GIFT UND ZUCKER


Cortina Martínez Eine betroffene Kleinbäuerin, Foto: Isabel Nordhausen, INKOTA-netzwerk

Die letzten verlässlichen, aus dem Jahr 2013 stammenden Zahlen sind alarmierend: In Nicaragua und El Salvador wurden 43 bzw. 42 Todesfälle pro 100.000 Einwohner*innen infolge von chronischem Nierenversagen gemeldet. Da die Menschen in den Zuckerrohranbauregionen oft nur eingeschränkten Zugang zur Gesundheitsversorgung haben und häufig keine notwendige Maßnahmen wie Dialyse und Transplantationen in Anspruch nehmen können, führen fortgeschrittene Stadien von chronischer Niereninsuffizienz meist zu einem schnellen Tod.

Vertreter*innen der Vereinigung für die integrale Entwicklung von Frauen (APADEIM), die im Landkreis El Viejo im Nordwesten von Nicaragua kleinbäuerliche Familien unterstützt, beschreiben eindrücklich die Lebenssituation der dortigen Bevölkerung. So berichtet die Kleinbäuerin Cortina Martínez, deren Ehemann an chronischer Niereninsuffizienz leidet und die seit mehreren Jahren an Projekten und Organisationsprozessen von APADEIM teilnimmt: „Die Zuckerrohrplantagen, die Monte Rosa hier im unmittelbaren Umfeld unserer Gemeinde angelegt hat, schädigen uns in allen Lebensbereichen. Alle zwei Wochen, manchmal auch öfter, werden Pestizide versprüht. Meist mit einem Flugzeug, manchmal auch mit Traktoren. Unser Wasser ist vergiftet. Aus unserem Brunnen trinke ich schon lange kein Wasser mehr. Hier in meiner Gemeinde ist die Mehrheit der Menschen erkrankt, sowohl Männer als auch Frauen und Kinder.“ Auch María Luisa Mercado, die 14 Jahre lang Zuckerrohr geschnitten hat und selbst von Nierenversagen betroffen ist, erzählt: „Man erfährt immer wieder von anderen Personen, die gestorben sind und dann denkt man, dass es in jedem Augenblick auch einen selber treffen kann.“

Seit einigen Jahren ist unter internationalen Wissenschaftler*innen eine rege Debatte über die Ursachen der chronischen Niereninsuffizienz in landwirtschaftlich geprägten Gemeinden entflammt. Dabei stehen sich im Kern zwei Theorien gegenüber: Einige vertreten die These, das Auftreten von chronischer Niereninsuffizienz unter Zuckerrohrarbeiter*innen werde vor allem durch die starke Hitze in Kombination mit schwerer körperlicher Arbeit und der daraus resultierenden Austrocknung des Körpers verursacht. Dabei fällt auf: Mindestens eine Untersuchung von 2019 wurde von der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) sowie der größten nicaraguanischen Zuckermühle Ingenio San Antonio (ISA) finanziert, die sich aufgrund massiver Beschwerden seit einigen Jahren um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen sowie der Gesundheitsversorgung in den Zuckerrohranbaugebieten bemüht. Ob die Zuckerindustrie dabei direkt auf die Studienergebnisse Einfluss genommen hat, bleibt unklar − offensichtlich ist jedoch, dass die präsentierten Lösungen wie mobile Schattenspender und Trink- wasserstationen auf den Plantagen einen vergleichsweise geringen Eingriff in die Produktionsstrukturen darstellen, was die Industrie begrüßen dürfte.

Andere Wissenschaftler*innen halten die Hitzestress-Theorie jedoch nicht für haltbar. So sei damit nicht erklärbar, warum die Sterblichkeitsrate in El Salvador und Nicaragua 17 Mal höher ist als etwa in Kuba, wo auch Zuckerrohr angebaut wird und ein ebenso heißes Klima herrscht. Gleichzeitig wurden in Sri Lanka, das ebenfalls stark unter dem vermehrten Auftreten von chronischer Niereninsuffizienz leidet, im Vergleich die wenigsten Fälle in der heißesten ariden Zone registriert. Jüngste epidemiologische Untersuchungen eines internationalen Forscher*innenteams um den salvadorianischen Nephrologen Carlos Orantes und den belgischen Nierenfacharzt Marc De Broe legen indes nahe, dass das vermehrte Auftreten von chronischer Niereninsuffizienz mit dem gesteigerten Einsatz von Pestiziden – vor allem Herbiziden – einhergeht. Diese werden unter anderem als Wachstumshemmer eingesetzt, um das Zuckerrohr am Ende der Anbausaison besser ernten zu können. Zum Teil ersetzen Herbizide heute auch die früher gängige und aufgrund der extremen Gesundheits- und Umweltschädlichkeit inzwischen weitgehend verbotene Praxis, das Zuckerrohr vor der Ernte abzubrennen. Durch den Vergleich von Gewebeproben stehen nun vor allem Glyphosat und Paraquat im Verdacht, maßgeblich zum Auftreten von chronischer Niereninsuffizienz beizutragen − sowohl unter Plantagenarbeiter*innen als auch unter Bewohner*innen von Gemeinden, deren Trinkwasser aus Brunnen stammt, die mit Glyphosat verunreinigt sind.

Auch Umweltaktivist*innen in Nicaragua und El Salvador sind überzeugt: Das Problem sind die Pestizide. Aus Sicht von Adalberto Blanco von dem salvadorianischen Kooperativenverband der Agrarreform in der Zentralregion (FECORACEN) ist der Einsatz teils hochgefährlicher Pestizide eins der zentralen Hindernisse, die einer Transformation der Landwirtschaft hin zu einer nachhaltigen, agrarökologischen Nahrungsmittel- produktion und zum Erreichen von Ernährungssouveränität im Weg stehen. Vor allem die gesundheitlichen Auswirkungen sind frappierend: Dem salvadorianischen Gesundheitsinstitut zufolge wurden zwischen 2011 und 2015 jährlich rund 1.500 akute Pestizidvergiftungen registriert. Gut ein Drittel davon ist auf Versuche von Bäuerinnen und Bauern zurückzuführen, sich mit Pestiziden das Leben zu nehmen, der Rest wurde durch die tägliche Arbeit oder Unfälle verursacht.

Auf internationaler Ebene wurden seit 30 Jahren keine globalen Daten mehr zu den Pestizid-Opferzahlen erhoben. Nach letzten Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beziehungsweise der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) werden jährlich drei Millionen Menschen weltweit wegen einer akuten Pestizidvergiftung behandelt und 25 Millionen Menschen erleiden weniger akute Vergiftungen, während 20.000 bis 40.000 Menschen dadurch am Arbeitsplatz sterben. Ein Großteil dieser Pestizidvergiftungen ereignet sich in Afrika, Asien und Lateinamerika.

Deutlich schwieriger zu erfassen sind die langfristigen gesundheitlichen Schäden, die durch Pestizide verursacht werden. Medizinische Untersuchungen in Argentinien aus den Anbauregionen von Ackerpflanzen wie Soja, die meist unter Einsatz von Pestiziden angebaut werden, dokumentieren die dramatischen Auswirkungen: Dort wurden unter anderem eine deutlich höhere Fehlgeburtsrate, häufigere Missbildungen bei Säuglingen und fast doppelt so viele Krebserkrankungen im Vergleich zum nationalen Durchschnitt bemessen.

Wissenschaftler*innen sind sich uneinig über Krankheitsursachen


Zuckerrohr ist eine der wichtigsten so genannten flex crops, also Pflanzen, deren Anbau als Nahrung, aber auch zu anderen Zwecken dienen kann. Der Anbau solcher Pflanzen wurde in den letzten Jahrzehnten in vielen Regionen der Welt massiv ausgeweitet. So hat sich die Anbaufläche für Zuckerrohr in Zentralamerika zwischen 1990 und 2018 mittlerweile verdoppelt. Die Zuckerproduktion teilt sich auf in die Herstellung und den Export von Zucker, Alkohol und Bioethanol als Kraftstoff. Letzteres wird als Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit verkauft. So schreibt etwa die Zuckermühle San Antonio, der größte nicaraguanische Exporteur von Agrarkraftstoffen mit einer Produktionskapazität von 340.000 Litern pro Tag, auf ihrer Webseite: „Durch diese Investitionen [in die Produktion von Agrartreibstoffen] trägt das Unternehmen zur Schaffung von ökologischen und sozialen Vorteilen bei, die mit dem Produkt in Zusammenhang gebracht werden.“

Gleichzeitig steht fest: Ob für Bioethanol, industriellen Zucker oder neuerdings auch für so genanntes Bio-Plastik − die Produktion von Zuckerrohr trägt nicht zur Ernährungssicherung bei. Angesichts der inzwischen zum fünften Mal in Folge gestiegenen Hungerzahlen und der gleichzeitig wachsenden Zahl an mangel- oder überernährten Menschen stellt der Zuckerrohranbau eine mehr als fragliche Nutzung von Anbauflächen dar. Denn Exportpflanzen wie Zuckerrohr, Sojabohnen oder Baumwolle ersetzen zunehmend Nahrungsmittelpflanzen. In Bolivien zum Beispiel ist die Produktion von Getreide, Gemüse, Früchten, Knollen und Futtermitteln in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 27 Prozent zurückgegangen, was zu einer Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten führt und die Ernährungssicherheit und -souveränität stark beeinträchtigt.

Um das Problem der Niereninsuffizienz wirksam zu bekämpfen, müssen die Plantagenarbeiter*innen, unabhängig von der wissenschaftlichen Debatte um die genauen Ursachen der Erkrankung, umfassend geschützt werden: Kürzere Arbeitszeiten und längere Pausen im Schatten sind dabei ein genauso wichtiger erster Schritt wie das Einsatzverbot von hochgefährlichen Pestiziden wie Glyphosat und Paraquat.

Darüber hinaus braucht es Strategien für einen Umbau der Plantagenstrukturen. Denn in vielen Ländern des globalen Südens verdrängen Zuckerrohr-Plantagen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, die stattdessen auf agrarökologische Weise vielfältig und ausgewogen für sich, ihre Familien und lokale Märkte Nahrung produzieren könnten. Agrarökologie beruht auf den Prinzipien des ökologischen Landbaus und ermöglicht Nahrungsmittelproduzent*innen, durch eine geschickte Fruchtfolge, selbsthergestellte botanische Pestizide und den Anbau in Mischkulturen auf den Einsatz von chemischen Pestiziden zu verzichten – und damit die Gesundheit von Menschen und Umwelt besser zu schützen. Dafür braucht es sowohl förderliche Politiken, die unter anderem auch kleinbäuerlichen Landbesitz erleichtern, als auch finanzielle Anreize, um eine ernsthafte Transformation des Ernährungssystems Realität werden zu lassen.

 

„UNSERE STIMME NACH EUROPA BRINGEN“

Indigenes Protestcamp 2019 Jedes Jahr findet mit dem Acampamento Terra Livre die größte indigene Versammlung mit tausenden Teilnehmer*innen in Brasilia statt // Foto: Edu Marin / Flickr (CC BY 2.0)

Es sind nun sechs Monate vergangen, seitdem Jair Bolsonaro die Präsidentschaft übernommen hat – hat sich in dieser Zeit die Lebenssituation der Guarani Kaiowá verändert?
Alenir Ximendes: Diese Veränderung findet seit der Regierung des vorherigen Präsidenten Temer statt. Temer hat begonnen, was Bolsonaro jetzt fortsetzt. In den sechs Monaten, in denen Bolsonaro an der Macht ist, haben wir das Gefühl, dass er die Rechte der Guarani Kaiowá zerstört. Und nicht nur unsere Rechte, sondern auch die Rechte der ganzen Gesellschaft mit seinen präsidialen Initiativen zu Bildung, Gesundheit und Altersversorgung.
Janete Ferreira: Die brasilianische Politik war gegenüber indigenen Angelegenheiten niemals wohlwollend. Um etwas zu erreichen, mussten wir indigenen Völker immer Druck auf die Regierungen ausüben und auf die Straße gehen. Auch wenn wir nicht parteipolitisch orientiert sind, sind wir doch ein Volk, das wählt, wir haben Ideen, wir schaffen Neues und wir verteidigen, was uns wichtig ist. Wir machen unsere Politik, die unserer Art zu leben entspringt. Wir sind nicht verpflichtet, die Politik anzunehmen, die von den brasilianischen Politikern kommt, wir haben unsere eigene. Und meistens wird das, was wir wollen, von der brasilianischen Politik nicht akzeptiert, für sie ist das ohne Bedeutung: das Recht auf Land, die Verteidigung der Natur. Sie übersehen dabei, dass wir die Humanität verteidigen, das Leben. Weil ihnen das nichts bedeutet.

Was ist das Ziel Ihrer Reise durch Europa?
A.X.: Wir können uns mit unseren Anliegen nicht an die politischen Repräsentanten wenden, sei es der Präsident, der Gouverneur oder lokale Abgeordnete. Im April sind wir zum jährlichen Protestcamp Acampamento Terra Livre nach Brasília gefahren, wir haben demonstriert, Gespräche mit Politikern geführt und ein gemeinsames Dokument übergeben. Bisher haben wir keine Antwort erhalten, nichts hat sich geändert.
Ende letzten Jahres hat uns eine Delegation der Euopäischen Union besucht. Seitdem haben wir nichts mehr von der EU gehört und es ist kein Bericht erschienen, der unseren Präsidenten unter Druck setzen könnte. Es beunruhigt uns sehr, dass dieser Prozess so langsam ist, denn während wir warten, bleiben die großen Landbesitzer nicht untätig. Wir wollen die Stimme der Indigenen nach Europa bringen, um zu erreichen, dass das Ausland sich ebenfalls dafür verantwortlich fühlt, dass die Rechte der Indigenen in Brasilien respektiert werden.

Denken Sie da zum Beispiel an einen Boykott von brasilianischem Soja, solange die Rechte der Indigenen verletzt werden?
A. X.: Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, aber deutsche Firmen exportieren Pestizide in unsere Region, die in Deutschland verboten sind. Sie sagen, dass sie für den Einsatz nicht verantwortlich sind, aber das stimmt nicht. Denn immerhin geht es um die Gesundheit von Menschen. Sie verkaufen in Mato Grosso, was sie in der EU nicht mehr verkaufen dürfen.
J.F.: Die Politik der Regierung Bolsonaro, jetzt noch mehr Pestizide zu erlauben, wird viele Indigene aus unseren Gemeinden töten. Schon jetzt verursachen die Pestizide viele Krankheiten, auch in meiner Familie: Hautausschläge, Übelkeit und Erbrechen, verschiedene Formen von gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Und wir wissen nicht, welche Heilmittel gegen die Vergiftungen helfen, deshalb müssen wir dann ins Krankenhaus. Gleichzeitig ist unser Land durch die Ackergifte wie eine Wüste, so dass wir gar keine Heilkräuter mehr sammeln können. Also müssen wir auch bei anderen Krankheiten ins Krankenhaus. Und es gibt in unseren sieben Gemeinden nur ein einziges Auto, das Kranke dorthin bringen kann. Es dauert lange, bis es kommt, wenn wir es brauchen, denn die Gemeinden liegen alle zehn Kilometer von einander entfernt.

Foto: Wolfgang Günzel, Weltkulturen Museum Frankfurt

ALENIR XIMENDES TEHOKÁ UND JANETE FERREIRA
Alenir Ximendes Tehoká (rechts) ist Repräsentantin der vier Versammlungen der Guarani Kaiowá in Mato Grosso do Sul und Lehrerin in der Gemeinde Antonio João. Jenete Ferreira (links) ist eine der Führungspersönlichkeiten der Kaiowá aus Guapo’Y Amombai in Mato Grosso do Sul. Beide sind in der Frauenorganisation Kuñangue Aty Guasu aktiv. 

 

Hat die Repression gegen die indigenen Gemeinden in ihrer Region in den letzten sechs Monaten zugenommen?
A.X.: Die Situation war schon vorher sehr schlecht, es gibt sehr viel Gewalt in unserer Region. Viele Guarani Kaiowá werden ermordet und es wird als „Unfall“ getarnt. Meistens sind es Viehtransporter, die die Menschen auf der Straße einfach überfahren. Das ist wirklich sehr schmerzhaft für die Familien, weil sie die Körper ihrer Angehörigen meistens nicht einmal mehr sehen können und die Blutflecken auf den Straßen nicht beseitigt werden. Sie werden getötet wie Tiere. Und wir haben niemanden, an den wir uns wenden und um Hilfe bitten können.
J.F.: Das sind keine „Unfälle“, in den retomadas (s. Infokasten, Anm. d. Red.) werden viele Menschen aus Hass oder Wut getötet. Wenn sie alleine auf der Straße sind – umso besser. In den Medien heißt es dann, die Opfer wären betrunken gewesen oder hätten Drogen genommen. Aber wenn wir uns die Fälle anschauen, dann ist das sehr unwahrscheinlich. Und die staatlichen Organe interessiert das überhaupt nicht. Ohne konkrete Fakten wie ein Foto oder ein Handyvideo können wir gar nichts machen. Die Polizei untersucht die Fälle nicht, denn meistens sind sie Familienangehörige, Freunde oder sonstwie mit den Mördern verbandelt.

Sie sind beide in der Frauenorganisation Kuñangue Aty Guasu aktiv, wie ist die Situation der Frauen der Guarani Kaiowá in Mato Grosso do Sul?
J. F.: Es ist für Frauen besonders schwierig an den Orten, an denen sie keinen Zugang zu irgendetwas haben, zu Nahrungsmitteln, Gesundheitsversorgung oder Bildung. Dort, wo sie keine Form der Unterstützung erhalten, auch nicht für ihre Kinder. Oft werden sie auch in Krankenhäusern nicht richtig behandelt und sterben. Indigene Frauen aus den retomadas werden als Invasorinnen betrachtet, sie verdienen keine Aufmerksamkeit und keine Unterstützung.
Und viele Frauen verstehen es nicht, für sich zu sprechen, zu diskutieren und für ihre Rechte zu kämpfen. Sie bleiben in ihrer vertrauten Umgebung, in ihrem Haus, sie sprechen nicht öffentlich. Kuñangue Aty Guasu ist eine Gruppe von Frauen, die andere Frauen dabei unterstützt, lauter zu sprechen, Mut zu haben und mit allem fertig zu werden.

Sie leben in zwei unterschiedlichen Regionen, die rund 200 Kilometer von einander entfernt sind. Wie verläuft jeweils in Ihrer Region der Prozess der Anerkennung der indigenen Territorien? Welche Erwartungen haben Sie in Bezug auf die Politik von Bolsonaro, wird er alle Demarkierungen stoppen können?
A.X.: Der Prozess der Demarkierung ist in unserer Region doch schon gestoppt worden! Seit 2005 passiert gar nichts. Und in vielen indigenen Gemeinden ist es genauso. Insofern erwarten wir gar nichts von diesem Präsidenten. Bolsonaro hat ja sehr deutlich gemacht, dass er nicht vorhat, irgendetwas zu tun. Aber das kann sich auch ändern – durch Druck aus dem Ausland. Wenn sie in den ausländischen Medien darüber berichten, wie er die Indigenen behandelt, wie er die Guarani Kaiowá in ihrem eigenen Bundesstaat abwertet, dann ist das schlecht für ihn. Deshalb bitten wir hier um Hilfe.
J.F.: Wir erwarten keinen guten Willen von Bolsonaro, um unser Land zu demarkieren. Die Anerkennung der indigenen Territorien war immer ein sehr langsamer Prozess und so haben sie uns dazu gebracht, selbst die Demarkierung durchzuführen. Eigentlich haben sie die retomadas provoziert. Sie sprechen über „Eindringen in Privatbesitz“, aber eigentlich hätten die Behörden die Probleme mit den lokalen Landbesitzern lösen  müssen. In vielen Fällen haben die Behörden die Konflikte zwischen den Indigenen und den lokalen Landwirten erst entstehen lassen. Sie nähren Streit und Hass in allen nicht-indigenen Familien. Das Interesse an den Demarkierungen ist indigen, es ist kein staatliches Interesse. Das Land sichert unser Überleben, wir nehmen uns nur das, was uns gehört. Wir fordern von diesem Präsidenten, dass er uns endlich die Dokumente über unser traditionelles Land ausstellt.