie im mexikanischen Bundesstaat Chiapas in Zwangsunterkünften untergebracht. Berühmt-berüchtigt ist die völlig überlastete Unterkunft Siglo XXI. Besonders von dort werden immer wieder menschenunwürdige Bedingungen gemeldet. Dies betrifft auch Migrant*innen aus nicht-mittelamerikanischen Ländern: Anfang Februar deportierte Mexiko gleich 120 Haitianer*innen, die monatelang in der Unterkunft Siglo XXI auf die Bearbeitung ihrer Bleiberechtsanträge gewartet hatten.
Es gibt zwar Möglichkeiten für die Migrant*innen, einen Flüchtlingsstatus in Mexiko und eine begrenzte Arbeitserlaubnis zu erhalten. Dafür muss sich ein*e Migrant*in jedoch ausweisen können und registrieren lassen. Solange der Fall bearbeitet wird, darf die Person Chiapas nicht verlassen. Dieses Vorgehen geht insofern an den Lebensumständen der Betroffenen vorbei, als dass der Großteil der Migrant*innen den Río Suchiate ohne Papiere über- oder durchquert. Für die überwiegende Mehrheit der Ankommenden ist zudem klar: Das Ziel ist und bleibt die USA.

Euphemismus der „begleiteten Rückkehr“

Währenddessen beschönigen die staatlichen Stellen die neue Einwanderungspolitik Mexikos. Euphemistisch ist von „begleiteter Rückkehr“ die Rede. Faktisch handelt es sich dabei um Abschiebungen, auch wenn viele Geflüchtete angesichts der ausweglosen Situation in Mexiko „freiwillig“ dazu bereit sind. Im Januar deportierten die mexikanischen Behörden auf diese Art innerhalb von drei Tagen mehr als 1.000 aus Honduras stammende Migrant*innen. Die gewaltsame Auflösung der „Karawane der Verzweiflung” bezeichnete die Regierung als „humanitäre Rettungsmaßnahme“. Gleichzeitig testete die Einwanderungsbehörde das politische Klima, indem sie Kirchen- und Menschenrechtsorganisationen in einer offiziellen Mitteilung „vorübergehend“ den Zugang zu den Auffangunterkünften verweigerte. Allerdings war der Protest so groß, dass Innenministerin Olga Sánchez die Maßnahme umgehend rückgängig machte.

Die Südgrenze Mexikos ist ohne die Nordgrenze nicht zu denken. Seit einem Jahr werden in den USA die sogenannten Schutzprotokolle für Migrant*innen angewandt. Asylbewerber*innen, die es bis in die USA geschafft haben, werden während des Verfahrens nach Mexiko zurückgeschickt. Mexiko hat das angesichts der Trumpschen Strafzollandrohungen „aus humanitären Gründen“ akzeptiert und nimmt nun faktisch die Position eines „sicheren Drittlandes“ ein. Das Programm ist als „Quédate en México“ („Bleib in Mexiko”) bekannt. Bis zum 31. Dezember 2019 schickten die USA 62.000 Asylsuchende über Mexikos Nordgrenze zurück. Nur 111 Fälle wurden von den USA anerkannt. Stolz verkündete der mexikanische Außenminister Marcel Ebrard vor kurzem, der „Migrationsstrom“ aus Mittelamerika sei seitdem um drei Viertel zurückgegangen.

Der Altpolitiker Porfirio Muñoz Ledo ist einer der wenigen Abgeordneten der mexikanischen Regierungspartei Morena, der schonungslose Kritik übt und die Erfolgsmeldungen der Regierung zum Rückgang der Migrant*innenzahlen als „Horror“ bezeichnet. Die Situation in Tapachula an der guatemaltekisch-mexikanischen Grenze sei „ein Panorama von Desaster, Scheinheiligkeit und Falschheit“.


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„UNSERE KLEINE GRENZSTADT“

Tucson im Bundesstaat Arizona liegt 100 Kilometer von der Grenze zu Mexiko / Fotos: Tina Büchslbauer

Das ehemalige benediktinische Kloster Las Alitas („Die Flügel“) ist die größte Notunterkunft in Tucson für Migrant*innen aus dem Süden. Der Kirchenraum bietet Platz für Frauen* und Kinder, während in den ehemaligen Schlafräumen der Nonnen die Familien unterkommen. Räumlich ist das schöne alte Gebäude bestens für diesen Zweck geeignet, auch eine große Küche steht zur Verfügung. Das Gebäude ist nicht mehr in kirchlicher, sondern in privater Hand. Der Besitzer hat es den Catholic Community Services (CCS) bis August dieses Jahres überlassen, um dort Geflüchtete zu beherbergen. Was danach geschieht, blieb bis Redaktionsschluss unklar. Allein zwischen Februar und Mai 2019 sind um die 8.000 Menschen in Las Alitas angekommen. Ohne ehrenamtliche Arbeit wäre es nicht möglich, die Unterkunft zu betreiben. Neben zwei Angestellten von CCS arbeiten 150 freiwillige Helfer*innen im Kloster. „Ich verstehe diese Politik und diesen Rassismus nicht. Früher war das hier Mexiko, daran sollten wir uns immer erinnern. Diese Grenze ist einfach verrückt“, sagt Laurie, eine Universitätsangestellte, die hier mehrmals pro Woche in der Küche hilft.

Die Border Patrol, die nach Nine/Eleven vor Terrorismus schützen sollte, verfolgt heute Migrant*innen


Heute liegt Tucson zwar 100 Kilometer von der Grenze entfernt, fällt damit jedoch gerade noch in das Einflussgebiet der Border Patrol und ist somit offizielle Grenzstadt. Nichtregierungsorganisationen wie die ACLU (Amercian Civil Liberties Union) kritisieren den 100 Kilometer breiten Streifen an der Grenze als „verfassungsfreie Zone“. Die Border Patrol, die nach Nine/Eleven ursprünglich die USA vor Terrorist*innen schützen sollte, fokussiert ihre Arbeit hier tagtäglich nicht auf Menschen, die Gewalt ausüben, sondern auf Migrant*innen. Viele der von Armut und Gewalt betroffenen Menschen lassen sich jedoch nicht durch Mauern und Repressionen von der Migration abhalten. Täglich gelangen circa 5.000 Menschen über die südliche Grenze in die USA. Gegenwärtig kommen die meisten von ihnen aus Guatemala, Honduras oder El Salvador. In Arizona ist Tucson als zweitgrößte Stadt des Bundesstaats eine der wichtigsten Anlaufstellen, da es dort Unterkünfte wie Las Alitas gibt, in denen sich die Migrant*innen ein paar Tage ausruhen und ihre Weiterreise organisieren können.
Bestenfalls schlafen in Las Alitas täglich 200 Geflüchtete, bei Engpässen bis zu 300. Alle Ankommenden haben bereits einen Asylantrag gestellt und mussten an der Grenze eine Person angeben, von der sie nach der Ankunft in den USA finanziell unterstützt werden. Diese Person muss auch die Weiterreise (vor)finanzieren. Die Menschen werden mittlerweile von der Border Patrol und der Migrations- und Zollbehörde ICE (Immigration and Customs Enforcement) direkt in Bussen von der Grenze zum ehemaligen Kloster gefahren. Sie bringen die Menschen nicht nur vom Grenzübertritt Nogales, der Tucson am nächsten ist, sondern auch von anderen wie El Paso in Texas.

Die Unterkunft soll ein sicherer Ort sein und meist ist sie das auch


In der Regel haben die Ankommenden eine mehrwöchige Flucht hinter sich und mussten eine bis zu 72-stündige Prozedur an der Grenze durchlaufen, im Zuge derer ihre Daten aufgenommen wurden. Sie berichten von wenig und schlechtem Essen, keinen Möglichkeiten zum Duschen, Betten auf dem kalten Boden bis hin zu rassistischen Beschimpfungen seitens der Beamt*innen der Border Patrol. Aufgrund dieser Erfahrungen ist es den freiwilligen Helfer*innen wichtig, gleich eingangs zu betonen, dass Las Alitas keine Regierungseinrichtung ist und, dass von hier keine Informationen an die Migrationsbehörden weitergegeben werden. Die Unterkunft soll ein sicherer Ort sein und meist ist sie das auch. Seit Anfang des Jahres allerdings Rechtsextreme kamen, die Migrant*innen filmten und das Video mit hetzerischen Botschaften ins Netz stellten, wird der Parkplatz regelmäßig kontrolliert und die Freiwilligen achten verstärkt darauf, wer ein- und ausgeht.
Alle, die es bis nach Las Alitas geschafft haben, haben ein minderjähriges Kind bei sich. Es hat sich herumgesprochen, dass ein Kind dem Migrationsgesetz entsprechend vor einer längeren Haft an der Grenze schützt. Meist hat sich jedoch nur ein Teil der Familie auf die Flucht begeben: „Meine Frau und die anderen zwei Kinder sind in Honduras geblieben, ich habe mich nur mit der Kleinsten auf den Weg gemacht, aber wir hoffen, dass wir bald alle wieder zusammen sein können“, sagt Manuel Ruiz* und deutet auf seine dreijährige Tochter. Er gehört zu den Glücklichen, die weder von ihrem Kind getrennt wurden, noch in Haft gelandet sind und abgeschoben wurden.
Haben sich die Menschen von den Anstrengungen der Flucht erholt und sind die Tickets für die Weiterreise gebucht, bringen Helfer*innen sie zur Greyhound-Busstation in Tucson und versorgen sie mit Lunchpaketen für die Fahrt. Vielen steht eine mehrtägige Reise quer durch das ganze Land bevor. Greyhound, das größte Fernbus-Unternehmen der USA, konnte durch die Vielzahl von Migrant*innen, die mit den Bussen mit dem Windhund-Logo nun durch das Land reisen, sein Budget sanieren. Der Service ist dennoch schlecht. Zudem führt die Border Patrol Personenkontrollen in den Bussen durch, um undokumentierte Personen zu überführen und abzuschieben. Viele derer, deren Asylantrag negativ beschieden wird, bleiben als sogenannte „Undokumentierte“ in den USA, da sie keinen anderen Ausweg sehen.
Die, die es nicht in die Unterkünfte geschafft haben, werden hinter der Grenze aufgegriffen und stehen täglich im Rahmen der „Operation Streamline“ in Tucson vor Gericht. Bei der Operation handelt es sich um Schnellprozesse mit dem Zweck, möglichst viele Migrant*innen, die angeblich illegal die Grenze überschritten haben, abzuschieben. Streamline-Gerichte wurden seit 2005 an der gesamten Südgrenze der USA installiert, um die Kriminalisierung der Migration voranzutreiben. Je nach Gericht werden den Richter*innen bis zu 100 Angeklagte gleichzeitig in Hand- und Beinketten vorgeführt. Die Anklage lautet auf erstmaligen oder wiederholten illegalen Grenzübertritt. Ihnen allen werden Pflichtverteidiger*innen zur Seite gestellt, die einheitlich empfehlen, sich schuldig zu bekennen. Die Freiheitsstrafen, die den Angeklagten drohen, reichen von bis zu sechs Monaten bei einem erstmaligen Vergehen und bis zu zwei Jahren bei Wiederholung. Die Initiative End Streamline Coalition kritisiert, dass die Betreiberfirmen der privaten Gefängnisse, für die die USA bekannt sind und in denen die undokumentierten Migrant*innen landen, mit der Kriminalisierung der Migration Millionen verdienen.
An der Grenze in Nogales warten Menschen in einer kleinen Unterkunft, die von der berüchtigten Mauer gerade einmal 20 Meter Luftlinie entfernt ist, darauf, die Grenze überqueren zu dürfen. Etwa zwanzig Menschen schlafen in Stockbetten in einem stickigen Raum. Als freiwillige Helfer*innen aus Tucson zu Besuch kommen, zeigen zwei Geflüchtete aus Guatemala ihnen Fotos von erschossenen Familienangehörigen und Schusswunden, die sie sich zugezogen haben, als sie unschuldig in Bandenschießereien geraten sind. Der Mann erzählt, dass er bereits einmal illegal in die USA eingereist sei, weil er nicht so lange an der Grenze warten wollte. Diesmal sei er mit seiner Familie gekommen, um es „richtig“ zu machen und an einem offiziellen Grenzübertritt Asyl zu beantragen. Hundertprozentige Sicherheit wird ihm das aber nicht geben, denn auch manche derer, die Asyl beantragt haben, landen vor der „Operation Streamline“. Hinzu kommt die Möglichkeit, dass sein Asylantrag abgelehnt wird. Für Fälle wie diesen hat US-Präsident Donald Trump Massenabschiebungen nach Guatemala angeordnet.

Eine Stadt im Widerstand: Tucson soll erste Sanctuary City in Arizona werden


Viele Menschen in Tucson bieten der staatlichen Migrationspolitik die Stirn. Im Wohngebiet neben der Notunterkunft Las Alitas finden sich viele Schilder mit der Aufschrift „Drop the charges“. Mit der Aufforderung, die Anklagen fallen zu lassen, zeigen die Bewohner*innen ihre Solidarität mit Scott Warren, einem Aktivisten der Gruppe No More Deaths, der hierzulande zum aktuell bekanntesten Opfer staatlicher Repression gegen humanitäre Hilfsorganisationen geworden ist. No More Deaths hilft Migrant*innen, indem sie Wasserkanister, Lebensmittel und Decken in der Wüste deponiert und Erste Hilfe leistet, um sie vor dem Tod in der Wüste zu bewahren. Die Anklage gegen Warren beinhaltet unter anderem das Betreten eines Naturschutzgebietes ohne Erlaubnis. Anfang Juni wurde Scott Warren endlich freigesprochen. Nach seiner Freilassung verkündete er: „Seit ich im Januar 2018 eingesperrt wurde, sind nicht weniger als 88 Leichen in der Wüste Arizonas geborgen worden. Und was ist der Plan der Regierung angesichts dieser humanitären Krise? Eine Polizei, die undokumentierte Menschen, Geflüchtete und ihre Familien verfolgt. Und die Kriminalisierung von humanitärer Hilfe, Herzlichkeit und Solidarität.“

“Humanitäre Hilfe ist nie ein Verbrechen” Viele Menschen in Tucson bieten der Migrationspolitik die Stirn / Foto: Tina Füchslbauer

Dagegen setzt sich auch die Gruppe Tucson Famlies Free & Together ein. Ihre Mitglieder fordern, dass Tucson eine sogenannte Sanctuary City wird. Das englische Wort sanctuary steht für Asyl, Schutz, aber auch für heilige Stätte und sakralen Raum. Die Sanctuary-Bewegung entstand in den 1970er und 1980er Jahren an der südlichen Grenze der USA, als immer mehr Migrant*innen aus Süd- und Mittelamerika vor (von den USA mit verursachten) Kriegen in den Norden flüchteten. Tucson spielte dabei von Beginn an eine Vorreiterrolle, indem Mitarbeiter*innen christlicher Organisationen Fluchtwege durch das ganze Land organisierten und dabei Kirchen als Schutzorte nutzten. Heute gibt es einige offizielle Sanctuary Cities in den USA, zu denen Los Angeles und New York zählen. Sie verweigern weitgehend die Zusammenarbeit mit Border Patrol und ICE und die Auslieferung undokumentierter Menschen. Die Aktivist*innen arbeiten daran, Tucson zur ersten Sanctuary City des Bundesstaats Arizonas zu machen. Diese Art des Widerstands der Menschen in Tucson ist gerade deshalb so wichtig, weil immer restriktivere Migrationspraktiken die Menschen zu gefährlicheren Fluchtwegen durch die Wüste oder über den Rio Grande an der Grenze zu Texas zwingen. Die Bemühungen der USA, Mexiko migrationsrechtlich zum „sicheren Drittstaat“ zu erklären, sind glücklicherweise bislang gescheitert. Mexikos Regierung unterstützt allerdings seit Juni dieses Jahres die USA bei der Grenzsicherung und führt verstärkt Personenkontrollen an der Grenze zu Guatemala durch, sodass bereits deutlich weniger Menschen überhaupt bis zur US-amerikanischen Grenze gelangen.
Derweil wird an der Tucson High Magnet School das Stück Our little Bordertown gespielt. Die Schüler*innen feiern darin Migrationsbewegungen und verurteilen Rassismen. Im November dieses Jahres wird in Tucsons Stadtregierung darüber abgestimmt, ob die Stadt mit 500.000 Einwohner*innen eine Sanctuary City werden soll. Mit dem Sitz einer der wichtigsten Universitäten des Bundesstaats – der University of Arizona – gilt Tucson, im Gegensatz zu Arizonas Hauptstadt Phoenix, als progressiv. Im November wird sich zeigen, wie sehr. Und, wie viele Stadtpolitiker*innen der Grenzstadt derselben Meinung wie die Schüler*innen und viele Bewohner*innen sind.

 


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