AVOCADOS IN DER WÜSTE

Hier wächst kaum noch etwas Die Provinz Petorca leidet unter Wassermangel (Foto: Viola Güse)

Wasser plätschert auf den Boden, der Duft vertrockneter Erde und von der Sonne verbrannter Pinienzapfen liegt in der Luft. Eine Frau wässert die Pflanzen im Schulhof. Ein Pavillon spendet wenige Quadratmeter ersehnten Schatten in der trockenen Hitze. Die Pflanzen, die sich durch die spröde, rissige Erdoberfläche gekämpft haben, saugen das spärliche Wasser auf. Einige grüne Blätter, Kakteen und die bunten Türen des Schulgebäudes bringen etwas Farbe in die wüstenähnliche Umgebung. Aktivistische Dorfbewohner*innen aus Guayacán, einem Ortsteil der Gemeinde Cabildo einige hundert Kilometer nördlich von Santiago de Chile, sind in der Schule zusammengekommen, um bei einer internationalen Gruppe Studierender auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Das Wasser ist knapp in ihrer Region, zumindest für die Bevölkerung. Bergbau und Agroindustrie florieren, während die dort lebenden Menschen um jeden Tropfen Wasser kämpfen müssen. Kämpferisch deklariert Rufino Hevia, Sprecher des Consejo de Defensa Territorial de Guayacán (Rat für die Verteidigung der Territorien Guayacáns): „Mobilisieren bedeutet mehr als auf die Straße zu gehen. Mit der ganzen Provinz Petorca, besonders den ländlichen Orten der Gemeinde Cabildo wollen wir einen gemeinsamen Plan erarbeiten, um den Wassermangel in all seinen Dimensionen zu bekämpfen, Forderungen zu stellen und Bedürfnisse zu artikulieren – aus eigener und gemeinschaftlicher Kraft.“

Der wasserintensive Anbau des Superfoods Avocado verschlimmert das eigentliche Problem

Der Weg nach La Ligua, der Hauptstadt der Provinz, ist gesäumt von weiten grünen Baumplantagen. Das Ausmaß der Wasserknappheit ist hier nicht zu erkennen. Die saftigen Blätter der Avocadobäume wiegen sich im Wind. Ein idyllischer Anblick, doch der Schein trügt. Sieht man auf die andere Seite der riesigen Anbaufläche, erstreckt sich dort ein langes, trist wirkendes Tal. Bei genauerem Hinsehen ist zu erkennen, dass sich einst ein Fluss seinen Weg durch dieses trockene Stück Erde gebahnt haben muss. Noch vor zehn Jahren floss hier die Lebensquelle der Region, der Río Ligua. Von der mit ihm verbundenen vielfältigen Flora und Fauna sind nur noch Überbleibsel zu erkennen. Der zweite Fluss in der Provinz, der Río Petorca, ist schon seit 1997 ausgetrocknet. Fragt man die Bewohner*innen von La Ligua, bekommt man immer wieder eine ähnliche Antwort: „Ich kann mich noch erinnern, als ich als Kind hier war. Die Leute trafen sich zum Baden, machten Picknick.“ Die Jüngsten kennen den „Fluss“ oft gar nicht mehr in dieser Form.

Um dramatischen Entwicklungen wie dieser auf den Grund zu gehen, muss man einige Jahrzehnte zurückblicken. Der Código de Agua, ein Gesetz aus der Zeit der Militärdiktatur unter Pinochet (1973-90), gab dem Staat das Recht, Wasserrechte gratis an private Interessent*innen zu vergeben. Diese können seitdem mit Wasser handeln wie mit einer Ware. Wie so viele Überbleibsel aus der Diktatur begünstigt das Gesetz nur wenige Großunternehmer*innen. Besonders Indigene und die bäuerliche Bevölkerung leiden unter dieser Machtverteilung. Neben der Agrar- und Bergbauindustrie im Norden Chiles erzeugt die Forstwirtschaft sogar im feuchteren Süden ähnliche Probleme. Am Ende liegt die Wurzel der Probleme, wie so oft in Chile, im extrem neoliberalen Wirtschaftssystem, das fast alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringt. Das Absurde ist, dass das chilenische Entwicklungsmodell, das seit der Diktatur verfolgt wird, ungeachtet der sozialen und ökologischen Schattenseiten, einigen anderen lateinamerikanischen Ländern als Vorbild dient.

Für ein Kilo Avocados werden ca. 1.000 Liter Wasser benötigt

Aktuell liegen sowohl die Wasserrechte zur Stromversorgung als auch die konsumtiven – also die Rechte für das Wasser, das verbraucht wird – fast komplett in der Hand weniger riesiger nationaler und internationaler Unternehmen. Besonders gravierend ist dabei, dass mehr als 80 Prozent des Trinkwassers von der Agrar-industrie verbraucht werden und nur weniger als fünf Prozent für den menschlichen Konsum bestimmt sind. Neben vieler anderer Rohstoffe wird so auch das Grundrecht auf den Zugang zu Wasser zum Spielball marktgesteuerter Interessen und die Trinkwasserversorgung in Chile zur teuersten Lateinamerikas.

„Es ist ein Problem der politischen Strukturen. Seit der Diktatur gab es keinen Wandel. Dieses diktatorische System hat das komplette freiheitliche Grundprinzip, das wir hatten, zerstört, frei zu denken, sich frei zu organisieren“, bedauert Nibaldo Yturrieta, Mitglied des Rates zur Verteidigung der Ländereien von Guayacán (Consejo de Defensa Territorial de Guayacán).

Unternehmen zapfen das wertvolle Grundwasser illegal über unterirdische Leitungen  an

Obwohl der Großteil der Wasserressourcen in Petorca ohnehin in der Hand der Großproduzent*innen liegt, ist der Durst der Pflanzen und der Minen nicht gestillt. Über unterirdische Leitungen zapfen die Unternehmen illegal das wertvolle Grundwasser an. Die chilenische Bevölker­ung profitiert nicht von den immensen Gewinnen der oft transnationalen Konzerne. Europäische Konsument*innen sind jedoch Nutznießer*innen dieses Systems. Beispielsweise exportierten chilenische Produzent*innen 2016 mehr als 58.000 Tonnen Avocados nach Deutschland. Für ein Kilo – etwa zweieinhalb Früchte – werden circa 1.000 Liter Wasser benötigt. Im Vergleich dazu: Für die Produktion eines Kilos Tomaten braucht man circa 180 Liter. Der wasserintensive Anbau des gefeierten Superfoods verschlimmert so noch einmal das eigentliche Problem.

Abgesehen von den extremen Auswirkungen auf die Umwelt, sind die sozialen Folgen gravierend. In der gesamten Provinz verloren mehr als 7.000 Kleinbauern und -bäuerinnen ihre Existenzgrundlage. Teilweise muss die Bevölkerung über Lastwagen mit Trinkwasser versorgt werden. Die Wasserqualität ist fragwürdig und die Kosten für die Verbraucher*innen immens.

Die politischen Kräfte sehen, wie in vielen anderen Regionen, die Lösung im Bau eines Stausees. Dabei bekämpfen sie jedoch nur die Symptome, nicht die Ursachen. Die Trockenheit ist nicht das ursprüngliche Problem. Nicht ein Stausee wäre die richtige Reaktion, sondern die Überführung des Wassers in öffentliche Hand. Der Bau führt weniger zu einer Umwälzung der Eigentumsverhältnisse als zu zahlreichen weiteren Schwierigkeiten.

Ein Gesetz aus der Zeit der Militärdiktatur gab dem Staat das Recht, Wasserrechte gratis an private Interessent*innen zu vergeben

Direkt auf dem Gebiet von Guayacán soll der Stausee Los Ángeles entstehen. Mindestens 34 Familien müssen dafür umgesiedelt werden. Die Kommunikation mit den Betroffenen seitens des Bauministeriums ist dabei miserabel. Die Menschen sind besorgt, weil nicht einmal ein endgültiger Ort feststeht, an dem sie zukünftig wohnen können. Rufino Hevia bemängelt: „Wir wurden überhaupt nicht in den Prozess miteinbezogen, nur formelle Versammlungen haben stattgefunden. Niemals wurden wir nach unseren Visionen und Vorschlägen für die Lösung der Wasserproblematik gefragt, geschweige denn über die Auswirkungen des Projekts informiert.“ Er sieht den sozialen und kulturellen Verlust, der seiner Gemeinde bevorsteht, in der Geschichte des Stauseebaus in Chile bestätigt. In ihrer Manifestation hat der Rat niedergeschrieben: „Wir werden nicht die Kosten einer landwirtschaftlichen Entwicklung tragen, die nur den großen Plantagen nützt.“

Auf nationaler Ebene sind winzige Fortschritte im Streit um die Wasserrechte, wie deren Reform in der ersten Legislaturperiode Michelle Bachelets 2005, seit dem Regierungswechsel im März hinfällig. Damals wurde der Einzug des Patents und eine Strafzahlung eingeführt, falls die Erwerber*innen des Rechts keine Projekte zur Lösung des Wasserproblems durchführen. Viele der Zertifikate waren dennoch von der Regelung nicht betroffen. Nun kündigte Juan Andrés Fontaine – Bauminister der neuen Regierung unter Sebastián Piñera – an, den Verfall der Wasserrechte wieder auszusetzen. Er sieht die Aufgabe des Staates darin, „die Bedingungen zu erfüllen, damit der Markt in effizienter Weise funktioniert. Unsere Diskrepanz mit der vorgeschlagenen Reform liegt darin, dass die Rechte bestimmten Nutzen zugewiesen sind. Wir denken, dass diese zur freien Verfügung stehen sollten.”

Zwei Drittel der Einwohner*innen haben kein fließendes Wasser

Aus der Opposition kam Kritik. Die Senatorin Adriana Muñoz von der sozialdemokratischen PPD findet den Vorschlag absurd: „Es gäbe keinerlei öffentliche Kontrolle über die Nutzung der Wasserrechte. Der Gebrauch ist dann willkürlich von Seiten des Eigentümers und die Regierung distanziert sich davon, dass Wasser ein nationales Gut für den allgemeinen Gebrauch ist.“ Auch die Einwohner* innen Guayacáns sehen seitens der aktuellen Regierung keine Hilfe bei der Wasserfrage. Patricio Estrella, Direktor der Schule in Guayacán, die gleichzeitig als Versammlungsort für die Aktivist*innen dient, sagt: „Gerade ist alles paralysiert.

Das Vertrauen in die Politik ist ohnehin verschwunden. Teilweise profitieren die Politiker*innen nicht nur indirekt von den Regelungen, sondern sind direkt involviert. Der Fall des Ex-Ministers Edmundo Pérez Yoma von der Christdemokratischen Partei (DC) beispielsweise sorgte für einen Skandal. Gemeinsam mit vier weiteren Unternehmern wurde er 2015 des Wasserraubes angeklagt. Statt der ihm zustehenden 100 bepflanzbaren Hektar, hatte er 500 Hektar Land bewirtschaftet. Infolge der Intensivlandwirtschaft werden vielfach Anbauflächen genutzt, die eigentlich nicht zu diesem Zweck geeignet sind und deshalb die Wasserbeschaffung erst notwendig machen. Rodrigo Román, Anwalt der Nichtregierungsorganisation Defensoría Popular, sieht darin „das nationale Epizentrum des Wasserraubes.“ Während zwei Drittel der Einwohner*innen kein fließendes Wasser haben, zapft die Avocadoindustrie es illegal ab.

Teilweise sind Politiker*innen direkt in den Wasserraub involviert

Rodrigo Sánchez Villalobos, der Bürgermeister von La Ligua, bemängelt jedoch die mangelnde rechtliche Verfolgung, die Großproduzent*innen wenig schmerzt. „Die Gesetzgebung ist ziemlich mild, weil man zwar bestraft wird, jedoch einfach mit der illegalen Extraktion weitermachen kann. Wenn man eine Anbaufläche von 100, 200 Hektar hat, zahlt man die Strafe und macht weiter wie bisher oder kann die Plantage sogar noch ausbauen.“

Ähnliche Probleme gibt es auch mit dem Bergbau in der Region. Die Kupfermine Cerro Negro in Cabildo erweitert seit Jahren ihre Schlackeseen, vergiftet so die umliegende Natur und ist zudem maßgeblich an der Planung des Stausees beteilgt, der ihr die nötige Energie liefern soll. Entschädigungsangebote sind meist nur hohle Phrasen. „Diese Mine ist sehr ausgebufft, eine dreckige Mine. Sie spalten unsere Gemeinde und bieten uns alles Mögliche an. In dieser Schule wollten sie Fenster bauen, den Hof und den Weg pflastern und einen Internetzugang installieren. Das ist nie passiert. Und die wenigen Erfolge, die man sehen kann, sind nur unter dem Druck unserer Gemeinschaft zustande gekommen. Wir möchten eine Schule, einen Kindergarten von ihnen, eine soziale Struktur. Wasser, damit die Leute dauerhaft versorgt sind – das wäre angemessen. Wir möchten einen Brunnen für die landwirtschaftliche Bewässerung, denn wir können hier nichts anbauen, weil der Staat uns weder einen Brunnen noch einen Wasserspeicher für dauerhafte Wasserzufuhr ermöglicht. Durch unseren Druck haben sie nun zumindest angefangen, einen Speicher für 11.000 Liter Wasser zu bauen. Wenigstens etwas…“, meint Rufino Hevia.

Yturrieta gibt die Hoffnung nicht auf. Obwohl ihn schon so viele Regierungen enttäuscht haben, die wenn überhaupt nur leere Versprechungen gegeben haben, wird er Geduld haben und auf kommunaler Ebene bis zur nächsten Wahl weiterkämpfen. „Wir können ein besseres Chile erlangen, ein Chile, wie wir es möchten. Ich hoffe, dass Frente Amplio (2017 gegründetes Linksbündnis, Anm. d. Autorin) ihre Arbeit fortsetzt. Und, dass sie dieses Thema einbringen.“

Am 21. April gingen wieder zahlreiche wütende Bürger*innen auf die Straße und zeigten mit lauter Musik, Trommelrhythmen und Sprechchören, dass sie nicht zum Schweigen zu bringen sind. „Wasser ist zum Leben und nicht für den Tod“, schallte es durch die sonnigen Straßen in und um Guayacán. Der Protestzug startete an der Schule. Die jüngsten Einwohner*innen sind von klein auf Teil des Kampfes. „Ríos libres, pueblos vivos“ (Freie Flüsse, lebendige Völker) und „Aguante Guayacán“ (Halte aus, Guayacán) war auf den Transparenten zu lesen. Das Thema betrifft weite Teile der Bevölkerung und schafft Solidarität im ganzen Land und über die Grenzen hinweg. Protestaktionen wie der Plurinationale Marsch für das Wasser und die Erde am 28. April fanden vom höchsten Norden bis in den Süden Chiles statt. In Santiago waren Partnerorganisationen aus Brasilien, Kolumbien, Bolivien und Peru dabei. Denn Wasser ist ein nicht nur physisches, sondern auch symbolisch essenzielles Grundrecht. Es ist untrennbar mit dem Ökosystem und der Kosmovision der darin lebenden Völker verbunden.

KATASTROPHE MIT ANKÜNDIGUNG

Nach mehreren Monaten der Dürre wurden die Regionen Lambayeque, La Libertad, Piura und Tumbes im Norden Perus im Januar von starkem Regen heimgesucht. Das Phänomen wird der „Küsten-Niño” (Niño Costero) genannt, da es nur die peruanische und ecuadorianische Küste betrifft. Zu den betroffenen Regionen gehören sowohl Ancash – hier befinden sich gegenwärtig 166 Bezirke im Notstand, darunter der Bezirk Huarmey, der sich praktisch in eine Lagune verwandelt hat – als auch Lima mit 145 Bezirken im Notstand.

Die Bilanz ist erschreckend. Laut dem Zentrum für nationale Notfalloperationen (COEN) summiert sich die Zahl der Betroffenen auf über eine Million. Bisher gibt es mindestens 113 Todesopfer. 238.000 Häuser wurden beschädigt, tausende Kilometer Landstraße und Autobahn sind zerstört, ebenso 6.000 Kilometer Bewässerungs­kanäle und 24.000 Hektar landwirtschaftliche Anbaufläche. Besonders betroffen sind die Ärmsten der Gesellschaft.

Einen der kritischsten Momente erlebte die Hauptstadt Lima, als durch die Regenfälle und Erdrutsche, gemeinsam mit dem Schmutz der Flüsse Rímac und Chillón, die Aufbereitungsanlage von Trinkwasser, La Atarjea, die Dekontaminierung des Wassers nicht mehr bewältigen konnte, so dass die ganze Stadt fast eine ganze Woche ohne fließendes Wasser auskommen musste. Zudem bestand das Risiko einer Kontaminierung des Flusses Rímac durch die Aufbereitungsrückstände der Minen des Tamboraque. Dies hätte die Zufuhr von fließendem Wasser für die Stadt auf unbestimmte Zeit unterbrechen können.

Die Regierung schickte das Militär in die betroffenen Regionen und tausende Personen aus Peru und anderen Ecken der Welt spendeten viel Zeit und Geld an die Bedürftigen. Sporteinrichtungen, Schulen, Wohnungen und Parks verwandelten sich in Sammelstellen für Spenden, in denen haltbare Lebensmittel, Wasser, Kleidung, Hygieneartikel und weitere Produkte gesammelt wurden.

Die massive nationale und internationale Solidarität wurde deutlich sichtbar – ebenso wie die Untätigkeit und mangelnde Prävention von Seiten des Staates. Interessanterweise erlebt Ecuador die gleiche Regenzeit wie Peru, wurde aber, aufgrund von Präventionsplänen der Regierung Rafael Correas, nicht so heftig von dem Phänomen getroffen.

In den letzten hundert Jahren hat das Phänomen El Niño Peru viermal heimgesucht. Diese Vorgeschichte müsste mehr als ausreichend sein, um Präventions- und Notfallpläne in Betracht zu ziehen, seitens der Bürger sowie der lokalen, regionalen und nationalen Verwaltung. Aber dies war nicht der Fall.

Es gibt keine Pläne zur Eindämmung ähnlicher Katastrophen.

Im Jahr 1952 traf El Niño – ähnlich wie in diesem Jahr – die nördliche peruanische Küste mit Starkregen und sorgte für überquellende Flüsse, während der Süden von Dürren geplagt war. Die nächste Katastrophe 1983 war die schlimmste von allen. Die Bilanz waren Schäden in Höhe von zwei Milliarden US-Dollar, 15.000 zerstörte Häuser, massive Schäden der Infrastruktur und eine Malariaepidemie.

Die Katastrophe, die diesem Jahr am nächsten liegt, geschah Ende 1997 und Anfang 1998 unter der Regierung von Alan García. Damals waren Kolumbien, Ecuador und Peru betroffen. Die am stärksten geschädigten Regionen waren Piura mit 120.000 Betroffenen, gefolgt von La Libertad mit 72.000 und Lambayeque mit 71.000 Menschen, die, wenn nicht ihr Leben, dann Hab und Gut verloren. Die Auswirkungen auf Peru waren damals besonders verheerend, da erst kurz zuvor ein bewaffneter Konflikt beendet und die extreme Armut weitgehend überwunden worden waren. Laut Alfredo Zambrano, Mitglied des Nationalen Zentrums für Einschätzung, Prävention und Katastrophenvorsorge (Cenepred), haben weder die Gemeinden noch die Landesregierungen Pläne zur Eindämmung ähnlicher Katastrophen entwickelt. „Alle lokalen Verwaltungen haben seit 2013 Risikokarten der Cenepred. Sie wissen, wo die gefährdeten Zonen und die kritischen Punkte für Überschwemmungen, Erdrutsche und Erdbeben sind“, so Zambrano. Und trotzdem hat niemand etwas unternommen.

Der Bürgermeister von Lima, Luis Castañeda, verfügt über ein Budget von cirka 20 Millionen Euro für die Katastrophenprävention. Von diesem Budget wurden jedoch cirka 17,5 Millionen Euro für die Ausbesserung der Stadtautobahn „Promenade der Grünen Küste“ (Malecón de la Costa Verde) ausgegeben. In Piura hat der Regionalgouverneur Reynaldo Hilbck demgegenüber nicht einmal drei Prozent der 23 Millionen Soles (cirka 6,5 Millionen Euro) für den Schutz vor El Niño genutzt.

Der Dreijahresplan zur Rekonstruktion wird heftig konstruiert.

Mit jedem Tag erlebt die peruanische Bevölkerung auch den „Post-Niño-Effekt“. Stehende Gewässer, eingestürzte Kanalisation, Tonnen von Müll und eine starke Vermehrung von Moskitos durch die Regenfälle, die mehr als 300.000 Fälle von Durchfallerkrankungen verursacht haben. Auch vor einem neuen Ausbruch der Cholera wird gewarnt. Zusätzlich dazu ist die Anzahl an Dengue-Fällen exponentiell angestiegen. Bisher gibt es etwa 3.400 Personen, die an Dengue erkrankt sind, zu denen in Piura täglich 300 weitere mutmaßliche Fälle hinzukommen. Es gab bereits mindestens acht Tote. Außerdem sind 172 bestätigte Fälle des Zika-Virus und 55 des Chikungunya-Virus aufgetreten. Es sind aber nicht nur diese Erkrankungen, die durch die Überschwemmungen und Erdrutsche aufgetreten sind. Auch die Fälle von Atemwegserkrankungen haben um 437.000 zugenommen, von denen Lima mit 105.000 Fällen am meisten betroffen ist. In nur drei Monaten wurden mehr als tausend Fälle von Leptospirose gemeldet – einer Krankheit, die auftreten kann, wenn die Haut in Kontakt mit verunreinigtem Wasser kommt. Die Krankenhäuser sind nicht auf diese Gesundheitskrise vorbereitet. Der sanitäre Notstand ist für 90 Tage in elf Regionen des Landes ausgerufen worden.

Desgleichen hat die Exekutive einen Dreijahresplan zur Rekonstruktion vorgestellt, der die Bildung einer Behörde für den Wiederaufbau und die Beschaffung von Waren, Dienstleistungen, Arbeitskräften und Beratung durch regionale Regierungen vorsieht, ohne die üblichen Limitierungen des staatlichen Vergaberechts einhalten zu müssen. Das wird heftig kritisiert, denn die Beauftragung privater Firmen ohne staatliche Kontrolle vereinfacht Korruption. Obendrein soll das Nationale Zentrum für Einschätzung, Prävention und Katastrophenvorsorge die Regionen mit hohem und sehr hohem Risiko für Überschwemmungen benennen und gegebenenfalls räumen. Das ist deshalb beunruhigend, weil dadurch Gebiete der indigenen Bevölkerung betroffen sein könnten.

Das Beratungsunternehmen Maximixe schätzte die Kosten für den Wiederaufbau der Infrastruktur auf knapp acht Milliarden US-Dollar. Knapp sechs Milliarden würden für die Sanierung von Straßen, Brücken, Kanälen, Schulen oder Gesundheitszentren gebraucht, die anderen zwei Milliarden für die Umsiedlung von Menschen und Notfallarbeiten. Die alles entscheidende Frage dabei ist, ob das Land ausreichend Budget besitzt. Nach den Aussagen des Staatsministers Fernando Zavala sei dies der Fall. So wurde trotz der bestehenden Unklarheiten ein Wiederaufbauplan vorgestellt und vom peruanischen Kongress genehmigt.

In dem Kontext ist zu sehen, dass laut Perus Steuerbehörde (SUNAT) und dem Ministerium für Wirtschaft und Finanzen, der Betrag, der dieses Jahr durch Steuervorteile für private Unternehmen nicht in die Staatskassen fließen wird, auf mehr als 14 Millarden Soles (circa vier Millarden Euro) geschätzt wird. Dieser Betrag entspricht 2,1 Prozent des BIP und annähernd der Summe, die der Wiederaufbau kosten wird.

Ein wichtiges Detail ist in dieser Hinsicht, dass sich, nachdem der „Küsten-Niño“ Ende April abgeklungen ist, schon eine neue Krise ankündigt: starker Frost im Süden des Landes. Wird Peru darauf vorbereitet sein? Hoffentlich ja.

Zwar gelten die diesjährigen Ausmaße vom „Küsten-Niño“ als untypisch, doch im Zuge des Klimawandels ist fraglich, ob die Auswirkungen des Wetterphänomens zukünftig weniger verheerend sein werden.